Unspunnen – Tag der Jugend

von Rita Brügger

Kinderchor am Unspunnenfest. (Bild es)

Das Unspunnenfest steht in einer langen geschichtlichen Tradition. 1805 wurde es als Zeichen der Versöhnung zwischen Stadt und Land zum ersten Mal durchgeführt. Es galt, Frieden zu stiften, gegenseitiges Verständnis zu schaffen, Brücken zu bauen. Der Unspunnenstein mit einem Gewicht von 83,5 kg gilt als Sinnbild für dieses Fest und wird von den besten Steinstössern zwischen 3 bis 4 Meter weit geworfen. Volksmusik, Jodeln und Nationalsportarten wie das Schwingen sind dabei ebenso vertreten.

Ohne grosse Medienpräsenz fand dieses Jahr zur Eröffnung des Unspunnenfestes der Tag der Jugend statt. Was es da alles zu sehen und zu hören gab, war Anlass zu Freude.

Ein buntes Treiben herrscht auf den Strassen und Wiesen von Interlaken. Das Bild ist geprägt von unzähligen jungen Leuten, die in den bunten Trachten einen festlichen Eindruck hinterlassen. Von allen Landesteilen sind die Kinder und Jugendlichen hergereist, um am traditionsreichen Fest aktiv teilzunehmen und darzubieten, was sie im Laufe des Jahres gelernt haben. Fröhlich schlendern sie über den Festplatz, steuern in Scharen das Zelt an, wo sie verpflegt werden, und machen sich bereit für ihren Auftritt. Das Programm umfasst eine Bandbreite von Veranstaltungen, die das schweizerische Brauchtum ausmachen: Kinderchöre, Tanzgruppen, Jungschwinger, Steinstösser, Nachwuchs-Hornusser, junge Fahnenschwinger, Alphornbläser, Jugendformationen der Volksmusik und Sportschützen zeigen an diesem Tag ihr Können.

Die Präsidentin des Schweizerischen Jodlerverbandes, Karin Niederberger, begrüsst zum Auftakt des Nachmittages eine Schar von knapp 500 Kindern, die im Auditorium als Gesamtchor zwei wunderbare Jodellieder vortragen. Erfrischend spontan bedankt sie sich bei den Eltern, Grosseltern und Leitern für das Vermitteln von Werten und Traditionen und den Kindern für ihr Mittun. Sie sieht es als Pflicht der Erwachsenen, der Jugend das weiterzugeben, was sie selber erlebt und erfahren haben, die schweizerischen Werte Respekt, Verlässlichkeit und Anstand. Dies, so betont sie, stärkt den Zusammenhalt im Land.

In den ansprechenden Liedern des Chors sowie den weiteren Vorträgen der verschiedenen Kinderchöre kommt denn auch die Liebe zur Heimat, zur eigenen Region und zur Natur mit den Bergen und den Pflanzen berührend zum Ausdruck. Das Chinderchörli Herisau singt beispielsweise: «Mir hend e schöns Ländli. Gohds eu au wie öös? Mir gäbids nüd z chaufe, om gär e kän Priis. De Riichtum de liit nüd i Gäld ond i Guet. Mer hend en im Freede und im frischfrohe Muet.» Ein freudiger Jodel folgt den klar vorgetragenen Strophen. Von den Glarner Kindern hören wir: «Bi im Glarnerland gebore, dett wo jede jede kännt, bi im Glarnerland däheime, bi-mi da a-n-alles gwännt. bi im Zigerschlitz gebore, d Luft dahinde tuet eim guet.» Die jungen Sänger strahlen Zufriedenheit aus. Auch die kleineren unter ihnen stellen sich traditionsgemäss hin. Die Buben mit den Händen in den Hosentaschen, während die Mädchen ihre Arme unter der Schürze verstecken. Alle Lieder singen die Kinder auswendig. Wohl lässt der eine oder andere Kleine manchmal den Mund geschlossen oder gar vor Staunen ganz offen und hin und wieder flattert ein Trachtenschürzchen übermütig auf und ab. Der Ernsthaftigkeit der Chorsänger tut das jedoch keinen Abbruch. Man bemerkt, die Jugendlichen nehmen ihre jüngeren Kameraden mit, die Kleinen eifern den Älteren nach.

Dasselbe ist auch beim Tanz im grossen Festsaal zu beobachten. Mehrere Volkstänze werden hier gemeinsam in kleineren oder grösseren Formationen vorgestellt. Da gibt es die «Luxus-Polka» und «de Übermüetig». Die Musikkapelle spielt auf, und die Kinder beginnen sich zu bewegen. Auf der Bühne werden sie von einer begeisterten Tanzleiterin angeleitet: «Drehen, drehen, vor--zurück, seitwärts Galopp, hin und her, Klatsch, Klatsch». Alle sind scheinbar geübt und wissen, was zu tun ist. Zöpfe fliegen, erhitzte Gesichter schauen sich um nach denen, die den Tanz eindeutig besser beherrschen. Freude ist überall zu sehen, ob sie nun barfuss, in ihren Trachtenschuhen oder mit ursprünglich weissen Socken übers Parkett hüpfen. Die Zugehörigkeit der Kinder erkennt man an der Tracht, die von Region zu Region etwas verschieden ist, manchmal einfacher, wenn es sich um eine Werktagstracht handelt, dann wiederum sehr festlich, zum Beispiel wenn das Kind eine Festtagstracht oder gar die Gotthelftracht trägt. Auch die Buben sehen schmuck aus in ihren weissen Hemden und roten Gilets oder in Edelweisshemden oder Sennenchutteli. Ein paar müde Füsse brauchen danach Labsal im nahen Parkbrunnen. Zerzauste Haare, kein Problem. Die Mädchen flechten einander ihre Zöpfe wieder neu. Es ist auffallend, wie gepflegt die jungen Leute sind.

Auf dem Festgelände steht ein allerliebstes Karussell mit Kutschen und Pferdchen. Die Kinder dürfen es kostenlos benützen. Es gibt kein Gedränge. Eine Gruppe bemerkt, dass sie sich zum Auftritt bereitmachen muss. «Vielleicht geht es nachher», meint die Betreuerin zu den Kindern. Ohne Murren wird es akzeptiert. Für die Pausen stehen auch verschiedene Spielmöglichkeiten zur Verfügung. Auf einem Schwebebalken zeigt ein etwa 12jähriges Mädchen einigen Jungen den Meister. Keiner kann ihr standhalten im Duell, wer am längsten oben bleibt. Die Zuschauer kommentieren und feuern an, übermütig, aber immer friedlich.

Auf der Matte sind zwei Jungen mit Ringerhosen am Kämpfen. Wer kann den andern zuerst zu Boden bringen? Klare Regeln wie, dass es fair zugehen muss, halten schon die Kinder ein. Wie die Grossen klopft der Gewinner dem Verlierer das Sägemehl von der Schulter. Ein Zeichen der Achtung vor dem Gegenüber. Auch im Hornussen dürfen sich die Kinder versuchen. Man staunt, Kindern in Trachten, die sonst in einer anderen Disziplin heimisch sind als in diesem Schweizer Nationalsport, gelingt es recht gut, einen Tennisball vom Bock aus mit dem Stecken weit ins Feld abzuschlagen, wo ihn eine Mannschaft von Jung-Hornussern in Schutzhelmen mit Schindeln (Bretter, die in die Luft geworfen werden) zu stoppen versuchen.

Im Zelt der Schützen stehen hochkonzentriert Jugendliche in Montur zur Meisterschaft bereit. Ruhig halten sie ihre Waffen und zielen auf die Aufforderung des Leiters hin auf die Scheibe. Eine Schützin zieht die besondere Aufmerksamkeit auf sich. Sie ist blind und muss deshalb grössere Hürden schaffen als andere, um ihr Hobby auszuüben. Die grosse Treffsicherheit erzielt sie ausschliesslich mit ihrem Gehör. Am Ende erreicht sie eine gute Punktzahl und steht im 5. Rang.

Der Tag zeigt, was junge Leute unter Anleitung in der Lage sind zu leisten und mit welcher Freude sie ihre sinnvolle Freizeitbeschäftigung ausüben. Der Tag der Jugend ist ein echtes Gemeinschaftserlebnis und eine Freude für jung und alt. •