«Kein Computer kann den Lehrer ersetzen»

Pressegespräch des «Bündnis für humane Bildung» in Stuttgart

von Klaudia Kruck-Schaer

Das «Bündnis für humane Bildung – aufwach(s)en mit digitalen Medien» stellte sich am 9. Oktober 2017 in Stuttgart in einem ausführlichen Pressegespräch den Medien vor. Anwesend waren der Bündnissprecher Professor Dr. Ralf Lankau (Hochschule Offenburg), Dr. Matthias Burchardt (Universität zu Köln), Professor Dr. Paula Bleckmann (Alanus Hochschule, Bonn), Professor Dr. Edwin Hübner (Freie Hochschule Stuttgart), Professor Dr. Gerald Lembke (Duale Hochschule Baden-Württemberg, Mannheim) und Peter Hensinger (Diagnose Funk). Zu dem Bündnis gehören ebenso Professor Dr. Gertraud Teuchert-Noodt (Universität Bielefeld) sowie Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer.

Das «Bündnis für humane Bildung» ist ein Zusammenschluss von Bürgerinnen und Bürgern, die sich für eine humane und demokratische Bildung in allen öffentlichen Bildungseinrichtungen einsetzen. Das Bündnis tritt dafür ein, dass alle Kinder und Jugendlichen in den Schulen persönlich unterrichtet und betreut werden, unabhängig von Sozialstatus und Finanzkraft der Eltern. Angeschlossen haben sich namhafte Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen, unter anderem aus der Kognitionsforschung, der Entwicklungspsychologie und der Pädagogik. Sie wenden sich gegen die unüberlegte Einführung der Digitalisierung an den Schulen und insbesondere gegen den von Bundesministerin Wanka initiierten ‹Digitalpakt#D›. Dieser stelle die Bildungshoheit der Länder und die Methodenfreiheit der Lehrer in Frage. Er greife in die Entscheidungen der einzelnen Schulträger ein und binde die Finanzbudgets mit Fünfjahresplänen und technischen Vorgaben (Cloud Computing, WLAN), ohne den Nutzen von Medientechnik im Unterricht belegen zu können.
Alle Stellungnahmen auf der Pressekonferenz waren von grossem Engagement getragen und machten deutlich, dass es keinerlei evidente Nachweise dafür gibt, dass der massive Einsatz von digitalen Medien bessere Lernergebnisse zur Folge hat. «Es gibt keine ‹Digitale Bildung›, der Computer kann nur ein Hilfsmittel sein», so brachte es Peter Hensinger kurz und bündig auf den Punkt. Lernen geschehe in der Beziehung zum anderen Menschen. Der Lehrer könne nicht ersetzt werden durch einen Computer und die jeweilige Lern-Software.

Kritik am «Digitalpakt#D»

Der Anlass zur Bildung des Bündnisses war nach den Worten des Bündnissprechers Prof. Dr. Lankau das verbreitete Unbehagen über eine alles durchdringende Digitalisierung von Schulen nach dem Vorstoss von Bildungsministerin Johanna Wanka mit dem sogenannten Digitalpakt#D. Um diesem Unbehagen Ausdruck zu verleihen, initiierte das Bündnis am 1. November 2016 die Petition «Trojaner aus Berlin: Der ‹Digitalpakt#D›, die unter anderem von vielen Professoren, Dozenten und Lehrern unterschrieben wurde. Im Internet haben inzwischen 1688 Personen diese Petition unterzeichnet (Stand 15.10.2017; https://bildung-wissen.eu/kommentare/erklaerung-trojaner-digitalpaktd.html). Ausserdem wurde vom Bündnis am 28. Juni 2017 ein Offener Brief an die Kultusminister der Bundesländer und an die Kultusministerkonferenz versendet: «DigitalPakt Schule der Kultusminister: Irrweg der Bildungspolitik».

Eindeutige Forschungsergebnisse zu den Fragen Bildung und Digitalisierung

Im Pressegespräch in Stuttgart wurde deutlich, dass sich hier Wissenschaftler zusammengefunden haben, die eindeutige Forschungsergebnisse zu den Fragen Bildung und Digitalisierung vorgelegt und zusammengetragen haben. Man spürte, dass es den Mitgliedern darum geht, dass in allen Bildungsbereichen wieder gelernt wird, dass die Studenten wieder Studierfähigkeit erlangen und eine humane Bildung als Voraussetzung einer funktionierenden Demokratie erhalten bleiben muss. Herr Prof. Dr. Lankau zitierte den Direktor für Bildung bei der OECD, Andreas Schleicher, mit den Worten: «Wir müssen es als Realität betrachten, dass Technologie an unseren Schulen mehr schadet als nützt.» Folgerichtig haben daher die Vorreiternationen Südkorea und Finnland den Einsatz digitaler Geräte im Unterricht wieder eingeschränkt.

Kinder sind keine Lernroboter

Dr. Matthias Burchardt sprach zum Thema «Für eine Humanisierung der Lebensverhältnisse». Er betonte, dass die Teilnehmer des Bündnisses keine «Maschinenstürmer» seien. Jeder von ihnen habe geforscht. Digitale Bildung müsse reflektiert gestaltet werden. Das Lebensalter der Kinder und die jeweilige Schulform müssen beachtet werden.
Wesentliche Erkenntnisse, die die Erziehungswissenschaften erforscht haben, fänden kaum noch Beachtung: Es gibt eine pädagogische Ursituation. Beim Lernen handelt es sich um eine humane zwischenmenschliche Beziehung. Burchardt führte aus, dass Erziehung und Bildung aus der unmittelbaren und lebendigen Beziehung zwischen den Menschen erwächst. Hier werde das Fundament für Mündigkeit und soziale Verantwortung gelegt. Die Digitalisierung der privaten und öffentlichen pädagogischen Räume schade der Bildung der Individuen, vereinzele den Menschen, entfremde ihn der Welt und seinen Mitmenschen, liefere sie einer Kontrolle und Steuerung aus und gefährde damit die gemeinschaftliche Kultur, Demokratie und Wirtschaft. Es besteht nach Burchardts Auffassung die Gefahr, dass die Weitergabe des Wissens von Generation zu Generation gestört wird. Die Anschaffung von Computern sei eine Kompensation von Mangel. Der Lehrer soll durch die Maschinen und Geräte ersetzt werden, und der Schüler soll «selbstgesteuert lernen», was bedeutet, dass Schüler sich wie Lernroboter kybernetisch selbst optimieren. Dabei kontrolliere der Computer den Lernenden und errechne den nächsten Lernschritt. Alle Regungen des Schülers würden dabei erfasst werden. Der Schüler gerate daher in eine neue Rolle. Der Lernvorgang werde beo­bachtet und gesteuert. Das Digitalisierungsprojekt verfolge ökonomische Interessen, bereite auf den Prozess Industrie 4.0 vor und diene nicht der Humanisierung der Lebensverhältnisse.

Verheissungen der Digitalisierung werden sich nicht erfüllen

Die Verheissung der Digitalisierung werde sich nicht erfüllen. Die «Kompetenzorientierung» und die «Neue Lernkultur» müssen zurückgenommen werden, um eine gute Bildung zu ermöglichen. Schwerpunkte müssen ein guter Personalschlüssel an den Schulen und gut ausgebildete Lehrer sein. «Schulen und Hochschulen benötigen mehr Personal, gute Gebäude und eine Renaissance des Bildungsdenkens frei von technokratischen, ­po­­litischen oder ökonomischen Ideologisierungen», so Burchardt.
Professor Dr. Gerald Lembke gab konkrete Empfehlungen zum Einsatz von digitalen Medien im Unterricht:
«Es ist auf Grund wissenschaftlicher Erkenntnis und nach meiner Überzeugung als Wissenschaftler und Vater falsch, dass unsere Kinder in den Kindertagesstätten und Grundschulen durch digitale Medien, Smartphones und Tablets lebensfähiger und zukunftsfähiger würden. Dabei spreche ich mich nicht grundsätzlich gegen den Einsatz von digitalen Medien in Bildungsprozessen aus. Diese sollten aber defensiv und als eine neben bewährten pädagogischen Methoden eingesetzt werden. Im Alter bis zu 12 Jahren sollten digitale Medien kategorisch nicht im Bildungsprozess eingesetzt werden.»

Kinder medienmündig machen

Professor Dr. Paula Bleckmann setzte sich in Stuttgart dafür ein, dass Eltern ihren Kindern grundsätzlich nicht internetfähige Handys kaufen, damit ihnen eine Schranke gesetzt werde. Die Kinder, die Handys bekommen, seien immer jünger, und die Entwicklung eines Suchtverhaltens ist gerade bei jüngeren Kindern sehr hoch. Prof. Bleckmann forscht über Entstehung von Sucht in bezug auf digitale Medien und hat zu dem Thema auch veröffentlicht. Sie bietet im Ortenau-Kreis in Baden-Württemberg Fortbildungen für Lehrer zum Thema «Wie werden unsere Kinder medienmündig?» an, die sehr gerne besucht werden.
Bei Elternfortbildungen wird Professor Bleckmann mit der Not der Eltern konfrontiert: «Im Präventionsprogramm ‹Echt Dabei  – gesund gross werden im digitalen Zeitalter›1 erleben wir tagtäglich die Not der Eltern und Pädagogen an KiTas und Grundschulen: Sie erleben negative Auswirkungen auf die körperliche, psychosoziale und kognitive Entwicklung von Kindern, die der immer weiter ausufernde Konsum von Bildschirmmedien mit sich bringt. Und sie fragen sich: Wie bringen wir den Schutz vor Digital-Risiken in eine gute Balance mit der Befähigung zum Ergreifen von Digital-Chancen? Wie werden unsere Kinder medienmündig statt mediensüchtig?»

Bislang verweigert die Politik den Dialog

Prof. Bleckmann leitet innerhalb der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler die Studiengruppe «Digitalisierung von Bildung». Diese Gruppe beschäftigt sich genau mit dieser Balance. Sie meint:
«Dass genau diese gute Balance der digitalen Bildungspolitik unserer Regierung fehlt, ist eine Katastrophe. Wir brauchen zuerst Studien in der guten Tradition der Technikfolgenabschätzung, die unterschiedliche digitale Bildungsszenarien langfristig vergleichen. Alles auf eine Karte zu setzen, und dann noch – nach aktuellem Forschungsstand – auf die falsche Karte, ist fahrlässig: So wird viel Leid verursacht und viel Geld verschwendet. Um das zu verhindern, engagiere ich mich im Bündnis für humane Bildung.»
In der Diskussion wurde von Prof. Lankau und Prof. Bleckmann festgestellt, dass es mit der Bundesregierung und den entsprechenden Gremien bislang keinen Dialog gebe. Die «Digitale Bildung» werde in Berlin im Bundesministerium für Forschung und Bildung bestimmt. Wenn Wissenschaftler aus dem Kreis «Bündnis für humane Bildung» dazu angehört würden, seien sie immer nur «Alibi-Kritiker». Massgeblich beraten werde das Bundesministerium für Familie und Bildung von einer Gruppe von Industriellen, dem Feldafinger Kreis und der Scheer Group um Professor August-Wilhelm Scheer. Professor Scheer ist der Initiator des Saarbrücker Manifests2 und Gesellschafter und Beiratsvorsitzender des international agierenden IT-Unternehmens Scheer GmbH. Die Scheer GmbH arbeitet eng zusammen mit dem Softwareentwickler SAP. Die Pädagogen, welche Bildungsministerin Johanna Wanka beraten, kämen aus dem Bereich der empirischen Forschung. Das «Institut für künstliche Intelligenz» in Ulm gehöre ebenfalls zu den beratenden Einrichtungen (www.uni-ulm.de/in/ki/).    •

1    «Echt Dabei» ist eine Initiative des BKK Dachverbandes, der BKK Landesverbände und der beteiligten Betriebskrankenkassen. Entwickelt wurde das Präventionsprogramm durch «Media Protect e.V. – Familien stärken im digitalen Zeitalter», das massgeblich von Prof. Bleckmann (Universität Freiburg) entwickelt wurde.
2    www.scheer-group.com/Scheer/uploads/2016/11/Scheer_Saarbr%C3%BCcker-Manifest.pdf

7 humanistische Forderungen des «Bündnisses für humane Bildung»

«Weder Lehrkräfte noch Schülerinnen und Schüler dürfen zur Arbeit mit digitalen Geräten im Unterricht verpflichtet werden» – Das gebietet schon die gesetzliche Lehrmittelfreiheit.

  1. Schulen und Hochschulen in Deutschland sind Bildungseinrichtungen in humanistischer und demokratischer Tradition. Sie sind vom Menschen her zu denken, nicht von technischen Systemen und deren Entwicklungszyklen. Nötig sind mehr Lehrkräfte, Mentoren, Tutoren, nicht Hardware.
  2. Medien und Medientechnik im Unterricht sind Werkzeuge im pädagogischen bzw. (fach-)didaktischen Kontext. Es sind mögliche Hilfsmittel, um Unterricht und Lernen zu unterstützen. Über den sinnvollen Einsatz von Lehrmedien entscheiden Lehrkräfte auf Grund ihrer Ausbildung und gemäss dem Grundrecht der Lehr- und Methodenfreiheit selbst.
  3. Weder Lehrkräfte noch Schülerinnen oder Schüler dürfen verpflichtet werden, Geräte der Medien- bzw. Unterhaltungselektronik wie Tablets, Smartphones oder ähnliches im Unterricht einzusetzen. Jedes Kind muss ohne Nutzung elektronischer Geräte am Unterricht teilnehmen und Hausaufgaben machen können, ohne benachteiligt zu werden.
  4. Daten von und zwischen Schulen und Schülern dürfen weder aufgezeichnet noch für Lernprofile ausgewertet werden. Schülerinnen und Schüler sind juristisch minderjährige Schutzbefohlene, deren Daten nach deutschem Recht geschützt werden müssen. Hier besteht gesetzgeberischer Nachholbedarf noch vor technischen Konzepten.
  5. Bildschirmmedien sind aus Sicht von Kinderärzten, Kognitionswissenschaftlern, Vertretern der Medienwirkungsforschung und der Pädagogik in den ersten Schuljahren nicht lernförderlich. Daher müssen KiTas und Grundschulen in der direkten pädagogischen Arbeit IT-frei bleiben.
  6. Die entscheidende Medienkompetenz für Bildungschancen wie -gerechtigkeit sind die Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen. Investitionen in diese Kulturtechniken und eine intensive Leseförderung sind für Bildungsbiografien nachhaltig und emanzipatorisch.
  7. Medientechnik im Unterricht ist immer aus pädagogischer Perspektive zu hinterfragen und zu beurteilen: ob und gegebenenfalls wann sie altersangemessen eingesetzt werden kann, nicht muss.