Speisen und Diplomatie

von Sabine Vuilleumier

Seit Oktober 2014 amtet Martin Dahinden als Botschafter der Schweiz in Washington. Neben vielen anderen Aufgaben em­p­fängt er gemeinsam mit seiner Ehefrau an rund 400 kulinarisch begleiteten Anlässen pro Jahr bis zu 4000 Gäste in seiner Residenz. Diese Empfänge bieten ihm willkommene Gelegenheiten, die Stärken und Eigenschaften seines Landes anhand von Speisen und den damit verbundenen Personen und geschichtlichen Ereignissen darzulegen. Auf Einladung des Europa Institutes stellte er diesen Teil seiner Arbeit und sein 2016 erschienenes Buch «Schweizer Küchengeheimnisse» dem interessierten Publikum an der Universität Zürich vor.1

Essen und Kulinarik haben in der Gestaltung diplomatischer Beziehungen schon immer eine grosse Rolle gespielt. Gemeinsame Essen bieten einen Rahmen für den Austausch von Informationen und Verhandlungen, können aber auch selbst Inhalte ausdrücken und eine Form der Kommunikation sein. Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts dominierte die klassische französische Küche in der Welt der Diplomatie, seither sind nationale Küchen wichtiger geworden. «Dieser Wandel ist ein Ausdruck der Gleichberechtigung, der Souveränität aller Staaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg völkerrechtlich verankert worden ist.»2 Das Essen sei in den internationalen Beziehungen zu einem souveränen Auftritt im doppelten Sinn des Wortes geworden.

Begrenzung persönlicher Macht

Als typisch schweizerisch erachtete Speisen wie Bratwürste, Raclette, Zürcher Geschnetzeltes sagen vieles über unser Land und seine Bevölkerung aus: Sie sind einfach, sie kommen ohne Schnörkel daher, ganz im Geiste der schweizerischen politischen Kultur sind sie auch allen Leuten zugänglich. Martin Dahinden bezweifelt aber, dass diese Speisen zeigen, dass die Schweiz eines der am meisten globalisierten Länder ist, ein wirtschaftliches und wissenschaftliches «Power-Haus» und eines der innovativsten Länder auf unserem Planeten. In 30 «kulinarischen Geschichten» würdigt er deshalb in seinem Buch Schweizer Persönlichkeiten, Köche, Bäcker und Gastronomen. Dazu gehören der bedeutendste Koch der Renaissance, die erste Frau, die je ein Kochbuch schrieb, das tragische Schicksal eines Mannes, der für den Sonnenkönig prunkvolle Festtafeln arrangierte, sowie Pioniere der Hotellerie und der industriellen Nahrungsproduktion.
Dahinden stiess im Laufe seiner Forschungen auf viele brillante Köpfe, die heute jedoch weitgehend vergessen sind. Dies hänge möglicherweise auch mit der republikanischen Tugend zusammen, herausragenden Persönlichkeiten zu misstrauen und sie mit Vergessen zu bestrafen. Die Begrenzung persönlicher Macht sei seit je ein wichtiges Motiv des eidgenössischen Staatsverständnisses.

Esskultur als Ausdruck des Föderalismus

Botschafter Dahinden stellte sich die Frage, weshalb trotz all der beschriebenen kulinarischen Leistungen, der Entdeckungen und des Erfindungsreichtums von herausragenden Köchen keine grosse schweizerische Küche entstanden sei. Da er auf diese Frage nirgends eine Antwort fand, legte er sich eine eigene zurecht: Küche und Esskultur seien Ausdruck politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Verhältnisse. «Die föderale Schweiz, ein Gebilde selbständiger kleiner Staatswesen, strebte nicht nach einem Machtzentrum und einem geographischen Zentrum. Die Tagsatzungen der alten Eidgenossenschaft fanden an wechselnden Orten statt, eine zentrale Verwaltung mit festem Sitz entstand erst mit der Gründung des modernen Bundesstaates. Bis heute hat die Schweiz keine Hauptstadt, sondern lediglich eine Bundesstadt, also einen Sitz der wichtigen Institutionen des Bundes.» (S. 161) und: «Eine nationale schweizerische Küche stünde im Widerspruch zum Wesen und der gesellschaftlichen Wirklichkeit des Landes. Gerade weil sich die Akteure der schweizerischen Kochkunst durch keine Nationalküche beschränken lassen mussten, leisteten sie einen erstaunlichen Beitrag zur kulinarischen Weltgeschichte. Bis heute.»
Auf aktuelle Herausforderungen in seiner Arbeit als Botschafter in den USA angesprochen, nannte Dahinden die Datensicherheit. Sicherzustellen, dass sie kommunzieren könnten, ohne abgehört zu werden, sei sehr anspruchsvoll. Wolle man in bezug auf die neue Administration wissen, was diese wirklich plane, müsse man sich stärker als bisher auf Fakten wie den Budgetentwurf oder Rechtserlasse abstützen; es gebe grosse Widersprüche zwischen dem, was kommuniziert werde, und dem konkreten Handeln. Seine Aufgabe als Botschafter sei es aber wie zuvor, mit einer langfristigen Perspektive auch zu der neuen Administration eine gute Beziehung aufzubauen, um die wirtschaftlichen Interessen der Schweiz und das Ziel einer fruchtbaren wissenschaftlichen Zusammenarbeit erreichen zu können.
Martin Dahinden gelingt es mit den Ausführungen in seinem Buch, politische, gesellschaftliche und kulturelle Eigenschaften der Schweiz zu vermitteln – ganz im Sinne eines guten Botschafters seines Landes. Das gehaltvolle, lebendig geschriebene Buch ist zur Lektüre zu empfehlen.    •

1     Dahinden, Martin. Schweizer Küchengeheimnisse. Nagel & Kimche 2016.
2    www.eiz.uzh.ch/vortraege/oeffentliche-vortraege/  (Film des Referates an der Universität Zürich vom 29.5.2017)

Martin Dahinden, geb. 1955, studierte an der Universität Zürich Wirtschaftswissenschaften und Geschichte. Seit 1987 im diplomatischen Dienst arbeitete er in Genf, Paris, Lagos, New York, Brüssel und Bern und leitete das Genfer Minenzentrum sowie von 2008 –2014 die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA).

Auszug aus dem Buch:

«Helvetia: Die Mutter der Nation als kulinarische Inspiration. Die Figur der Helvetia personifiziert die Schweiz und ist zugleich Ausdruck einer Idee, eines ­politischen Willens; als heldenhafte und schützende Instanz ist sie eine Identifikationsfigur, und in dieser Funktion gab sie natürlich auch verschiedenen Gerichten ihren Namen. […]. Die Helvetia wird meist als wehrhafte Frau mit Schild und Speer abgebildet, seltener mit Schwert oder einem Liktorenbündel, das seit der römischen Republik als Symbol der Macht gilt. […] Wichtig sind die Attribute, die sie von den anderen Landesmüttern unterscheiden. Neben dem Schweizerkreuz auf dem Schild sind es Berggipfel, der Alpenfirn, Edelweiss und Alpenrosen. Die Bezeichnung Helvetia ist in allen vier schweizerischen Landessprachen gleich. Deshalb wird das Wort Helvetia heute auch stellvertretend für Schweiz verwendet, beispielsweise auf Briefmarken und Münzen. Der Begriff und die Figur der Helvetia vereinen somit nicht nur die Kantone, sondern auch die vier Sprachräume». (S. 53) – Es folgen Rezepte für «Mousselines de truite Helvétia», «Aloyau à l’Helvétia», «Helvetia-Pastete» und andere mehr.