Geschichtsverfälschung als Mittel imperialen Machterhalts

Warum die historische Wahrheit auch für die Gegenwart so wichtig ist

von Wolfgang Effenberger*

Vor der Weltöffentlichkeit nahmen am 14. Juli 2017, dem französischen Nationalfeiertag, Staatspräsident Macron und sein amerikanischer Amtskollege Trump die Militärparade auf den berühmten Champs-Èlysees in Paris ab. Die beiden Präsidenten gedachten dabei auch des Eintritts der USA am 6. April 1917 in den Ersten Weltkrieg auf seiten der Entente und bezogen dieses monumentale historische Ereignis mit in die Feierlichkeiten ein.1 Fast genau vor hundert Jahren, am 13. Juni 1917, war US-General Pershing mit seinem Stab in Paris eingezogen; Anfang Juli standen bereits die ersten 14 000 US-Soldaten in Frankreich.2 Bis Kriegsende sollten es 2 Millionen werden.
Nach hundert Jahren wäre es eigentlich an der Zeit, den Kriegseintritt der USA unvoreingenommen zu reflektieren und die Motive für den Kriegseintritt aufzudecken. Militarismus und fehlgeleiteter Heroismus haben bei Gedenkfeiern nichts mehr zu suchen. Hier soll an ein paar wichtige Hintergründe und Motive erinnert werden.

«Deutschland und Österreich in die Zange nehmen»

Während seines Europa-Besuchs hatte der amerikanische Präsidentenberater Colonel House am 29. Mai 1914 aus der US-Botschaft Berlin an Wilson geschrieben: «[…] Das wird eines Tages noch zu einer Katastrophe kommen, […] da gibt es zu viel Hass, zu viele Eifersüchteleien. Sobald England einverstanden ist, werden Frankreich und Russland Deutschland und Österreich in die Zange nehmen.»3
Da lag er nicht falsch. Ihm – wie den meisten seiner Zeitgenossen – war jedoch entgangen, dass einige Männer in und hinter der britischen Regierung an Premier und Kabinett vorbei bereits ab 1904 mit den Vorbereitungen für den grossen Krieg begonnen hatten.4 Das Heer war dabei, für Frankreich ein Expeditionskorps aufzustellen, und in einer abgeschotteten Marineabteilung arbeitete Lord Hankey an einer tödlichen Blockade gegen Deutschland. Der offizielle Historiker der Royal Navy, Sir Julian Corbett, schreibt später, der Erste Weltkrieg sei von Lord Hankey – dem Planer der Blockade – und seinen Mitarbeitern innerhalb der britischen Regierung mit «einer geordneten Vollständigkeit im Detail, die keine Parallele in unserer Geschichte hat»5, vorbereitet worden. Die Namen Hankey und Corbett sucht man leider in herkömmlichen Geschichtswerken – auch bei Christopher Clark – vergeblich.
Wenige Tage vor Kriegsbeginn – am Tag seiner Ermordung, dem 31. Juli 1914 – warnte der französische Historiker und Sozialist Jean Jaurès: «[…] Hier in Frankreich arbeiten wir mit allen Gewaltmitteln für einen Krieg, der ausgefochten werden muss, um ekelhafte Begierden zu befriedigen und weil die Pariser und Londoner Börsen in Petersburg spekuliert haben […]; man sucht den Krieg, den man schon lange schürt.»

Steigende Rüstungsausgaben

Bis Kriegsbeginn Anfang 1914 hatte Amerika wichtige Grundlagen für seinen Aufstieg gelegt: Es hatte Spanien aus Kuba und von den Philippinen verdrängt, beherrschte die Karibik, stellte gerade den Panama-Kanal fertig und besass in Ostasien Anlaufstellen für seine Flotte.
Die Rüstungsausgaben stiegen ständig – zur Freude der Rüstungskonzerne. Interessant sind auch die Ausgaben der Flottenmächte in den 10 Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Von 1904 bis 1914 stiegen sie in Deutschland um mehr als 800 Millionen US-Dollar, in den USA und in Grossbritannien aber um mehr als 1,2 Milliarden beziehungsweise mehr als 1,8 Milliarden US-Dollar.6
Anfang 1909 hatte Lord Kitchener – der Held von Karthum – gegenüber dem bayerischen Hauptmann im Generalstab Karl Haushofer ganz unbefangen von der Unvermeidlichkeit eines grossen Krieges gesprochen, «der wahrscheinlich England wie Deutschland ihre Herrenstellung am Pazifik […] kosten müsse und für die Amerikaner und Japaner geführt werden würde».7
Am 15. August 1914 – keine 2 Wochen nach Kriegsbeginn – erfolgte die erste Schleusung im Panama-Kanal. Damit konnten die pazifische und die atlantische Flotte schnell und schlagkräftig vereint werden. Vier Tage später erklärten die USA ihre Neutralität. Und nur einen Tag später, am 20. August, löste Grossbritannien die völkerrechtswidrige Blockade gegen Deutschland aus – ohne jegliche Kritik seitens der USA. Sie traf vor allem die Bevölkerung und dauerte bis zum 28. Juni 1919. Für das Deutsche Reich kam die Blockade überraschend. Man brauchte fast 6 Monate für eine Reaktion, die kam dann am 4. Februar 1915 mit dem Einsatz der U-Boote.

Kriegsvorbereitungen in den USA

Obwohl Wilson immer wieder betonte, er wolle die USA aus dem europäischen Krieg heraushalten, wurde zielstrebig auf den Kriegs­eintritt hingearbeitet. Am 3. Juni 1916 wurde im US-Kongress der «National Defense Act of 1916»8 verabschiedet. Er definierte einen signifikanten Wechsel für die «National Guard» im Hinblick auf Schlagkraft, Struktur und Mobilisation. Für die nächsten 5 Jahre sollte eine Stärke von 425 000 Mann aufrechterhalten werden. Nun begann die Zeit der Propaganda und der Preparedness-Umzüge. Karnevalesk marschierten in den Grossstädten an die 50 000 Kriegsbegeisterte, begleitet von Dutzenden Musikkapellen, durch die Strassen, um für den Kriegseinsatz auf dem Kontinent zu werben.
Die Weichen für den Krieg waren gestellt. Die Präsidentschaftskandidaten, die einen Kriegseintritt verhindern wollten, zum Beispiel der Abgeordnete Bob La Follette, waren schon aussortiert. Dafür nominierten die Republikaner den anglophilen Charles E. Hughes, der zu dem Demokraten Wilson keine Alternative darstellte.
David L. Hoggan schrieb 1979 in seinem Buch «Das blinde Jahrhundert»: «Für die frustrierten amerikanischen Wähler, die das korrupte Nominierungs-System der Parteikonvente nicht zu durchbrechen vermochten – das nach Gutdünken […] die Auswahl der Präsidentschafts-Kandidaten diktierte und hernach um sie sinnlosen Lärm […] machte – für diese amerikanischen Wähler war 1916 nur wiederum eine typische Präsidentenwahl […] zwischen den beiden vordergründig einander bekämpfenden Kandidaten, die in Wirklichkeit mit J. P. Morgan und J. D. ­Rockefeller unter einer Decke steckten. Die beiden letzteren Männer hatten lange vor der offiziellen Wahl-Kampagne […] bereits entschieden, dass der offizielle Kriegseintritt der USA eine absolute Notwendigkeit sei, um die Profite für die Morgan- und Rockefellerschen Anleihen an die Alliierten sicherzustellen.»9

Kriegsanleihen an die Entente-Mächte sollten gesichert werden

Anfang März 1917 liefen bestürzende Meldungen im Washingtoner Oval Office ein: Meuterei im französischen Heer. Zudem zeichnete sich allmählich der Zusammenbruch Russlands ab. Und auf hoher See schien Deutschland mit seinen U-Booten das Rennen zu machen. Ein Sieg Deutschlands und damit der Totalverlust der Kriegsanleihen an die Entente musste mit allen Mitteln verhindert werden, denn ein Zusammenbruch des J. P. Morgan-Imperiums hätte eine Implosion der Wall Street bedeutet. Die Kredite zum Vergleich: 27 Millionen US-Dollar bekam das Kaiserreich und 2 300 Millionen US-Dollar die Entente.
Am 2. April 1917 forderte Wilson in einer äusserst emotional geführten Rede den Kongress auf, ihm die Zustimmung zur Kriegserklärung an Deutschland zu geben. Als Grund nannte er die Versenkung von US-Handelsschiffen als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit». Dabei hatte Wilson am 9. März 1917 selbst angeordnet, die Handelsschiffe zu bewaffnen – 7 Tage danach wurden 3 US-Schiffe versenkt. Und nun 16 Tage darauf die Kriegserklärung? Es darf davon ausgegangen werden, dass die Weichenstellung für einen Krieg dieser Grössenordnung nicht 16 Tage, sondern schon 16 Monate vorher «angedacht» worden ist.10
Trotz der massenpsychotischen Wirkung von Wilsons Kriegs-Botschaft verlangte während der hitzigen Debatte der Senator Bob La Follette die sofortige Ausschreibung einer Volksbefragung über Frieden oder Krieg, von der er zuversichtlich voraussagte, die USA würden sich 10:1 gegen den Krieg aussprechen. Das forderte in den Medien natürlich eine persönliche Attacke auf LaFollette11 heraus, in der behauptet wurde, er sei «ein besserer Deutscher als die Führer Deutschlands selbst».
Senator George W. Norris wies in seiner Gegenrede die von Wilson angeführten Kriegsgründe zurück und zeigte – aus einem Kundenbrief der «New Yorker Stock Exchange» zitierend – die Interessen der Wall Street auf: «Kanada und Japan sind im Krieg und prosperieren mehr denn je. Bei Ausbruch unmittelbarer Feindseligkeiten würden die Aktien mit erfreulichem Blick schnell, klar und hitzig reagieren. Der altmodische bull market würde sich daran ebenso erfreuen wie beim Ausbruch des Krieges mit Spanien 1898. Dagegen würde der Beginn des Friedens die Warenpreise nach unten anpassen und höchstwahrscheinlich den Unternehmungsgeist hemmen.»12
Nach einer nicht ohne Erbitterung geführten Debatte – Senator Bob La Follette kämpfte in einer vierstündigen Rede gegen den beabsichtigten Krieg gegen Deutschland – erklärten am 6. April 1917 die Vereinigten Staaten den Kriegszustand mit Deutschland.13

Proteste in Deutschland

Auf die Rede Wilsons reflektierte die deutschsprachige «Allgemeine Zeitung des Judentums» mit einem entschiedenen Hinweis auf das von Wilson betriebene Doppelspiel, «in dem er von Anfang des Krieges an gestattete, guthiess, ja vielleicht sogar förderte, dass die amerikanischen Fabriken unsere Gegner mit Munition, Waffen und allerlei Kriegsgerät versorgten. Das hat ausser Amerika kein wirklich neutraler Staat getan. Schon durch diese Unterstützung unserer Feinde haben die Vereinigten Staaten […] sich seit fast drei Jahren trotz ihrer angeblichen Neutralität als eine gegnerische Macht erwiesen. Nicht also wir, sondern sie sind die Urheber dieses Krieges».14 Als Angehörige des deutschen Volkes protestierten die Redakteure des jüdischen Blattes gegen die Suggestion, dass die Vereinigten Staaten nur mit der deutschen Regierung und nicht mit dem deutschen Volk Krieg führten. «Wir haben keinen Krieg mit Amerika gewollt, am wenigsten mit Herrn Wilson, wir nehmen ihn auf, da er uns freventlich auferlegt wird, im Bewusstsein unseres guten Rechts und unserer heiligen Sache.»15

«Kaufleute des Todes»

1934, als in den USA die Angst vor einem neuen Krieg umging und die Entwicklung der «Rainbow-Kriegspläne» anlief, nahm im US-Kongress unter dem Vorsitz von Senator Gerald P. Nye ein Untersuchungsausschuss («The Special Committee on Investigation of the Munitions Industry») über die Gründe für den Kriegseintritt 1917 die Arbeit auf. Nach sorgfältigen zweijährigen Ermittlungen konnte das sogenannte Nye-Komitee überzeugend darstellen, dass Banker und Rüstungsindustrielle neben Preisabsprachen vor und während des Krieges starken Einfluss auf die US-Aussenpolitik genommen und so das Land in den Krieg «getrickst» hatten.16
Die Netto-Gewinne mancher US-Rüstungshersteller konnten exorbitante Zuwächse verzeichnen: Im Vergleich mit den Jahren 1911 bis 1914 stiegen die Nettogewinne in den Jahren 1915 bis 1918 bei Scovil Co. um fast 1200 %, bei Du Pont um fast 1000 %, bei Niels Menet Pond um mehr als 850 %, bei Bethlehem Steal um mehr als 700 %, bei Hercules Powder Co. um fast 600 %, bei Atlas Powder Co. um mehr als 400 % und bei General Motors um mehr als 300 %.16 1935 setzte die amerikanische Künstlerin Mabel Dwight ein Mahnmal gegen die Profiteure von Krieg und Krisen mit ihrer Lithografie «The Merchants of Death»:
«Die Händler des Todes sind zäh und langlebig, […] ihr alleiniges Interesse ist das Eigeninteresse, ihr alleiniger Gott ist der Profit. […] Als Politiker richtet sich ihr Interesse auf eine starke Herrscherklasse und die Bündelung der Privilegien. […] Was sie jedoch nur selten begreifen, ist, dass der Tod ihr Anführer ist. Er liebt sie, denn er weiss, dass sie früher oder später seine Taschen füllen werden. Er weiss, dass sie Kriege und Revolutionen ausbrüten, […] ihre Hartnäckigkeit und ihre althergebrachte Dummheit übersteigen jedes verständliche Mass. Wir sprechen hier über Wesen, die ausgesprochen scharfsichtig, dabei aber unheilbar kurzsichtig sind. In diesem Land hassen sie das Ideal der Demokratie, doch sind sie froh über die lockeren Zügel und den Freiraum, den sie ihnen lässt.»17

Die Banker haben die Weichen gestellt

Der Erste Weltkrieg konnte in diesem Umfang nur stattfinden, weil die Banker rechtzeitig die Weichen gestellt hatten, um Unmengen von Geld zu schöpfen. Bei Wilsons Amtsantritt steckten die USA in einer wirtschaftlichen Rezession. Schon Ende April 1913 hatte Wilson auf Drängen einflussreicher Banker die erste Zusammenfassung der noch geheimen Gesetzesvorlage für ein Zentralbankengesetz befürwortet. Es wurde, weitgehend unbemerkt von der amerikanischen Öffentlichkeit, am 22. Dezember 1913 als «Federal Reserve Act» vom Repräsentantenhaus verabschiedet, und am Tag darauf stimmte der Senat zu – ein Teil der Abgeordneten und Senatoren hatte schon die Heimreise für das Weihnachtsfest angetreten. Nur Stunden später unterschrieb Wilson das umstrittene Gesetz18 – für viele ein Freibrief zur privaten Geldschöpfung.
Damit verzichtete der Kongress auf das Vorrecht, Geld zu drucken, und übertrug diese Aufgabe internationalen Bankiers, die für dieses Gesetz reichlich Lobbyisten-Gelder hatten fliessen lassen. Die öffentliche Meinung war gegen so ein Gesetz, nicht zuletzt weil Thomas Jefferson wieder und wieder gewarnt hatte, dass durch solch einen Akt zuerst die Inflation beschleunigt und durch die nachfolgende Deflation den Bürgern dann ihr Vermögen geraubt würde. Damit hatte Jefferson erstaunlichen Weitblick bewiesen.
Die FED führte ein neues Geldsystem ein und wurde schon bald von ihren Gründungsvätern für den Krieg missbraucht, um ungedecktes «Fiat money» – nach Edelmetallexperten Reinhard Deutsch «Legales Falschgeld»19 – bereitzustellen, also Geld mit einem imaginären Gegenwert. Seither achten die Herren des Papiergeldes und Hüter der privaten Landesbanken darauf, dass Ländern mit staatlichen Landesbanken der Kampf angesagt wird.
Bereits Goethe beschrieb in «Faust II» die «Wirtschaft mit ihrer Papiergeldschöpfung als eine Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln».20 «Während die klassischen Alchemisten versuchten, aus Blei Gold zu machen, wird in der modernen Wirtschaft Papier zu Geld gemacht», sagte Jens Weidmann als Präsident der Deutschen Bundesbank in seiner originellen Begrüssungsrede am 18.9.2012. Der auch in Wirtschaftsfragen bewanderte Goethe war der für den Bereich Wirtschaft zuständige Minister am Weimarer Hof und erlebte hautnah die industrielle Revolution. Er selbst riet Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach von der Papiergeld-Einführung ab. «Jeder Münzfuss, er sey welcher er wolle, muss fest seyn»21, schrieb Goethe in einem Gutachten.
Um ungehindert global ausplündern zu können, müssen auch nationale Strukturen verschwinden. 1914 ging es zunächst darum, die drei grossen Dynastien auf dem europäischen Kontinent zu vernichten. Dazu führte auf dem Eucharistischen Weltkongress Lourdes (22.–26. Juli 1914) Kardinal John Murphy Farley, Erzbischof von New York, aus: «Der Krieg, der in Vorbereitung ist, wird ein Kampf zwischen dem internationalen Kapital und den regierenden Dynastien sein. Das Kapital wünscht niemanden über sich zu haben, kennt keinen Gott oder Herrn und möchte alle Staaten als grosses Bankgeschäft regieren lassen. Ihr Gewinn soll zur alleinigen Richtschnur der Regierenden werden. […] Business […] einzig und allein.»22

Viel Pomp und wenig Wahrhaftigkeit

Am 14. Juli 2017 wurde in Paris mit viel monumentalem Pomp und wenig Wahrhaftigkeit dieses historische Ereignis gefeiert. Nietzsche, der in seiner «Zweiten unzeitgemässen Betrachtung» zwischen einem monumentalischen, einem antiquarischen und einem kritischen Umgang mit der Geschichte unterscheidet, warnt: Regiert der monumentalische, so leidet die Vergangenheit selbst Schaden – grosse Teile werden vergessen, verachtet oder fliessen einfach fort. «Die monumentale Historie täuscht durch Analogien: Sie reizt mit verführerischen Ähnlichkeiten den Mutigen zur Verwegenheit, den Begeisterten zum Fanatismus; und denkt man sich gar diese Historie in den Händen und Köpfen der begabten Egoisten und der schwärmerischen Bösewichter, so werden Reiche zerstört, Fürsten ermordet, Kriege und Revolutionen angestiftet und die Zahl der geschichtlichen ‹Effekte an sich›, das heisst der Wirkungen ohne zureichende Ursachen, von neuem vermehrt.»

Geschichtsklitterung bis heute

Diese negativen Effekte könnte eine kritische Historienbetrachtung minimieren. Leider werden selten die Chancen genutzt. Am Samstag, dem 7. Juli 2017, erschien im Feuilleton der «Süddeutschen Zeitung» unter dem Titel «Echo des Krieges» ein dreiseitiges Gespräch mit dem jungen Historiker Robert Gerwarth. Man muss ihm zustimmen, wenn er sagt, dass sich die Geschichte zwar nicht wiederholt, es aber tatsächliche Parallelen zur Welt vor 100 Jahren gibt: «[…] Man hört Echos von damals […]». Deshalb müssen wir die historischen Wurzeln jener Konflikte, die wir heute erleben, verstehen. Auf die Ursprünge der «Echos» geht er dann aber nicht ein. Mit der Behauptung, «Europas Geschichte ist ohne die Entwicklungen zwischen 1917 und 1923 kaum zu verstehen»23, umschifft er eine gefährliche Klippe: die Motive, die in den Ersten Weltkrieg führten. So wird im Gespräch auf den oder die Verursacher des Ersten Weltkriegs nicht eingegangen, dafür die angelsächsische Weltsicht dargeboten – und natürlich an Fritz Fischers längst überholtes Buch «Der Griff zur Weltmacht» erinnert. Jeder Blick in die Motive der «Herren des Papiergeldes» wird vermieden. So werden Kriege und Krisen im Profit- und Machtinteresse dieser Kreise weiteres Leid über die Menschen bringen.
Es wundert nicht, dass heute die Krisen an den Bruchlinien des Ersten Weltkriegs – im Nahen und Mittleren Osten, in der Ukraine und in Nordafrika – wieder aufgebrochen sind, weil die Problematik weder gelöst noch aufbereitet wurde. Die Kriegstreiber von heute sind wie damals kühl kalkulierende, machtbesessene und menschenverachtende Hasardeure. Sie finden sich unter Spekulationsbankern und Inhabern von Rüstungskonzernen, vor allem in den transnationalen Konzernen und dem transnationalen Kapital.    •

* Wolfgang Effenberger, 1946 geboren, ist Publizist und Buchautor. Seine beiden aktuellen Bücher heissen «Wiederkehr der Hasardeure. Schattenstrategen, Kriegstreiber, stille Profiteure 1914 und heute» (gemeinsam mit Willy Wimmer), Höhr-Grenzhausen 2014 (ISBN 978-3-943007-07-7) und «Geo-Imperialismus. Die Zerstörung der Welt», Rottenburg 2016 (ISBN 978-3-86445-323-6)

1    vgl. www.handelsblatt.com/politik/international/frankreich-trump
2    Gerste, Ronald D. Lafayette, here we come! In: ZEIT Geschichte. Nr. 2/2017, S. 48
3    Seymour, Charles. The Intimate Papers of Colonel House. Cambridge 1926, S. 248
4    Walsh, Patrick. Schlafwandler? Von wegen! Wie Grossbritannien seinen Krieg gegen Deutschland plante. In: Effenberger, Wolfgang/Macgregor, Jim (Hrsg.). Sie wollten den Krieg. Wie eine kleine britische Elite den Ersten Weltkrieg vorbereitete. Rottenburg 2016, S. 21–59
5    Corbett, Julian. Naval Operations. London 1921, Bd. 1, S. 18
6    Zahlen aus Engelbrecht, H.C./Hanighen, F.C. Merchants of Death. New York 1934
7    Haushofer, Karl. Erdkunde, Geopolitik und Wehrwissenschaft. München 1934, S. 8
8    Federalizing the National Guard: Preparedness, reserve forces and the National Defense Act of 1916; www.nationalguard.mil/News/Article/789220/federalizing-the-national-guard-preparedness-reserve-forces-and-the-national-de/
9    Hoggan, David L. Das blinde Jahrhundert. Tübingen 1979, S. 454
10    Effenberger, Wolfgang/Wimmer, Willy. Wiederkehr der Hasardeure. Höhr-Grenzhausen 2014, S. 364f.
11    vgl. Thelen, David P. Robert La Follette and the Insurgent Spirit. Boston 1976
12    Senator Norris Opposes U.S. Entry into the War. In: Congressional Record, 65th Cong., 1st Sess., Vol. LV, pt. I, pp. 212–13
13    Ausführliche Darstellung in Effenberger, Wolfgang. Pfeiler der US-Macht. Gauting 2005, S. 192ff.
14    AZJ Nr. 15 vom 13.4.1917, S. 171
15    AZJ Nr. 15 vom 13.4.1917, S. 172
16    Report of the Special Committee on Investigation of the Munitions Industry (The Nye Report), U.S. Congress, Senate, 74th Congress, 2nd session, February 24, 1936, pp. 3–13
17    Dwight, Mabel. A Catalogue Raisonné of the Lithographs. Smithosonians Institution Press 1997
18    The Federal Reserve Act of 1913 – A Legislative History; www.llsdc.org/FRA-LH
19    Deutsch, Reinhard. Falschgeld. In: Dokumentation des Symposium Steyerberg 2000: Für einen neuen Geldpluralismus, S. 62f
20    «Goethes ‹Faust›: Grenzenloses Gelddrucken anno 1832»; http://diepresse.com/home/wirtschaft/hobbyoekonom/1293632/Goethes-Faust_Grenzenloses-Gelddrucken-anno-1832
21    http://diepresse.com/home/wirtschaft/hobbyoekonom/1293632/Goethes-Faust_Grenzenloses-Gelddrucken-anno-1832
22    von Taube, Michael. Der grossen Katastrophe entgegen. Leipzig 1937, S. 37
23    «Echo des Krieges». In: «Süddeutsche Zeitung» Nr. 155 8./9.8.2017, S. 11