Zum 100. Geburtstag von Toni Hagen, Pionier der Entwicklungshilfe

Leuchtendes Beispiel für Menschlichkeit

von Heini Hofmann

Im fernen Nepal kennt ihn jeder, in seiner Heimat Schweiz muss er in Erinnerung gerufen werden. Toni Hagen war Ingenieur-Geologe und höchst erfolgreicher, aber nonkonformer Entwicklungshelfer rund um den Globus. Sein Palmarès ist immens.
Doch zu Lebzeiten wurde er verkannt und erst nach seinem Tod rehabilitiert.
Geboren in Luzern am 17. August 1917, aufgewachsen in Frauenfeld, zuerst wohnhaft gewesen in Rapperswil SG und dann auf der Lenzerheide, gestorben am 18. April 2003 in St. Moritz, dazwischen Weltbürger als Entwicklungshelfer auf allen Kontinenten, aber mit spezieller Affinität zu Nepal: Das sind die Stationen Toni Hagens, von Beruf Wissenschaftler, von Berufung Vordenker der Entwicklungshilfe und Akkordarbeiter für die Menschlichkeit.

Geologe Toni Hagen mit Träger und Uno-Fahne; im Hintergrund der Kanchenzönga. (alle Bilder Archiv Katrin Hagen)
Der Forscher mit Feldlabor und Uno-Fahne, umringt von interessierten Einheimischen.

Wegweisendes Schlüsselerlebnis

Auf selbstgebastelten Skiern, zusammen mit seinem Vater, lernte der junge Toni Hagen die Schweizer Berge kennen und lieben. Der Vortrag eines holländischen Forschers 1927 in der SAC-Sektion Thurgau über den Himalaja wurde zum Weichensteller. «Wenn ich gross bin, gehe ich auch dorthin», sagte der Zehnjährige auf dem Nachhauseweg. Jetzt waren neben Publikationen von Albert Heim, Lichtfigur unter den Schweizer Geologen (und Retter der Schweizer Sennenhunde), auch die spannenden Expeditionsberichte des schwedischen Asienforschers und Entdeckers des Transhimalaja, Sven Hedin, angesagte Lektüre.
Der Weg vom Alpenglühen ins Gleisslicht der Achttausender war vorgezeichnet. Nach dem Diplom als Ingenieur-Geologe an der ETH Zürich promovierte Toni Hagen über die Geologie der Walliser Alpen. Für ein Vermessungsbüro in Flums machte er im Auftrag der NOK Untersuchungen für das Kraftwerk Linth-Limmern und spezialisierte sich anschliessend am Geodätischen Institut der ETH im Bereich Luftbildinterpretation (Photogeologie/-grammetrie), was ihm später bei seiner Arbeit in Nepal sehr zupass kommen sollte.

14 000 Kilometer Fussmarsch!

1950 ging sein Traum in Erfüllung: Als Mitglied der ersten vom Bund finanzierten Schweizer Mission für Entwicklungshilfe reiste er unter dem Patronat der ETH nach Nepal, in das bisher abgeschottete Hindu-Königreich am Himalaja. Dieses «Swiss Forward Team» war der Pilottest für Entwicklungshilfe in aussereuropäischen Gefilden. Dank seinem unkomplizierten Naturell und seiner Unvoreingenommenheit gegenüber anderen Kulturen und Religionen fand er rasch Zugang zu den Menschen vor Ort. Sein Interesse an der «ethnologischen Drehscheibe Asiens» war so gross, dass er die Landessprache Nepali lernte und nach Ablauf der Mission zuerst im Auftrag der Regierung und anschliessend als Uno-Delegierter im Land blieb.
Bei der Ausübung seiner geologischen Feldforschung bewältigte er, in Begleitung von Sherpas, in diesem «Land ohne Strassen» sagenhafte 14 000 Kilometer zu Fuss und schliss dabei vierzig Paar Schuhe … Seine Frau Gertrud und die drei Kinder, die er aus der Rosenstadt Rapperswil ins wildkarge Bergland nachholte, mussten jedoch, mangels einer Schule für Ausländer, bald wieder zurück und fanden eine neue Bleibe auf der Lenzerheide. Trotz solch grossdistanzlicher Trennung mit lediglich Briefkontakt blieben die Familienbande intakt.

Vom Geologen zum Entwicklungshelfer

Und wie das Leben so spielt: Plötzlich wurde aus dem geologischen Pilotexperiment ein lebenslanges Engagement für die Menschlichkeit. Dabei wies ihm sein Karma den Weg zur Tat. Denn als 1959 nach der Annexion  Tibets durch China die Unruhen in Lhasa den Dalai Lama ins Exil trieben und sich riesige Flüchtlingsströme nach Indien und Nepal bewegten, sah sich Toni Hagen, inzwischen Chefdelegierter des IKRK, schlagartig vor neue Herausforderungen gestellt, die er jedoch nicht nach offiziellem Schema, sondern als praxisbezogener Realist und eigenständig urteilender Querdenker anging.
Sein Credo: Flüchtlinge nicht entwürdigend als Almosenempfänger in Müssigganglager stecken, sondern ihnen raschmöglichst bezahlte Arbeit verschaffen und so ihr Selbstwertgefühl stärken.
Er setzte sich dafür ein, dass die entwurzelten Tibeter in Nepal eine neue Heimat fanden. Und wie er das tat: Er suchte den Dalai Lama im Exil auf, nahm eine an dessen Volk gerichtete Botschaft auf Tonband auf und spielte sie den durch die Vertreibung Verängstigten vor. So konnte er ihr Zutrauen gewinnen und die Flüchtlingsstöme kanalisieren. Den König überzeugte er, den Heimatlosen Siedlungsraum zu geben.
Um sie auf eigene Füsse zu stellen, initiierte er eine Teppichindustrie, die auf über 200 000 Arbeitsplätze anwuchs und zu einem Wirtschaftsfaktor Nepals wurde. Auch die von ihm initiierte Käseherstellung aus Yak-Milch wurde erfolgreich umgesetzt.
Seine Idee für Fussgänger-Hängebrücken im Land der hohen Berge und tiefen Täler wurde sogar zu einem der erfolgreichsten Entwicklungsprojekte der Schweiz schlechthin. Und selbst für die Tibeter-Diaspora in der eigenen Heimat (mit dem ersten Tibet-Kloster Europas in Rikon im Tösstal) leistete er aufklärende Vorarbeit.

Der Geologe Hagen mit seinen Gehilfen beim Sammeln von Gesteinsproben im Fels.
Der Entwicklungshelfer Hagen mochte die Menschen; hier zusammen mit Tibetern.

Erstarkt an Widerstand und Kritik

Aus aller Welt ertönte Lob, nicht aber aus der Schweiz. Hier kam sein eigenständiges Handeln nicht gut an, sein Erfolg weckte Neid. Verschiedene Hilfsorganisationen reagierten gehässig mit Kritik, die von manchen Medien unreflektiert transportiert wurde – oder man schwieg ihn tot, wie im Schweizer Lexikon, wo er keine Erwähnung fand, nicht einmal im Kapitel Nepal unter Entwicklungshilfe (!). Doch Hagen liess sich nicht einschüchtern, im Gegenteil, Widerstand wirkte wie ein Stimulans auf ihn. Und er konnte sarkastisch vom Leder ziehen gegen «ignorante Technokraten, engstirnige Ideologen und professionelle Wohltäter, die sich selber mästen».
Solch dicke Haut und Unerschrockenheit halfen ihm auch bei seinen vielen Feuerwehrübungen, die er in späteren Jahren als Troubleshooter im Auftrag der Uno und anderer Organsiationen sowie verschiedener Länderregierungen in Krisenherden rund um den Globus ausführte. So zum Beispiel, als er nach dem Bürgerkrieg im Jemen eine korrupte Uno-Mission kurzerhand ausmistete, oder im seinerzeitigen Ostpakistan nach ­James-Bond-Manier an allen Lastwagen die Zündköpfe ausbauen und mit einem gekaperten Schnellboot nach Singapur bringen liess, damit das Miltär die Laster nicht requirieren konnte.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Seine alten Tage verbrachte der «Swiss Lama» im Heidhüsli auf Lenzerheide, wo an der Wand ein Teppich der tibetischen Gemeinde Nepals hing mit dem Schriftzug «Für Toni Hagen, seit 1950 der liebe alte Freund der Völker des Himalaja». Mit dem Dalai Lama und mit Nepals König Birendra verband ihn eine dauerhafte persönliche Freundschaft. Der Dalai Lama lobte ihn im Schlusswort zum Kinofilm über sein Leben («Der Ring des Buddha», 2002) persönlich. Und König Birendra, von dem er unter anderem die höchste Auszeichnung des Landes, den «Gurkha-Orden» erhielt, hat er zwei Jahre vor seinem eigenen Tod nochmals besucht, nicht ahnend, dass dieser mitsamt seiner Familie eine Woche nach seiner Abreise von einem Amokläufer ermordet würde. Ein trauriges Ereignis in der von Hagen geliebten zweiten Heimat.
Rückblickend durfte der Ehrenbürger von Nepals Hauptstadt Katmandu stolz sein auf sein Lebenswerk. Einen letzten Erfolg verzeichnete er als einer der Mitstreiter gegen das Moloch-Staudammprojekt Arun III, als sich die Weltbank und Deutschland von ihrem Engagement zurückzogen und stellvertretend viele Kleinkraftwerke entstanden. Auch seine zuerst heftig kritisierte Auffassung bezüglich Entwicklungshilfe setzte sich durch. So schrieb bei seinem Tod der Präsident von Helvetas: «Die Stärkung lokaler demokratischer Strukturen und die Mitwirkung der Direkbetroffenen in eigener Verantwortung waren Toni Hagens Credo der Entwicklungszusammenarbeit. Sie gehören heute zu deren anerkannten Grundprinzipien».
Der schöne Ringschluss dieser Geschichte: Das Nepal-Virus des Vaters sprang auch auf seine Tochter Katrin Hagen im Engadin über, Präsidentin der Toni Hagen-Stiftung (www.tonihagen-stiftung.ch), die als Handchirurgin in Nepal immer wieder Hilfe leistet (www.med-solutions.ch), wofür sie 2015 mit einem Swiss Award geehrt wurde.    •