USA: Von 9/11, dem «neuen Pearl Harbour», bis zum Islamischen Staat

Paul Craig Roberts zu seinem Buch «How America was lost»

von Paul Craig Roberts*, Ökonom und Publizist, USA

Die Verteufelung der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg hat die USA zum Verteidiger der Freiheit und der Demokratie gemacht. Verschiedene Historiker und Kommentatoren bestreiten jedoch diese Darstellung. Sie erinnern an die Vernichtung der autochthonen Einwohner, den Einfluss auf die spanischen Territorien in Texas und die Gebiete, die später zum Süd-Westen der USA wurden, das Einsperren der amerikanischen Bürger japanischen Ursprungs während des Zweiten Weltkriegs, die Apartheid gegenüber den amerikanischen Schwarzen, die im Verlauf der amerikanischen Geschichte kaum je am Aufbau der Freiheiten und der Demokratie teilnehmen konnten, sowie die Weigerung Washingtons, das Aufkommen von reformistischen Regierungen in Zentralamerika zu tolerieren.

Welthegemonie-Programm umsetzen

Eigentlich ist es nicht entscheidend, ob die USA früher einmal ihren Ruf verdient hatten oder nicht. Während der letzten Jahre des 20. Jahrhunderts unter der Administration von Bill Clinton und im 21. Jahrhundert während der neokonservativen Regierungen von George W. Bush und Barack Obama hat Washington jedenfalls den amerikanischen Ruf zerstört, um sein Welthegemonie-Programm besser umsetzen zu können.
Die Sowjetunion hatte die amerikanische Macht eingeschränkt. Der Zerfall der UdSSR hat den amerikanischen Ehrgeiz und die Arroganz zügellos werden lassen. Nachdem sich die USA als «einzige Weltmacht» deklariert hatten, hat Washington begonnen, gemäss seinen eigenen Interessen die Welt neu zu ordnen, was als ein wichtiger «Beitrag zu Freiheit und Demokratie» dargestellt wurde.

Anschläge vom 11. September 2001

Die Anschläge des 11. Septembers 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon haben den Neokonservativen das notwendige «neue Pearl Harbor» geliefert, um ihre Eroberungskriege beginnen zu können. Die Geschichte des 21. Jahrhunderts ist Folge des 11. Septembers.
Die amerikanische Version der Ereignisse des 11. Septembers ist wirkungsvoll von etwa 2000 im Hochhausbau spezialisierten Architekten, Bauingenieuren, Physikern und Chemikern, Feuerwehrleuten, Samaritern und Piloten sowie zahlreichen ehemaligen Staatsbeamten bestritten worden. Kein aufmerksamer und denkender Mensch kann glauben, dass die nationalen Sicherheitsorgane der USA, die Geheimdienste der Nato-Alliierten und der israelische Mossad von einem Dutzend unabhängig von jeglicher Regierung oder Geheimdienst operierenden Araber getäuscht worden sind.
Washington hat daraufhin argumentiert, dass die Terroristen «dort, wo sie herkommen» eliminiert werden müssen, bevor sie «hierher kommen», um die USA erneut anzugreifen. Diese Argumentation ist völlig sinnlos, da Washington ja anerkennt, dass die Terroristen keinem Staat angehören. Gemäss Washington kamen die meisten der beteiligten Terroristen vom 11. September aus Saudi-Arabien. Trotzdem hat Washington Afghanistan und den Irak angegriffen. Washington hat den Sturz Gaddafis in Libyen geplant, obwohl keinerlei Bezug zum 11. September existierte. Fast jeden Tag tötet Washington mit Hilfe von Drohnen Menschen in Pakistan und im Jemen, beides Länder, die mit den USA nicht im Krieg sind. Washington hat kenianische Truppen zur Bekämpfung somalischer Islamisten losgeschickt sowie französische und nigerianische Truppen nach Mali, um dort Islamisten zu bekämpfen. Diese hatte Washington zuvor bewaffnet und, nachdem sie beim Sturz von Gaddafi mitgeholfen hatten, nach Westafrika transferiert.
Mao sagte, die Macht liege in der Mündung der Gewehre. Washington behauptet, die Freiheit und die Demokratie liegen in der Spitze der Bomben. Mao wurde verunglimpft, Washington wird gelobt oder glorifiziert sich selber.

Verfassungsmässig festgeschriebene bürgerliche Freiheiten aufgeben

Der zweite Teil der Argumentation von Wa­shington beinhaltet, dass die Amerikaner, um ihre Sicherheit zu garantieren, ihre von der amerikanischen Verfassung festgeschriebenen bürgerlichen Freiheiten aufgeben müssen. Um in Sicherheit sein zu können, müssen sie akzeptieren, dass Bürger unbegrenzt ins Gefängnis geworfen werden können, ohne Beweise und ohne Garantie auf einen fairen Prozess durch irgendwelche Exekutivvertreter.
Die Amerikaner müssen auch akzeptieren, dass ihre Regierung Bürger illegal umbringt. Ein simpler Verdacht oder eine unbewiesene Beschuldigung durch einen Exekutivbeamten, der niemandem Rechenschaft ablegen muss, genügen, um dem Leben und der Freiheit eines amerikanischen Bürgers ein Ende zu setzen und sein Hab und Gut zu beschlagnahmen.
Um in Sicherheit zu sein, müssen die Amerikaner auch akzeptieren, dass jede E-Mail, jede Internetseite, jeder Telefonanruf, jeder Brief, jede Verwendung einer Kreditkarte ausspioniert wird – wie das William Binney und Edward Snowden aufgezeigt haben. Am 28. September 2013 hat die «New York Times» eine Information publiziert, die festhält, dass die NSA alle sozialen Netzwerke der amerikanischen Bürger ausspioniert. Das Argument Washingtons ist zu behaupten, dass die Bürger nie in Sicherheit sein werden, wenn sie nicht akzeptieren, im absolu­testen Polizeistaat der Menschheitsgeschichte zu leben.
Deshalb ist heutzutage kein Amerikaner vor seiner eigenen Regierung geschützt.

Erwiesene Tatsachen dürfen nicht mehr geäussert werden

In der öffentlichen Diskussion in den USA dürfen auch erwiesene Tatsachen kaum mehr geäussert werden. Die Propaganda regiert. Trotz Gegenbeweisen hat Washington behauptet, dass Saddam Hussein «Massenvernichtungswaffen» besässe, um damit die Irak-Invasion zu rechtfertigen.
Als Chemiewaffen in Syrien eingesetzt wurden, hat Washington sofort die Assad-Regierung beschuldigt und versucht, im Namen der Islamisten Unterstützung für eine Intervention gegen die laizistische syrische Regierung zu finden. Washington behauptete, überzeugende Beweise zu besitzen, weigerte sich jedoch, sie zu zeigen. Diese Strategie hat nicht funktioniert. Die Welt hatte verstanden. Die russische Regierung hatte Einspruch erhoben.
Das britische Parlament, seit langem eine amerikanische Marionette, stimmte gegen den Obama-Krieg gegen Syrien, mit der Erklärung, dass Grossbritannien nicht bereit sei, ein weiteres amerikanisches Kriegsverbrechen zu decken. Die Gesamtheit der Nato-Vertreter, ausser dem «sozialistischen» französischen Präsidenten, gab das Kriegsprojekt Obamas auf. Dies taten auch das amerikanische Volk und der Kongress. […]

Artikelsammlung von 2008 bis 2016

Die in diesem Buch gesammelten Artikel [französische Ausgabe 2017] decken den Zeitraum von August 2008 bis November 2016 ab. Sie beschreiben die Umwandlung der USA in einen Polizeistaat im Inneren und nach aussen in einen kriegführenden Staat, dessen Ziel die Weltherrschaft ist. Die Ereignisse und die Lügen, die in dieser Artikelsammlung aufgeführt werden, sind wahrscheinlich bereits vergessen, falls die Leser überhaupt jemals davon gehört haben. Sie beschreiben den Absturz der USA in die Willkür und die Tyrannei. Es hat Wiederholungen dabei. Ich musste mich entscheiden zwischen Beseitigen dieser Wiederholungen, damit die Texte wie Kapitel eines Buches gelesen werden können, und Stehenlassen, damit die Texte innerhalb des Buches unabhängig bleiben. Ich habe mich entschieden, die Texte unverändert zu publizieren, und biete nun dem Leser eine Sammlung von Essays an.    •

* Paul Craig Roberts (1939) ist ein US-amerikanischer Ökonom und Publizist. Er war hoher Beamter im US-Finanzministerium während der Regierung Reagan und ist als Mitbegründer des wirtschafts­politischen Programms der Regierung Reagan («Reaganomics») bekannt. Er war Mitherausgeber und Kolumnist des «Wall Street Journal», Kolumnist von Business Week und des Scripps Howard News Service. Er wurde bei 30 Anlässen über Themen der Wirtschaftspolitik im Kongress um seine Expertise gebeten. Seine Kritik an der neoliberalen Wirtschaftspolitik, die seiner Auffassung nach zur Finanzkrise 2008 führte, legte er vor allem in seinem Werk «The Failure of Laissez-Faire Capitalism and the Economic Erosion of the West» (2012) dar.

(Übersetzung Zeit-Fragen)