Leserbrief

Überlegungen zum Gegenvorschlag zur Ernährungssicherheit

Letzthin wurde in den Morgennachrichten berichtet, dass die Bauern 3 Rappen (!) mehr pro Liter Milch bekommen sollen, und dieser Aufschlag würde nicht den Konsumenten belasten! Was ist das für eine schiefe Welt! In der Schweiz, in der der grösste Teil der Menschen im Wohlstand (Luxus) lebt, ist es beschämend, wenn um Rappen gekämpft wird; für einen Liter Coca-Cola (vor allem Wasser und Zucker) bezahlen wir problemlos mehr als für einen Liter Milch.

Die Milch ist ein Grundnahrungsmittel, in dem sehr viel Arbeit, Verbundenheit mit der Natur, den Menschen und dem Tier steckt. Mir ist dies so viel wert, dass ich mich in einer Käsereigenossenschaft engagiere, wo ich auch vier Halbtage im Jahr mithelfe. Diese Hofkäserei wird vertragswirtschaftlich betrieben, und so zahle ich gerne einen höheren Preis für die wunderbaren Milchprodukte, und dem Bauer und Käser ist die Abnahme und ein gerechtes Einkommen garantiert.

Tatsache ist, dass immer mehr kleinere und mittlere Bauernbetriebe gezwungen sind aufzugeben, weil sie nicht mehr existieren können.

Ich bin in der Stadt aufgewachsen und lebe auch heute noch gerne da. Ich hatte Verwandte auf dem Land und sah, wie streng der bäuerliche Alltag war, 365 Tage im Jahr, und dass ohne Nebenerwerbstätigkeiten eine Bauernfamilie nicht über die Runden kam. Eine Tochter dieser Verwandten heiratete auch wieder einen Bauern. Im Alter von 50 Jahren mussten sie alle Kühe verkaufen, da sie finanziell nicht in der Lage waren, einen neuen Stall zu bauen, der den geforderten Auflagen entsprach. So etwas ist für Bauern, die mit Herzblut und einem riesigen Arbeitsaufwand ihren Hof und ihre Tiere hegen und pflegen, nicht nur finanziell, sondern auch menschlich eine Katastrophe.

Es ist auch keine Lösung, die Höfe zu vergrössern und immer mehr zu produzieren, wie Bundesrat Johann Schneider-Ammann vorschlägt. Ich empfehle den österreichischen Film «Bauer unser», der Situationen in Bauernbetrieben, wie es sie zum Teil auch in der Schweiz gibt, widerspiegelt. Durch die immer mehr industrialisierten Abläufe und Tätigkeiten werden die Bauernhöfe immer mehr zu fabrikähnlichen Betrieben. Es muss immer mehr vergrössert und mehr produziert werden. Auf dem Markt werden die Preise gedrückt, und so kommt der Bauer immer mehr unter Druck, und die Freude und Genugtuung an seiner ursprünglichen, bäuerlichen Arbeit geht verloren.

Es braucht auch keine spezielle Marktöffnung (der Handel mit dem Ausland findet ja statt), sondern die Ermöglichung, Landwirtschaftsprodukte im kleineren, regionalen Rahmen produzieren zu können, damit die Ernährungssicherheit und die Ernährungssouveränität gewährleistet werden. Dazu gehört auch die Förderung und Unterstützung von alternativen Modellen, zum Beispiel Genossenschaften.

Es geht auch nicht um Abschottung, sondern um fairen Handel im Inland und mit dem Ausland.

Meine Abstimmungsempfehlung:

Nein zum Gegenvorschlag zur Ernährungssicherheit; und wenn die anderen Initiativen zur Abstimmung kommen:

Ja zur Fair-Food-Initiative der Grünen Partei: «Für gesunde sowie umweltfreundlich und fair hergestellte Lebensmittel».

Ja zur Uniterre-Initiative: «Für Ernährungssouveränität. Die Landwirtschaft betrifft uns alle».

Sibylle Jagmetti, Zürich