Lehrbetriebe pflegen und erhalten die duale Berufsbildung

Gespräch mit Frau Jaqueline Brunner, Ausbildungsverantwortliche STIHL Kettenwerk GmbH & Co KG, Zweigniederlassung Wil

 

Polymechanikerin an der Drehbank. (Bild STIHL)

Zeit-Fragen: In der Tagespresse habe ich gelesen, dass Sie eine Lehrwerkstatt mit 47 Lernenden haben, die weiter ausgebaut werden soll, mit dem Ziel von über 60 Lehrstellen.

Jaqueline Brunner: Ja, das ist richtig. Momentan sind es 52. Dieses Jahr haben einige mehr begonnen, als die Lehre abgeschlossen haben.

Welche Berufe bilden Sie hier in Wil aus?

In unseren beiden Werken in Wil und Bronsch­hofen sind es jetzt acht verschiedene Lehrberufe, ab nächstem Sommer neun: Polymechaniker, Automatiker, Elektroinstallateure und Informatiker (4 Lehrjahre), Produktionsmechaniker, Logistiker  und Kaufmännische Lehre (3 Jahre), alle mit Eidgenössischem Fähigkeitsausweis EFZ; Mechanikpraktiker (2 Jahre, mit Eidgenössischem Berufsattest EBA). Nächstes Jahr kommt der Automatikmonteur dazu (3 Jahre). Auf dem Markt gibt es diese Fachkräfte nicht wie Sand am Meer, deshalb bilden wir sie auch selbst aus. Wir haben sehr viele selbstentwickelte Anlagen, die das Stammhaus in Waiblingen (D) baut und entwickelt. Ein externer Servicetechniker kann diese nicht reparieren und warten – das machen unsere internen Fachleute.

Das hat mich im Interview mit Herrn Zappe («Wiler Nachrichten» vom 18.5.2017) besonders beeindruckt, dass Sie Ihren Bedarf an Fachkräften möglichst aus der eigenen Lehrwerkstatt decken. Funktioniert das gut?

Ja, diesen Sommer konnten wir von 14 Lernenden, die ihren Abschluss gemacht haben, 10 behalten. Dieses Jahr hatten wir viele sehr gute Lehrabschlüsse, und wir sind natürlich stolz, wenn so viele bleiben wollen und wir auch genug Stellen für sie haben.

Suchen Sie als internationaler Konzern Ihre Fachkräfte auch im Ausland?

Wir im Kettenwerk sind nicht in dem Sinne international, dass wir regelmässig Fachkräfte im internationalen Raum suchen, sondern wir brauchen Fachkräfte, die in der Schweiz leben, die hier aufgewachsen und ausgebildet sind. Deshalb ist das duale Bildungssystem für uns und auch für die Schweiz sehr, sehr wichtig und richtig.

Welche Voraussetzungen erwarten Sie bei einem Jugendlichen, damit er bei STIHL eine Lehre machen kann?

Ich persönlich finde das Wichtigste die Begeisterung für den Beruf: Was lerne ich hier überhaupt, und wie sieht meine Ausbildung in diesem Beruf in den nächsten 2, 3 oder 4 Jahren aus? Das zweite sind die schulischen Voraussetzungen. In einigen Lehrberufen haben wir sehr hohe Anforderungen, da ist es nicht immer einfach, die richtigen Lernenden zu finden. Wir bei STIHL bilden aber auch schulisch Schwächere aus, in der zweijährigen Attestausbildung im mechanischen Bereich bieten wir jedes Jahr 2 Jugendlichen eine Lehrstelle.

Dann gibt es ja auch noch persönliche Voraussetzungen.

Ja, neben dem Interesse für den Beruf und den schulischen Voraussetzungen ist das für mich die drittwichtigste Voraussetzung. Wir haben eine spezielle STIHL-Kultur, wir sind recht offen miteinander. da kennt man sich, obwohl wir 900 Mitarbeiter sind. Wenn man sich begegnet, gibt man sich die Hand. Wenn man aus einem anderen Betrieb kommt oder hier die Lehre beginnt, muss man sich zuerst daran gewöhnen, dass man einem Mitarbeiter die Hand gibt und kurz miteinander spricht. Das ist aber sehr schön und familiär. Diese Offenheit oder die Persönlichkeit muss man mitbringen, damit man sich hier auch wohlfühlt.
Im technisch-mechanischen Bereich haben wir eine Lehrwerkstatt. Dort ist es sehr wichtig, dass man in einer Gruppe gut arbeiten kann. Manche Schüler haben lieber eine kleine Firma mit wenigen Leuten und direktem Bezug zum Chef. Dann gibt es andere, die besser in einer Gruppe lernen können, in der es verschiedene Lernende in verschiedenen Lehrjahren und Lehrberufen gibt, wo sie sich gegenseitig unterstützen können und ihnen ein Berufsbildner zur Seite steht. Bei der Rekrutierung gilt es herauszufinden, ob der einzelne gut in unsere Firma passt oder ob er sich besser in einen kleineren Bereich mit weniger Leuten hineinfinden kann.

Heute ist ja auch das Problem, dass viele Schulabgänger nach 9 Schuljahren die nötigen schulischen Grundlagen nicht mitbringen. Es ist auch eine Folge der Schulreformen, dass viele nicht mehr vom Lehrer eingeführt und angeleitet werden. Haben Sie diese Erfahrung gemacht, dass die Grundlagen bei vielen nicht da sind?

Wie mir die langjährigen Berufsbildner immer wieder sagen, hat gerade im mathematisch-technischen Bereich das Wissen abgenommen. Heute legt man viel Gewicht auf die Fremdsprachen, was sicher für die einen Berufe wichtig ist, aber für einige unserer Berufe sind natürlich gerade die technischen und mathematischen Fächer sehr wichtig. Da merken wir schon, dass der eine oder andere ein Manko hat. Der grosse Teil, etwa 80 Prozent, meistert den Lehrbeginn sehr gut, manchmal müssen sie am Anfang aber einiges nacharbeiten oder sie besorgen sich Zusatzaufgaben und lernen, bis es geht. Dann gibt es auch die, welche in der Schule mehr Mühe haben. In unserer Lehrwerkstatt werden sie von den Berufsbildnern sehr gut unterstützt, die versuchen, den praktischen Bezug zu schaffen, weil viele das Praktische besser verstehen als die Theorie.
Eine gute Unterstützung ist es auch, wenn die Berufsschulen Stützkurse anbieten, entweder fachbezogen oder Hausaufgabenhilfe, zu der sie am Samstagvormittag hingehen können. Wir holen auch die Eltern mit ins Boot, denn es gibt auch Jugendliche, die haben ab Beginn der Lehre zu Hause mehr Freiheiten und meinen, sie müssten jetzt weniger lernen. Mit den Eltern, der Berufsschule und den Möglichkeiten, die die Berufsbildner im Betrieb den Lernenden geben, bringen wir sie eigentlich immer wieder auf Kurs. Am wichtigsten ist es, dass der Lernende herausfindet, auf welchem Weg er sich das Fehlende aneignen kann, und dass er einsieht: Das gehört zur Ausbildung, alles miteinander gibt am Schluss meine Lehre. Der Lernende muss lernen, er muss wollen, dann schafft er das auch.

In der Volksschule erhalten die Schüler heute auch oft ungenügende Grundlagen in der deutschen Sprache und in den praktischen Fächern. Wie ist hier Ihre Erfahrung?

Ja, natürlich ist Deutsch auch sehr wichtig. Egal, in welchem Beruf, von der Attestlehre bis zum Berufsmittelschüler, haben natürlich alle Deutsch in der Berufsschule, manche auch Englisch, im KV (Kaufmännische Lehre) auch Französisch. Und jeder Lernende muss im Betrieb Berichte verfassen oder etwas präsentieren können. Zum Abschluss der betrieblichen Ausbildung gehört eine Präsentation mit einem Dossier. Dort gibt es sehr grosse Unterschiede. Bei einigen staune ich, wie gut sie schreiben können – vielleicht sind das diejenigen, die viel lesen.
Viele hatten früher auch mehr praktische Möglichkeiten in der Freizeit: Zuhause hatte man oft noch eine kleine Werkstatt, der Vater hatte vielleicht eine handwerkliche Ausbildung und hat seinem Sohn oder seiner Tochter etwas mit auf den Weg gegeben, die hatten schon einmal einen Hammer oder eine Bohrmaschine in der Hand. Das haben heute, gerade im städtischen Bereich, viele nicht mehr. Im Werkunterricht machen sie zum Teil zwar lässige Sachen mit Metall und Holz, wenn sie gute Lehrkräfte haben. Es gibt aber auch solche, bei denen ist der Werkunterricht eher eine Bastelstunde.

Was wünschen Sie sich von der Volksschule?

Ich habe in den drei Jahren, in denen ich bei STIHL bin, sehr viele Oberstufenlehrpersonen kennenlernen dürfen. Viele kommen uns besuchen, wollen die Berufe, die wir ausbilden, kennenlernen. Ich wünsche mir, dass die Lehrer weiterhin so viel Engagement in die Berufswahl stecken. Auch wünsche ich mir, dass sich mehr Schulen für Mint-Projekte [Mint = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik] stark machen, damit mehr Schüler die technisch-praktischen Tätigkeiten erleben können, in Projekten mit Industrie und Gewerbe, auch ausserhalb der Schulzeit.    • 

Berufsweltmeisterschaften in Abu Dhabi 2017: Junge Schweizer Berufsleute holen 20 Medaillen