USA – Die Einheit des Landes wahren

von Jim Jatras*

Jede lebende Nation braucht Symbole. Sie sagen uns, wer wir als Volk sind, was wir glauben und auf welcher Grundlage wir unser gemeinsames Leben organisieren.

Diese Tatsache scheint der gegenwärtigen Führung in Russ­land, besonders dem Präsidenten Wladimir Putin, sehr bewusst zu sein. Er zeigte dies, indem er ein Land, das durch eine über drei Generationen reichende Feindschaft zwischen Roten und Weissen zerrissen war, wiederherstellte und wieder vereinigte, um eine nationale Synthese zu erreichen.
Im Hinblick auf die spirituelle Ebene beinhaltete dies zunächst die weltgeschichtlich bedeutsame Wiedervereinigung der russisch-orthodoxen Kirche zwischen dem Moskauer Patriarchat und der russisch-orthodoxen Kirche ausserhalb Russlands in New York. Es bedeutete auch den Wiederaufbau der Christ-Erlöser-Kathedrale, die von den Kommunisten 1931 in die Luft gesprengt worden war. Es ist kein Zufall, dass sie das Ziel einer Schändung wurde, unter dem Beifall westlicher «Demokratie»-Befürworter.
Bürgerliche und militärische Symbole sind ebenso wichtig. Nach dem Jahr 1991 gab es diejenigen, die wollten, dass die Erkennungszeichen der kommunistischen Ära rücksichtslos ausgelöscht würden, so wie es die Bolschewiki versucht hatten (nach der Beschreibung von Solschenizyn), um das uralte Gesicht Russlands auszuradieren und es durch ein neues, sowjetisches Bild zu ersetzen. Statt dessen obsiegte die Weisheit. Die im Jahr 2001 verabschiedete Nationalhymne behält die sowjetische Melodie bei, aber mit einem neuen Text (geschrieben von Sergey Mikhalkov, der mit Gabriel El-Registan 1944 die Originaltexte geschrieben hatte) – Lenin und Stalin sind draussen, Gott ist drin. Die alte Hauptstadt heisst wieder Sankt Petersburg, aber der umliegende Bezirk trägt noch den Namen Leningrad. Der rote Stern markiert die russischen Militärflugzeuge und Fahrzeuge, während das blaue St. Andreas-Kreuz über der Flotte weht. Die roten Sterne sind noch immer auf den Kreml-Türmen zu sehen, während die Smolensker Christus-Ikone wieder das Erlösertor ziert. Die rote Fahne, die im Jahre 1945 triumphierend auf dem Reichstag gehisst wurde, wird am Jahrestag des Sieges getragen. Die Reste der verbannten weissen Kommandeure wie Anton Denikin und Wladimir Kappel wurden mit Ehren repatriiert und zu Hause mit Ehren begraben.
Ich mag mich irren, aber ich denke, dass Russland vielleicht eine Lehre aus dem gezogen hat, was bis vor kurzem das amerikanische Beispiel gewesen war. In seiner zweiten Eröffnungsrede im März 1865, als der «Bruderkrieg» zu Ende ging, sprach Abraham Lincoln von der Notwendigkeit, «die Wunden der Nation zu verbinden». Im Streben danach war nichts wichtiger als die Ehrung der Helden beider Seiten, sowohl der Blauen als auch der Grauen, was vielleicht Jahrzehnte später in den Veteranentreffen am eindringlichsten veranschaulicht wurde. «Unconditional Surrender» Grant und «Marse Bobby» Lee, «Uncle Billy» Sherman und «Stonewall» Jackson, die Marine-Legenden David «Damn the torpedoes» und Raphael «Nelson of the Confederacy» Semmes, die Kavalleristen «Fighting Phil» Sheridan und JEB Stuart [alles bekannte Offiziere im amerikanischen Bürgerkrieg] und viele, viele andere – diese Namen gehören uns allen. Als Amerikaner.
Das zu sagen, heisst nicht, von der zentralen Bedeutung der Sklaverei beim Versuch der Südstaaten, eine Sezession herbeizuführen, abzulenken oder der verfassungsrechtlichen Frage auszuweichen, ob sie gesetzlich dazu berechtigt waren. Und es ist auch nicht falsch zu sagen, dass die Südstaatler die Epoche des Wiederaufbaus als feindliches, bewaffnetes Besatzungsregime wahrnahmen, ebenso die Einführung der Jim Crow-Rassentrennung nach dem Rückzug der Bundes­truppen und der Machtübernahme der Demokratischen Partei. Tatsache ist aber, dass der Mythos von der Versöhnung von Norden und Süden in einer wiedervereinigten amerikanischen Nation eine Grundlage dafür war, dass wir bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein Wirtschaftsriese wurden, eine Weltmacht zu Beginn des 20. Jahrhunderts (auf Kosten des altersschwachen spanischen Reiches und mit der gefeierten militärischen Beteiligung ehemaliger Konföderierter [Südstaatler]) und eine Hegemonialmacht nach zwei siegreichen Weltkriegen.
Dieses Amerika wird bald vom Winde verweht sein. Die Gewalt in Charlottesville, das Niederreissen eines Denkmals der Konföderierten durch einen Mob in Durham, die Beseitigung von vier Denkmälern aus Baltimore (das eine der höchsten Mordraten Amerikas hat) – feige unter dem Mantel der Nacht – und die Rufe, noch mehr davon loswerden zu wollen, sind zugleich der Todeskampf des alten Amerikas, das auf einem nationalen Konzept aufgebaut war, und die Geburtswehen eines neuen, grenzenlosen, multiethnischen, mehrsprachigen, multireligiösen, multisexuellen, ahistorischen Fake-«Amerika», das jetzt in Gewalt und Gesetzlosigkeit geboren wird.
Wer A sagt, muss auch B sagen. Wenn man akzeptiert, dass ein Teil unserer Geschichte dämonisiert wird und diejenigen, die sie verteidigen, ausserhalb des legitimen Diskurses gestellt werden, so sollte man nicht überrascht sein, wenn die arrogante Wut der Sieger entfesselt wird. Das kommt in zwei Formen daher: durch die nihilistischen Strassenschläger von «Antifa» und «Black Lives Matter» und durch die Machthaber (sowohl Regierung als auch Medien, auch bekannt als «the swamp» – der Sumpf), die jenen Immunität für gewalttätiges, kriminelles Verhalten verleihen. Die ersteren sind die Schocktruppen der letzteren.
Sie sind schon seit Monaten an der Arbeit, vor Charlottesville, im ganzen Land – und kein Piepston von der Partei, die angeblich die einheitliche Kontrolle über die Bundesregierung hat. Unser Recht gemäss Erstem Zusatzartikel der Verfassung [Meinungsfreiheit] als Amerikaner endet da, wo ein schwarz gekleideter maskierter Schläger sich daranmacht, seine (oder ihre oder eines unbestimmten «Geschlechts») Faust oder den Schlagstock einzusetzen. Um mit den Worten des Richters am Obersten Gericht, Roger Taney, in Dred Scott zu sprechen: Loyalisten des alten Amerikas haben keine Rechte, die die Partisanen des neuen Amerikas zu respektieren haben. Wo bleibt die Untersuchung des Justizdepartements wegen Bürgerrechtsverletzungen durch diese organisierte, direkte Brutalität? (Oder vielleicht gibt es doch eine, die auch auf die Verbindung zu George Soros schaut? Wenn nicht, warum haben wir dann RICO? [Racketeer Influenced and Corrupt Organizations])
Zwar lieferte das Spektakel echter Rassisten auf dem Bildschirm in Charlottesville den perfekten Vorwand für diese Menschen, aber sie sind nicht die Ursache. Weit davon entfernt, die gewalttätige, revolutionäre Abschaffung des historischen Amerika (endgültig ist dies von Pat Buchanan zu beschreiben) zu verhindern, indem sie eine Art von weisser Gegenreaktion schürten – vielleicht in Form eines Rassenkriegs, wie einige von ihnen verabscheuungswürdig hoffen –, haben die Organisatoren von «Unite the Right» in Charlottesville die Revolution beschleunigt. Es ist eine Revolution, die mit dem verfassungswidrigen «RussiaGate»-Putsch gegen Präsident Trump abgestimmt ist, der die letzte Hoffnung für die Erhaltung der historischen amerikanischen Nation ist. Wenn er beseitigt wird (Ist er der einzige, sogar in seiner eigenen Administration, der sich wehrt?) und wenn die nette, ehrenwerte Anti-Trump-Republikanische Partei wiederhergestellt wird, werden sie sich gerne mit ihren demokratischen und medialen Kumpeln aus dem Sumpf zusammenschliessen und auch das herunterreissen, was von Amerika noch geblieben ist.
Wenn jemand denkt, dass das neue Amerika in den Weltangelegenheiten friedlicher sein wird, dann soll er noch einmal nachdenken. Es ist kein Zufall, dass die gleichen Kräfte, die Trump herunterholen wollen und auch die Identität unseres Landes neu definieren, fast ganz mit denen übereinstimmen, die wollen, dass Amerika aggressiv «unsere Werte» – das heisst ihre Werte – auf der ganzen Welt durchsetzt. Wie ich es vor fast 20 Jahren im Chronicles Magazine in einem etwas anderen Kontext gesagt habe, ist dieses Fake-«Amerika» die Vorhut des Regenbogenfaschismus im In- und Ausland.
Zweifellos mussten die Russen im Jahre 1920 das gleiche schreckliche, vielleicht noch schlimmere Gefühl der Vorahnung gehabt haben, als sie sahen, wie ihr Land auf dem Altar einer verrückten, internationalistischen Ideologie blutig geopfert wurde. Nachdem sie einen unvorstellbaren Preis mit Krieg und Repression bezahlt hatten, tauchten sie ein dreiviertel Jahrhundert später irgendwie wieder auf und erinnern sich (wie der verstorbene General Aleksandr Lebed es ausdrückte), «wieder wie Russen zu fühlen».
Wenn es uns nicht gelingt, die bevorstehende lange Nacht zu verhindern – werden wir Amerikaner dann so ein Glück haben?    •

* Jim Jatras ist ein ehemaliger US-Diplomat und aussenpolitischer Berater der Senats-GOP-Führung. Er ist der Autor der Studie «Wie amerikanische Medien als Keilriemen für wahllose Kriege dienen». (GOP heisst Grand Old Party und meint die Republikanische Partei.)

(Übersetzung Zeit-Fragen)