Die «Nebel des Krieges» müssen gelüftet werden

von Eva-Maria Föllmer-Müller

Am 25. Juni veröffentlichte die Welt am Sonntag unter dem Titel «Trumps rote Linie» einen Artikel des bekannten Investigativ­journalisten Seymour M. Hersh (kostenfrei in englischer Sprache «Trump’s Red Line» unter www.welt.de/politik/ausland/article165905578/Trump-s-Red-Line.html). Eine gute deutsche Zusammenfassung findet sich unter www.nachdenkseiten.de/?p=38923 vom 26.6.2017. Am selben Tag veröffentlichte die Welt am Sonntag einen Begleitartikel, «Im Nebel des Krieges» (kostenfrei in englischer Sprache «The Fog of War» unter www.welt.de/politik/ausland/article165906452/The-Fog-of-War.html).
Seymour Hersh* kommt in seiner Recherche zum angeblichen Giftgasangriff im syrischen Chan Scheichun am 4. April 2017 und dem nach drei Tagen folgenden Militärschlag der US-Army auf einen syrischen Militärflugplatz zu gänzlich anderen Ergebnissen als das offizielle Washington.
Unter Bezug auf hochrangige Quellen aus dem US-Sicherheitsapparat, die er aus verständlichen Gründen anonym hält, legt Hersh seine Recherche detailreich dar: Die syrische Luftwaffe habe bei ihrem Angriff auf Chan Scheichun kein Giftgas eingesetzt. Vielmehr habe sie ein hochrangiges Treffen von Kommandeuren islamistischer Gruppierungen mit einer schweren, lasergesteuerten konventionellen Bombe angegriffen. Die Russen hatten der syrischen Luftwaffe die Bombe zur Verfügung gestellt. Im unteren Stock des Gebäudes habe sich aber auch ein Lager mit Dünger und Desinfektionsmitteln befunden. Bei dem Angriff habe sich eine giftige Wolke gebildet, die unter anderem Chlor enthalten habe. Der Angriff sei den US-Militärs zuvor im üblichen Rahmen angekündigt worden. Dabei handelt es sich um eine Praxis, die verhindern soll, dass man sich gegenseitig im gefährlichen syrischen Luftraum in die Quere kommt. Laut Hershs Quelle ging es jedoch auch darum, dass die US-Dienste ihre Informanten oder Agenten unter den Dschihadisten vor dem Anschlag warnen konnten.
Wir erinnern uns: Wenige Stunden, nachdem die Fotos von Kindern und Erwachsenen auftauchten, die an den Folgen der Einwirkung von Giftstoffen gestorben sein sollen, war für viele westliche Medien ohne Vorliegen von Beweisen klar, dass die syrische Regierung einen Giftgasangriff verübt habe und Russland dahinterstecke. Der US-amerikanische Präsident Donald Trump beschloss unter Berufung auf die veröffentlichten Bilder einen Militärschlag auf den syrischen Luftwaffenstützpunkt al-Scheirat in der Provinz Homs.
Anstatt auf den Artikel von Seymour Hersh und dessen zuvor gestellte Fragen an die US-Regierung einzugehen, gab das Weisse Haus am 26. Juni eine Pressemitteilung mit folgendem Inhalt heraus: Die syrische Regierung plane einen neuen Giftgasangriff auf die Zivilbevölkerung. Der Regierung lägen entsprechende Hinweise vor. Wörtlich hiess es: «In diesem Fall würden Präsident Bashar al-Assad und sein Militär ‹einen hohen Preis› dafür zahlen.» Nimrata «Nikki» Haley, UN-Botschafterin der USA, doppelte nach: «Jeder weitere Angriff auf das syrische Volk wird Assad angelastet werden, aber auch Russland und Iran, die ihm dabei helfen, sein eigenes Volk zu töten.»
Schon Seymour Hersh hatte in seinem Artikel vier Optionen genannt, die Trumps militärische Berater für den «Vergeltungsschlag» im April vorgeschlagen hatten: «Option eins war, nichts zu machen. […] Option zwei war eine leichte Bestrafung: einen Flugplatz in Syrien zu bombardieren, aber erst nachdem man die Russen gewarnt hat und durch sie die Syrer, um allzu viele Opfer zu vermeiden. Einige der Planer nannten das die ‹Gorilla Option›: Amerika würde finster blicken und sich auf die Brust schlagen, um Furcht zu erzeugen, und Entschlossenheit zeigen, aber wenig bedeutsamen Schaden verursachen. Die dritte Option war, das Angriffspaket zu übernehmen, das Obama 2013 vorgelegt worden war und welches er letztlich nicht umsetzen wollte. Dieser Plan sah eine massive Bombardierung der wichtigsten ­syrischen Luftwaffenstützpunkte und Kommando- und Kontrollzentralen durch B1- und B52-Bomber vor, die von ihren Stützpunkten in den USA aus starten würden. Option vier war die ‹Enthauptung›: Assad zu beseitigen, indem man seinen Palast in Damaskus bombardiert sowie sein Befehls- und Kontrollnetzwerk und sämtliche Untergrundbunker, in die er sich möglicherweise in der Not zurückziehen könnte.» Trump hatte sich am 7. April für die zweite Option entschieden.
Im Zusammenhang mit der jüngsten Drohung ist der letzte Abschnitt von Hershs Artikel, in dem er seine Quelle nochmals zu Wort kommen lässt, besonders wichtig: «Die Frage ist, was passiert, wenn es noch eine Falschmeldung über einen Sarin-Angriff gibt, der dem verhassten Syrien angehängt wird? Trump hat noch einmal nachgelegt und sich mit der Entscheidung zu bombardieren, in eine Ecke treiben lassen. Glauben Sie ja nicht, dass die Typen nicht schon den nächsten vorgetäuschten Angriff planen. Trump hätte dann keine Wahl, als erneut mit Bomben zu antworten, und diesmal noch härter.»
Ist also mit einer erneuten Operation unter falscher Flagge zu rechnen, die den gesamten nahöstlichen Raum in ein riesiges Schlachtfeld und eine direkte Konfrontation zwischen den USA und Russland verwandelt?
Auf diese Frage sind die westlichen Medien bislang nicht eingegangen. Statt dessen hat man versucht, Fehler in Hershs Artikel zu finden und den Autor als unglaubwürdig darzustellen.
So wurde Hersh beispielsweise vom ARD-«Faktenfinder» vorgeworfen, er würde die Namen seiner Informanten nicht nennen. In dem Hershs Recherche begleitenden Artikel «Im Nebel des Krieges» nimmt die Welt am Sonntag aber zur Quellenlage Stellung: «Kein Informant, der aktiv in einer Regierung arbeitet, kann allerdings unter seinem Namen geheime Informationen preisgeben, ohne sich zu gefährden – das ist in Deutschland nicht anders. Hersh hat seine Quellen gegenüber der Welt am Sonntag offengelegt. In seinem Text bleiben sie anonym. Die Redaktion dieser Zeitung konnte sich selbst einen Eindruck vom Thema verschaffen, weil sie mit der zentralen Quelle von Hersh gesprochen hat.» Aussedem ist in Europa der Quellenschutz Grundvoraussetzung der Pressefreiheit.
Auch wurde Hersh vorgeworfen, er habe den OPCW-Bericht (Organisation für das Verbot chemischer Waffen) ignoriert; demnach sei bei einer Untersuchung von Leichen das Giftgas Sarin zweifelsfrei nachgewiesen worden. Jens Berger («‹Faktenschlacht› gegen Hersh – spielen wir doch mal Gericht»; www.nachdenkseiten.de/?p=38967 vom 29.6.2017) schreibt hierzu: «Das Problem an diesem Beweisstück ist […], dass nie ein anerkanntes Untersuchungsteam vor Ort war. Wer genau die Proben inmitten der von Islamisten besetzten Stadt genommen hat, ist unbekannt. Dass es eine Kriegspartei war, ist zumindest sehr wahrscheinlich. Ausgewertet wurden die Proben zwar von einem OPCW-akkreditierten Labor. Dieses Labor untersteht jedoch dem türkischen Gesundheitsministerium, und die Türkei ist selbst eine Kriegspartei.»
Weiter wird Hersh vorgeworfen, er habe seinen Artikel nirgendwo sonst veröffentlichen können. Die Gründe hierfür gehen aus dem Begleitartikel in der Welt am Sonntag hervor: «Den vorliegenden Artikel hatte Hersh auch der London Review of Books angeboten – dort lehnte man ihn ab, so Hersh. Die Redaktion erklärte ihm, man mache sich Sorgen, dass das Magazin dafür kritisiert werden könnte, einen Artikel zu veröffentlichen, der zu sehr die Sichtweise der russischen und der syrischen Regierung vertrete. Hersh wandte sich daraufhin an Stefan Aust, den Herausgeber der Welt am Sonntag, den er seit langem kennt.»
Bezeichnend ist schliesslich, dass die beiden vom ARD-«Faktenfinder» zitierten «Experten» ohne jede Expertise sind, dafür aber transatlantische Netzwerker und Neokonservative.
Der Skandal ist, dass Hersh seine Artikel kaum noch veröffentlichen kann. Wo bleibt da die freie Meinungsbildung des Bürgers? Und die Informationspflicht der Medien? Was das bedeutet, zeigen die neuen Pläne der US-Regierung für einen umfassenden Krieg gegen Syrien. Sollen die Stimmen, die schon jetzt vor einer neuen Operation unter falscher Flagge warnen, mundtot gemacht werden? Glaubt die US-Regierung wirklich, sie könnte erneut mit Lügen einen grossen Krieg vom Zaun brechen? Seymour Hershs Artikel ist eine Warnung davor, dies zuzulassen. Solche Stimmen dürfen dem Bürger nicht vorenthalten werden.    •

*    Der renommierte Investigativjournalist Seymour M. Hersh wurde 1937 in Chicago geboren. Ein Jahr nach seinem Studienabschluss als Historiker im Jahr 1958 begann er seine journalistische Laufbahn. Sein familiär tief verwurzelter Glaube an die amerikanischen Werte formte Hershs idealistische Haltung, Missstände enthüllen zu wollen (Encyclopedia Britannica). Weltbekannt wurde er im Jahr 1969 mit seinen Veröffentlichungen, als er während des VietnamKriegs die Kriegsverbrechen der US-Armee in My Lai aufdeckte. Dort hatten US-Soldaten ein Massaker an über 500 Personen, darunter 182 Frauen, 173 Kinder und 60 Männern, verübt. Seine Enthüllung brachte den endgültigen Stimmungsumschwung in Amerika und gilt als Wendepunkt im Vietnam-Krieg. Für seine Berichterstattung, die im Buch «My Lai 4: A Report on the Massacre and Its Aftermath» dokumentiert ist,  bekam er 1970 den Pullitzer-Preis. Hersh hat auch anderes aufgedeckt, u. a. die geheimen Bombardierungen in Kambodscha (1973), die Beteiligung der CIA am Regierungsumsturz in Chile (1974), Israels Atomwaffenprogramm (The Samson Option, 1991), die Massaker während des zweiten Golf-Kriegs (2000), Abu Ghraib («Chain of Command: The Road from 9/11 to Abu Ghraib», 2004), politische Morde unter der Regierung Bush und Obama (2009), Hintergründe des Giftgaseinsatzes in Syrien (2013).