Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse werden Königin

Frauenschwingen etabliert sich: Sonia Kälin – dreifach gekrönt

von Heini Hofmann

Die demokratische Schweiz feiert – im Schwingsport – alle drei Jahre einen König, den alle kennen. Weniger bekannt ist, dass in diesem Land sogar jährlich auch eine Königin erkürt wird. Die aktuelle bereits zum dritten Mal.

Auch beim Frauenschwingen wird fair aber hart zur Sache gegangen; man schenkt sich gar nichts (Bild: Rolf Eicher)

Die sympathische Sonia Kälin, bodenständige und Schwyzerörgeli spielende Bauerntochter aus dem Viertel Egg bei Einsiedeln und zugleich sportlich durchtrainierte, moderne junge Frau, die in den Zwilchhosen auch mal provokant mit lackierten Nägeln und Make-up im Sägemehlring antritt, hat diesen Titel nun bereits zum dritten Mal erfolgreich erkämpft.

Schwingen ist Königsklasse im Schweizer Sport und Publikumsmagnet. Denn dieser Nationalsport mit seinem urchigen Brauchtum ist Wettkampf und Volksfest zugleich. Das zeigte sich erneut am nur alle drei Jahre stattfindenden Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Estavayer-le-Lac, der «Olympiade der Schwinger». Die Arena -fasste weit über 50 000 Zuschauer und war somit das grösste temporäre Stadion der Schweiz (St. Jakob-Park Basel: knapp 40 000). Frauenschwingen dagegen findet immer noch im Windschatten und getrennt statt. Sonia Kälin will jetzt dafür kämpfen, dass sich das ändert.

Es begann mit Protesten

Als 1980 in Aeschi bei Spiez das erste Frauenschwingfest stattfand, gab es zünftig Zoff. Dora Hari, die Organisatorin, wurde mit Drohungen eingedeckt, und die Schwinger im Dorf durften bei den Vorbereitungen nicht Hand anlegen, da sie sonst vom Verband suspendiert worden wären. Viele Männer, aber auch Frauen selber, hielten das «Wyberschwingen» für deplaziert.

Vielleicht dachten sie dabei an schmuddelige Schlammbad-Frauenringkämpfe einschlägiger Rotlicht-Etablissements in den Vergnügungsvierteln europäischer Hafenstädte. Dabei hätten sie an die urbiologischen Walliser Kuhkämpfe der Eringerrasse denken können, wo bei Alpsaisonbeginn die «Reine à la corne et au lait», das heisst die «Königin der Schönheit, Kraft und Milchleistung» in unblutigen Kommentkämpfen erkoren wird. Die gehörnte gekrönte Königin bleibt dann den ganzen Sommer über respektiertes Leittier auf der Alp.

Bei diesem tierlichen Tourismusspektakel sind es also recht anspruchsvolle und ehrenwerte Kriterien, die den Wettkampf entscheiden, verglichen mit den Wrestler-Frauen in den Hafenspelunken oder auch im Vergleich zu den banalen Misswahlen heutiger Machart: Schön sollen diese Engel zwar auch sein, kräftig aber schon gar nicht, und apropos Milch zählt bei diesen nur noch die Umhüllung. Die natürlichen Rangordnungskämpfe der Eringer haben deshalb schon mehr Ähnlichkeit mit den harten, aber fairen Zweikämpfen beim Frauenschwingen.

Unaufhaltsamer Siegeszug

Trotz Ablehnung und Verdammung wurde das erste Frauenschwingfest 1980 in Aeschi mit stolzen 15 000 Zuschauern ein voller Erfolg. Bereits 1992 kam es zur Gründung des Eidgenössischen Frauenschwingverbandes, der heute schon über 130 aktive Schwingerinnen zählt. Mit der Akzeptanz steigerten sich auch das öffentliche Interesse und die Unterstützung. Wer schon mal an einem Frauenschwingfest dabei war: Hier wird – genau gleich wie bei den Männern – alles gegeben und nichts geschenkt. Dieser Sport hat zudem Stil: Zuerst reicht man sich die Hand, dann wird gekämpft, und zum Schluss putzt die Siegerin der Unterlegenen das Sägemehl vom Rücken, Symbol dafür, dass Schwingen ein Kräftemessen und kein Kampf ist.

Von wegen böse Buben oder Mädchen: Im Schwingsport sind die Bösen ausgerechnet die Guten; denn als böse gilt nur, wer an einem Eidgenössischen Schwingfest einen Kranz gewonnen hat. Während bei den Männern der König nur im Dreijahresturnus am Eidgenössischen im Schlussgang erkoren wird, kennen die Frauen ein anderes Evaluationsverfahren. Hier wird während des ganzen Jahres fortlaufend rangiert, so dass die Königin (wenn nicht mehr einholbar) schon vor Saisonende feststehen kann.

Was bei einem Schwingerkönig die Ehrendamen, sind bei der Schwingerkönigin die Ehrenmänner (Bild: Rolf Eicher)

Bisher stolze 13 Königinnen

So war es bei Sonia Kälin, die auf dem Weg zu ihrem dritten Königinnen-Titel an vier von sechs Frauen- und Meitlischwinget Siegerin und daher nicht mehr einholbar war. Somit konnte ihr am abschliessenden Eidggenössischen Frauen- und Meitlischwinget in Siebnen Bundesrat Ueli Maurer «im Namen der ganzen Nation» zum dritten Titel als Schwingerkönigin gratulieren. Auch Kränze hat sie in ihrer bisherigen Karriere nicht weniger als 37 gewonnen, den ersten als Achtzehnjährige. Damit ist die heute 32jährige Athletin zum Idol der kommenden Schwingerinnen-Generation geworden.

Seit 1989 wurden 13 Königinnen erkoren, davon eine fünfmal, eine viermal, zwei dreimal, vier zweimal und fünf einmal. Die total 28 Titel stammen aus folgenden Kantonen: Bern 8, Luzern 7, St. Gallen 4, Schwyz 4, Uri 3 und Wallis 2. Während beispielsweise eine Miss Schweiz nach Jahresablauf zur Ex wird, bleibt der helvetische Königin-Titel ein Leben lang. Das Spassige am Schwingerinnenverband: Präsident ist ein Mann aus einer Schwingerfamilie, Benjamin Beyeler aus Mägenwil, der, wie er lachend sagt, «dazu kam wie die Jungfrau zum Kind».

Dora Hari, die Begründerin des Frauenschwingsports zu einer Zeit, als es noch keine Königinnen gab, meint heute, «dass es besser wäre, wie bei den Männern nur alle drei Jahre eine Königin zu küren, damit der Titel nicht inflationär werde, und zwar am Eidgenössischen im Schlussgang, damit die Spannung erhalten bleibt». Das wäre natürlich von Nachteil für jene Aktiven, die frühere Titelsammlerinnen überflügeln möchten. Man ist daher gespannt, wie die Diskussion weiterläuft.

3fach-Königin Sonia Kälin, Bundesart Ueli Maurer und Eringerrind Nina strahlen um die Wette. (Bild: Rolf Eicher)

Eringerrind statt Muni

Während der Schwingerkönig als Preis einen Muni erhält (den er gegen Geld eintauschen kann), erhielt Sonia Kälin als Königin – die Symbolik lässt grüssen! – ein Rind der Kampfkuhrasse Eringer namens Nina, das nun im Stall ihres Bruders steht. Die Schwyzer Vorzeigeschwingerin ist momentan die einzige, die von Sponsoren unterstützt wird. Das reicht aber nicht für den Lebensunterhalt, weshalb sie noch ein 100-Prozent-Pensum als Sekundarlehrerin in Einsiedeln stemmt – neben hartem Training und Wettkampf.

Als amtierende Schwingerkönigin nimmt sie ihre Botschafterfunktion mit Herzblut wahr: «Wir Frauen lieben den Schwing-sport genauso wie die Männer und üben ihn gleich leidenschaftlich aus. Deshalb sollten wir auch an den gleichen Schwingfesten wie die Männer teilnehmen dürfen. Das würde zwar ein Umdenken bezüglich Verbandsstrukturen bedingen, wäre aber für beide Seiten ein Vorteil und fürs Publikum ein zusätzlicher Anreiz.» Hoffnung setzt sie dabei auf den neuen Schwingerkönig Matthias Glarner, den sie als fortschrittlich denkend einschätzt. «Schliesslich», so fügt sie verschmitzt noch an, «spielt dessen Schwester ja auch Fussball».

Trotz dreimaligem Königintitel ist Sonia Kälin noch kein bisschen müde. Bei Drucklegung dieses Artikels (es steht nur noch das Eidgenössische bevor) ist sie immer noch in aussichtsreicher Position. Was sie sich wünscht? «Dass es als selbstverständlich angesehen wird, dass wir Frauen diesen Sport ausüben. Die Zahl der Schwingerinnen möchte ich verdoppelt sehen; doch dies bedingt auch eine Öffnung seitens der Clubs.» Auf ihren Zivilstand angesprochen, meint die nicht um Antworten verlegene Königin: «Das ist bei uns nicht immer leicht; Männer mögen nicht unbedingt starke Frauen. Deshalb ist mir», fügt sie lachend bei, «das Eringerrind Nina, mein Preis für den dritten Titel, zünftig voraus; es ist nämlich schon trächtig».     •

Weitere Infos: www.efsv.ch  und www.soniakaelin.ch 

Am 23. September findet noch das letzte Schwingfest, das Eidgenössische, in Schachen LU statt.

Kleines Hosenlupf-Glossar

HH. Für das Auf-den-Rücken-Legen hat der urchige Schwingsport sein eigenes Vokabular: Der meistangewendete Schwung ist der «Churz»; er beruht auf einer Körperfinte. Häufig zu sehen ist auch der «Stich», ein Abdrehen des Gegners über dessen eigenen Fuss. Ist man dem Gegenüber körperlich unterlegen, kommt der «Brienzer vorwärts» zum Zug. Der «Wyberhaagge» (notabene auch von den Frauen und Meitli angewendet) ist ein Hakenschwung aus dem Stand. Beim «Plattwurf» berühren beide Schulterblätter gleichzeitig den Boden, ohne dass nachgedrückt werden muss. Das gibt die Maximalnote 10. Und ein «Gestellter» ist ein Unentschieden bei Zeitablauf.

Anders als andere Sportarten

HH. Schwingen ist nicht zuletzt auch deshalb ein sympathischer Sport, weil die Wettkämpfer und Wettkämpferinnen keine lebenden Litfasssäulen voller Reklame sind. Bei Schwingfesten mit eidgenössischem Charakter und bei Kranzschwingfesten ist nämlich Werbung in der Arena und auf den Wettkampftenüs schlicht verboten. Unterschieden wird bei beiden Geschlechtern lediglich in Sennenschwinger (dunkle Hose und oft Edelweisshemd) und Turnerschwinger (weisse Hose und weisses T-Shirt).

Die Startnummer wird nicht auf dem Rücken getragen; sie steht nur im Festführer. Damit das Publikum trotzdem weiss, wer zusammengreift, zeigen Täfeli-buebe oder -meitli (aus dem Schwingernachwuchs) die Nummern an. Pro Sägemehlring gibt es drei Richter, einen den Kampf leitenden Platzkampfrichter und zwei Tischkampfrichter. Notengebung ist Mehrheitsbeschluss.

Die übergezogene Zwilchhose mit eingeschlauftem Ledergurt, an der man den Gegner oder die Gegnerin beim Zugreifen packt, ist extrem robust und hält Reisskräfte bis zu einer Tonne aus. Hergestellt wird sie hauptsächlich im Emmental. Der Sägemehlring (Durchmesser 14 m beim Eidgenössischen, sonst 12 m) besteht aus gesiebtem, staubfreiem Sägemehl (Tanne oder Fichte), ist gewalzt und mindestens 15 cm hoch. Die oberste Schicht jedoch bleibt – zur Verminderung der Verletzungsgefahr – locker.

Der Wettkampf ist beim Schwingen aufgeteilt ins Anschwingen (Gänge 1 und 2), Ausschwingen (Gänge 3 und 4) sowie den Ausstich (Gänge 5 und 6). Am Eidgenössischen – und nur bei den Männern – folgt zusätzlich der Kranz-ausstich (Gänge 7 und 8). Die Notenskala reicht in Viertelpunkten von 8.50 bis 10.00. Tiefstnoten gibt es nur bei passivem oder unfairem Verhalten. König und Königin tragen keine Krone, sondern einen Kranz aus Eichenlaub..

Die 13 Gekrönten in 28 Jahren seit 1989

1989                                   Helene Schürpf, Schwyz SZ

1990                                  Eva Holenstein, Nesslau SG

1991                             Pia Arnold, Unterschächen UR    (3 x)

1992                             Pia Arnold, Unterschächen UR

1993                          Ruth Wüthrich, Trubschachen BE

1994                                   Melissa Varone, Savièse VS    (2 x)

1995                                        Pia Hofer, Buttisholz LU

1996                                   Melissa Varone, Savièse VS

1997                            Pia Arnold, Unterschächen, UR

1998                           Franziska Lacher, Kaltbrunn SG    (2 x)

1999                              Erika Hautle, Gommiswald SG

2000                            Eveline Fankhauser, Eggiwil BE    (2 x)

2001                            Eveline Fankhauser, Eggiwil BE

2002                               Jeanette Arnold, Hochdorf LU    (4 x)

2003                               Jeanette Arnold, Hochdorf LU

2004                               Jeanette Arnold, Hochdorf LU

2005                               Jeanette Arnold, Hochdorf LU

2006                            Brigitte Kunz, Trubschachen BE    (5 x)

2007                            Brigitte Kunz, Trubschachen BE

2008                            Brigitte Kunz, Trubschachen BE

2009                           Franziska Lacher, Kaltbrunn SG

2010                            Brigitte Kunz, Trubschachen BE

2011                            Brigitte Kunz, Trubschachen BE

2012                             Sonia Kälin, Egg/Einsiedeln SZ    (3 x)

2013          Margrit Vetter-Fankhauser, Escholzmatt LU    (2 x)

2014          Margrit Vetter-Fankhauser, Escholzmatt LU

2015                             Sonia Kälin, Egg/Einsiedeln SZ

2016                            Sonia Kälin, Egg/Einsiedeln SZ