Freiheit der Wissenschaft

von Rainer Schopf

Vor fünf Wochen publizierte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» das Urteil des Landgerichts Köln zum Fall des Historikers Jörg Baberowski gegen den Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta) der Humboldt-Universität zu Berlin (HUB). Baberowski verklagte den Asta auf Unterlassung von Werturteilen über ihn, er wolle sich nicht als «rechtsradikal» oder «rassistisch» bezeichnen lassen, sinnentstellend verkürzte Zitate dürften nicht verbreitet werden.1 In fünf von sechs Punkten unterlag der Asta, vor allem bei den Falschzitaten. Jörg Baberowski muss sich fortan nicht mehr als Rassist beschimpfen lassen, aber hinnehmen, dass er «rechtsradikale Positionen» vertrete, weil diese Einschätzung unter die Meinungsfreiheit falle.
Die Hochschulpräsidien in Bremen und Berlin stellten sich nicht vor den diffamierten Kollegen, wie es ihrer Fürsorgepflicht entsprochen hätte. In Berlin werden seine Vorlesungen seit langem gestört. Wegen der Krawalle in Bremen, wo Baberowski zu einem Vortrag eingeladen war, musste die Veranstaltung von der Uni in die Konrad-Adenauer-Stiftung verlegt werden, weil anders die Sicherheit des Dozenten nicht zu gewährleisten war.

Das schleichende Gift des Rufmords

Man mag den Theorien von Baberowski zustimmen oder nicht, hier manifestiert sich ein längst totgeglaubter Gesinnungsterror. Und die Republik schweigt. Erst als Heike Schmoll nach dem Urteil unter dem Titel «Das schleichende Gift des Rufmords» die skandalösen Zustände an deutschen Universitäten anprangerte, kam der Widerstand langsam in Bewegung. Sie stellte fest, dass es die vielbeschworene grundgesetzlich geschützte Freiheit der Wissenschaft mancherorts nur noch auf dem Papier gibt: «Viele Professoren wissen genau, was und wie sie etwas sagen dürfen, sie kennen die Zwänge der genderneutralen Rede, und sie wissen auch, welche Forschungsthemen opportun sind und welche eher nicht.»2 Dieser Artikel rief die trotzkistischen Studentenvertreter, gewählt von 197 der 39 097 wahlberechtigten Studenten an der Humboldt-Universität, auf den Plan. Auf ihrer World Socialist Web Site (wsws) warf die sozialistische Gleichheitspartei der «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vor, «auf das Baberowski-Urteil mit hemmungslosen Lügen»3 zu reagieren. Sie setzt ihre Hetzkampagne gegen missliebige Professoren fort, findet aber immer weniger Rückhalt für ihren Terror.

Einsatz für Wissenschaftsfreiheit …

Denn endlich regt sich Widerstand auf breiter Front. Auch Heike Schmoll liess sich nicht einschüchtern und setzte nach: «Wo bleibt der Mut?» fragte sie die Hochschulleitungen. «Wenn sie nicht mutig für die Wissenschaftsfreiheit kämpfen, können sie das auch nicht von ihren Professoren erwarten.»4 In immer mehr Artikeln, Kommentaren und Leserbriefen äussern sich Zeitgenossen zur Bedeutung der Freiheit der Wissenschaft. «Der angepasste Professor» ist für Professor Dr. Martin Wagener «letztlich ein Spiegelbild bildungspolitischer Fehlentwicklungen und demokratischer Defizite der Gesellschaft».5 Nach langem Schweigen solidarisierte sich endlich die Leitung der Humboldt-Universität mit ihrem Historiker Baberowski und nahm den Professor gegen die Trotzkisten in Schutz. Baberowski sei ein «hervorragender Wissenschaftler, dessen Integrität ausser Zweifel stehe».6 Auch die Mitglieder des Fachbeirats Wissenschaft der «Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur» verteidigen den Historiker gegen unlautere fachliche und persönliche Angriffe.7

…  eine immerwährende Notwendigkeit

Muss erst der Bund Freiheit der Wissenschaft (BFW) reaktiviert werden? Wurde er zu früh aufgelöst? Er wurde 1970 in dem Bestreben gegründet, der praktizierten Intoleranz der Achtundsechziger entgegenzutreten. Der BFW verteidigte die Lehr- und Forschungsfreiheit bis 2015. Ob die Verteidigung der Freiheit der Wissenschaft erfüllt ist, «ist angesichts der jüngsten Vorfälle an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Universität Bremen fraglich».8 Wie sich zeigt, ist die Verteidigung der Freiheit der Wissenschaft eine immerwährende Notwendigkeit.
Im jahrelangen Schweigen war der Deutsche Hochschulverband (DHV) eine lobenswerte Ausnahme. «Wissenschaft ist ein grundsätzlich von Fremdbestimmung freier Bereich autonomer Verantwortung»9, daran hat der Verfassungsrichter und Göttinger Hochschullehrer Andreas Paulus auf dem diesjährigen Verbandstag des DHV in München erinnert. Wieder war es Heike Schmoll, die verschiedene Professoren zu Wort kommen lässt, die sich gegen Meinungsterror, Feigheit und Anbiederung an den Universitäten zur Wehr setzen. So fragte Professor Dr. Barbara Zehnpfennig: «Was haben wir zu verlieren? Wenn wir uns engagieren, nichts. Wenn wir geistigen Terror gewähren lassen, nicht weniger als die Grundlage unseres Wirkens.»10
Gut, dass diese Debatte in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Es sei daran erinnert, dass es vor allem eine einzige Redakteurin war, die sie durch ihre Gradlinigkeit, Hartnäckigkeit und Sachlichkeit in Gang gesetzt hat. Es ist ein schönes Beispiel, wie sich jeder einzelne für die Freiheit der Wissenschaft einsetzen kann.    •

1    «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vom 21.4.2017, S. 9
2    «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vom 27.4.2017, S. 9
3    https://www.wsws.org/de/articles/2017/03/28/babe-m28.html
4    «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vom 1.4.2017, S. 1
5    «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vom 5.4.2017, S. 6
6    «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vom 1.4.2017, S. 1
7    «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vom 7.4.2017, S. 11
8    «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vom 11.4.2017, S. 6
9    «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vom 12.4.2017, S. 4
10    «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vom 20.4.2017, S. 29