Editorial

«Lern dieses Volk der Hirten kennen!» hält der alte Attinghausen in Schillers «Wilhelm Tell» seinem Neffen Rudenz entgegen, der sich der Verantwortung seiner Herkunft entziehen will, weil er auf Anerkennung und eine glänzende Stellung am Hof schielt. Die Angst vor Hohn und Verachtung der Höflinge, die er bei einem Eintreten für das Volk auf sich ziehen würde, machen ihn unempfänglich für die Sorgen und Nöte seiner Landsleute, denen er eigentlich verpflichtet wäre. Statt dessen scheint er sich dem Diktat der Macht beugen zu wollen, um bei denjenigen, die sich besser wähnen, eine Position zu ergattern. Eine seelische Bewegung, die nur allzu menschlich und auch in unserem Jahrhundert allgegenwärtig zu beobachten ist.
Die Höflinge gastieren derzeit in Weissen und anderen Häusern, gigantischen Bürokratenpalästen und internationalen Organisationen. Sie fassen Beschlüsse, die angeblich «alternativlos» sind, berufen sich selber wiederum auf «Eliten», die es doch wissen müssen, und wenn die Völker sich gegen die – wie grosszügig eingestanden wird – «zwar harten», aber angeblich unumgänglichen Mass­nahmen zur Wehr setzen, hebt man sich von «Ewiggestrigen», «Rückwärtsgewandten», «Träumern» oder auch einmal vom «Pöbel» und den «Populisten» genauso ab wie ehedem. Die Wahl der Charakterisierungen abweichender Meinungen, der je nach Bedarf hochgefahrene mediale «shitstorm» in den Mainstream-Medien soll jedem signalisieren, dass es besser wäre, sich von solchermassen bedachten Gedanken und Persönlichkeiten abzugrenzen. Und manche tun es auch nur, weil der Druck nicht nur mittels psychologischer Kriegsführung erfolgt.
Aber die Welt besteht nicht nur aus Höflingen – und wie das Beispiel von Rudenz zeigt, kann der Mensch seine Position auch überdenken. Was uns an Schillers Drama zeitlos anspricht, ist nicht «Nostalgie» oder «Mythos», wie Hofschreiber der heutigen Zeit gerne behaupten. Sein Drama war nicht einfach Geschichtsschreibung, es galt seiner Zeit genauso, und es hat nichts an Aktualität verloren. Was der «Dichter der Freiheit» an diesem Stoff vergegenwärtigt, ist vielmehr Grundthema der Menschheitsgeschichte: das Ringen um Freiheit und Selbstbestimmung als gelebter Menschenwürde gegen Herrschaftsgewalt, Machtanmassung und Miss­achtung der grundsätzlichen Gleichwertigkeit aller und zugleich alle Schattierungen menschlicher Stellungnahme zu dieser Frage.
Realistischerweise muss man heute sagen, dass die Möglichkeiten der Macht noch stark sind. Die Menschen im Jemen (vgl. S. 8) und in vielen anderen Ländern erleben es täglich auf brutalste Weise, sie zeigen sich auch in den Sanktionen gegen Russland und der unglaublichen Machtanmassung der USA, aus amerikanischen Machtinteressen geborene Verdikte amerikanischer Gremien der ganzen übrigen Welt aufzwingen zu wollen. Und im Informationszeitalter wird der Machtkampf selbstverständlich auch über alle Kanäle medialer Einflussnahme geführt. Viele sehen das, und auch wenn ihre unmittelbaren Einflussmöglichkeiten den heutigen Anmassungen der Macht gegenüber klein sind, ist ihre Stimme eine Stimme menschlicher Vernunft und der allen Menschen grundsätzlich zugänglichen Einsicht, dass ein friedliches, humanes Zusammenleben den Rechtszustand, die Achtung des Rechts voraussetzt. Daran zu erinnern, wie zum Beispiel Alfred de Zayas oder Hans Köchler das immer wieder tun, stärkt jene geistig-moralische Kraft, die es braucht, um die rohe Gewalt in jedweder Ausprägung – auch in der smarten, soften oder manipulativen Form – immer weiter zurückzudrängen und dem Recht zur Geltung zu verhelfen.
Bisher hat uns in der Schweiz die direkte Demokratie vor allzu üblen Auswüchsen elitärer Machtanmassung bewahrt. Nicht umsonst fordert unter anderem Herbert von Arnim mehr Bürgerstaat und mehr Einfluss der Bürgerinnen und Bürger auch für Deutschland (vgl. S. 6). Man versucht diese Gedanken dort mit den erwähnten Negativcharakterisierungen ihrer Vertreter oder des Volkes zu verhindern, und auch bei uns war und ist sie nicht einfach gegeben, sie musste erkämpft werden, und sie muss von jeder Generation neu in ihrer Bedeutung und in ihrem Wesen erkannt und gelebt werden. Wir haben dazu Denker aus vielen Jahrhunderten an unserer Seite, die der Einsicht den Weg bahnten, dass wir alle «frei und gleich an Würde und Rechten geboren» und alle «mit Vernunft und Gewissen begabt» sind, um uns «im Geist der Brüderlichkeit» begegnen zu können. Viele Menschen in unserem Land sind sich dieser Zusammenhänge auch bewusst – sie sind dankbar, in einem Land zu leben, in dem die Regeln des Zusammenlebens – bei allen auch vorhandenen Mängeln – diesen Grundzügen des Menschen zu weiten Teilen Rechnung tragen.

Erika Vögeli