In schwierigen Zeiten einen menschlichen Standpunkt gewinnen

Was uns geschichtliche Erfahrung, Naturrecht, Anthropologie und Psychologie dazu zu sagen haben – eine Annäherung

von Moritz Nestor

Noch immer bedrohen Kriege, imperiale Ausbeutung und Hunger den Weltfrieden. Die atomare Verseuchung steigt und die (Atom-) Kriegsgefahr wächst. Die betrogenen Völker Europas haben das Vertrauen in Regierungen und Politik verloren, denn die Missachtung des Volkswillens durch die Politik-, Geld- und Machteliten hat ein unerträgliches und zynisches Ausmass angenommen. Bürgerkriegsähnliche Zustände drohen.

Aber – das ist nicht die ganze Welt. Nur ein kleiner Teil der Menschheit plant diese schrecklichen Dinge. Der weitaus grösste Teil aller Menschen auf unserem Planeten will und tut das nicht, im Gegenteil, die überwiegende Mehrheit aller Menschen will in Frieden leben, die Menschen gebären ihre Kinder aus Liebe und erziehen sie zu Anstand und Tüchtigkeit, in der Hoffnung, dass das Leben weitergehe. Und sie können oft kaum ihre Familien ernähren, die sie lieben. Sie arbeiten für das Leben, für die Zukunft ihrer Kinder, auch wenn sie es nicht gut haben. Und fern ist ihnen der Hass auf andere Nationen.

Keine Kriege ohne Propagierung falscher Theorien

Die Völker, die Menschen planen keine Kriege. Kein Volk fällt spontan bewaffnet über ein anderes her. Das «sogenannte Böse» ist nicht Teil der Menschennatur. Aber wir werden propagandamässig bearbeitet. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts sind über den Menschen derart viele und falsche Theorien in propagandistischer Absicht in Umlauf gebracht worden wie in der ganzen Menschheitsgeschichte zuvor nicht.1 Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde den europäischen Völkern täglich die Ehrfurcht vor der Globalisierung eingehämmert. Medienerzeugnisse aller Art priesen die Auflösung der Nationalstaaten und die Deregulierung der Märkte, und sie drängten uns: Wir müssten auf den Zug der Globalisierung aufspringen, sonst bestrafe uns die Geschichte. Gefälschte Geschichtswerke prahlten und prahlen mit dem kriegerischen Ruhm des «Kampfes gegen den Terror», mit der Verteidigung des Vaterlandes «am Hindukusch». Aus den Zentren der Massenmedien wurde unablässig das Lob des Sklavengehorsams gegenüber der Globalisierung gepredigt. Die akademischen Eliten und «Staatsphilosophen» weihten die Untertanen ein in die Kunst, im Krieg eine «humanitäre Intervention» zu sehen und in ihren Ohnmachtsgefühlen ein Schicksal, dass «die da oben halt machen, was sie wollen» – angeblich im Namen von Freiheit und Demokratie.

Der Mensch vermag Besseres – das ist realistische Hoffnung

Was aber tut wirklich not, wenn wir uns als Menschen dieser Zeit Gedanken machen und überlegen, was zu tun wäre?

In Friedrich Schillers Gedicht «Hoffnung» heisst es:

Es reden und träumen die Menschen viel
Von bessern künftigen Tagen,
Nach einem glücklichen goldenen Ziel
Sieht man sie rennen und jagen.
Die Welt wird alt und wird wieder jung,
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung!

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
Sie umflattert den fröhlichen Knaben,
Den Jüngling begeistert ihr Zauberschein,
Sie wird mit dem Greis nicht begraben-
Denn beschliesst er im Grabe den müden Lauf,
Noch am Grabe pflanzt er – die Hoffnung auf.

Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
Erzeugt im Gehirne des Toren;
Im Herzen kündet es laut sich an,
Zu was Besserm sind wir geboren!
Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht.

Wieviel Hoffnung auf einen gerechteren Neuanfang bewegte die Völker nach 1945 mit dem «Nie wieder Krieg»! Wieviel Hoffnung lag auf der Verkündung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948! Und wieviel Hoffnung lag auf der Proklamation der Uno-Charta und auf der internationalen Ächtung des Krieges seit dem Briand- Kellogg-Pakt vom August 1928 sowie auf dem nach 1945 immer weiter ausgebauten Humanitären und Internationalen Völkerrecht!

… aber Hoffnung ohne Einsicht verhindert neues Unrecht nicht

Und wie erschüttert mussten wir mitansehen, wie 1999 im Namen der Menschenrechte in Europa dort wieder gebombt wurde, wo einst die SS marschierte. Die vollkommene Verdrehung aller vernünftigen Begriffe, die völlige Verdrehung allen Natur- und Völkerrechts war (wieder) erreicht. Der Krieg wurde von der Propaganda zur «humanitären Intervention» erklärt. Man führte Krieg im Namen des Antifaschismus, Bomben fielen im Namen der Menschenrechte – gegen die «Hitler» auf dem Balkan, im Irak und sonstwo. Der Antifaschismus und der Schrecken von Auschwitz bekamen die Kraft, zu den Waffen zu rufen. Der Krieg wurde uns von «Staatsphilosophen» zum Geburtshelfer der am Horizont aufleuchtenden «Weltgesellschaft» erklärt und der despotische Zentralismus zur «Demokratie oberhalb der staatlichen Ebene» (Anthony Giddens). Und fast über Nacht verschwanden in der politischen Rhetorik die Unterschiede zwischen Rechts und Links, zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Die trotzkistisch dominierte Sozialistische Internationale erklärte sich zum «Dritten Weg» und verkündete, es gebe nur noch «die Globalisierung gestalten». Die konservativen und christlichen Parteien folgten ihnen.

Waren also alle Neuanfänge nach dem Zweiten Weltkrieg vergebens? Woher nehmen wir die Hoffnung, ohne die der Mensch nicht leben kann? Ohne «menschlichen Spielraum», wie es Annemarie Buchholz-Kaiser einmal nannte, können wir Menschen nicht mehr leben, wenn uns täglich Abgründe an Unmenschlichkeit den Atem zu rauben drohen.

Alles Leben will leben. Leben trägt in sich den Willen zum Leben – auch und gerade in Zeiten, die einen manchmal durchaus verzweifeln lassen können – und auch über den Tod hinaus auf einen fernen Punkt einer besseren Menschheit hin. Noch am Ende seines Lebens pflanzt der Bauer sein Apfelbäumchen, dessen Früchte nicht er, sondern die nächste Generation erst ernten wird. Und: «Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will», schrieb Albert Schweitzer.

Anthropologische Konstanten menschlichen Lebens

Als diese Menschen, die wir leben wollen, wissen wir auch, dass wir das Leben, dass wir das, was ein Mensch sein kann, was die Menschheit sein kann, nicht alleine verwirklichen können: Ohne liebende Eltern kann das Kind nicht Mensch werden. Am Du rankt sich das werdende Ich hoch zur Erwachsenengestalt. Ohne gegenseitige Hilfe und Solidarität können weder der einzelne noch die Familie, noch der Staat, noch die schützende Kultur, noch die ganze Menschheit in Frieden und Gerechtigkeit leben lernen. Es ist ein Ideal, das sich mit diesen Gedanken entfaltet: Wenn der Mensch sich die Menschheit denkt, als ob sie ewig wäre, dann gewinnt er einen neuen ethischen Standpunkt, den Alfred Adler «Gemeinschaftsgefühl» nannte: Ich weiss und fühle dann, dass ich Teil des grossen Geschichtsstroms bin, der durch mich hindurchgeht, von dem ich ein Teil bin. Die unendlich vielen Leistungen meiner Vorfahren haben mich empfangen, als ich zur Welt kam. Sie haben mir ins Leben geholfen. Ohne sie wäre ich nicht der, der ich bin. Also sehe und fühle ich eine grosse Dankbarkeit, zu der jeder Mensch von Natur aus fähig ist, dass ich etwas «zurückgeben» will: Es tun wie meine Vorfahren, die für mich etwas taten. Meinen Teil dazu beitragen, dass kommende Generationen «sub specie aeternitatis» es einmal besser haben sollen, auch wenn ich es nicht erleben werde. So, wie ich die Früchte der Samenkörner ernten durfte, die meine Vorfahren gelegt haben. In Ehrfurcht vor der Zeit, die es dazu gebraucht hat, weiss ich dann aber auch, dass wir uns nicht einbilden können, das schwerste Problem der Menschheit in einer Generation zu lösen: dass der Mensch sich besser versteht.

Der Massstab des Naturrechts: die unveräusserlichen Rechte aller

Ernst Bloch beginnt sein Buch «Naturrecht und menschliche Würde» mit den Sätzen: «Was rechtens sei? – darum kommt man nicht herum. Diese Frage lässt immer aufhorchen, sie drängt und richtet. Ein als naturrechtlich bezeichnetes Denken hat sich ihr gewidmet, grundsätzlich, nicht von Fall zu Fall. Und gleich wie man dazu stand, ablehnend oder unentschlossen: Das in ihm gemeinte, so abstrakt es vielfach war, konnte nicht gleichgültig gemacht werden. Wo alles veräusserlicht wurde, stechen unveräusserliche Rechte sonderlich heraus.»2

Das Naturrecht taucht hier bei Bloch von einer anderen Seite her auf: als «konkrete Utopie». Er hat es sogar einmal «docta spes» (die «gelehrte Hoffnung») genannt: Das kulturelle Schaffen der Menschen in allen Bereichen des Lebens und ihre historischen Erkenntnisse und Erfahrungen wirken auf uns Menschen wie eine reale Utopie: Zusammenarbeit, Solidarität und schliesslich «reale Demokratie» sind möglich.

Naturrecht ist auch Papier, auf dem für das Gedächtnis der Menschheit festgehalten wird, was der Menschen Recht sei. Die schriftlichen Zeugnisse aller Versuche, die es gegeben hat, aufzuschreiben, was der Menschen Recht vor und gegen jede blanke Macht ist, würden eine beeindruckende Bibliothek füllen, würde man versuchen wollen, sie an einem Ort zu sammeln.

Die Freiheit der Person macht die Würde des Menschen aus

Vor jeder Verschriftlichung aber und vor jeder Kodifizierung war und ist Naturrecht «Humanismus in Aktion», wie Ernst Bloch es nennt. Die «Etablierung des aufrechten Ganges […] ist ein Postulat aus dem Naturrecht».3 In diesem Sinne hat man die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 als Ausdruck des gewachsenen sittlich rechtlichen Bewusstseins der Menschheit bezeichnet. In diesem aus dem Protest gegen das Unrecht zweier Weltkriege und der gewaltigen Verachtung des Menschen durch die Despotien des zwanzigsten Jahrhunderts gewachsenen Rechtsbewusstsein steckt als überzeitliches und unwandelbares Element der Impuls des Willens zur Freiheit der Person – hier und überall und zu allen Zeiten. Und darin eingeschlossen die soziale Frage: «Dass weder menschliche Würde ohne ökonomische Befreiung möglich ist noch diese, jenseits von Unternehmern und Unternommenen jeder Art, ohne die Sache Menschenrechte.»

Die konkrete Freiheit der Person ist zu allen historischen Zeiten Ausgangspunkt und Ziel des spontanen Protestes der gequälten Kreatur gewesen. Wo sie verachtet und verletzt wurde, wurde sie zum Sprengsatz gegen die Macht der Obrigkeiten – getragen vom innerlich aufwühlenden protestierenden Gefühl der verletzten Menschlichkeit. Naturrecht war zu allen Zeiten Naturrecht «von unten» und immer auch gerichtet gegen die «Toleranzen» der Despotien aller Couleur. Dem «weil es mir beliebt», mit dem der absolutistische Ludwig XIV. seine Ordres unterschrieb, setzte das Naturrecht mit seinem spontanen Gefühl für die im Opfer geschändete Menschlichkeit ein absolutes Nein entgegen: Du sollst nicht töten.

Gerechtigkeit ist keine «reine Vernunft», kein blosser schöner Gedanke. Sie ist wohl auch Gedanke. Aber wahre lebendige Gerechtigkeit müssen die Menschen in ihrer historischen Zeit als Antwort auf empörende Rechtlosigkeit und Unterdrückung denken, erkennen und tun, sich entschliessen, mehr Gerechtigkeit zu verwirklichen. Aus der Empörung, zu der jeder Mensch fähig ist, begreift er, dass er angeborene Rechte besitzt, begreift er seine Gottesebenbildlichkeit, die ihn allen Menschen gleichwertig macht, seine natürliche Würde und Freiheit. Seine Vernunft und sein mitmenschliches Denken und Fühlen schärfen sich, und es drängt ihn ein unbändiger Entschluss zur Tat, ein Entschluss, der seine Festigkeit erhält aus der Empörung über das selbst erlittene oder andern zugefügte Unrecht.

Gerechtigkeit braucht unser Tun

Wahre, das heisst lebendige Gerechtigkeit ist also Produkt eines geschichtlichen Ringens, wo nötig Kampfes. Aber eines Kampfes, dem ein von Mitmenschlichkeit getragenes vernünftiges Denken und Wollen und ein Entschluss vorangeht. Weder gedankenloser Kampf – noch tatenloses Denken. So gesehen sind alle Rechte, welche die Kraft haben, eine Gesellschaft tatsächlich gerechter zu formen, das Produkt aller Versuche dieser Gesellschaft, das Miteinander ein Stück weit besser zu verwirklichen, und das heisst zu leben, was wir als Menschen sein können: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren, sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.» Das geht nur in Freiheit. Wir Menschen müssen die Möglichkeiten, die unsere menschliche Sozialnatur in sich birgt, immer besser erkennen und verwirklichen lernen. Das ist gelebte Souveränität. Ein Zusammenleben in realer Demokratie, in der die Menschenrechte sozial garantiert sind. Oder wie es Annemarie Buchholz-Kaiser 1989 formulierte:

«Mit dem, was Adler als Gemeinschaftsgefühl bezeichnet, das heisst die voll entwickelte Beziehungsfähigkeit von Mensch zu Mensch, hat der einzelne einen Massstab in der Hand, um die Auswirkungen seiner Handlungen für sich und den anderen Menschen zu prüfen und abzuwägen. Man solle dem Menschen auf die Hände schauen, nicht auf den Mund, hat Adler öfter gemahnt. An der Handlungsweise zeigt sich, wie weit der einzelne seine eigenen Anliegen auf gesunde Art wahrnehmen und sinnvoll verwirklichen sowie gleichzeitig das Wohl des anderen Menschen im Auge behalten kann. Stärkere soziale Durchbildung der Persönlichkeit, mehr Anteilnahme als ureigenstes Anliegen zu entwickeln, ist nur ein eigenständiges und freies Individuum in der Lage. Freiheit ist dabei ‹Conditio sine qua non›, das heisst unerlässliche Voraussetzung, ohne die es nicht geht. Die Annäherung an dieses Ziel der Persönlichkeitsbildung ist Inhalt des psychotherapeutischen Prozesses. Diese Persönlichkeitsbildung entsteht aber nicht von selbst, sondern nur, indem wir sie entwickeln, sie leben, indem wir sie tun: Das ist individualpsychologische Ethik und Moral.»4

Wie einen menschlichen Standpunkt gewinnen?

Dass das nötig ist, hat das Naturrecht seit der griechischen Antike immer wieder bewegt, gerade in Zeiten tiefster Ungerechtigkeit: Auf die Frage «Du glaubst, es höre der rohe […] Barbar, die Stimme der Wahrheit und der Menschlichkeit […]?» antwortet Iphigenie in Goethes gleichnamigem Schauspiel: «Es hört sie jeder, geboren unter jedem Himmel, dem des Lebens Quelle durch den Busen rein und ungehindert fliesst.»5

Wie können wir also einen menschlichen Standpunkt gewinnen?

Alle Menschen sehnen sich nach Frieden. Sie lieben den Frieden. Dass es möglich ist, in Frieden und Gerechtigkeit zu leben, zeigt die Geschichte vielfältig. Wir finden die Zeugnisse davon, und sie berühren uns und spornen uns an.

Aber: Die Geschichte zeigt uns auch, dass die blosse Friedensehnsucht nicht ausreicht. Aus dem Mitempfinden mit der gequälten Menschennatur, aus der Auflehnung des Gefühls für Recht und Gerechtigkeit hat die europäische Aufklärung zusammen mit dem Naturrecht, das drei Jahrhunderte davor heranreifte, das Modell des gewaltenteilenden Verfassungsstaates geschaffen, das dann im Modell der schweizerischen direkten Demokratie ein besonderes Kleinod hervorbringen sollte. Die Aufklärung setzte auf die Vernunft. Zu Recht. Wunderbares wurde durch die Vernunft möglich. Was nie zuvor denkbar war.

Aufklärung allein reicht nicht

Wenn das Volk aufgeklärt ist, so der Gedanke der Aufklärer, dass der Despot nicht von Gott gesandt ist, dann wird es lachen und sich befreien – genau das passierte nicht. Und auch da, wo wie in der Schweiz echte Demokratie zur Wirklichkeit wurde, sehen wir, dass Freiheit und Gerechtigkeit nicht automatisch bleiben, wenn sie einmal errungen sind.

Und zudem: Schreckliches hat der Menschenverstand angerichtet, wenn die Vernunft ohne Herz für den Menschen war.

Kant hat das Problem gesehen, als er 1784 in seinem berühmten Aufsatz «Was ist Aufklärung » schrieb: «Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.»6

Kant ahnt hier die psychologische Dimension: Warum fehlt der Mut? Warum fehlt die Entschlusskraft des Untertanen, von dem wir Aufgeklärten, gut gemeint, denken, er sollte doch eigentlich einsehen, dass es besser ist, wenn er frei lebt? Eine Antwort auf diese Frage war erst Späteren möglich.

Was personale Psychologie und Anthropologie beitragen können

Und das war der Grundgedanke von Alfred Adler, Friedrich Liebling, Annemarie Buchholz- Kaiser: Verstand allein reicht nicht. Rationalität und Wissenschaft haben wunderbare Dinge vollbracht. Erst wenn der Verstand vom mitmenschlichen Gefühl ergänzt ist, wird er zur Vernunft. Nur wenn die Menschen lernen, mitmenschlich zu denken, zu fühlen und zu handeln, bekommt der Wunsch nach Frieden einen Boden und ist nicht nur spontanes Gefühl, aber ohne zu wissen, wie das geschehen sollte.

Und auf die Frage, wie der Mensch mitmenschlich denken und fühlen lernt, haben die Individualpsychologie, die Neopsychoanalyse und Ich-Psychologie, die moderne Entwicklungspsychologie und die moderne Anthropologie eine überwältigende Fülle von Befunden und Erfahrungen geschaffen. Das zu verstehen, es zu erhalten, wo es möglich ist, und daran weiterzubauen ist die Aufgabe unserer Zeit: Ohne Psychologie geht es nicht. Wir müssen nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen: Der Wutbürger ist ebensowenig ein humaner Ausweg aus unserer «selbst verschuldeten Unmündigkeit» (Kant) wie die Hoffnung auf eiserne Besen und starke Männer oder Frauen, die endlich einmal «Ordnung» schaffen.

Schiller, Condorcet und andere waren entsetzt ob dem Entgleisen der Französischen Revolution und warnten, ohne den Grundgedanken «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» aus der ersten Phase der Revolution aufzugeben: Politische Freiheit ohne Auseinandersetzung um die Frage von Recht versus Macht, ohne Wissen um den sozialen Zusammenhang menschlichen Lebens ist trügerisch. Freiheit muss die unmittelbare und reale Möglichkeit sein, mitmenschlich existieren zu können. Humboldt verglich die Revolution daher mit einer Anatomievorlesung am lebenden Körper: «qu’il ne faut pas donner des leçons d’anatomie sur un corps vivant».7 Schiller, Goethe und die deutschen Humanisten wussten, dass die Bildung des mitmenschlichen Empfindungsvermögens das dringendste Bedürfnis der Zeit war, denn nur das vom Verstand bejahte und vom Gefühl geliebte Sittengesetz macht Freiheit und Moral möglich. Wenn der Mensch seine eigene Würde nicht fühlt, kann er sie auch nicht im anderen achten. Oder wie Schiller warnend schrieb: «Man wird in anderen Weltteilen in dem Neger die Menschheit ehren und in Europa sie in dem Denker schänden. Die alten Grundsätze werden bleiben, aber sie werden das Kleid des Jahrhunderts tragen […]».8

Dass reale Demokratie, dass Freiheit und Würde gelebt werden können, hat die Geschichte immer wieder gezeigt. Wo Menschen den Menschen und seine Natur besser verstanden haben, haben sie Verhältnisse schaffen helfen können, die friedlicher und gerechter waren. Das – und was dazu nötig ist – zeigen personale Psychologie und Anthropologie. Eine humane Politik ohne gelebte psychologisch-anthropologische Bildung ist ebenso gefährdet wie eine Psychologie, der die politische Dimension des menschlichen Zusammenlebens egal ist.

1 vgl. de Waal, Frans. Primaten und Philosophen. Wie die Evolution die Moral hervorbrachte. München 2008
2 Bloch, Ernst. Naturrecht und menschliche Würde. In: Gesamtausgabe, Bd. 6, S. 12
3 Bloch, Ernst. Naturrecht und menschliche Würde. In: Gesamtausgabe, Bd. 6, S. 13
4 Buchholz-Kaiser, Annemarie. Standortbestimmung. Zum Jahresbeginn1989. In: Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis VPM (Hrsg.). Jahresbericht 1988. Zürich 1989, S. 23
5 Goethe, Johann Wolfgang. Iphigenie auf Tauris, V, 3
6 Kant, Immanuel. Was ist Aufklärung? 1784, Kapitel 1
7 von Humboldt, Wilhelm: Brief an Friedrich Gentz vom August 1791. In: Briefe. Band 2: 1791-1795. Berlin/Boston 2015, Brief Nr. 206
8 Schiller, Friedrich. Über die ästhetische Erziehung des Menschen, 7. Brief, S. 30