Lesen – ein Königsweg zur Gemütsbildung

von Brigitte von Bergen und Dr. Peter Küpfer

An der Leipziger Buchmesse hatten wir die Gelegenheit, «Mein liebstes Lesebuch» aus dem Verlag Zeit-Fragen vorzustellen. Das Lesebuch ist auf der Suche nach ansprechenden Texten aus der Lebenswirklichkeit für Kinder entstanden. Die Texte stärken die Lesemotivation durch Vorlesen oder als erste Geschichten zum Selberlesen für etwa achtjährige Kinder. Einige Lehrer haben gemütsbildende Texte gesucht und auch neu geschrieben.

Wozu ein Lesebuch?

Lesen ist eine elementare Kulturtechnik. Kinder lernen es in der Schule. Dieses Lesebuch ist für Zweitklässler, also für achtjährige Kinder geschrieben. Die Geschichten tragen zur Gemütsbildung des Kindes bei. Das Vorstellungs- und Einfühlungsvermögen wird beim Lesen der Geschichten entwickelt wie bei keinem anderen Medium. Insbesondere das Lesen menschlich ansprechender Texte ist gerade in der heutigen Zeit elementar, wo die Mainstream-Medien den Kindern die Menschen oft als reissende Bestien vorführen.
Spannend sind für ein Kind nicht Gespenster oder Kriminelle. Spannend ist die Einführung ins wirkliche Leben. Spannend ist vor allem, die Welt aus den Augen eines anderen Menschen zu erleben. Ein Beispiel: Die kleine Geschichte «Der Grossmutter geht es gut» lässt das Kind sich bei der Grossmutter einfühlen. Ihr ist es nicht langweilig, wenn sie nicht mehr herumrennen kann wie die Kinder? Warum geht es ihr wohl gut, obwohl sie so alt ist? Das ist eine Frage, über die der Enkel nachdenkt. Sie strickt so gerne Pullover, liest die Zeitung und erzählt so lebendige Geschichten. Da entsteht Beziehung, ein Lebenselixier nicht nur für Kinder.

Der Freund: eine kleine Geschichte

Reto kann etwas besser und etwas anderes schlechter als sein Freund. Beide mögen sich, so wie sie sind. Im wertschätzenden Ton lernen Kinder beim Lesen, dass Menschen verschieden sind und dass ihre Verschiedenheit verbindet, nicht trennt: «Reto ist mein bester Freund».
Warum lesen und nicht nur hören oder sehen? Lesen wirklichkeitsbezogener und menschlich ansprechender Texte ist gerade heute grundlegend. Kinder und Jugendliche, welche solche Texte lesen, in denen sie sich selber erkennen können, erleben ein Stück Welt mit den Augen eines anderen Menschen. Sie machen sich ihre eigenen Bilder über das Gelesene, sie fühlen sich in die gelesene Geschichte ein. Die Grundfähigkeit zur Vorstellung und zur Identifikation bringt jedes Kind mit auf die Welt. Sie entsteht in der Beziehung zur Mutter und wird durch verlässliche Beziehungspersonen weiter ausgebildet. Sobald das Kind lesen kann, beginnt ein unschätzbares Training, sich in andere Menschen und in andere Sichtweisen der Welt zu versenken.
Eine optimistische, wohlwollend geschriebene Geschichte, die zur positiven Identifikation einlädt, ist für die Gemütsbildung und die Entwicklung des Verstandes förderlich, insbesondere für heranwachsende Menschen grundlegend wichtig.
Ganz im Unterschied zum Film, zu Videos, auch zu Comics: Diese Bilder rieseln auf das Kind ein und entwerten es zum passiven Konsumenten. Es kommen vorgefertigte, oft ängstigende oder negative Fertigbilder in den Kopf des Kindes. Was richten sie dort an? Oft leider nichts Gutes. Und was das Wichtigste ist: Dauerkonsum fertiger Bilder verunmöglicht das Training, aus Texten entsprechende Vorstellungen oder Bilder zu kreieren. Das ist ein grosser Verlust.
Denn bei einem erzählenden und schildernden Text muss ja jedes vorkommende Ereignis, alles Geschehen, jede Gemütsbewegung von der Leserin und dem Leser nachvollzogen, imaginiert, ausgemalt und mitvollzogen werden. Die daraus resultierende Reifung des Einfühlungsvermögens ist nicht nur eine intellektuelle, sie ist auch eine emotionale Leistung. Vor allem ist es ein aktiver Prozess zur Ausbildung des Gehirns, des Gefühls und des Vorstellungsvermögens.
Wo dieses Elementartraining der eigenen Gemütsbildung gepflegt und geschult wird, finden wirkliches Verständnis, echte Toleranz anderen Menschen gegenüber einen günstigen Boden. Die Schule, die Eltern, auch die Grosseltern und unsere Kulturöffentlichkeit sind gefordert.
Lesen hat einen viel umfassenderen Wert als die aktuell viel zitierte Medienkompetenz. Es kann nicht nur um ein Ankreuzen von falschen oder richtigen Informationen aus einem Text gehen. Lesen heisst den ganzen Menschen ansprechen, seinen Standpunkt innerhalb der Familie oder der Gemeinschaft sehen. Es geht dabei um die Bildung junger Menschen. Dabei ist es zentral, vor welchem Menschenbild die Bilder entstehen, mit denen unsere Kinder konfrontiert werden. Sind sie optimistisch, aufbauend, in echtem Sinne tolerant? Dann unterstützen sie die Bildung zum menschlichen Miteinander und zum Lebensmut. Oder sind sie destruktiv, angsterregend, nörgelnd, oberflächlich und exzentrisch? Dann tragen sie zum Gegenteil bei. Es gehört zur kulturellen Pflege des Nachwuchses, hier gerade bei Texten für Kinder und Jugendliche sehr sorgfältig auszulesen. In der heutigen Zeit überwiegen leider destruktive Texte. Wir müssen uns deshalb alle dafür einsetzen, dass wir unserer Jugend wieder menschlich ansprechende und aufbauende Texte zur Verfügung stellen. Das beginnt schon im ersten Lesealter.    •

Der Grossmutter geht es gut

nach Elisabeth Lenhardt

Auf der Terrasse vor dem Haus sitzt die Grossmutter in der Sonne. Die Leute aus dem Quartier, die vorübergehen, rufen ihr einen Gruss zu und fragen: «Wie geht es?» Und immer antwortet die Grossmutter: «Danke, mir geht es gut.»
Peter wundert sich, wenn er das hört. Die Grossmuter kann ja kaum mehr gehen. Sie hat eine Gehhilfe. Die Beine mögen sie nicht mehr recht tragen, und der Rücken ist nicht mehr gerade. «Das sind die Jahre», sagt die Grossmutter und lächelt. «Mehr als achtzig Jahre liegen auf meinem Rücken. Was denkst du, Peter, das ist eine Last.»
Peter fragt: «Oma, ist es dir nicht langweilig?» Aber die Grossmutter schüttelt den Kopf: «Ich kann doch noch stricken und die Zeitung lesen.»
Das ist wahr. Immer strickt die Grossmutter. Alle Pullover, die Peter trägt, hat sie gestrickt.
Aber Peter denkt: Ich möchte nicht immer so herumsitzen. Er springt durch den Garten. Er muss spüren, wie seine Beine lebendig sind, und hüpfen und rennen können.
Grossmutter schaut ihm zu. Sie errät seine Gedanken und sagt: «Als ich noch klein war wie du, sprang ich auch hin zu allen Dingen. Als ich so alt war wie deine Mutter, arbeitete ich im Haus und auf dem Feld. Jetzt kann ich nicht mehr arbeiten wie früher. Dafür denke ich an alles, was mir begegnet ist und was einmal durch meine Hände gegangen ist. Ich habe Zeit, die Geschichten zu erinnern.»
Peter nickt, er kann das verstehen. Niemand weiss so schöne Geschichten wie die Grossmutter. Geschichten von Blumen und Steinen, von Menschen und Tieren. Er hört ihr so gerne zu.

Aus: «Mein liebstes Lesebuch», S. 35f.

Mein Freund

Mein Freund heisst Reto.
Er ist kleiner als ich,
aber er kann sehr schnell rennen.
Reto hat lustige dunkle Augen.
Seine Haare sind braun und lockig.
In der Schule sitzt er neben mir.
Er ist sehr nett.
Reto kann gut singen.
Er ist der beste Sänger in unserer Klasse.
Aber etwas kann er noch besser: pfeifen!
Reto rechnet nicht besonders gerne.
Ich helfe ihm oft bei den Hausaufgaben.
Wir üben auch zusammen das Diktat.
Retos Vater hat eine Gärtnerei.
Reto ist oft beim Vater und hilft mit.
Manchmal ist er auch im Laden
und bringt etwas für die Kunden.
Reto ist mein bester Freund.

Aus: «Mein liebstes Lesebuch», S. 16