Die Nase tief auf der Fährte oder erhoben im Wind

Vierbeinige Jäger – mit und ohne Laute

von Heini Hofmann

Unter allen Nutz- und Gebrauchstieren ist der Hund des Menschen vielseitigster Helfer. Doch das naturnaheste Teamwork in solchen Partnerschaften unter Zwei- und Vierbeinern hat sich, mehr noch als bei Bauernhof- und Hirtenhunden, zwischen Jäger und Jagdhund entwickelt.

Während Schutz-, Katastrophen- und Lawinenhunde zivilisatorische Tätigkeiten anerzogen erhielten, folgen Jagdhunde bei der Arbeit ihren angestammten – in der Fachsprache: angewölften – Instinkten, dem Meute- und Beutetrieb. Doch Jagdhund ist nicht einfach Jagdhund, weder bezüglich Rasse noch punkto Einsatzart. So unterschiedlich die äussere Erscheinung, so vielseitig sind die Aufgaben der vierbeinigen Jagdhelfer im Dienste der Grünröcke.

Man sieht es dieser Tiroler Bracke von weitem an: Jagdhunde sind natürlich gebliebene, leistungsstarke Tiere, die noch mit angewölften Instinkten arbeiten. (Bild Archiv FJS)

Das Geläute der Meute

Dass der Jagdhund als urtümlicher Helfer des Menschen kein gewöhnlicher Hund ist, das äussert sich allein schon in der Weidmannssprache: Sein Körperbau heisst Gebäude, sein Fell ist die Decke, die Beine sind die Läufe und die Krallen die Klauen. Sein Maul nennt man Fang, die Ohren Behang, die Lippen sind Lefzen und die Nase der Windfang. Und spricht man vom Geläute der Meute, dann ist damit der anhaltende Spurlaut gemeint; denn ein Jagdhund bellt nicht einfach, er gibt Laut, schlägt an oder gibt Hals. Und er äugt – oder eräugt Wild.
Der Schwanz ist die Rute und wenn diese einen Haarbehang trägt, ist dies die Fahne. Weidloch steht für After, Gescheide für Eingeweide. Das Geschröt sind die Hoden und das Feuchtglied der Penis, während mit Schnalle die Vagina bezeichnet wird. Das Verb schnallen jedoch hat nichts mit kopulieren zu tun, sondern bedeutet ablösen des Hundes von der Leine, im Gegensatz zu annehmen, das für anleinen steht. Das Weidwerk-Vokabular hat seine eigenen Gesetze.
Das Bluten aus der Vagina der hitzigen Hündin nennt sich färben, während urinieren nässen bedeutet. Beim Gebären schliess­lich wird – in Rückbesinnung auf den Ahnen aller Hunde – aus dem Werfen das Wölfen. Ist ein Jagdhund fertig ausgebildet, ist er abgeführt oder firm. Dann steht er gut im Gehorsam und hat Appell. Solch tüchtige Hunde werden vom Jäger verbal und mit Streicheleinheiten belobigt, und dies wiederum nennt sich – ein Paradebegriff dieser fast kultischen Mensch-Tier-Beziehung – abliebeln.

Leistung vor Schönheit

Die Entstehung der Jagdhunde im Laufe der Domestikation war geprägt durch die regional und epochal unterschiedlichen Jagdmethoden und das bejagte Wild. Je nach Einsatzart wurde aus vorhandenen Typen und Schlägen durch Kreuzung und Auslese auf Eignung und erwartete Leistung selektioniert. Die eigentlichen Rassen entstanden jedoch erst ab dem 19. Jahrhundert mit Beginn der organisierten Hundezucht. Auch in der heutigen Jagdhunde-Rassenzucht dominiert Leistung vor Schönheit, was nicht nur der Tauglichkeit förderlich ist, sondern zugleich vor unbiologischen Zuchtströmungen schützt. Sogar für Mischlinge hat der Gesetzgeber ein Herz; auch sie können zur Jagd zugelassen werden.
Während der antike Jäger für seine Netzjagd die laut jagende Bracke und den stumm und auf Sicht arbeitenden Windhund einsetzte, verlangte die mittelalterliche Hetzjagd zu Pferd nach dem Meute- und Leithund. Über die Vogeljagd fanden die Grünröcke zum Vorstehhund, dieweil die Wasserwildjagd den Apportierhund bedingte. Wehrhaftem Wild wie Bär und Wildsau waren nur doggenartige Hatzrüden gewachsen, während sich für die Jagd auf den Fuchs im Bau der kurzbeinige, raubwildscharfe Erdhund eignete. Das Aufkommen der Feuerwaffen schliesslich führte über den Leithund zum Schweisshund.

Schwyzer Laufhund (Bild SLC/CCC)

Brackieren und Buschieren

Die aktuelle Rasseneinteilung umfasst Bracken oder Laufhunde, die als älteste Jagdhundeform die Zuchtbasis für viele andere stellten und wozu auch sämtliche Jagdhunde helvetischen Ursprungs gehören (vgl. Kasten), ferner Schweisshunde (wie Hannoveraner und Bayerischer Gebirgs-Schweisshund), Stöberhunde (beispielsweise Wachtel oder Spaniel), Vorstehhunde (wie etwa Deutsch Kurz- und Drahthaar, Kleiner Münsterländer, Setter oder Pointer), Erdhunde (mit den typischen Vertretern Dackel und Terrier) sowie Apportierhunde (beispielsweise Labrador Retriever).
So bunt wie die Rassenpalette, so vielfältig sind auch die mit dem Hund ausgeübten Jagdarten: Beim Brackieren, das heisst dem lauthalsen Auftun von Fuchs oder Hase im weiten Gelände, jagen die Laufhunde selbständig, einzeln oder in der Meute, ohne Sichtverbindung zum Jäger. Das Geläute zeigt diesem an, wo die Jagd durch führt.
Beim lautlosen Buschieren in höher bewachsenem Gelände sucht der Hund «unter der Flinte» (Schrotschuss-Distanz 20 bis 35 Meter) und bleibt dabei in Sichtverbindung zum Meister und wird von diesem durch Hör- und Sichtzeichen gelenkt. Die Taktik bei der Jagd auf Niederwild (speziell Flugwild) im Dickicht oder Schilf nennt sich Stöbern. Weil hier die Sichtverbindung fehlt, muss der Hund spurlaut jagen, wodurch er den Jäger wissen lässt, ob er Wild gefunden hat, wie die Jagd verläuft und – je nach Art des Lautens – um welches Wild es sich handelt.

Vorstehen und Apportieren

Im offenen Gelände kommt Suchen mit Vorstehen zum Tragen. Der Vorstehhund, in ständiger Verbindung zum Jäger und von diesem dirigiert, sucht quer mit hoher Nase und unter Ausnützung des Windes. Hat er Niederwild gefunden, das sich im Bodenwuchs drückt, nähert er sich vorsichtig und verharrt reg- und lautlos, eben in Vorstehhaltung, und zeigt dadurch dem Weidmann an, dass er fündig geworden ist.
Bei der lauthalsen Bauarbeit untertags in den oft ausgedehnten Fuchsbauten, arbeitet der kurzbeinige Hund notgedrungen selbständig, ohne Kontakt zum Jäger. Dabei versucht er den «eingeschlieften» Reineke aus dem Bau zu sprengen. Wiederum andere Hunde sind spezialisiert aufs Apportieren und verstehen sich aufs «Verlorenbringen» von Niederwild – zu Land oder zu Wasser.
Einer der anspruchsvollsten Jagdhundejobs ist die Nachsuche auf verwundetes Wild, das heisst die Schweissarbeit auf der roten Fährte (Schweiss steht in der Jägersprache für Blut), wofür geeignete Individuen verschiedener Rassen eingesetzt werden können. Auf solcher Wundfährte bleibt der Hund mit dem Führer am langen Riemen verbunden. Vom letzten, noch warmen Wundbett weg kann man ihn allein arbeiten lassen. Findet er ein bereits totes Tier, zeigt er dies an. Noch fluchtfähiges Wild stellt er standlaut, damit es der Jäger raschmöglichst erlösen kann.

Ursprünglich geblieben

Jäger und Hund – hier eine Tiroler Bracke – als Weidwerk-Gefährten: Der Hund ist des Jägers «sechster Sinn»; zusammen vereinen sie Intelligenz und Instinkt zu einer optimalen Symbiose. (Bild Archiv FJS)

Jagdhunde gehören – dies ist ein gern übersehener Aspekt – zu den am ursprünglichsten gebliebenen Nutztieren, weil sie ihre natürlichen Triebe noch ausleben dürfen. Doch da ihre Aufgaben in jeder Einsatzsparte anspruchsvoll sind, bedingt dies eine seriöse, zwei Jahre oder länger dauernde Ausbildung, bis aus einem verspielten Welpen ein firmer Gebrauchshund wird; denn das Erbgut trägt nur einen Teil zum Gelingen bei.
Und wie jeder gute Jäger, so muss auch ein fertig abgeführter Jagdhund sich ständig weiterbilden (lassen). Sein Tun ist zudem gesetzlich geregelt, wobei bezüglich Einsatz kantonale Unterschiede bestehen. So existiert beispielsweise in einzelnen Revier- und Patentkantonen ein Laufhundeverbot, das auf eine frühere Fehleinschätzung zurückgeht (man hatte die Laufhunde irrtümlich für den Rückgang der Rehe verantwortlich gemacht).

Erfindung der Götter

«Jagd ohne Hund ist Schund» hiess mal ein Slogan, der sich jedoch in seiner Absolutheit selbst entkräftet. Zutreffen tut diese Aussage dagegen auf «Jagd mit dem falschen Hund» – speziell bei der Schweissarbeit auf der Blutspur eines verletzten Tieres. Denn ein schlechter Fährtensucher würde ein weidwund geschossenes oder – was heute die weit häufigere Ursache für eine solche Nachsuche darstellt – ein angefahrenes Tier länger leiden lassen.
Nicht alle Jäger jagen mit dem «sechsten Sinn», dem Hund. Doch diejenigen Grünröcke, die ihr Weidwerk in Partnerschaft mit dem ältesten Jagdgehilfen des Menschen vollbringen, sind überzeugt, dass es dieses innige Zusammenspiel zwischen Intelligenz und Instinkt sei, was die Jagd zum ganzheitlichen Erlebnis mache, und sie wähnen sich bestätigt im griechischen Schriftsteller Xenophon, der Jagd und Hunde als Erfindungen der Götter lobpreist.    •

Zwei Schweizer Quartette

HH. In der grossen Palette europäischer Jagdhunderassen findet sich auch ein stolzer Beitrag aus unserem Land, nämlich die zu den Bracken zählenden Schweizer Lauf- und Niederlaufhunde, neben Sennen- und St. Bernhardshunden die dritte Gruppe helvetischer Hundeschöpfungen. Im Gegensatz zu Wind- und Hatzhunden, die mit erhobener Nase nach Sicht jagen, folgen die Lauf- und Niederlaufhunde der Fährte mit tiefer Nase. Sie sind ausdauernde, feinnasige Wildfinder mit gewaltiger Laute.
Das Quartett der kurz- oder stockhaarigen Schweizer Laufhunde im­poniert durch einen schlanken, gestreckten Körper mit langen Beinen und umfasst die Farbschläge Schwyzer Laufhund (Rotscheck), Berner Laufhund (dreifarbig, weiss-schwarz-braun), Luzerner Laufhund (Blausprenkel, mit gelb-braunen Abzeichen) und Jura-Laufhund (schwarz-braun). Ihre kurzbeinigen Ebenbilder mit gleicher Färbung und analoger Bezeichnung, die Schweizer Niederlaufhunde, sind ebenfalls temperamentvolle Stöberer mit grosser Jagdpassion.