Eine Studienreise nach Burkina Faso

Entwicklung und Zusammenarbeit mit einem westafrikanischen Land

von Rosi und Claude Dougoud

Im Februar hatten wir die Gelegenheit, mit dem Hilfswerk Yam Pouiré, das heisst auf Mooré: «Teilen von Gedanken, Kenntnissen und Weisheit» (siehe Kasten), in Burkina Faso Projekte zu besuchen. Dabei haben wir afrikanische Familien in ihren Dörfern mit ihren Schulen und ihrer Art der Landwirtschaft kennengelernt und haben vieles erfahren. Dabei wurde unsere Hoffnung, dass solche Projekte hungerleidende, verarmte Völker in der Sahelzone aus der Misere helfen könnten, bestärkt.

Frauen graben Steine zum Bau von Diguettes aus. (Bild cd)

Burkina Faso – «Land der aufrichtigen Menschen»

Burkina Faso ist eines der ärmsten Länder Afrikas. Es liegt am Nullmeridian in West-Afrika nördlich des Äquators. Mit einer Fläche von 274 200 km2 ist es siebenmal grösser als die Schweiz. Das Land zählt 19 Millionen Einwohner.
Burkina Faso hat Anteile an der Gross­landschaft Sudan und der Sahelzone. Es ist geprägt durch tropisches Wechselklima und verschiedenartige Savannenlandschaften. Die Temperaturen liegen über das ganze Jahr zwischen 25 und 45 Grad. Während einer kurzen Regenzeit können die Bauern mit Mühe das einheimische Getreide Mil, eine Hirsesorte, anbauen. Die verheerende Trockenheit in den 1970er und 1980er Jahren hat besonders den Norden des Landes ausgetrocknet, dies mit verheerenden Folgen wie Hunger und Armut und unsäglichem Leiden der Bevölkerung. Der Boden war vorher sehr fruchtbar, und grünende Landschaften prägten die Region. Dies erfuhren wir von einem Dorfältesten.
In den meisten Monaten fallen keine Niederschläge. In einer kurzen dreimonatigen Regenzeit gibt es sintflutartige Regen mit bis zu 60 mm Niederschlag pro Stunde. Regelmässig wiederkehrende Dürreperioden sorgten oft für grosse Not der hauptsächlich als Bauern lebenden Bevölkerung.
Etwa die Hälfte der Burkinabe zählt zur grössten Ethnie der Mossi, die bis zur Kolonialisierung durch Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts in mehreren Königreichen lebten. In Burkina Faso werden etwa 60 einheimische Sprachen gesprochen. Der Islam ist neben den traditionellen Glaubensvorstellungen und dem Christentum die meistpraktizierte Religion.

Zivilgesellschaft schützt die Demokratie

Burkina Faso zeichnet sich durch kulturelle Vielfalt der friedlich zusammenlebenden Ethnien und eine gewisse Stabilität aus. Seit dem 5. August 1960 ist Burkina Faso eine unabhängige Republik. Von 1987–2014 regierte Präsident Blaise Compaoré 27 Jahre das Land auf autoritäre Art und Weise. 2014 wollte er, dass die Verfassung geändert werde, um eine 5. Amtszeit anhängen zu können. In einer grossen Demonstration aus der Zivilgesellschaft wurde das Parlament daran gehindert, die Verfassung zu ändern, und Compaoré musste das Land verlassen. Auch die darauffolgende Militärregierung konnte sich nicht halten, weil sich die Menschen auf der Strasse dagegen wehrten.
Am 29. November 2015 wurde Roch Marc Kaboré in freien Wahlen als Präsident gewählt. Von einem Vertreter aus der Zivilgesellschaft in Kongo-Kinshasa haben wir erfahren, dass viele Länder Afrikas und insbesondere deren Zivilgesellschaften den unblutigen Aufstand in Burkina Faso als Vorbild nehmen. Die Bürger in Burkina Faso sind sehr stolz auf ihre wiedererrungene Demokratie. Als wir jeweils an dem Place de Nation vorbeifuhren, erklärten sie uns, dass die Bevölkerung den Platz jetzt Place de Révolution nennt in Gedanken an den friedlichen Übergang zur Demokratie.
Burkina Faso hat trotz bitterer Armut einen grossen Vorteil. Es verfügt nicht über Bodenschätze und ist auch sonst geostrategisch uninteressant. Aus diesen Gründen besteht die Hoffnung, dass das Land sich durch Mut, Willen und Fleiss weiterhin in Frieden entwickeln kann.

Erste Eindrücke

Auf Einladung von Yam Pouiré und deren Präsidentin Monique Raemy haben wir zum erstenmal Afrika bereist. Bereits die Ankunft in Ouagadougou war eindrucksvoll. Wir trafen auf eine pulsierende Stadt voller Leben. Auffallend viele Motorräder zirkulierten in den Strassen. Die Menschen sind sehr erfinderisch in der Art, wie sie allerlei auf ihren Fahrzeugen transportieren können. An den Strassenrändern wurde an überwiegend ärmlichen Ständen alles Erdenkliche feilgeboten. Fliegende Händler sind überall präsent. Vor allem die Frauen fallen mit ihren farbenfrohen Kleidern auf. Die Hauptstadt hat mit dem Problem der Luftverschmutzung zu kämpfen.

Zusammenarbeit von Yam Pouiré mit ­Organisationen aus Burkina Faso

Das beschriebene Elend und die Armut erlebte das Ehepaar Raemy, Begründer von Yam Pouiré, anlässlich einer Urlaubsreise. Es liess sie nicht mehr los. Das Hilfswerk und langjährige freundschaftliche Beziehungen mit Helfern vor Ort sind daraus entstanden. Yam Pouiré arbeitet hauptsächlich mit zwei Hilfsorganisationen aus Burkina Faso zusammen. Dies sind ASFUD Association Song Taaba in den Dörfern Songpelsé und Taonsgho in der Nähe der Hauptstadt Ouagadougou und Burkina Vert im Norden.
Viele Bauern in unzähligen Dörfern konnten dank der Hilfe über die Jahre ihr Schicksal selber in die Hand nehmen und Schritte aus der Armut machen. Wieviel Würde ihnen dies zurückgab, werden wir an einigen Beispielen erläutern.
Im ersten von uns besuchten Dorf Balonghin bedankten sich die Bewohner für die Hilfe aus der Schweiz und für unser Kommen herzlich. Über einen kleinen lokalen Verein konnte das Dorf Brunnen ausheben und befestigen, ein Gesundheitszentrum eröffnen und aktuell eine Apotheke einrichten. Als Dank für das Gesundheitszentrum hat der Staat ein Geburtshaus finanziert.
Das Dorf hatte in den letzten Jahren auch Kühe erhalten. Ein Bauer bedankte sich in einer Rede und präsentierte uns stolz seine zwei Kühe. Die Kälber wurden jeweils über die Jahre anderen Familien im Dorf weitergegeben. So entstand eine Herde, die auch für den Dünger sehr wichtig ist. Freudig wurden uns Hühner als Geschenke der Dankbarkeit überreicht.
Tiere sind für die Landwirtschaft von grosser Bedeutung. Die Dörfer halten neben Kühen noch Ziegen und Schafe. Diese liefern willkommenen Dünger für die Erde. Die Grünabfälle werden kompostiert.
Auch bei der Errichtung von Schulen ist Yam Pouiré behilflich. Wir haben im Norden Klassenzimmer mit über 60 Schülern (!) gesehen. Die Familien sind froh und stolz, dass ihre Kinder die Schule besuchen können. Wichtig ist der Schulgarten, wo die Schülerinnen und Schüler Gemüse anbauen lernen. Dieses wird in der Schulküche gebraucht. Schülerinnen sangen mit ihren Lehrerinnen ein freundschaftliches Willkommenslied und zeigten einen afrikanischen Ritualtanz.

Humanitäre Tradition

In der Schweiz haben die humanitäre Hilfe und die Entwicklungshilfe Tradition. Viele Gemeinden und Kirchen unterstützen jedes Jahr verschiedene Projekte im In- und Ausland. Auch viele Bürgerinnen und Bürger sind grosszügige Spender.
Die Unterstützung von Yam Pouiré erfolgt nur, wenn ein Dorf ein Gesuch an den Partner vor Ort Burkina Vert oder an ASFUD stellt, sein Anliegen begründet und die Eigenleistungen angibt. Das Gesuch wird dann schriftlich an Yam Pouiré weitergeleitet.

Durch Diguettes: Rückgewinnung unfruchtbar gewordener Böden

Ein von Wangen-Brüttisellen, einer Gemeinde im Kanton Zürich, mitfinanziertes Projekt sieht so aus: Der starke Wasserfluss in der Regenzeit wird durch Diguettes, auch Steinbänder genannt, gebremst. Dabei wird der Erosion entgegengewirkt. Der Ort und die Ausrichtung der Diguettes wird in Kooperation zwischen den Dorfbewohnern und den Beratern von Burkina Vert festgelegt. Hinter den Diguettes werden versetzt angeordnete Halbmonde oder zais (Pflanzlöcher), gefüllt mit Kompost, angelegt. Nun kann mil oder sorgho (zwei Hirsearten) angepflanzt werden, ohne dass die jungen Pflanzen vom Wasser wieder herausgespült werden. Die Diguettes werden mit dem Süssgras Andropogon verstärkt. Dieses wird z.B. auch zum Flechten von Matten und diese wiederum zum Hüttenbau gebraucht. Die Diguettes werden jedes Jahr wieder instand gesetzt, damit die Bremswirkung erhalten bleibt. Nach einem oder zwei Jahren ist das so behandelte Land für Kulturen dauerhaft zurückgewonnen. In den letzten fünf Jahren konnten Dörfer mit Hilfe von Burkina Vert 360 Hektaren unfruchtbares Land wieder fruchtbar machen.
Die Frauen graben die benötigten Steine dank Strahlstöcken aus und bringen die Steine auf dem Kopf getragen oder in Schubkarren zum Lastwagen. Dieser bringt sie auf das vorgesehene Landstück in ihrem Dorf. Für grössere Strecken werden Schubkarren zum Transport der Steine zum Lastwagen verwendet. Die Männer legen die Diguettes fachmännisch an. Die Strahlstöcke und Schubkarren und die Lastwagenmiete sind von der Gemeinde finanziert worden. Ein Projekt wird ein Jahr lang technisch von Burkina Vert begleitet.

Erhöhung des Grundwasserspiegels

Mit Hilfe von Diguettes – Wasserrückhalte-Dämmchen – können die Dorfgemeinschaften mehr Fläche bebauen und höhere Getreideerträge gewinnen. Die Böden werden wieder instand gesetzt, und die Bodenfruchtbarkeit wird erhöht. Die Dämmchen haben die Wirkung, dass das Wasser der Regenzeit gebremst und geleitet wird und gezielt versickern kann. Ein wichtiger Effekt ist zudem, dass der Grundwasserspiegel jedes Jahr steigt. Bei steigendem Grundwasserspiegel können Brunnen leichter gebohrt werden. Dies machen die Bewohner selbst. Yam Pouiré finanziert den Zement, damit die Brunnen sicher, stabil und sauber gehalten werden können. Das Wasser aus den Brunnen ist die Voraussetzung, um Gemüsefelder anlegen und unterhalten zu können. Es bringt Vielfalt in die Ernährung, die auch zu einer Verbesserung der Gesundheit der Menschen führt. Es macht sie selbstbewusst und stolz, dass sie sich selber und ihre Kinder versorgen können. Ein Leiter von Burkina Vert äusserte einmal treffend, «dass die Erde nie lüge», sondern «sie gebe uns viel, wir müssten hart dafür arbeiten». Überschüsse können die Bauern auf dem heimischen Markt verkaufen, in die Hauptstadt liefern und teilweise in die Nachbarländer exportieren. Indem der Verein Burkina Vert in genossenschaftlicher Art und Weise sowohl das Saatgut für alle Bauern in den Dörfern zentral einkauft als auch den Verkauf übernimmt, bleibt den Dörfern ein schöner Gewinn. Diesen brauchen sie dringend, um Kleider sowie Bildungs- und Gesundheitskosten bezahlen zu können.
Da der Grundwasserspiegel in vielen Dörfern stark gestiegen ist, können die Bauern Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten, Salatgurken, Salate, Bohnen, Paprika, Peperoni, Petersilie, Zuchetti, Kohl, Knoblauch und einheimische Gemüsesorten anbauen. Wenn genügend Wasser vorhanden ist, gedeihen Papaya- und Mangobäume prächtig.

Getreidemühlen und Getreidebanken

In einem weiteren Dorf erzählte uns die Sprecherin der Frauen, dass sie auf Grund der Nachricht, eine Mühle zu bekommen, vor Freude nicht mehr schlafen konnten und die ganze Nacht tanzten. Sie organisierten eine Einweihungsfeier, bei der Monique Raemy ein Band durchschnitt. Danach tanzten die Frauen des Dorfes als Dank einen Ritualtanz. Die Lebensfreude war ansteckend und berührend. Ohne Mühle mussten die Bewohner bisher lange Märsche zur nächsten Mühle unter die Füsse nehmen. Eine Mühle bringt für die Menschen eine enorme Verbesserung der Lebensverhältnisse.
Ein weiterer wichtiger Beitrag Yam Pouirés ist die Finanzierung von Zement zur Bereitstellung von Getreidespeichern. Diese ermöglichen den Bauern eine sichere, fachgerechte Vorratslagerung, um in knappen Zeiten auf die Reserven zurückgreifen zu können. Andernfalls müssten sie teuer das Getreide auf dem «freien» Markt einkaufen.

Ritualtanz anlässlich der Einweihung einer Getreidemühle. (Bild cd)

Zusammenarbeit, Freundschaft und Entwicklung

Die Reise in Burkina Faso war faszinierend. Die Menschen haben uns sehr beeindruckt durch ihre Herzlichkeit, ihre offene Art, ihre Tüchtigkeit bei der Arbeit und ihren Humor. Mit den Helfern vor Ort wuchs in den kurzen Tagen Freundschaft. Es fanden viele interessante Gespräche statt. Wir kehrten mit vielen eindrücklichen Erinnerungen in die Schweiz zurück. Wir haben in den zwölf Tagen viel gelernt.
Besonders berührt hat uns die Art und Weise, wie die afrikanischen Helfer mit den Dorfbewohnern in Kontakt traten. Wir spürten die gegenseitige Hochachtung und den Respekt für die Arbeit des anderen.
Wir konnten auch die Wichtigkeit des UN-Weltagrarberichts aus dem Jahre 2008 für alle Länder, insbesondere für arme Länder wie Burkina Faso, nachvollziehen. Wir haben gesehen, wie sich die von uns besuchten Dörfer mit ihren Kleinbauern entwickeln können. Dieser kleinräumigen Landwirtschaft gehört die Zukunft. Dabei helfen viele Organisationen bei der Aufforstung, der Bewässerung und vielem mehr mit. Diesen unzähligen Helfern gilt unser herzlicher Dank.
Jede Spende an Yam Pouiré erreicht unserer Ansicht nach direkt die Menschen in Burkina Faso, die sie dringend brauchen, aber auch umsichtig damit umgehen und erstaunlich viel daraus machen.    •

Spenden für Yam Pouiré:

Konto: CH96 0688 8016 2011 3481 0,
Yam Pouiré c/o Monique Raemy, Postfach,
8602 Wangen b. Dübendorf,
Bezirkssparkasse Uster

Yam Pouiré – «Teilen von Gedanken, Kenntnissen und Weisheit»

«Der Name drückt exakt das aus, was wir anstreben: eine kontinuierliche und auf gegenseitigem Vertrauen basierende Zusammenarbeit mit der einheimischen Bevölkerung im Hinblick auf eine dauerhafte Entwicklung, welche den tatsächlichen Bedürfnissen vor Ort entspricht.
Der Verein ist politisch und konfessionell unabhängig und orientiert sich an der Ethik von Albert Schweitzer. Er unterstützt bereits bestehende, kleine lokale Organisationen für Kinder und Erwachsene in Burkina Faso.
Die langjährige ergiebige Partnerschaft mit den Bauern des Vereins Burkina Vert, der im Norden des Landes tätig ist, und die beständige Verbundenheit mit drei unabhängigen Dörfern und mit der Frauenorganisation Song Taaba im Zentrum des Landes prägen den Grossteil unserer Aktivitäten in Burkina Faso.
Die Grundidee ist, sich nicht in möglichst vielen Dörfern zu verzetteln, sondern mit Hilfe von ganzheitlichen Projekten bestimmte Dörfer gezielt zu unterstützen. Dabei ist es wichtig, dass die Dorfbewohner selber ausdrücken, was sie brauchen, und auch die Umsetzung der Projekte an die Hand nehmen.
Die Hilfe zur Selbsthilfe und zu einer stetigen Entwicklung, welche auf Selbstversorgung und wirtschaftliche Unabhängigkeit abzielt, ist das beste Mittel, um die Existenzgrundlagen eines Dorfes zu stärken und die Abwanderung der Jungen in die grossen Städte zu bekämpfen.» (zitiert aus: www.yampouiré.org).