Russland und die grosse Revolution, 1917–2017

von Prof. Dr. Peter Bachmaier*

Russland gedenkt am 7. November 2017 des 100. Jahrestages der bolschewistischen Revolution, die nach dem julianischen Kalender am 25. Oktober stattfand. Die russischen Historiker sprechen heute von der Grossen Russischen Revolution und verstehen darunter die Periode von 1917 mit der Februarrevolution, der Oktoberrevolution und dem Bürgerkrieg bis zur Gründung der UdSSR im Dezember 1922. Die gesamte Periode von der ersten Revolution 1905 mit dem Ersten Weltkrieg bis 1922 wird auch als «Zeit der Wirren» bezeichnet, in Analogie zu den Jahren am Anfang des 17. Jahrhunderts, als es keinen Zaren gab. 

Die Rede Wladimir Putins vor der Föderalversammlung im Kreml am 1. Dezember 2016. (Bild en.kremlin.ru)

Erlass Putins über das Jubiläum

Am 1. Dezember 2016 erklärte Putin auf der Föderalversammlung im Kreml: «Wir wissen gut, welche Folgen die sogenannten ‹grossen Erschütterungen› hervorrufen.» Und weiter: «Wir brauchen die Lehren der Geschichte vor allem für die Aussöhnung … Wir schätzen die Bedeutung der Selbsterhaltung, des Zusammenhalts und der Einheit hoch ein.» Am Schluss erklärte er: «Wir sind ein einiges Volk, ein Volk, und wir haben nur ein Russ­land.»
Am 8. Dezember 2016 gab Wladimir Putin dazu einen Erlass mit Richtlinien heraus. Die Durchführung der Veranstaltungen übertrug er der Russischen Historischen Gesellschaft, die 2012 neu gegründet wurde. Sie steht unter dem Vorsitz des Präsidenten der Staatsduma, Sergej Naryschkin, der aus einer alten aristokratischen Familie kommt. Die Gesellschaft hat die Erhöhung der Unterrichtsstunden für Geschichte verlangt und ein neues Geschichtslehrbuch herausgegeben. Der Plan der Veranstaltungen der Russischen Historischen Gesellschaft, das heisst Konferenzen, Ausstellungen, Filme und Denkmäler über die Revolution im Jahr 2017, umfasst 118 Titel.
Eine der Hauptveranstaltungen ist die Ausstellung «1917: Der Code der Revolution» im Museum der modernen Geschichte Russ­lands (dem früheren Museum der Revolution). Eine weitere Ausstellung ist «Die Zwölf» im Staatlichen Literaturmuseum in Moskau über zwölf Autoren, deren Werke die widersprüchlichen Ereignisse dieser Zeit widerspiegeln, davon etwa die Hälfte Gegner des Bolschewismus oder Emigranten: Wladimir Majakowski, Iwan Bunin, Alexander Blok, Sinaida Hippius, Alexander Wertinski, Demjan Bedny, Anatoli Lunatscharski, Alexei Remisow, Maximilian Woloschin, Marina Zwetajewa, Waleri Brjussow und Maxim Gorki. Die Ausstellung wurde bis Mai 2017 in Moskau gezeigt und wandert seither durch die Hauptstädte Europas, darunter auch Berlin.

Die Aussöhnung der Gegner

Der russische Kulturminister Wladimir Medinski hob in einer Vorbereitungsveranstaltung im Mai 2015 hervor, dass sowohl die Weissen als auch die Roten im russischen Bürgerkrieg von einem «heiligen Patriotismus» beseelt gewesen seien, und rief deshalb zu einer Einigung auf. Gesiegt habe im Bürgerkrieg das historische Russland, das als einheitlicher Sowjetstaat wiederauferstanden sei.
«Der Versuch, eine gerechte Gesellschaft auf der Erde zu errichten», habe «ganz entscheidend die historische Entwicklung nicht nur in Russland verändert», sondern «er übte einen riesigen Einfluss auf den Fortschritt der Völker des Planeten aus.» «Die Vorfahren darf man nicht eindeutig in Gerechte und Schuldige unterteilen.» «Sowohl die Roten wie die Weissen wurden von dem angetrieben, was wir heute Patriotismus nennen.»
Aussenminister Sergei Lawrow meinte in der Zeitschrift Russia in Global Affairs, es sei falsch, die russische Revolution auf einen Staatsstreich zu reduzieren. Ähnlich wie bei der Französischen Revolution müsse man Terror und zivilisatorische Errungenschaften gegeneinander abwägen.
Eine Neuerung ist, dass der Februar­revolution und der Provisorischen Regierung eine grössere Bedeutung zugemessen wird. Alexander Kerenski und die liberale Regierung hätten unter dem Einfluss ausländischer Mächte nichts unternommen, um die Auflösung der Armee, der Polizei und des gesamten Staates aufzuhalten, obwohl sie dazu in der Lage gewesen wären, und hätten dadurch der Oktoberrevolution den Weg geebnet.
Auffällig ist, dass der Führer der Oktoberrevolution, Lenin, kaum mehr erwähnt wird. Putin äusserte über Lenin, er habe eine Zeitbombe unter den einheitlichen Staat gelegt, indem er willkürliche Grenzen durch das sowjetische Territorium gezogen habe. Diese Bombe sei im Jahr 1991 explodiert, als sich die einzelnen Sowjetrepubliken unabhängig erklärt hätten. Gleichzeitig warnte Putin aber vor einer neuerlichen Spaltung der Gesellschaft und rief zu einer Aussöhnung auf.

Das Rote Projekt

Das Zentrale Russische Fernsehen bringt seit 1. Juli 2017 unter dem Titel «Das Rote Projekt» eine Serie von Dokumentationen und Diskussionsrunden, aber die Historiker können sich in der Bewertung der Revolution nicht einigen. Betont wird die Konstanz der russischen Staatlichkeit. Das Konzept des Klassenkampfes spielt in der aktuellen Geschichtsdeutung keine Rolle mehr. Die Leitkategorie in der aktuellen Geschichtspolitik ist nicht mehr die Klasse, sondern der Staat, der über eine starke Führung verfügen muss.
Der Leiter der Sendung, der Politologe Dmitri Kulikow, erklärte dazu: «Wir haben bis heute nicht verstanden, was in diesen 70 Jahren wirklich geschah.» Er fügte auch hinzu: «Die Frage ist heute nach dem nächsten Schritt, und wann er gemacht wird.»
Die «passionarische» Energie (nach dem Philosophen Lew Gumiljow) kann sich in den unterschiedlichsten Figuren verkörpern wie Fürst Wladimir von Kiew, der im Jahr 988 das Volk der Rus taufen liess und dessen Denkmal 2016 unmittelbar vor dem Kreml errichtet wurde, und Pjotr Stolypin, Ministerpräsident von 1906 bis 1911, der ein Denkmal vor dem «Weissen Haus», dem Sitz der russischen Regierung, erhielt.
Einen Vorgeschmack auf die Kulturpolitik des Kremls hatte bereits die Eröffnungsfeier der Winterspiele in Sotschi am 7. Februar 2014 gegeben. Hier wurden fast alle bedeutenden Persönlichkeiten für die Grösse der russischen Nation in Anspruch genommen: von den suprematistischen Malern bis zum Kosmonauten Gagarin.

Die Geschichte Russlands als Ballett

Aus dem Kulturprogramm der Olympischen Winterspiele in Sotschi:

«Die Zeit explodiert – die russische Revolution – das Hauptereignis des XX. Jahrhunderts. Ein radikaler sozialer Umsturz, der die Welt erschüttert. Neue Kräfte, neue Themen, neue Farbe, ein neuer Umsturz in der Kunst, der die neue Welt hervorbringt, die Avantgarde.

Zeit voran, neue Zeit in einem neuen Land im neuen Zeitalter, im Reich der Ideologie, die in allem das Absolute erzwingt. Der Mensch wird ein Teil der Maschine… Die Pferde aus Stahl überholen die lebenden Pferde. Russland springt nach vorne zum Fortschritt um jeden Preis.

Die furchtbare mechanische Fabrik baut die Maschine auf, in der der Mensch formal der Herr von allem, aber in Wirklichkeit nur ein Detail ist, das die titanische Konstruktion zusammenhält. Es beginnen neue Zeiten… Die Spannung steigt. Das Land geht vorwärts, aber wohin? Was erwartet es in der nächsten Zukunft? Rote Farbe, so viel rote Farbe, die Farbe des Blutes. Und plötzlich erschüttert eine Krise die Welt, etwas zerbricht, die Bewegung dieser gigantischen roten Maschine bleibt stehen. Etwas Schreckliches muss passieren: die Scheinwerfer werden mit kaltem Licht eingeschaltet.

Furchtbare Laute detonieren. Eine Explosion um Mitternacht. Es beginnt die furchtbarste Zeit in der tausendjährigen Geschichte Russlands. Die wichtigste Stunde, in der sich das Schicksal Russlands entscheidet: Sein oder Nichtsein.»

Die Geschichtspolitik schafft das Bild eines einheitlichen Russlands der Helden und Sieger. In zahlreichen symbolischen Akten wurden die Gegner der bolschewistischen Revolution in das heutige Russland integriert. Schon 1998 wurden die sterblichen Überreste des letzten Zaren Nikolaus II. in der zaristischen Grablege in St. Petersburg feierlich beigesetzt. Das neue Geschichtsbild sieht die Bolschewisten und ihre Feinde von damals gemeinsam als Verteidiger der russischen Zivilisation, die damals wie heute vom Westen bedroht ist.

Das unsterbliche Regiment. Moskau, 9. Mai 2015 (Bild wikipedia)

Die neue russische Staatsdoktrin

Es wurde eine Staatsideologie geschaffen, in der der Staat wieder eine zentrale Rolle spielt, mit patriotischer und militärischer Erziehung in der Schule, mit nationalen Feiertagen – dem 9. Mai, Tag des Sieges – dem 24. Mai, Tag der slawischen Kultur (Fest der hll. Kyrill und Method)– dem 4. November, Tag der nationalen Einheit (dem Tag der Befreiung Moskaus von den Polen im Jahr 1612). Es geht um die Einheit des Volkes, eine nationale Geschichtsauffassung, eine führende Rolle der Orthodoxie und auch des Eurasismus. Putin zitierte Lew Gumiljow, einen führenden Vertreter der eurasischen Theorie.
Mit der Gründung der UdSSR im Dezember 1922 und besonders mit dem Beginn der Fünfjahrespläne im Jahr 1928 wurde der Staat wieder aufgebaut, er wurde industrialisiert, der Analphabetismus beseitigt, wissenschaftliche Forschungszentren geschaffen und der Weltraum erobert. Mit Beginn der Fünfjahrespläne im Jahr 1928 erhöhte sich das Wachstum der sowjetischen Wirtschaft in den 30er und 40er Jahren um jährlich mehr als 10 %. Die Sowjetunion wurde ein mächtiger Industriestaat.
Der bedeutendste Ort der Erinnerung ist heute der «Grosse Vaterländische Krieg» und der Sieg über Hitler-Deutschland am 9. Mai 1945. Seit dem 60. Jahrestag im Jahr 2005 wurden die Feierlichkeiten wieder aufgenommen, wobei die rote Fahne durch die russische Fahne ergänzt wurde. Zusätzlich verbreitete sich das schwarz-orange Sankt-Georgs-Band, das aus dem 18. Jahrhundert stammt, als Zeichen der Anteilnahme.
Im Jahr 2015 organisierte die Regierung eine historische Rekonstruktion der Revolutionsfeiern im belagerten Moskau vom 7. November 1941. Durch diese Verschiebung war es möglich, das Kapitel der Revolution im Thema der offiziellen Geschichtspolitik, dem Sieg über Hitler-Deutschland, aufgehen zu lassen. Die Parade im Jahr 2015 aus Anlass des 70. Jahrestags wurde zur grössten Militärparade in der Geschichte Russlands.
Vor einigen Jahren entstand in der russischen Provinz, von unten, die Bewegung «Das unsterbliche Regiment», bei der sich jedes Jahr mehr und mehr Menschen anschliessen, die ihrer im Krieg gefallenen Angehörigen mit Fotos gedenken. An diesem Gedenkmarsch nahmen in Moskau heuer 850 000 Menschen und in ganz Russland 16 Millionen Menschen teil.

Die russische Idee

Ein zentraler Begriff der «russischen Idee», wie sie von der Orthodoxie formuliert wird, ist «sobornost» [Gemeinschaftlichkeit], die als Gegensatz zum westlichen Individualismus, der zur Auflösung der Gesellschaft führt, verstanden wird. Ein anderer Begriff ist «prawda», im modernen Russisch «Wahrheit», aber im Altrussischen «Gerechtigkeit». Die «Russkaja prawda» war das Gesetzbuch des alten Russlands. Die Gemeinschaften, besonders die Familie und der Staat, sind wahr und gerecht, und das Gemeinwohl hat den Vorrang vor dem Wohl des Einzelnen.
Eine grosse Rolle spielt die russisch-orthodoxe Kirche, die heute eine Wiedergeburt erlebt. Der Staat unterstützt die Kirche, baut Kirchen und Klöster. Die Kirche ist nicht Staatskirche, aber «die Religion der Mehrheit des russischen Volkes» und die einzige Kraft, von der auch die geistige Erneuerung des russischen Volkes ausgehen könnte.
Ein bedeutender Denker der Orthodoxie ist der religiöse Philosoph Iwan Iljin, dessen sterbliche Überreste 2005 aus dem Ausland nach Moskau überführt und auf dem Friedhof des Donskoj-Klosters feierlich beigesetzt wurden. Iljin, gestorben in Zollikon bei Zürich 1954, war einer der Vordenker der «russischen Idee» und wurde jetzt in das Pantheon der russischen Staatsdenker aufgenommen. Im Jahr 2008 wurde eine Gedenktafel an der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität (MGU), an der er einst gelehrt hatte, angebracht.

Denkmal der Versöhnung. Sewastopol, 2017 (Projekt) (Bild zvg)

Die kommende Krise

Aber der Aufbau des neuen Staates ist noch nicht abgeschlossen, er befindet sich an einem entscheidenden Wendepunkt. Die Versöhnung zwischen den Weissen und den Roten hat nicht wirklich stattgefunden. Die Sowjet­union ist gescheitert, aber die Übernahme des westlichen Systems in Russland ist auch gescheitert.
Die Widersprüche zwischen der neuen Oligarchie und dem Volk werden grösser. Die Mehrheit des Volkes hat eine positive Erinnerung an die Sowjetunion und lehnt den westlichen Liberalismus ab. Die Gefahr einer vom Westen unterstützten «bunten Revolution» und eines daraus entstehenden Bürgerkrieges wird grösser. Die westlichen Eliten sehen in Russland ihren Hauptfeind und bereiten einen Krieg vor.
Im Juni 2017 fand im Moskauer Theater «Auf den Brettern» die Aufführung des Stückes «Das Stenogramm» des Autors und Regisseurs Sergej Kurginjan statt, der die Diskussionen der sowjetischen Führung auf der XV. Parteikonferenz 1926 über schicksalhafte Themen des Landes in den Mittelpunkt stellt. Diese Themen waren: Wie kann man die kapitalistischen Elemente in der Wirtschaft besiegen, wie kann man sich vor einer ausländischen Intervention schützen, wie kann man dekadente Strömungen und den Unglauben an die eigenen Kräfte überwinden und die Sehnsucht des Volkes nach dem Aufbau einer souveränen und solidarischen Wirtschaft verwirklichen?
Im Stück wird auch die Frage nach der russischen Identität gestellt. Es wird das berühmte Gedicht Alexander Bloks «Skythen» zitiert, die metaphysische Gegenüberstellung Russlands und des Westens: Ja – Skythen sind wir, ja – Asiaten sind wir. Damit wird auch die antiwestliche Haltung Russlands und die Unannehmbarkeit des Kapitalismus für die russische Mentalität betont, die nicht dem Individualismus, sondern dem kollektiven System der Gesellschaft nahesteht.
Eine neuerliche Wende ist notwendig. Der Präsident verfügt nur über die Aussenpolitik und die Streitkräfte, aber das Finanzministerium, die Wirtschaftsministerien und die Zentralbank (Bank Russlands) werden von der Ideologie des Washington Consensus beherrscht, und auch die privaten Zeitungen und Fernsehsender, die Theater und die Filmindustrie sind liberal. In der Jugend beginnt sich eine nihilistische Einstellung auszubreiten.
Der Stolypinklub, der 2012 von Kritikern des Wirtschaftsliberalismus gegründet wurde, möchte ein vom Ausland unabhängiges Finanz- und Wirtschaftssystem aufbauen. Er tritt für staatliche Konjunkturprogramme ein und entwickelt eine alternative Strategie, die Russlands Abhängigkeit vom Dollar beseitigen und die Realwirtschaft ankurbeln soll. Im Mittelpunkt einer nationalen Wirtschafts­politik sollten das Gemeinwohl und nicht wirtschaftliche Kennzahlen stehen. Ein Beispiel dafür sei die Kreditanstalt für Wiederaufbau in Deutschland, die die deutsche Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg in Gang brachte. Auch Sergej Glasjew, der Berater Putins für die Eurasische Wirtschaftsunion, führt dieses Beispiel für die Entwicklung der nationalen Infrastruktur an. Die Zentralbank sollte dem Staat unterstellt werden und nicht «unabhängig» sein, damit der Staat die souveräne Kontrolle über sein Geld erhält. Die Zeit der Entscheidung rückt näher.    •