Erfolgsfaktor Berufslehre

von Pierre-Gabriel Bieri, Centre Patronal

Das Schweizer System der Berufsbildung funktioniert gut. Obwohl es in offiziellen Reden angepriesen wird und einige Länder uns darum beneiden, leidet unser System darunter, dass ein Teil der Gesellschaft die Tendenz hat, akademische Ausbildungen zu idealisieren. Man muss ausserdem die wichtige Rolle der Berufsverbände im Rahmen der Berufsbildung hervorheben.

Zusammenarbeit in der Schweizer Berufsausbildung. (Bild STIHL)

Tausende unbesetzte Lehrstellen

Wenn die Politik sich noch darüber streitet, wie das Rentensystem organisiert werden soll, herrscht hingegen ein wesentlich grösserer Konsens, was das andere Ende des Berufslebens angeht: Jeder in der Schweiz rühmt die Verdienste der Berufsbildung, die nahe an der Arbeitswelt und ihren Unwägbarkeiten ist und die meisten Jugendlichen effizient darauf vorbereitet, einen Beruf zu beherrschen und einen Arbeitsplatz zu finden. Bundesrat Johann Schneider-Ammann nutzt jedes internationale Forum und jeden offiziellen Besuch, um Werbung für das duale Berufsbildungssystem der Schweiz zu machen, für das sich jetzt mehrere andere Länder interessieren, selbst auf der anderen Seite des Atlantiks.
Diese Begeisterung darf sich allerdings nicht auf politische Reden beschränken. Zu einem Zeitpunkt, da die Berufsbildung nach einer «Vision 2030» sucht – die sich momentan auf einen Katalog an guten Absichten beschränkt –, verdienen es die Berufsausbildungen, auf allen Ebenen verstanden und gefördert zu werden. Auch wenn das Schweizer System gut funktioniert, sind Verbesserungen immer noch möglich. Insbesondere was die Attraktivität der beruflichen Ausbildung im allgemeinen und einiger Berufe im besonderen angeht, oder in bezug auf die Eignung der Jugendlichen für nachgefragte Qualifikationen.
Vor nicht allzu langer Zeit beklagte man sich über fehlende Lehrstellen und man übte auf die Unternehmen Druck aus, sich mehr zu engagieren. Seit einigen Jahren realisiert man, dass die Situation komplexer und uneinheitlicher ist. Gemäss eines durch die Eidgenossenschaft veröffentlichten «Barometers» sind 2017 71 000 Jugendliche daran interessiert, eine Lehrstelle zu finden – gegenüber 66 000 im Jahr 2016. Die Unternehmen ihrerseits bieten 79 000 Plätze an. Aber Mitte Sommer berichteten die Medien von mehr als 11 000 Plätzen, die noch nicht besetzt werden konnten.

Die Berufslehre ist keine zweite Wahl!

Die Zahlen schwanken, aber die Realität ist die, dass jedes Jahr zahlreiche Lehrstellen unbesetzt bleiben, während einige Jugendliche daran scheitern, eine Stelle zu finden. Man stellt ohne grosse Überraschung fest, dass die offenen Stellen in den technischen, handwerklichen oder praktischen Berufen zu finden sind, die auf den ersten Blick weniger attraktiv erscheinen. Die Unternehmen aus den angesprochenen Branchen müssen künftig ihre Kommunikation verstärken, um Lernende anzulocken. Aber um das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage zu erklären, sind auch die Jugendlichen zu erwähnen, die nicht den gewünschten Profilen der Ausbildungsbetriebe entsprechen. Manchmal bemängeln die Ausbilder das schwache Niveau der Jugendlichen, die die obligatorische Schule verlassen, oder gar Probleme mit dem Verhalten.
Ein anderer anhaltender Vorwurf betrifft die allzu häufig anzutreffende Abwertung der Berufslehre in den Augen der Schüler. Ihre Eltern, ihre Lehrer, sogar die Schulbehörden haben die Tendenz, die akademischen Ausbildungen zu idealisieren, indem sie die Berufslehre als zweite Wahl erscheinen lassen. Diese bedauerliche Haltung betrifft im besonderen einige Westschweizer Kantone, vielleicht beeinflusst durch die Nähe zu Frankreich. Sie führt zu einer Mehrbelastung der Gymnasien, dann der Universitäten und mündet in einer beunruhigend hohen Studienabbrecherquote. Glücklicherweise beobachtet man heute ein steigendes Interesse an Studiengängen der Fachhochschulen (FH), welche mehr auf die Praxis ausgerichtet sind. Dies gilt insbesondere für Inhaberinnen und Inhaber der Berufsmaturität.

Die Berufsverbände an vorderster Front

Die Begeisterung für die akademischen Ausbildungen birgt vor allem das Risiko, eine Diskrepanz zu den Bedürfnissen der Branchen und Unternehmen zu provozieren. Diese Bedürfnisse sind jedoch entscheidend, um die neuen Generationen auf nützliche und interessante berufliche Möglichkeiten aufmerksam zu machen. Mehr als der «Arbeitsmarkt» – ein abstrakter Begriff – sind es die Unternehmen und die Berufsverbände, die regelmässig Nachwuchs brauchen. In diesem Sinne ist es notwendig, die wesentliche Rolle der Berufsverbände bei der Organisation der Berufslehren zu betonen, welche noch bedeutender ist als diejenige der Unternehmen, auch wenn sie gross sind. Die Fachleute wissen, was sie heute brauchen, und sind die Besten, um zu bestimmen, was sie morgen brauchen werden.
Diese Rolle der Berufsverbände, festgeschrieben in Art. 1 des Bundesgesetzes über die Berufsbildung, sollte im Zentrum aller offiziellen Reden und in allen Überlegungen für die Zukunft stehen.    •

Quelle: Presse- und Informationsdienst Centre Patronal vom 27.9.2017 (Nr. 2248)

(Übersetzung Thomas Schaumberg)