Wie können Staaten der Chaos-Strategie der USA begegnen?

Unterschiedliche Interpretationen der US-Kriegsführung – unterschiedliche Reaktionen

von Thierry Meyssan

voltairenet. Als sein Land 2011 von den Dschihadisten angegriffen wurde, reagierte Präsident Bashar al-Assad anders als erwartet: Statt die Vollmachten der Sicherheitsdienste zu verstärken, hat er sie reduziert. Sechs Jahre später ist sein Land auf dem besten Weg, den wichtigsten Krieg seit dem Vietnam-Krieg zu gewinnen. Ein ähnlicher Angriff findet zurzeit in Lateinamerika statt, wo er jedoch eine viel klassischere Reaktion hervorruft. Thierry Meyssan beschreibt hier die Unterschiede in Analyse und Strategie der Präsidenten Assad einerseits und von Maduro und Morales andererseits. Es geht dabei nicht darum, diese Staatschefs gegeneinander auszuspielen, sondern sie aufzufordern, sich von politischen Dogmen zu befreien und die Erfahrungen der letzten Kriege zu berücksichtigen.

Im Mai 2017 erklärte Thierry Meyssan auf Russia Today, inwiefern die lateinamerikanischen Eliten angesichts des US-Imperialismus einen falschen Weg einschlagen. Er betonte den Paradigmenwechsel der heutigen bewaffneten Konflikte und die Notwendigkeit, völlig neu zu überdenken, wie das Vaterland verteidigt werden soll.

Die Operation zur Destabilisierung Venezuelas geht weiter. Zuerst haben gegen die Regierung demonstrierende gewalttätige Gruppen Passanten umgebracht, ja sogar Bürger, die sich ihnen angeschlossen hatten. Als nächstes inszenierten die Grossverteiler eine Nahrungsmittelknappheit in den Supermärkten. Dann griffen einige Mitglieder der Sicherheitskräfte Ministerien an, riefen zum Aufstand auf und gingen in den Untergrund.

Die internationale Presse lastet alle Todesopfer dieser Proteste weiterhin dem «Regime» an, obwohl viele Videos bezeugen, dass sie absichtlich von den Demonstranten selbst ermordet wurden. Auf der Grundlage dieser verlogenen Nachrichten nennt sie Präsident Nicolas Maduro einen «Diktator», genau wie sie es vor sechs Jahren mit Muammar al-Gaddafi und Bashar al-Assad getan hat.

Die Vereinigten Staaten benutzen die Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS) gegen Präsident Maduro, so wie sie einst die Arabische Liga gegen Präsident al-Assad benutzt haben. Caracas wartete nicht, bis es aus der Organisation ausgeschlossen wurde, sondern deckte die Methode auf und verliess sie aus eigenem Willen.

Die Maduro-Regierung hat jedoch zwei Misserfolge auf ihrem Konto:

  • Ein grosser Teil ihrer Wähler hat sich während der Parlamentswahlen vom Dezember 2015 nicht zu den Urnen begeben, worauf die Opposition die Mehrheit im Parlament gewinnen konnte.
  • Maduro hat sich von der Nahrungsmittelkrise überraschen lassen, obwohl eine solche früher bereits in Chile gegen Allende und in Venezuela gegen Chavez organisiert worden war. Er brauchte mehrere Wochen, um neue Versorgungswege einzurichten.

Lateinamerikanische Reaktionen auf militärische Vorbereitungen der USA gegen Venezuela

Aller Voraussicht nach wird der Konflikt, der in Venezuela begonnen hat, sich nicht auf dieses Land beschränken. Er wird sich auf den ganzen Nordwesten des südamerikanischen Kontinents und auf die Karibik ausbreiten.

Ein weiterer Schritt wurde mit militärischen Vorbereitungen gegen Venezuela, Bolivien und Ecuador unternommen, ausgehend von Mexiko, Kolumbien und Britisch-Guayana. Die Koordination erfolgt durch das Team des ehemaligen Office of Global Democracy Strategy, eine von Präsident Bill Clinton geschaffene Einheit, die von Vizepräsident Dick Cheney und seiner Tochter Liz weitergeführt wurde. Von Mike Pompeo, dem derzeitigen Direktor der CIA, wurde bestätigt, dass diese Organisation weiter existiert. Dies führte dazu, dass in der Presse und dann auch von Präsident Trump die Möglichkeit einer US-militärischen Option erwogen wurde.

Um sein Land zu retten, hat sich das Team von Präsident Maduro geweigert, dem Beispiel von Präsident al-Assad zu folgen, weil es der Meinung war, dass die Situation völlig anders sei. Die Vereinigten Staaten, die führende kapitalistische Macht, würden sich an Venezuela vergreifen, um dessen Öl zu stehlen, gemäss einem in der Vergangenheit auf drei Kontinenten oft wiederholten Muster. Diese Sichtweise wurde in einer kürzlich gehaltenen Rede des bolivischen Präsidenten Evo Morales bekräftigt.

Permanenter Krieg und Chaos-Strategie

Vergessen wir nicht, dass in den Jahren 2003 und 2011 Präsident Saddam Hussein, der Führer Muammar Gaddafi und viele Berater von Präsident Assad dieselben Überlegungen anstellten. Sie waren der Meinung, die Vereinigten Staaten hätten nacheinander Afghanistan, Irak, Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien angegriffen, einzig um die Regimes zu stürzen, die dem US-Imperialismus Widerstand leisteten, und um die Erdöl-Reserven im erweiterten Mittleren Osten unter ihre Kontrolle zu bringen. Viele anti-imperialistische Autoren vertreten heute dieselbe Analyse, zum Beispiel indem sie versuchen, den Krieg gegen Syrien mit der Unterbrechung des katarischen Gas-Pipeline-Projektes zu erklären.

Diese Argumentation hat sich jedoch als falsch erwiesen. Die Vereinigten Staaten wollten weder progressistische Regierungen (Libyen und Syrien) stürzen noch Öl und Gas aus der Region stehlen, sondern sie wollten die Staaten zerstören und die Bevölkerungen in die Steinzeit zurückwerfen, in eine Zeit, als «der Mensch dem Menschen ein Wolf» war.

Der Sturz von Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi hat den Frieden nicht wiederhergestellt. Die Kriege wurden weitergeführt, trotz der Einsetzung einer Besatzungsregierung im Irak, dann auch von weiteren Regierungen in der Region, in die auch Kollaborateure des Imperialismus und Gegner einer nationalen Unabhängigkeit einbezogen wurden. Die Weiterführung der Kriege belegt, dass Washington und London nicht Regierungen stürzen oder Demokratien verteidigen, sondern Völker vernichten wollten. Dies ist eine grundlegende Feststellung, die unser Verständnis des zeitgenössischen Imperialismus erschüttert.

Chaos-Ideologien

Diese völlig neue Strategie wurde von Thomas P. M. Barnett schon seit dem 11. September 2001 gelehrt. Sie wurde im März 2003 erstmals öffentlich präsentiert – also kurz vor dem Krieg gegen den Irak – in einem Artikel der Zeitschrift Esquire unter dem Titel «The Pentagon’s New Map», dann auch im gleichnamigen Buch. Diese Strategie schien aber so grausam, dass niemand sich vorstellen konnte, dass sie umgesetzt werden könnte.

Für den Imperialismus geht es darum, eine Zweiteilung der Welt zu erreichen: Auf der einen Seite eine stabile Zone, die vom System profitiert, auf der anderen ein schreckliches Chaos, wo niemand mehr daran denkt, Widerstand zu leisten, sondern einzig mit seinem Überleben beschäftigt ist; eine Zone, in der die multinationalen Unternehmen alle Rohstoffe ausbeuten können, die sie benötigen, ohne jemandem Rechenschaft ablegen zu müssen.

Seit dem 17. Jahrhundert und dem englischen Bürgerkrieg entwickelte sich der Westen in ständiger Angst vor dem Chaos. Thomas Hobbes lehrte uns, dass es besser sei, die Staatsräson zu ertragen, als diese Qualen wieder erleben zu müssen. Den Begriff des Chaos brachte erst Leo Strauss nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Dieser Philosoph, der selber viele Persönlichkeiten aus dem Pentagon geschult hat, wollte eine neue Machtform aufbauen, die einen Teil der Welt in eine Hölle verwandeln würde.

Die Erfahrung des Dschihadismus im erweiterten Mittleren Osten hat uns gelehrt, was Chaos bedeuten kann.

Syrien – ein Versuch, die Spaltung des Landes zu verhindern

Auch wenn Präsident al-Assad auf die Ereignisse von Deraa (März bis April 2011) so reagierte, wie man es von ihm erwartete – nämlich die Armee aufbot, um die Dschihadisten zu bekämpfen und aus der Moschee al-Omari zu vertreiben –, war er der erste, der verstand, worum es ging. Statt die Macht der Ordnungskräfte zu vergrössern, um die Aggression von aussen zurückzudrängen, gab er dem Volk die Mittel, das Land zu verteidigen.

Erstens hob er den Ausnahmezustand auf, löste die Sondergerichte auf, gab die Internet-Kommunikation frei und verbot den Streitkräften, von ihren Waffen Gebrauch zu machen, wenn dies unschuldige Menschen gefährden könnte.

Diese unüblichen Entscheidungen hatten schwere Folgen. Beispielsweise machten die Soldaten bei einem Angriff auf einen Militärkonvoi in Banias keinen Gebrauch von ihren Waffen zur rechtmässigen Selbstverteidigung. Sie zogen es vor, durch die Bomben der Angreifer verstümmelt zu werden oder gar zu sterben, statt zu schiessen und damit die Einwohner zu gefährden, die dem Massaker zuschauten, ohne einzugreifen.

Wie die meisten Menschen dachte ich damals, dass Assad ein schwacher Präsident sei, die Soldaten allzu loyal seien und dass Syrien zermalmt werden würde. Sechs Jahre später haben Bashar al-Assad und die syrische Armee jedoch ihre Wette gewonnen. Wenn auch am Anfang die Soldaten allein gegen die ausländische Aggressoren kämpften, haben die Bürger allmählich begonnen, sich an der Verteidigung des Landes zu beteiligen, jeder an seinem Platz.

Diejenigen, die keinen Widerstand leisten konnten oder wollten, gingen ins Exil. Sicherlich haben die Syrer viel gelitten, aber seit dem Vietnam-Krieg ist Syrien der einzige Staat der Welt, der dem Imperialismus die Stirn bot, bis dieser genug hatte und aufgab.

Zweitens beschloss Präsident Assad – angesichts der Invasion verschiedenster Dschihadisten aus allen muslimischen Völkern, von Marokko bis China – einen Teil des Staatsgebiets aufzugeben, um seine Bevölkerung zu retten.

Stategischer Rückzug von Syriens Armee

Die syrische arabische Armee zog sich in das «nützliche Syrien» zurück, das heisst in die Städte, und überliess die ländlichen Gebiete und die Wüsten den Angreifern. Währenddessen stellte Damaskus ohne Unterbrechung die Nahrungsversorgung in allen unter seiner Kontrolle stehenden Gebieten sicher. Im Gegensatz zu einem im Westen gängigen Vorurteil gab es nur in den von den Dschihadisten kontrollierten Gebieten Hungersnot sowie in einigen von ihnen belagerten Städten. Die «ausländischen Rebellen» (verzeihen Sie das Oxymoron), die von den westlichen «humanitären» Organisationen Nachschub erhielten, benutzten die Verteilung der Lebensmittelpakete, um die Bevölkerung, die sie aushungerten, zu unterjochen.

Das syrische Volk hat selber festgestellt, dass nur die Republik, und nicht die Muslim-Bruderschaft und ihre Dschihadisten, es ernährte und schützte.

Drittens legte Präsident Assad in einer Rede am 12. Dezember 2012 dar, wie er die politische Einheit des Landes erneuern wollte. Insbesondere wies er auf die Notwendigkeit hin, eine neue Verfassung auszuarbeiten, sie einer qualifizierten Mehrheit des Volkes zur Annahme zu unterbreiten und anschliessend eine demokratische Wahl aller institutionellen Entscheidungsträger durchzuführen, selbstverständlich unter Einschluss des Präsidenten.

Damals machten sich die Vertreter der westlichen Länder lustig über die Anmassung von Präsident Assad, mitten im Krieg Wahlen organisieren zu wollen. Heute unterstützen jedoch alle an der Lösung des Konflikts beteiligten Diplomaten, einschliesslich jener der Vereinten Nationen, den Assad-Plan.

Politische Zugeständnisse, um das Volk zu gewinnen

Obwohl sich Dschihadisten-Kommandos im ganzen Land herumtrieben, einschliess-lich Damaskus, und Politiker sogar in ihren Häusern mitsamt ihren Familien ermordeten, ermutigte Präsident Assad die nationale Opposition, sich zu äussern. Er garantierte die Sicherheit des liberalen Hassan el-Nouri und des Marxisten Maher el-Hajjar, damit auch sie das Risiko eingingen, in der Präsidentschaftswahl vom Juni 2014 zu kandidieren. Trotz des Boykott-Aufrufs der Muslim-Bruderschaft und der westlichen Regierungen, trotz des dschihadistischen Terrors, trotz des Exils von Millionen Staatsbürgern im Ausland beteiligten sich 73,42 % der Wählerschaft an dieser Wahl.

Ebenso schuf er von Kriegsanfang an ein Ministerium der nationalen Aussöhnung, was bisher noch nie in einem sich im Krieg befindenden Land vorgekommen war. Er übertrug dessen Leitung Ali Haidar, dem Präsidenten der alliierten Partei SSNP. Dieser hat über tausend Vereinbarungen ausgehandelt und abgeschlossen, mit welchen Bürger, die bewaffnet gegen die Republik gekämpft hatten, amnestiert und ihr Beitritt zur syrischen arabischen Armee ermöglicht wurde.

Während dieses Krieges hat Präsident Assad niemals Zwang gegenüber seinem eigenen Volk ausgeübt, egal was jene sagen, die ihn grundlos umfangreicher Folterungen beschuldigen. So hat er noch immer keine allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Es ist für einen jungen Mann immer möglich, sich dem Militärdienst zu entziehen. Administrative Schritte gestatten es jedem männlichen Bürger, dem Wehrdienst zu entgehen, wenn er sein Land nicht mit der Waffe in der Hand verteidigen will. Einzig die Ausgewanderten, die nicht die Gelegenheit hatten, diese Schritte einzuleiten, können sich im Widerspruch zu diesen Gesetzen befinden.

Sechs Jahre lang hat Präsident Assad nicht aufgehört, einerseits seine Bevölkerung zu mobilisieren, ihr Aufgaben anzuvertrauen, und andererseits zu versuchen, sie zu ernähren und soweit wie möglich zu beschützen. Er ging immer das Risiko ein, zuerst etwas zu geben, um nachher etwas zurückzuerhalten. Das ist der Grund, weshalb er heute das Vertrauen seines Volkes gewonnen hat und auf seine aktive Unterstützung zählen kann.

Die lateinamerikanischen Eliten irren sich

Die lateinamerikanischen Eliten irren sich, wenn sie den Kampf der vergangenen Jahrzehnte für eine gerechtere Verteilung des Reichtums weiterführen. Der entscheidende Kampf ist nicht mehr derjenige zwischen der Mehrheit des Volkes und einer kleinen Klasse Privilegierter. Die Wahl, vor der die Völker des erweiterten Nahen Osten gestanden und vor der nun auch die Lateinamerikaner stehen, ist entweder ihr Vaterland zu verteidigen oder zu sterben.

Die Tatsachen beweisen es: Der zeitgenössische Imperialismus zielt nicht mehr in erster Linie auf den Raub der Bodenschätze ab. Er dominiert die Welt und plündert sie ohne Skrupel. Dazu zielt er jedoch auch auf die Vernichtung der Völker und die Zerstörung der Gesellschaften der Regionen ab, deren Bodenschätze er bereits ausbeutet.

In diesem eisernen Zeitalter erlaubt einzig die Strategie Assads, aufrecht und frei zu bleiben.

 


Das militärische Projekt der USA für die Welt

Im ersten Teil dieses Artikels wies ich darauf hin, dass gegenwärtig Präsident Bashar al-Assad die einzige Persönlichkeit ist, die sich an die neue «grosse US-amerikanische Strategie» angepasst hat; alle anderen denken weiterhin so, als ob die derzeitigen Konflikte eine Fortsetzung derjenigen wären, die wir seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt haben. Sie halten an ihrer Interpretation fest, dass es den USA darum geht, sich durch den Sturz von Regierungen Bodenschätze anzueignen.

Im folgenden werde ich nun darlegen, weshalb ich der Meinung bin, dass sie sich irren und dass ihr Irrtum die Menschheit in die Hölle stürzen könnte.

Wie auf dieser Karte sind alle Staaten der von der gestrichelten Linie umgrenzten Zone nach Thomas P. M. Barnetts Plänen von einem Angriffskrieg der USA bedroht – weil sie nicht bereit sind, beim US-amerikanischen Globalisierungsprojekt mitzumachen. Wer weiss, wie die Länder heute aussehen, die das US-Militär bislang schon mit Kriegen überzogen hat, ahnt, welche katastrophalen Folgen die Verwirklichung solcher Pläne nach sich ziehen würde: Zerstörung und Chaos. (Bild zvg)

Das US-strategische Denken

Seit 70 Jahren war das Hauptziel der US-amerikanischen Strategen nicht, ihr Volk zu verteidigen, sondern ihre militärische Überlegenheit über den Rest der Welt aufrechtzuerhalten. In den 10 Jahren nach der Auflösung der UdSSR bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 suchten sie nach Wegen, um jene einzuschüchtern, die ihnen Widerstand leisteten.

Harlan K. Ullman entwickelte die Idee, die Bevölkerungen zu terrorisieren, indem man ihnen einen Riesenschlag auf den Kopf verabreicht (Shock and awe, Schock und Schrecken).1 Im Idealfall war es der Einsatz der Atombombe gegen die Japaner, in der Praxis die Bombardierung Bagdads durch einen Schwarm von Marschflugkörpern.

Die Straussianer (das heisst die Schüler des Philosophen Leo Strauss) träumten davon, mehrere Kriege zugleich zu führen und zu gewinnen (Full-spectrum dominance, Überlegenheit auf allen Ebenen). Dies waren dann die unter einem gemeinsamen Kommando geführten Kriege in Afghanistan und im Irak.2

Admiral Arthur K. Cebrowski befürwortete die Reorganisation der Streitkräfte, um eine grosse Datenmenge gleichzeitig zu bearbeiten und (mit verbündeten Staaten?) zu teilen. So könnten Roboter eines Tages sofort die beste Taktik vorschlagen.3 Wie wir sehen werden, haben die tiefgreifenden Reformen, die er initiiert hatte, schnell begonnen, giftige Früchte zu produzieren.

Das US-amerikanische neo-imperialistische Denken

Diese Ideen und Fantasien führten vorerst Präsident Bush und die Marine dazu, das grösste internationale System von Entführung und Folter zu organisieren, das 80 000 Opfer forderte. Dann hat Präsident Obama ein Mord-System eingerichtet, hauptsächlich durch Drohnen, aber auch durch Kommandos, das in 80 Ländern aktiv ist und über ein jährliches Budget von 14 Milliarden Dollar verfügt.4

Seit dem 11. September führte der Assistent von Admiral Cebrowski, Thomas P. M. Barnett, viele Konferenzen im Pentagon und in den Militärakademien durch, um zu verkünden, wie gemäss dem Pentagon die neue Karte der Welt aussehen soll.5 Dieses Projekt wurde durch die Strukturreformen der US-Streitkräfte ermöglicht; Reformen, aus denen diese neue Vision der Welt hervorgeht. Es schien so verrückt, dass ausländische Beobachter es rasch als eine weitere rein rhetorische Aussage einstuften, um den zu unterjochenden Völkern Angst einzuflössen.

Barnett schlug vor, dass die USA, um ihre Hegemonie auf der ganzen Welt aufrechterhalten können, die Welt in zwei Teile aufspalten sollten. Auf der einen Seite die stabilen Staaten (G-8-Mitglieder und ihre Verbündeten), auf der anderen der Rest der Welt, der einzig als Reservoir für Bodenschätze dienen sollte. Anders als seine Vorgänger hielt Barnett den Zugriff auf diese Ressourcen für Washington nicht mehr für lebenswichtig, erklärte aber, sie sollten für die stabilen Staaten nur über die Dienste der US-amerikanischen Armeen zugänglich sein. Es sollten daher alle staatlichen Strukturen in diesem Reservoir für Bodenschätze systematisch zerstört werden, damit niemand eines Tages gegen den Willen von Washington handeln oder direkt mit den stabilen Staaten Handel betreiben könnte.

Während seiner Rede zur Lage der Nation im Januar 1980 legte Präsident Carter seine Doktrin dar: Washington betrachte die Versorgung seiner Wirtschaft mit dem Öl aus dem Golf als eine Sache der nationalen Sicherheit.6 In der Folge rüstete sich das Pentagon mit dem CentCom aus, um diese Region kontrollieren zu können. Aber heute importiert Washington weniger Öl aus dem Irak und Libyen als vor diesen Kriegen und hat kein Interesse mehr daran!

Staatliche Strukturen zu zerstören ist gleichbedeutend mit Chaos bewirken, ein von Leo Strauss entlehntes Konzept, dem Barnett aber einen neuen Sinn gibt. Für den jüdischen Philosophen kann das jüdische Volk, nach dem Scheitern der Weimarer Republik und dem Holocaust, den Demokratien nicht mehr trauen. Das einzige Mittel für ihn, sich vor einem neuen Nationalsozialismus zu schützen, ist, seine eigene globale Diktatur zu errichten – für das Wohl aller, natürlich. Man müsste also manche resistente Staaten zerstören, sie in das Chaos zurückwerfen und nach neuen Gesetzen wieder aufbauen.7 

Das ist es, was Condoleezza Rice in den ersten Tagen des Krieges gegen Libanon im Jahr 2006 sagte, als Israel noch zu siegen schien: «Ich sehe keinen Nutzen in der Diplomatie, wenn man damit nur zur früheren Situation zwischen Israel und Libanon zurückkehrt. Ich denke, es wäre ein Fehler. Was wir hier sehen, ist in gewisser Weise der Anfang, sind die Geburtswehen eines neuen Mittleren Ostens, und was immer wir tun werden, wir müssen sicher sein, dass wir für einen neuen Mittleren Osten arbeiten und nicht zum alten zurückkehren.»

Gemäss Barnett dagegen muss man nicht nur die einzelnen widerspenstigen Völker ins Chaos stürzen, sondern all jene, die noch keinen bestimmten Lebensstandard erreicht haben; und wenn sie sich im Chaos befinden werden, muss man sie auch dort halten.

Seit dem Tod von Andrew Marshall, der den «Angelpunkt Richtung Asien» [Pivot to Asia] erfunden hatte, ist übrigens der Einfluss der Straussianer im Pentagon zurückgegangen.8

Einer der grossen Brüche zwischen den Gedanken von Barnett und denen seiner Vorgänger ist, dass der Krieg nicht gegen bestimmte Staaten aus politischen Gründen geführt werden soll, sondern gegen Teile der Welt, weil sie nicht im globalen Wirtschaftssystem integriert sind. Natürlich wird man mit diesem oder jenem Land beginnen, aber man wird die Ansteckung fördern, bis alles zerstört ist, wie im erweiterten Nahen Osten zu sehen ist. Heute geht der Krieg mit Panzern weiter, sowohl in Tunesien, in Libyen, in Ägypten (Sinai), Palästina, in Libanon (Ain al-Hilweh und Ras Baal Beck), in Syrien, im Irak, in Saudi-Arabien (Qatif), in Bahrain, im Jemen, in der Türkei (Diyarbakır) wie auch in Afghanistan.

Deshalb stützt sich die neo-imperialistische Strategie von Barnett zwangsläufig auf Elemente der Theorien von Bernard Lewis und Samuel Huntington ab, den «Krieg der Zivilisationen».9 Da es unmöglich ist, unsere Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Menschen in den Reservoirs an Bodenschätzen zu rechtfertigen, wird man sich immer einreden können, dass unsere Zivilisationen nicht kompatibel seien.

Die Umsetzung des US-Neo-Imperialismus

Genau diese Politik wird seit dem 11. September umgesetzt. Keiner der geführten Kriege wurde beendet. Seit 16 Jahren sind die Lebensbedingungen der afghanischen Bevölkerung jeden Tag schrecklicher und gefährlicher. Der Wiederaufbau ihres Staates, der nach dem Modell von Deutschland und Japan nach dem Zweiten Weltkrieg angekündigt war, hat nie stattgefunden. Die Präsenz der Nato-Truppen hat das Leben der Afghanen nicht verbessert, sondern verschlechtert. Heute ist die Nato-Präsenz offensichtlich die Ursache des Problems. Trotz der beschwichtigenden Reden über internationale Hilfe sind diese Truppen nur da, um das Chaos zu vertiefen und aufrechtzuerhalten.

Jedes Mal, wenn die Nato-Truppen intervenierten, waren die offiziellen Gründe des Krieges gelogen, das war so in Afghanistan (Verantwortlichkeit der Taliban für die Anschläge vom 11. September), in Irak (Unterstützung der Terroristen vom 11. September durch Präsident Hussein und die Vorbereitung von Massenvernichtungswaffen, um die USA zu treffen), in Libyen (Bombardierung des eigenen Volkes durch die Armee) und in Syrien (Diktatur von Präsident Assad und der Sekte der Alawiten). Niemals hat der Sturz einer Regierung diesen Kriegen ein Ende gesetzt. Alle gehen ununterbrochen weiter, unabhängig davon, welche Verantwortlichen an der Macht sind.

Die «arabischen Frühlinge», wenn sie auch einer Idee des MI 6 entstammen, nach dem Muster des «arabischen Aufstandes von 1916» und den Heldentaten von Lawrence von Arabien, waren auch Teil diese US-Strategie. Tunesien ist unregierbar geworden. Ägypten wurde glücklicherweise von seiner Armee übernommen und versucht heute, seinen Kopf über Wasser zu halten. Libyen ist zu einem Schlachtfeld verkommen, und zwar nicht seit der Resolution des Sicherheitsrats, die forderte, die Bevölkerung zu schützen, sondern nach der Ermordung von Muammar al-Gaddafi und dem Sieg der Nato. Syrien ist ein Ausnahmefall, weil der Staat nie in die Hände der Muslim-Bruderschaft geraten ist und diese dort kein Chaos anrichten konnten. Aber viele aus der Muslim-Bruderschaft hervorgegangene Dschihadisten-Gruppen haben Teile des Staatsgebiets unter Kontrolle gehabt – und kontrollieren sie noch –, wo sie auch das Chaos verbreitet haben. Weder das Kalifat von Da’sh, noch Idlib unter al-Kaida sind Staaten, in denen der Islam gedeihen kann, sondern Zonen des Terrors ohne Schulen, ohne Krankenhäuser.

Es ist wahrscheinlich, dass es Syrien dank seiner Bevölkerung, seiner Armee und seiner russischen, libanesischen und iranischen Verbündeten gelingt, diesem von Washington vorgesehenen Schicksal zu entrinnen, aber der erweiterte Nahe Osten wird weiterhin brennen, bis seine Völker die Pläne ihrer Feinde durchschauen. Wir sehen, dass der gleiche Zerstörungsprozess im Nordwesten von Lateinamerika beginnt. Die westlichen Medien sprechen verächtlich von Unruhen in Venezuela, aber der Krieg, der dort entsteht, wird sich nicht auf dieses Land beschränken, er wird auf die gesamte Region übergreifen, obwohl die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen der Staaten, aus denen sie sich zusammensetzt, sehr unterschiedlich sind.

Die Grenzen des US-amerikanischen Neo-Imperialismus

Die US-Strategen vergleichen gerne ihre Macht mit der des Römischen Reiches. Aber dieses brachte den Völkern, die es eroberte und integrierte, Sicherheit und Wohlstand. Es baute Monumente und richtete ihre Gesellschaften zweckmässig ein. Im Gegensatz dazu bringt der amerikanische Neo-Imperialismus nichts, weder den Völkern der stabilen Staaten noch denen des Reservoirs für Bodenschätze. Er plant, erstere zu erpressen und die sozialen Bindungen, die letztere zusammenschweissen, zu zerstören. Aber er will keineswegs letztere vernichten, sie müssen jedoch leiden, damit das Chaos, in welchem sie leben, verhindert, dass stabile Staaten ohne den Schutz der US-Streitkräfte dort Bodenschätze ergattern können.

Bisher ging der imperialistische Plan davon aus, dass man «kein Omelette machen kann, ohne Eier zu zerschlagen». Er nahm in Kauf, kollaterale Massaker zu begehen, um seine Vorherrschaft zu vergrössern. Nun plant er verbreitete Massaker, um seine Autorität auf Dauer zu sichern.

Der US-amerikanische Neo-Imperialismus setzt voraus, dass andere Staaten und ihre Verbündeten akzeptieren, dass ihre Interessen im Ausland durch die US-Streitkräfte «geschützt» werden. Wenn dies für die Europäische Union kein Problem darstellt, die bereits seit sehr langer Zeit entmannt ist, so wird es mit dem Vereinigten Königreich wohl Diskussionen bewirken und mit Russ-land und China ganz unmöglich sein.

Unter Hinweis auf seine «besondere Beziehung» zu Washington hat London bereits verlangt, am US-Projekt zur Erringung der Weltherrschaft beteiligt zu werden. Dies war der Sinn der Reise von Theresa May in die Vereinigten Staaten im Januar 2017, aber sie hat keine Antwort erhalten.10

Es ist auch undenkbar, dass die US-Streitkräfte die Sicherheit der neuen «Seidenstrassen» garantieren, wie sie es heute mit ihren britischen Partnern für die See- und Luftwege machen. Ebenso ist es undenkbar, Russland in die Knie zu zwingen.                               •

(Übersetzung Horst Frohlich/Zeit-Fragen)

Quelle: www.voltairenet.org/article197487.html  (Teil 1) und www.voltairenet.org/article197540.html  (Teil 2)

1  Ullman, Harlan K. & al. Shock and awe: achieving rapid dominance. ACT Center for Advanced Concepts and Technology, 1996

2  Mahajan, Rahul. Full Spectrum Dominance. U.S. Power in Iraq and Beyond, Seven Stories Press, 2003

3  Alberts, David S./ Garstka, John J. & Stein, Frederick P. Network Centric Warfare: Developing and Leveraging Information Superiority, CCRP, 1999

4  Shaw, Ian G. R. Predator empire : drone warfare and full spectrum dominance, University of Minnesota Press, 2016

5  Barnett, Thomas P. M. The Pentagon’s New Map, Putnam Publishing Group, 2004

6  Carter, Jimmy. «State of the Union Address 1980», Voltaire Network, 23. January 1980

7  Einige Spezialisten des politischen Gedankenguts von Leo Strauss interpretieren es völlig anders. Mich interessiert es jedoch nicht, woran der Philosoph dachte, sondern was jene im Sinn haben, die sich im Pentagon – zu Recht oder zu Unrecht – auf ihn berufen:

    Drury, Shadia B. Political Ideas of Leo Strauss, Palgrave Macmillan, 1988

    Norton, Anne. Leo Strauss and the Politics of American Empire, Yale University Press, 2005

    Gottfried, Paul Edward. Leo Strauss and the conservative movement in America : a critical appraisal, Cambridge University Press, 2011

    Minowitz, Peter. Straussophobia : Defending Leo Strauss and Straussians Against Shadia Drury and Other Accusers, Lexington Books, 2016

8  Krepinevich, Andrew F. & Watts, Barry D. The Last Warrior: Andrew Marshall and the Shaping of Modern American Defense Strategy, Chapter 9, Basic Books, 2015

9  «The Clash of Civilizations?» & «The West Unique, Not Universal», Foreign Affairs, 1993 & 1996

    Huntington, Samuel. The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, Simon & Schuster, 1996

10   May, Theresa. «Theresa May addresses US Republican leaders», Voltaire Network, 27 January 2017