«Aber sein Vaterland hat keiner verloren, der es nicht innerlich aufgibt»

Konrad Heidens Bericht über das Judenpogrom 1938

von Moritz Nestor

Unklar ist, warum. Aber erst 2013, fünfundsiebzig Jahre nach dem nationalsozialistischen Judenpogrom vom 9./10. November 1938, erscheint von Konrad Heiden (1901–1966) unter dem Titel «Eine Nacht im November 1938» zum ersten Mal das deutsche Original eines der wichtigsten Berichte über dieses NS-Pogrom im Wallstein Verlag.1 Es baut auf Augenzeugen- und Zeitungsberichten aus der damaligen deutschen und internationalen Presse auf. Soweit möglich, haben die Herausgeber die damals anonym veröffentlichten Originalquellen geklärt. Eine «Annäherung an Leben und Werk» (42 Seiten) von Markus Roth gibt im zweiten Teil des Buches erstmals seit Heidens Tod 1966 Auskunft über das Leben des Vergessenen.

Dabei war Konrad Heiden unter den Exilschriftstellern einer der bestunterrichteten Kenner des Nationalsozialismus. Er hat den Aufstieg Hitlers und der NSDAP von den ersten Anfängen an in Kneipen, Hinterzimmern und Sälen persönlich verfolgt, hat deren Schriften genau studiert. Er hatte Informanten in den höchsten Rängen der NSDAP. Es wird ihm sogar nachgesagt, Hitler habe gewartet mit dem Reden, bis Heiden da gewesen sei.

Bestens recherchiert

Wie auch immer, Heidens Werke waren bestens recherchiert, erlebten sehr hohe Auflagen und wurden häufig rezensiert. Das betrifft vor allem auch seine einzigartige Hitler-Biografie von 1936, die unter dem Titel «Adolf Hitler. Das Zeitalter der Verantwortungs­losigkeit. Ein Mann gegen Europa» 2011 im Europa-Verlag wieder aufgelegt wurde. Sie sucht bis heute ihresgleichen. «Bis 1965, als erstmals wesentliche Dokumente ausgewertet wurden, die ihm nicht zur Verfügung gestanden hatten, dienten Heidens Publikationen als (oft allerdings verschwiegene) Quelle und Grundlage für alle Hitler-Biographien und Darstellungen des Nationalsozialismus im In- und Ausland.»2
Nur etwas Seltsames liegt darin, dass Heidens «Eine Nacht im November 1938» im Jahr 1939 im französischen Exil auf Deutsch verfasst wird und auch sofort englische, französische und schwedische Übersetzungen erscheinen – aber das deutsche Original in der Versenkung verschwindet! Fünfundsiebzig Jahre lang liegt es vergessen in der Zürcher Zentralbibliothek.3

Kein «Volkszorn» beim Judenpogrom 1938

Dabei stellt Heidens Buch einen der bedeutendsten zeitgenössischen Berichte des von den Nazis zynisch «Unternehmen Isaak»4 genannten Judenpogroms dar: Der Leser erlebt die Dramatik der Zeitabläufe mit, als wäre er dabei. Heiden erfasst die Gefühlslage der Beteiligten minutiös, schildert objektiv, mit geschärftem Blick und brennendem Herzen. Er ordnet die Ereignisse politisch ein und entlarvt die strategischen Hintergründe: Den von Goeb­bels erfundenen «Volkszorn», der sich angeblich spontan gegen die Juden entladen habe, weil ein verzweifelter jüdischer Bursche in Paris einen Nazi erschoss. Diesen Volkszorn gab es nicht nur nicht, im Gegenteil, das Volk, auf das sich Goebbels schändlicherweise berief, wollte das Pogrom nicht! Wollte man solche Quellen nach dem Krieg nicht mehr, um das Volk schuldig zu sprechen? An jenem 9. November 1938 jedenfalls traten, zentral gesteuert, im ganzen Reich, zur gleichen Zeit, nach gleichem Muster SS-, SA- und Hitlerjugend-Einheiten in Aktion. Der Rest war Kadavergehorsam der gesteuerten Schlägerbanden, Hasspropaganda und niedere Instinkte, wie sie in jedem Volk zu finden sind.

Nationalsozialistische Gefühlsideologie

Das Buch enthält eine beeindruckende Darstellung und Analyse der nationalsozialistischen Gefühlsideologie, die Rationalität, Vernunft und Mitmenschlichkeit im «suggestiven Zauber»5 und im «Gemeinschaftsrausch» von «Bestialität»6 zu ersticken versuchte. Mit starken Symbolen vermittelte sie vulgäre Einheitsbotschaften, weckte und lenkte Angst und Hass und andere starke Emotionen, vor allem Gewalt- und Allmachtsphantasien. «Es mag gut sein,» hört man Goebbels 1934 auf dem Reichsparteitag, «Macht zu besitzen, die auf Gewehren ruht. Besser aber und beglückender ist es, das Herz eines Volkes zu gewinnen und es auch zu behalten.»7
In der Darstellung dieser sozialpsychologischen Abläufe liegt auch die besondere Aktualität von Heidens Buch. Ähnliche und fast gleichartige Abläufe aus der heutigen Zeit treten dem Leser laufend vors innere Auge.

Gegen die «undeutsche Despotie Hitlers»

Heiden gab seinem Bericht ursprünglich den Titel «Nächtlicher Eid». Denn am 9. November 1923 misslang der Hitler-Putsch. Die Nazis machten daraus einen Heldengedenktag für die «Märtyrer» der «Bewegung». Alljährlich am 9. November vereidigte um Mitternacht bei mystischem Fackelschein Heinrich Himmler im Beisein des Führers vor der Münchner Feldherrnhalle, dem historischen Schauplatz des Hitler-Putsches, die Neueintritte in die «SS-Verfügungstruppe». 1938 wurde für diese Nacht ein Judenpogrom angesetzt. Vorbereitet war es schon lange. Dann fand sich der willkommene Vorwand dazu, als der 17jährige Herschel Grynszpan am 7. November 1938 in Paris den Legationssekretär Ernst Eduard vom Rath erschoss.
Heiden liebte Deutschland. Sein Kampf mit der Feder galt, in seinen eigenen Worten,  der «undeutschen Despotie Hitlers».8
«Aber sein Vaterland hat keiner verloren, der es nicht innerlich aufgibt. Wo für Deutschlands Freiheit gekämpft wird, dort ist Deutschland. Dieser Kampf verlangt ganze Menschen.»9
Wann hat man solche Worte das letzte Mal gehört! Der Nazismus ist für Heiden das, was schon die naturrechtlich denkende Aufklärung unter dem Gegensatz von Freiheit verstand: Despotie – kein «deutsches» oder «europäisches Phänomen»!10
Seine Pflicht als Schriftsteller war Heiden immer klar: «Wir müssen wissen, wie dieser Gegner gross geworden ist und uns geschlagen hat.»11
«Wir müssen nicht nur einsehen, welche Fehler wir begangen haben, sondern auch, was der Gegner besser gemacht hat als wir. Wir müssen zugeben, dass die schlechte Sache besser geführt wurde als die gute. … Seine [Hitlers] Schandtaten sind bekannt; aber schändlicher hat für uns die Kurzsichtigkeit und Gutmütigkeit derer zu sein, die ihm diesen Frevel erst ermöglichen. Hier haben wir alle Schuld, und der dies schreibt, nimmt sich keineswegs davon aus.»12

Das Versagen der Intellektuellen

Das erinnert einen sehr an Hans Scholl, den Bruder von Sophie Scholl und Mitglied der «Weissen Rose», der bei seinem Verhör durch die Gestapo sagte: «Ich bin der Ansicht, dass in Deutschland in der Zeit von 1918–1933 und vor allem 1933 nicht zu sehr die Masse des deutschen Volkes politisch versagt hat, sondern gerade […] die Intelligenz. Obgleich sich in Deutschland ein Gelehrten- und Spezialistentum auf allen Gebieten des geistigen Lebens zu voller Blüte entwickelte, waren gerade diese Menschen nicht in der Lage, die einfachsten politischen Fragen richtig zu beantworten. Nur aus diesem Grunde ist es erklärlich, dass Massenbewegungen mit ihren einfachen Parolen jede tiefere Gedankenarbeit übertönen konnten. Ich empfand, dass es höchste Zeit war, diesen Teil des Bürgertums auf seine staatspolitischen Pflichten aufs Ernsteste hinzuweisen.»13 Sollten wir Heutigen nicht etwas nachdenklicher werden bei den Worten dieser Zeitzeugen?

Gegen marxistischen Geschichtsdeterminismus …

Für Heiden hiess Leben handeln: «Ich widme dieses Buch denen, die weder dem Schicksal erliegen wollen, noch auf ein Wunder hoffen, sondern die Sache selbst in die Hand zu nehmen gedenken. […] es bleibt das Naturrecht alles Gesunden und Lebendigen, zu sagen: Wo ich stehe, ist immer oben, und meine Nachkommen sollen noch höher stehen.»14 Damit wendet sich Heiden, selbst Kind der Arbeiterbewegung(!), gegen die autoritäre marxistische Linke der Weimarer Zeit mit ihrem Geschichtsdeterminismus, die Hitler mit «historischer Notwendigkeit» gross werden liess und glaubte, die kommunistische Partei werde mit ebenderselben «historischen Notwendigkeit» an die Macht kommen, wenn die Nazis mit «historischer Notwendigkeit» zusammengebrochen seien …
Geschichte ist aber immer ein offenes Schaffen in die Zukunft hinein, das die Völker gestalten. Heidens Geschichtsschreibung erklärt den Nationalsozialismus weder aus dem Christentum oder dem Deutschtum oder «der Aufklärung» oder «der Wissenschaft» oder der bürgerlichen Kleinfamilie oder dem Kapitalismus. Er schreibt Geschichte, auf der Seite des Menschen, der Vernunft, des lebenswerten Lebens stehend. Seine Vaterlandsliebe ist Heimat- und Menschenliebe.

… und «Frankfurter Schule»

Der Nazismus ist für Heiden das absolute Ende von Würde, Freiheit, Vernunft und Zivilisation. Denn die nationalsozialistische «Weltanschauung» ist nur: Gewalt. Heiden nannte sein Buch einen «Beitrag zur Naturgeschichte der Bestialität».15 Kein Weg führt von Vernunft, Wissenschaft, Vaterlandsliebe, Christentum oder Aufklärung zu Hitler. Damit steht Heiden auch im diametralen Gegensatz zur Deutung des Nationalsozialismus durch die «Frankfurter Schule» und zu Adornos und Horkheimers Verdikt, Aufklärung sei totalitär.16 Sie wurde, vor allem in Deutschland, seit den späten sechziger Jahren zur herrschenden Geschichtsdeutung unter den linken und linksliberalen Intellektuellen ganzer Generationen.
Heiden, selbst Jude, waren solche Spiegelfechtereien seiner jüdischen Kollegen fremd – wenn er sie denn je gekannt haben sollte. Er, ein Kind aus der Arbeiterbewegung, nimmt Stellung als demokratischer Antifaschist. Seine Mutter ist Jüdin. Lea Heiden-Deutschmann engagiert sich in den Frauenbildungsvereinen von München und Frankfurt und schreibt in der sozialdemokratischen «Die neue Zeit.: Sie ist eine «leidenschaftliche Kämpferin» und Mitstreiterin von Henriette Fürth und Clara Zetkin und eine «zärtliche, treubesorgte und einsichtsvolle Mutter», wie es in einem Nachruf auf die 1906 Verstorbene heisst. Heidens Vater ist Arbeitersekretär in der Gewerkschaftsarbeit und publiziert über Arbeiterversicherung und Arbeiterbildung. Konrad, der einzige Sohn, lebt nach dem frühen Tod der Mutter beim fürsorglichen Vater. Der Vater bemüht sich sehr um ein vertrauensvolles Verhältnis zum Sohn. Beide Eltern erziehen Konrad im freien Geist.
Heidens Bericht ist nicht zuletzt daher wohltuend frei vom autoritären marxistischen oder stalinistischen Denken. Die Neue Linke der Frankfurter Schule oder die von Sartres auf Stalin eingeschworene französische Linke wären ihm zutiefst fremd geblieben, und er psychologisiert auch nicht wie der Freudomarxismus, dass der National­sozialismus aus der Sexualunterdrückung der bürgerlichen Kleinfamilie komme ...

«Mitdenken, Mitfühlen, Verstehen und Durchdringen»

Heiden ist eben gerade dadurch so gut zu lesen, dass er keine Auftragsgeschichtsschreibung betreibt, sondern sich nur auf eines verlässt: Tatsachen, Augenzeugen, Selbsterlebtes, prüfbare Aussagen, von der Lebenswirklichkeit der Menschen ausgehendes Mitdenken, Mitfühlen, Verstehen und Durchdringen. Sein einziger Massstab ist die Würde und die Freiheit seines Volkes und seines Vaterlandes sowie der kritische Gebrauch der Vernunft ohne fremde Hilfe. Seine Bücher gehören in jeden Geschichtsunterricht zum Thema zwanzigstes Jahrhundert.
Auf einer Lichtung am Rand eines Wäldchens in der Nähe von East Orleans in Barn­stable County, Massachusetts, USA, trägt ein unbehauener Felsblock eine schlichte Bronzetafel mit der Inschrift «Konrad Heiden (1901–1966), Writer, Foe of Nazis». Er bedeckt Konrad Heidens Grab, als wolle er es ewig schützen. Über seinen frühen Tod hinaus ist dieser Sohn des von ihm geliebten Vaterlandes Deutschland, dem er auch in den dunkelsten Stunden seiner tragischen Geschichte zur Seite stand, ein grosser Geschichtslehrer, der uns und kommende Generationen mahnt: «Sein Vaterland hat keiner verloren, der es nicht innerlich aufgibt.»    •

1    Heiden, Konrad. Eine Nacht im November 1938: Ein zeitgenössischer Bericht. Hg. von Markus Roth, Sascha Feuchert und Christiane Weber. ­Göttingen, Wallstein 2013
2    Deutsche Biographie – Online-Fassung: Heiden, Konrad (Pseudonym Klaus von Bredow, Argus, Schäfer). https://www.deutsche-biographie.de/sfz28743.html#top (27.3.2017) Quelle: Maser, ­Werner, «Heiden, Konrad» in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 246f. [Online-Version]; https://www.deutsche-biographie.de/gnd116604859.html#ndbcontent
3    Heiden, Konrad. Nächtlicher Eid, Typoskript, 164 Seiten, etwa Neujahr 1939. Signatur: «Ms Oprecht T152»
4    Heiden, 2013, S. 36
5    Hitler, Adolf. Mein Kampf. München, 158.–159. Auflage 1935, S. 552
6    Heiden, 2013, S. 37
7    Riefenstahl, Leni. Triumph des Willens. Das Dokument vom Reichsparteitag 1934. 1935. [Goebbels bei Minute 30:33] https://archive.org/details/TriumphOfTheWillgermanTriumphDesWillens (eingesehen am 2.4.2017)
8    Heiden, Konrad. Geburt des dritten Reiches. Geschichte des Nationalsozialismus bis Herbst 1933. Zweite Auflage 1934, Zürich, Europa-Verlag
9    Heiden, 1934, S. 6
10    vgl. Kriele, Martin. Befreiung und politische Aufklärung: Plädoyer für die Würde des Menschen. Freiburg i. Br. 1980
11    Heiden, 1934
12    Heiden, 1934, S. 5
13    Verhör von Hans Scholl. In: Verhörungsprotokolle, München am 20. Februar 1943, Bundesarchiv Berlin, ZC 13267, Bd. 2
14    Heiden, 1934, S. 7
15    Heiden, 2013, S. 36
16    Adorno, Theodor/Horkheimer, Max. Dialektik der Aufklärung. Amsterdam 1947