SOS geschichtlich-politische Bildung

von Karl Müller

Es ist ein Blick in den Mikrokosmos real existierender geschichtlich-politischer Bildung deutscher Abiturienten, also junger Frauen und Männer, die volljährig sind, alle politischen Rechte (und Pflichten) wahrnehmen können und eine Schulart besucht haben, die zu einem Studium an einer Hochschule befähigen soll. In ein paar Jahren sollen diese jungen Menschen verantwortungsvolle Aufgaben in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik übernehmen.
Ein Lehrer hat einige Passagen der Abiturarbeiten seiner Schülerinnen und Schüler aufgeschrieben. Die Schüler hatten sich freiwillig für eine schriftliche Abiturprüfung im Fach Geschichte/Gemeinschaftskunde gemeldet, sie hätten auch ein anderes Fach wählen können.
Was haben diese Schüler in ihren Abitur­arbeiten geschrieben?

Aus den Abiturarbeiten deutscher Schüler

Auf die Frage nach dem deutschen Wahl­system war da zum Beispiel zu lesen:
«Die Parteien stellen in jedem Bundesland genau 1 Abgeordneten auf […]»
Oder :
«Auf dem Wahlzettel kann man zweimal einmal für eine Person ob es ein freien Mandat ist oder auch eine Partei ist egal. Diese gewählt will ich das sie mich im Bundestag vertritt […]» (Die Schreibweisen der Abiturienten wurden ohne Korrektur übernommen.)
Oder:
«Zuerst wählen die wahlberechtigten Bürger eine Partei. Diese Partei wählt dann Abgeordnete für den Bundestag […].»
Im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen Adolf Hitler war zu lesen:
«Zu den Anfängern der Herrschaft Hitlers galt die Waimarer Verfassung noch (Auch Karlsbacher Beschlüsse genannt) […].»
Oder:
«Hitler brachte sinnlose Neugestaltung hinein wie die Nürnberge Gesetze […].»
Zurzeit des Wandels in der DDR und des Beitritts zur Bundesrepublik Deutschland schrieben die Schüler:
«[…] es kam zu Montagsdemonstrationen, […] es wurden auch die Staatspräsidenten abgeschafft und die staatlichen Parteien wurden verboten. Somit lockerten sich die Grenzen. Durch den Tod des Bundeskanzlers der DDR hat Willy Brandt sein Weg gefunden und konnte nun sein Weg gehen und seine Ideen umsätzen und schaffte eine Auflockerung des gesamten Staates und der gesamten Grenzen […]. Die Wiedervereinigung konnte geschehen.»
Oder:
«Mit den neuen Reichskanzler Willy Brandt und dem vollgleich neuen Präsidenten Michail Gorbatschow herrschte eine ‹neue› Zeitordnung. Es wurde lockerer, Demonstrationen wurden in den 70er Jahren gestattet, es gab Jugendaufstände […]»
Bei der Beschreibung und Interpretation einer Karikatur hiess es:
«Die Karikatur möchte die Situation im 19. Jahrhundert darstellen, wo Berlin in 2 Sektoren geteilt war. Die BRD wollte Frieden mit der DDR haben […] Honecker lehnt die ‹Reformkost›, die Hilfe der BRD ab […].»
Oder:
«Die Karikatur gehört zu den historischen Kontext, als Michail Gorbatschow an die Stelle von Josef Stalin kam und neue Reformen einführen wollte, nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch in ihrer sowjetischen Besatzungszone […].»
Oder:
«Michail Gorbatschow löste den Diktator der UdSSR Stalin ab. Er setzte sich für eine Wiedervereinigung ein […]. Er war darauf gesinnt, der DDR zu helfen und setzte sich mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Konrad Adenauer für ein vereinigtes Deutschland ein […]. Mit dem Fall der Mauer am 9. Nov. 90 geriet das vereinte Deutschland ‹ins Rollen› […].»

Kein Grund für Besserwisserei … aber im höchsten Masse alarmierend

Nun ist es nicht angemessen, über diese deutschen Abiturienten zu lachen oder sich besserwisserisch darüber zu stellen. Sicherlich haben diese jungen Leute versucht, ihr bestes zu geben. Trotzdem ist das, was sich hier zeigt, im höchsten Masse alarmierend – weil es keine Ausnahme ist, sondern die Spitze eines Eisbergs. Der Verfasser dieser Zeilen, selbst Lehrer für Geschichte und Gemeinschaftskunde an einer deutschen Schule, kann dies bestätigen.
Als Lehrer freut man sich über jeden Schüler, der anfängt, geschichtlich-politisch zu denken, der Zusammenhänge und Hintergründe verstehen möchte, den das Leben und die Lebensumstände der Menschen früher und heute bewegen. Aber in der Totale sind dies tatsächlich nur wenige. Schon in Zeiten solider gesellschaftlicher und politischer Ordnung ist dies ein Problem, um so mehr in Zeiten, in denen es unumgänglich wird, dass der Bürger vor die eigene Haustür tritt, um die öffentlichen Angelegenheiten wieder in Ordnung zu bringen.
Einige Verfassungen deutscher Bundesländer hatten das Fach Gemeinschaftskunde (oder Staatsbürgerkunde oder Politik) nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu einem für alle Schulen und alle Schüler verpflichtenden Unterrichtsfach erklärt und dieses Fach in den Rahmen einer am Gemeinwohl orientierten sozialen und politischen Ethik gestellt. Das hatte gute Gründe. Damals wuss­te man, wie wichtig eine gute geschichtlich-politische Bildung für die Identitätsfindung eines heranwachsenden Menschen und wie wichtig sie für den Aufbau und den Erhalt einer lebendigen Demokratie ist.

Was gehört zur geschichtlich-politischen Bildung?

Zur geschichtlich-politischen Bildung gehört ein solides Wissen von geschichtlichen und politischen Grundbegriffen, von wichtigen geschichtlichen Ereignissen, von geschichtlicher und zeitgeschichtlicher Chronologie, von geschichtlichen und zeitgeschichtlichen Zusammenhängen sowie von klassischer Staatskunde über die politischen Rechte und Pflichten des Bürgers und über den Aufbau und die Arbeitsweise des Staates und seiner Organe. Das ist nicht alles, aber nur so wird ein Fundament dafür gelegt, dass der junge Mensch Mitverantwortung für das Zusammenleben und für sein Gemeinwesen übernehmen kann. Dieses solide Grundwissen hat keine sinkende «Halbwertszeit» und kann auch nicht durch «Schlüsselqualifikationen» oder elektronische Nachschlagemittel ersetzt werden, so wie dies verschiedentlich behauptet wird.
Über die Ursachen für den Niedergang geschichtlich-politischer Bildung lässt sich trefflich diskutieren. Aber es macht wenig Sinn, sich auf die Suche nach «Schuldigen» zu konzentrieren. Statt dessen ist eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung notwendig, um gegenzusteuern; denn verantwortlich für die geschichtlich-politische Bildung sind verschiedene Instanzen. Es beginnt im Elternhaus mit der dort gelebten «Familienkultur», geht weiter über die Schulen und Hochschulen bis hin zur Haltung und zu den Aktivitäten von Medien, Kunst und Kultur, Wirtschaft und Politik.

Wer profitiert von einem Mangel an geschichtlich-politischer Bildung?

Leider gibt es auch Kräfte, die von einem Mangel an geschichtlich-politischer Bildung profitieren wollen: Alle Manipulations- und Propagandatechniken greifen viel besser, wenn sie auf ein geschichtlich-politisch entmündigtes Publikum treffen. Totalitäre Systeme wünschen sich keine gut gebildeten, eigenständig denkenden und mitmenschlich fühlenden, sondern andere junge Menschen, zum Beispiel: «flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl».
Nicht besser ist die hedonistische Variante des Totalitarismus.
Zu wenig geschichtlich-politische Bildung ist auch ein Einfallstor für Verdrehungen und Halbwahrheiten. Wenn zum Beispiel behauptet wird, die diesjährigen Wahlen in den Niederlanden, in Frankreich und in Deutschland hätten gezeigt, dass die Bürger Europas dem «Populismus» eine Absage erteilen würden, dabei aber verschwiegen wird, mit welchen Methoden des Soft-Totalitarismus in den Staaten der EU gearbeitet wird, um nur ja jede Alternative zu dämonisieren, zu diskriminieren und mundtot zu machen, dann wird Wesentliches einfach weggelassen.
Wer liest und versteht ohne geschichtlich-politische Bildung einen mehrseitigen Text wie die neue und ganz hervorragende Analyse von Seymour M. Hersh über die Frage nach dem vermeintlichen Chemiewaffeneinsatz in Syrien Anfang April 2017 und die US-amerikanischen Reaktionen darauf («Syria: Trump’s Red Line»; www.welt.de/politik/ausland/article165905578/Trump-s-Red-Line.html)? Wo doch der «Faktenfinder» der deutschen «Tageschau» schon am Abend des Tages der Veröffentlichung von Hershs mutigem mehrseitigem Zeitungstext weiss, dass Hersh nicht glaubwürdig sei, mit seiner Sicht der Dinge weitgehend alleine stehe und «wilde Vorstellungen» veröffentlicht habe!
Und so weiter, und so fort.

Darüber lohnt das Nachdenken

Das Mutterland der Demokratie, die Schweiz, hatte schon sehr früh um die Aufgaben ihrer Schulen gewusst. Ein Beispiel ist der Lehrplan der Volksschule des Kantons Zürich, den der Erziehungsrat des Kantons 1905 erlassen hatte, der fast 90 Jahre Gültigkeit besass und über dessen Aktualität sich auch heute noch das Nachdenken lohnt.
Dort hiess es unter anderem: «Die Volksschule bildet den Verstand. Von der Wahrnehmung, der unmittelbaren Anschauung ausgehend entwickelt sie unter steter Beachtung des kindlichen Fassungsvermögens die Erkenntnis durch Gewinnung klarer Begriffe, wie durch Bildung richtiger Urteile und sicherer Schlüsse.»
Weiter hiess es: «Die Volksschule bildet Gemüt und Charakter. Sie macht den jugendlichen Geist empfänglich für alle edlen Regungen des menschlichen Seelenlebens, dass er gefestigt werde gegen die Einflüsse des Hässlichen, Rohen, Gemeinen in Neigungen und Leidenschaften. Sie bildet und fördert das Pflichtbewusstsein, die Arbeitsfreudigkeit, die Festigung in der Überzeugung, den Sinn für treues, hingebendes, charakterfestes Handeln.»
Und: «Sie [die Volksschule] legt den Grund der Befähigung zur Selbsterziehung im Sinne der Forderungen der Aufklärung, der Humanität und der Toleranz.»
Schliesslich: «So ist die Volksschule eine Stätte allgemeiner Menschenbildung.»    •

Abwertung des Geschichts­unterrichts nicht ohne Folgen

«Reformation, Französische Revolution, Bolschewismus, Holocaust: Immer mehr Schüler wissen darüber – nichts. Das gilt selbst für das 20. Jahrhundert, dessen historische Katastrophen mehr und mehr im Nebel des Vergessens in eine diffuse Vergangenheit verschwinden […]. Es droht weit verbreitete historische Amnesie.
Daran ist unser Bildungssystem nicht unschuldig […]: Da ist der schon länger anhaltende Abschied von der Faktenvermittlung im Unterricht, der durch die neuen, auf Kompetenzen basierenden Lehrpläne noch verschärft wird und der gerade einem Fach wie Geschichte, wo es vorwiegend um Fakten geht, besonders schadet. […] Schliesslich wird Geschichte in vielen Schulen nicht mehr chronologisch, sondern in ‹Längsschnitten› zu Themen wie etwa ‹Krieg und Frieden›, ‹Handel im Wandel› oder ‹Migration› unterrichtet. Das dient angeblich dem tieferen Verständnis von Zusammenhängen, fördert in Wirklichkeit aber Unwissenheit und Oberflächlichkeit. Die Vorstellung vom zeitlichen Nacheinander weicht einem Durcheinander; da gibt es keine Epochen, keine geschichtlichen Zeitalter mehr. […]
Wer so abwertend mit der Geschichte umgeht, darf sich nicht wundern, wenn junge Leute […] sich an Abstimmungen und Wahlen nicht beteiligen, wenn Schüler immer weniger in der Lage sind, Lehren aus der Geschichte, etwa aus sozialen und politischen Konflikten, zu ziehen […].»

Quelle: Mario Andreotti in der «Thurgauer Zeitung» vom 11.5.2017