Heu ernten, während die Scheune brennt

Chaos als Strategie US-amerikanischer Kriegspolitik

von Asad Durrani*

Nach dem Ende des Kalten Krieges marschierten die USA in Irak und Afghanistan ein, sie unterstützten Alliierte, die Libyen und Jemen angriffen, und schürten Aufstände in Syrien und der Ukraine. Da die meisten dieser Projekte scheinbar ins Stocken geraten sind in ihren Auseinandersetzungen mit Pöbel-Milizen, glauben wir gern – bisweilen Hände reibend – , dass sich die einzige Supermacht nun im endgültigen Niedergang befinde. Um diese Auffassung zu bestärken, wird in diesem Zusammenhang oft der verstorbene Präsident Eisenhower zitiert, der voraussagte, dass der mächtige militärisch-industrielle Komplex das Land in aussichtslose Kriege führen könne. Was aber wäre, wenn es den amerikanischen Interessen am besten dienen würde, wenn sie auf dem Schlachtfeld keinen Sieg erringen?!
Um es vorwegzunehmen: Der berüchtigte Komplex verdient sogar mehr an anhaltenden Konflikten.

Schlecht ausgebildete Armeen – Goldgruben für die Krämer des Todes

Im Mai 2006 traf ich in Kabul einen pensionierten amerikanischen General, der ein privates Unternehmen führte, welches die afghanische Armee ausbildete. Natürlich hatte man von diesen Glücksrittern gehört, die ihre Rekruten schlecht ausbildeten, damit ihre Verträge verlängert werden. Einige von uns wissen auch, dass keine afghanische und auch keine andere Armee – auch die mächtigste nicht, wie man hat feststellen müssen – in diesem Land Stabilität garantieren kann –, diese ist grundsätzlich eine Funktion des Konsenses unter den Stämmen. Aber schliess­lich bringen Milliarden aus Verteidigungskontrakten satte Provisionen ein. Die Hälfte der Hilfe an Kabul – rund 8 Milliarden Dollar jährlich – dient deshalb in erster Linie den Rüstungskonzernen.
Dreimal dürfen Sie raten, wer die irakische Armee «ausbildete», die in dem Moment zerfiel, als sie von dem angegriffen wurde, was man mittlerweile den «Islamischen Staat» nennt. Die Kriegslobby war wirklich begeistert. Unglücklich über Obamas Abzug des  Militärs aus dem Irak im Jahre 2011, war sie zufriedengestellt, als das Aufkommen von Da’esh Gelegenheit bot, es zurückzuholen. 2014 brachten einige afghanische und amerikanische Teilnehmer einer Konferenz ihre Dankbarkeit gegenüber Baghdadi [dem Anführer des IS] für dessen rechtzeitige Intervention zum Ausdruck. Falls irgendeine Chance zum Abzug der Nato-Truppen aus Afghanistan bestanden hätte, war ein solcher zu ihrer grossen Erleichterung abgewendet worden. Und nur für den Fall, dass sich jemand gewundert haben sollte, warum einige Grossmächte sich so schwertun, den IS in der Levante zu bekämpfen, hatte man nun die Antwort.
All das verblasst, wenn man es mit der Abzockerei in der arabischen Welt vergleicht. Die Golf-Staaten mögen Milliarden für Rüstungskäufe beim Westen ausgeben, sie haben weder ein Konzept noch die nötigen Mittel, um dieses topmoderne Arsenal einzusetzen. Es war daher noch unwahrscheinlicher, dass diese teuren Spielzeuge irgendeiner ernsthafteren Bedrohung als der afghanischen Nationalarmee etwas entgegensetzen würden. Und für den Fall, dass der Besitz derselben die Saudis ermutigt haben sollte, die unglücklichen Jemeniten zu bombardieren, wären die Gewinner wiederum diese Krämer des Todes. Sie sorgten dafür, dass die Nachschubkette gut geölt blieb.

Sabotierte Friedensbemühungen

Kriege kommen sicher der riesigen amerikanischen Rüstungsindustrie zugute, vor allem, wenn ihr wichtigster Kunde, die amerikanischen Streitkräfte, auch involviert sind. Aber andererseits haben die USA ihren einzigartigen Status nicht nur durch Waffenverkäufe erreicht. Es gibt in Regionen wie der unsrigen genügend Auseinandersetzungen, die dieser Hypermacht mehr als alles andere helfen, ein Land gegen das andere auszuspielen – und dadurch relevant zu bleiben.
Die Raffinesse in diesem hinterhältigen Spiel ist, dass es nicht im Detail gemanagt und kontrolliert werden muss. Einmal entzündet, entfalten die Konflikte ein Eigenleben – so lange, wie Versuche, sie zu beenden, zunichte gemacht werden. Und das haben die USA oft getan.
Als Saddam im August 1990 in Kuwait einmarschierte, haben sich die Saudis nach dem ersten Bammel eine militärische Reaktion nochmals überlegt. Wie General Scowcroft, ein ehemaliger Nationaler Sicherheitsberater, eingestand, hat die CIA die Bedrohung durch die irakischen Streitkräfte aufgebläht, um Riad davon zu überzeugen, dass Krieg seine beste Option wäre. Der berüchtigte Schwindel mit den Massenvernichtungswaffen vor der Invasion im Irak von 2003 war lediglich ein Replay dieses Vorwandes.
Das Angebot der Taliban im Jahre 2002 zur Aussöhnung mit dem Karzai-Regime war vom Pentagon zurückgewiesen worden, das zu der Zeit in Kabul das Sagen hatte. Danach wurden viele Friedensbemühungen von den USA sabotiert, letztmals im Mai 2016 durch die Tötung von Mullah Mansour, die Persönlichkeit, die Delegierte der Taliban an die Friedensgespräche in Doha und Murree zu schicken pflegte. Dass dies nur gerade vier Tage nach dem Beschluss des Afghanistan-Quartetts zur Wiederaufnahme des Friedensprozesses geschah, sollte an der Absicht keinen Zweifel lassen.
Auch die Anstrengungen Pakistans, mit den Militanten in seinen Stammesgebieten zu verhandeln, wurden auf ähnliche Weise untergraben. Der Kommandant Nek Mohammad, mit dem 2004 eine Einigung erzielt werden konnte, war das erste Opfer einer amerikanischen Drohne. 2006 wurden an dem Tag, an dem unsere Friedensmission eine Dschirga in Bajaur treffen sollte, in einer lokalen Koranschule fast neunzig Kinder durch ein US-Bombardement getötet.

Wie das Chaos aufrechterhalten wird

Die amerikanischen «Denkfabriken» spielen ebenfalls ihre Rolle zur Erreichung des grösseren Ziels.
Von Washington autorisierte Berichte über seine militärischen Unternehmungen mögen Mängel bei deren Durchführung erwähnen – um den Nachweis akademischer Referenzen zu erbringen –, aber die eigentlichen Ursachen wurden immer im Land selber verortet: schlechte Regierungsführung (durch Marionettenregime), ineffiziente Sicherheitskräfte (aufgebaut und ausgebildet von den Besatzungsmächten), «Terrorismus» (wobei man die Rolle des Westens der Einfachheit halber ignorierte) und gewiss Pakistan, wenn das Thema Afghanistan war. Das sorgt für die gewünschte Begründung, um weiter beteiligt zu bleiben – und in der Realität dafür, das Chaos aufrechtzuerhalten.
Aber die USA verantwortlich zu machen war zwecklos. Ratschläge geben noch sinnloser. Amerika kennt seine Interessen, und das Paradigma würde daher weitergehen. Und wenn die Golf-Dynastien glauben, dass es ihnen hilft, ihre Krone zu verteidigen, wenn sie die USA bei Laune halten, werden auch sie ihren Kurs kaum ändern. Die Last, die richtige Antwort zu finden, lag voll und ganz bei den Opfern dieser Höllenplanung. Leute wie die Taliban zum Beispiel könnten Widerstand leisten, und den Staaten der Region wäre besser gedient, wenn sie sich zusammentäten. Pakistan war gut beraten, mit Iran zusammenzuarbeiten, um Dschundollah unschädlich zu machen, die das Territorium des letzteren verletzte und sich dann ihrer feindlichen Beziehung zu Russland zuwandte. [Dschundollah ist eine sunnitisch-islamistische Terror-Organisation, die in den iranischen Provinzen Sistan und Belutschistan an der Grenze zu Pakistan aktiv ist.] Gemeinsam mit China und kürzlich der Türkei haben sich die Länder auf der falschen Seite der USA in unserer Region seit vielen Jahren zusammengeschlossen.
Zwei Faktoren haben den USA geholfen, sich dennoch im Spiel zu halten.
Es gibt eine ansehnliche Reihe staatlicher oder nichtstaatlicher Akteure, die glauben, wenn ihre Rivalen mit amerikanischer Hilfe erst einmal erledigt wären, dass sie übrigblieben und das Sagen hätten. Offensichtlich haben sie nie etwas von  Goethes Faust gehört, der nach seinem Handel mit dem Teufel seine Seele verlor. Auch wenn man Ashraf Ghanis Regime in Kabul als «Regierung von Afghanistan» schöngeredet hätte, ihr Überleben hängt weiterhin am amerikanischen  Tropf. Und wenn Katar geglaubt haben sollte, eine US-Basis auf seinem Boden würde eine Absicherung gegen seine Nachbarn bieten, vergass es vielleicht, dass diese Versicherungspolice mit einer riesigen Prämie verbunden war – Milliarden von Dollar für F15s, nur mal für den Anfang.
Amerika kontrolliert auch das Narrativ. Alles oben Gesagte mag seinen Platz im Internet finden, sogar gedruckt werden, aber es wird beharrlich ausserhalb des Mainstream gehalten. Die meisten von uns glauben daher weiterhin, dass das Chaos, welches die USA geschaffen haben, eine nichtbeabsichtigte Konsequenz seiner gütigen Politik war. Jene, die das nicht glauben, werden als Verschwörungstheoretiker bezeichnet.    •

* Generalleutnant a. D. Asad Durrani (geboren am 4. Februar 1941 in Lahore, Pakistan) ist ehemaliger Diplomat und Leiter von Geheimdiensten. 1959 trat er in die pakistanische Armee ein. Während seiner Militärkarriere war er Ausbilder an der Military Academy and the Command & Staff College (Militär- und Generalstabsakademie). 1975 absolvierte er an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg einen Generalstabslehrgang. Von 1980 bis 1984 war er Militärattaché in Bonn. 1988 wurde er zum Direktor des militärischen Geheimdienstes von Pakistan ernannt und 1990 zum Direktor der Inter-Services Intelligence, ISI (Militärnachrichtendienst der Streitkräfte Pakistans). Zuletzt war er tätig als Generalinspektor für Ausbildung und Evaluation und Kommandant der nationalen Verteidigungsakademie. Seit 1993 ist er im Ruhestand. Von 1994 bis 1997 war er Botschafter in Bonn und von 2000 bis 2002 in Saudi-Arabien. Von 2006 bis 2008 war er (nichtakkreditierter) Botschafter in Washington D.C.

Quelle: Spearhead Research. http://spearheadresearch.org/index.php/internationalaffairssecuirty/make-hay-while-the-barn-burns

(Übersetzung Zeit-Fragen)