Das alte Modell der Globalisierung ist obsolet

zf. Einer der europäischen Regierungschefs, die die Konferenz zur «Neuen Seidenstrasse» in Peking besuchten, war der Ministerpräsident von Ungarn, Victor Orbán. In Peking selbst äusserte er sich ausführlich in einem Interview mit dem chinesischen Fernsehen. Die folgende Pressemitteilung der ungarischen Regierung gibt wichtige Passagen seiner Interviewäusserungen in direkter oder indirekter Rede wieder.

Laut dem Premierminister [Victor Orbán] haben wir einen Scheitelpunkt zwischen historischen Zeitabschnitten erreicht: Das alte Modell für die Globalisierung – aufgebaut auf der Annahme, dass Geld, Profit und technologisches Know-how im Westen seien, «von wo sie in die weniger entwickelten, östlichen Länder» fliessen – hat seinen Schwung verloren.
Das [die alte Vorstellung] habe sich in den letzten Jahrzehnten verändert, sagte er, und vor allem in den letzten zehn Jahren: Der Maschinenraum der globalen Wirtschaft befindet sich nicht mehr im Westen, sondern im Osten. Genauer gesagt, «der Osten hat mit dem Westen gleichgezogen», erklärte er. Was den Stand ihrer technologischen Entwicklung betrifft, stehen die östlichen Unternehmen nicht mehr hinter dem Westen zurück, «vielmehr hat man die grössten Mengen an Geld in Asien akkumuliert», und «sie fliessen jetzt zurück in den Westen».
Was man in der ungarischen Wirtschaft auch sehen kann, fuhr der Premierminister fort, ist, dass im Laufe der letzten ein oder zwei Jahre grosse amerikanische und europäische Firmen von chinesischen Unternehmen aufgekauft worden sind, was zu einem steilen Anstieg der Zahl ungarischer Entwicklungsprojekte geführt hat, die nun in chinesischer Hand sind. Er fügte bei: «Diese Kapitalbewegung ist völlig verschieden von dem, was wir gewohnt gewesen sind, was man uns darüber gelehrt hat, wie die Weltwirtschaft funktioniert.»
Victor Orbán sprach auch über die Tatsache, dass ein grosser Teil der Welt auch deshalb genug von der alten Form von Globalisierung hat, weil sie die Welt in zwei Hälften aufteilte: Lehrer und Schüler. Es sei zunehmend abstossend geworden, sagte er, dass ein paar entwickelte Länder den Grossteil der Welt über Menschenrechte, Demokratie, Entwicklung und die Marktwirtschaft belehren wollen.
Aus diesem Grund hat China – das stärkste Land unter jenen, die davon genug hatten – Anstoss zu «einer anderen Bewegungsrichtung» gegeben, die es «One Belt, One Road» nannte, und die ausdrücklich auf gegenseitiger Akzeptanz aufbaut. «Da gibt es keinen Lehrer und keinen Schüler», und jeder hat das Recht auf seine eigene Gesellschaftsordnung, Kultur, Vorgehensweise und eigenen Werte, sagte er, indem er den Präsidenten von China zitierte.
Wir sollten nicht danach streben, einander zu ändern oder separate Allianzen zu bilden, sondern jeden so akzeptieren, wie er ist, und statt dessen diese Länder, Staaten und Wirtschaften verbinden, so der Premierminister.
Bezüglich seines wirtschaftlichen Gehalts sagte er, befasste sich das «One Belt, One Road»-Forum in Peking in erster Linie mit der Schaffung von Bedingungen für den Seehandel, den Bau von Eisenbahnlinien, Flughäfen und Brücken, mit der Entwicklung von Strassennetzen und einer modernen Verbindung der Völker, die entlang der ehemaligen Seidenstrasse leben.
Was seine bilateralen Gespräche während seines Pekingbesuches anbelangt, erklärte Orbán, dass er Gespräche mit dem chinesischen Staatsoberhaupt, mit dem Premierminister, dem Sprecher des Hauses und mit Investoren geführt habe und dass im Zuge dieser Treffen wichtige Abkommen geschlossen wurden – in erster Linie wirtschaftlicher und finanzieller Natur. Das «spektakulärste» dieser Abkommen, so der Premierminister [Orbán], ist die Modernisierung der Eisenbahnlinie von Budapest nach Belgrad, deren finanzielle Bedingungen ebenfalls besprochen wurden.
Das bedeutet, dass die öffentlichen Ausschreibungen für die Angebote bald bekannt gemacht werden und die Bauarbeiten am Projekt beginnen können. Darüber hinaus, sagte er, sei ein Abkommen mit der China Exim Bank und der Ungarischen Entwicklungsbank abgeschlossen worden, mit dem chinesisches Kapital zur Unterstützung von kleinen und mittleren Unternehmen in Ungarn und für chinesische Unternehmen, die in Ungarn investieren, bereitgestellt wird.
Der Premierminister sagte, die bilateralen Gespräche hätten daher zu erfolgreichen Abkommen zur Schaffung zahlreicher Arbeitsplätze und zu grossem Nutzen für die Volkswirtschaft geführt.    •

Quelle: http://www.miniszterelnok.hu/the-old-globalisation-model-is-obsolete/

(Übersetzung Zeit-Fragen)