«Sie sind das wahre Gesicht Frankreichs»

von Natacha Polony, Frankreich

Für sein Buch «Le Peuple de la frontière» [Die Menschen an der Landesgrenze] hat der Journalist Gérald Andrieu einfache Leute getroffen – und zwar diejenigen, von denen man anlässlich der Präsidentschaftswahlen verlangte, eine Entscheidung zu treffen, ohne dass man sich jemals wirklich für sie zu interessieren schien.
«Ich habe keine Lust mehr aufzusteigen. Das imposante Gesellschaftsgebäude, das sich über meinem Kopf erhebt, birgt in meinen Augen keinerlei Vergnügen mehr. Mich interessieren einzig die Grundmauern dieses Gebäudes.» Dieser Satz fasst den intellektuellen und ethischen Werdegang von Jack London zusammen, der das Elend des Volkes kennenlernte und dadurch als Auto­didakt Sozialist wurde. Dieser Satz findet sich als Motto in einem Buch, das uns zeigt, was Journalismus sein sollte. Gérald Andrieu1 hat den radikalsten Weg gewählt: die Begegnung mit dem Volk – im soziologischen wie im ­politischen Sinne dieses Begriffes. Die einfachen Leute, aber vor allem die Bestandteile dieses politischen Gebildes, das man Frankreich nennt. Er, der über Präsidentschaftskampagnen berichtet hatte, wie es Polit-Journalisten tun, indem sie den Kandidaten vom Bahnhof zum Flughafen folgen, vom Gipfel in den Festsaal, er wollte sich für diejenigen interessieren, von denen man fordert, sich zu entscheiden, ohne dass sich jemand wirklich für sie zu interessieren schien. Zweitausend Kilometer zu Fuss von Dünkirchen [Nordsee] bis Menton [Mittelmeer] entlang der französischen Ostgrenze während der sechsmonatigen Präsidentschaftskampagne und mit Übernachtungen bei den Leuten. Sein aufwühlender Bericht ist bei grösster Bescheidenheit eine Lektion für alle, die journalistisch oder politisch tätig sind, ohne jemals die Begegnung mit den Bürgerinnen und Bürgern in ihrer Andersartigkeit, ihrer Not und ihrer Ausstrahlung zu suchen.
Beim Lesen dieses Berichts über die zahlreichen zufälligen und von Menschlichkeit geprägten Begegnungen ergreifen einen Gefühle, es kommen einem manchmal auch Tränen. Es gibt ganz bescheiden lebende Menschen, die bereit sind, alles zu geben. Zum Beispiel Charlotte, eine arbeitslose Familienmutter, die dem Journalisten begegnet und ihn voller Stolz zu sich nach Hause einlädt, um ihn ihr Sauer­kraut probieren zu lassen. Sechzig Kilometer hin und zurück, da sie ihn dorthin zurückbringt, wo sie sich getroffen haben. Es gibt auch Leute, die ihr Leid würdig tragen, ohne über ihr Elend zu klagen, ohne lange Geschichten zu erzählen: Die ehemaligen Arbeiterinnen und Arbeiter der Spinnerei Cellatex SA in Givet in den Ardennen, die im Jahr 2000 Säure in einen Bach fliessen liessen, um sich endlich Gehör zu verschaffen.
Cellatex SA war eine Textilfabrik, die mit voller Wucht von den Auswirkungen des Freihandels getroffen wurde, auf Grund der 1994 durch die WTO abgeschafften Zolltarife. Da sind auch die erkrankten ehemaligen Arbeiter, die mitten in der Nacht aufschrecken, weil sie den Rhythmus der Drei-mal-acht-Stunden-Schichtarbeit noch immer in sich haben. Oder die Angestellten von Fessenheim, dem ältesten Atomkraftwerk Frankreichs. Gérald Andrieu führt dazu die Statistiken an, die jeder Politiker auf seinem Schreibtisch hat: 500 Dienstleistungserbringer, 800 Angestellte mit ihren Familien – 5200 potentiell betroffene Menschen. «Zahlen. Unmengen von Zahlen. Ich jedoch», schreibt er, «sehe um mich Gesichter.» Selten nur nehmen Politiker und Journalisten diese Gesichter wahr. Selten nur begegnen sie Frankreich so aus der Nähe. Weil man dafür Zeit braucht und dieses besondere Wohlwollen – so verschieden von demjenigen, das man in einer Wahlkampagne proklamiert, um eine Wählerschaft zu begeistern, die überzeugt ist, sie verkörpere das Gute. Ein Wohlwollen, das es einem verbietet zu verurteilen, wenn aus den Worten die Wut und der Drang, den Tisch umzuwerfen, herauszuhören ist. Denn trotz der Bereitschaft einiger seiner Gesprächspartner, Aussagen zu treffen, die von der Medienmoral beanstandet würden (da auf dieser Reise auch von Migranten und Grenzen die Rede ist), bestätigt Gérald Andrieu, dass er nirgends jenes «abgekapselte» Frankreich angetroffen hat, das gerne in den Redaktionen entworfen und beschrieben wird, sondern einfach «physisch, wirtschaftlich und in ihrer Identität verunsicherte» Franzosen.

Kanonenfutter im Wirtschaftskrieg

«Ich muss unseren Präsidenten warnen», schreibt Andrieu, «dieses Frankreich der ‹rien-du-tout› [der ‹Bedeutungslosen› – ein von Emmanuel Macron benutzter Begriff, Anm. des Übers.], der Vernachlässigbaren und der Vernachlässigten hat nicht auf ihn gewartet. […] Ist Macron ein überzeugter ‹Europäer›? Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als überzeugend zu wirken, denn diese ‹rien-du-tout› haben oft das Gefühl, dass sie nur noch als Kanonenfutter für einen industriellen, kommerziellen und finanziellen Krieg gebraucht werden, vor dem das heutige Europa sie nicht schützt oder, schlimmer noch, das diesen anfacht. Anstatt mehr Mobilität und Flexibilität – beides kennen die Grenzgänger, denen ich auf meinem Weg begeg­net bin, schon allzu gut – wünschen sie sich etwas Schutz und wirtschaftliche Sicherheit.»
Diese vielen Gesichter in ungesicherten und oft schwierigen Lebenssituationen müss­te jeder Mensch, der sich öffentlichen Wahlen stellt oder der sich das Recht anmasst, politische Gedanken zu verbreiten, mit ganzem Herzen lieben können. Er müsste bewegt sein von ihren Ängsten, aber auch von ihrer Grosszügigkeit und ihrer Würde. Dazu müsste er ihnen auch begegnen wollen.
Nach seiner Rückkehr erzählte Gérald Andrieu, dass er noch einer anderen, sehr greif- und spürbaren Grenze begegnet sei. Nämlich als er Journalistenkollegen traf und diese ihn fragten: «Was sagen denn die Einwohner an den Landesgrenzen Frankreichs zu Macron?» Nach der Antwort: «Nichts, sie sprechen nicht von ihm», waren sie völlig konsterniert. – Zwei Welten und eine Entfremdung von denjenigen, die auch Bürger sind und die jeder Demokrat als wichtigen Teil der politischen Gemeinschaft betrachten sollte. Und dann gibt es noch jene Journalistenkollegen, die das Buch lesen und es als «maurrassien»2 bezeichnen, weil es Landschaften beschreibt und von Frankreich und den Franzosen spricht.
Sie wahrzunehmen. Sie mögen. Ist das so schwierig?    •

1    Andrieu, Gérald. Le Peuple de la frontière. Editions du Cerf, Oktober 2017. Gérard Andrieu ist unabhängiger Journalist, war Chefredaktor der Zeitschrift Marianne, ist Mit­autor des Buches «Bienvenue dans le pire des mondes. Le triomphe du soft totalitarisme.» (Editions Plon, Paris 2016)
2    Im heutigen Frankreich ein sehr negativ gefärbtes Adjektiv. Nach Charles Maurras (1868–1952), französischer Schriftsteller und nationalistisch eingestellter («rechtsextremer») politischer Publizist. [Anm. des Übers.]

Quelle: Le Figaro vom 14.10.2017

(Übersetzung Zeit-Fragen)

Die De-Industrialisierung zerstört das soziale Leben in den Gemeinden

Figarovox: Ihr Fussmarsch war auch eine Reise durch das Frankreich der kleinen Geschäfte und der geschlossenen Fabriken. Stellt die De-Industrialisierung ein grosses Problem dar?

Gérald Andrieu: Das Land, das ich durchquert habe, erschien mir wie ausgelaugt, zerstört durch jahrelanges Laisser-faire: Fabrikschliessungen, Schliessungen der kleinen Geschäfte in den Stadtzentren. Und wenn man mit einem aktuellen Ereignis dieser Art konfrontiert wird wie der Fusion von Alstom mit Siemens, muss man davon ausgehen, dass sich die jetzige Direktion, wie bereits die früheren, kaum mit den Folgen für die Bevölkerung beschäftigen wird. Dennoch: Die Fabriken und das Gewerbe – es ist blödsinnig, daran erinnern zu müssen – strukturieren die Regionen und das lokale Leben. Dort trifft man sich, dort tauscht man sich aus, man hilft und unterstützt sich, man kämpft, falls nötig, Seite an Seite. Oft spricht man von «Gemeinschaft». Eine Möglichkeit, sie umzusetzen, wäre, die Arbeitsplätze in diesen Gegenden aufrechtzuerhalten; auch wenn der neuen Staatsführung eine Fabrik sehr altertümlich erscheinen mag, verglichen mit den Start-ups, von denen sie so sehr träumen! Wenn ich jetzt den sozialen Zusammenhalt erwähne, der durch die Fabriken, die Unternehmen und die öffentlichen Dienstleistungen gebildet wird, dann deshalb, weil in dem Frankreich, das ich durchquert habe, viele Gemeinden zu Schlafgemeinden geworden sind. Man lebt weit weg vom Arbeitsort. Jeden Morgen steigt man ins Auto, um 30, 40, 50 Kilometer zum Schuften zu fahren. Am Abend kommt man nach Hause, ohne seinen Nachbarn zu begegnen. Manchmal kennt man nicht mal deren Namen. Und die Einkaufszentren, bei denen man auf dem Heimweg anhält, sind nicht die geeigneten Orte, um neue Beziehungen zu knüpfen …»

Quelle: Auszug aus einem Interview vom 6. Oktober 2017 mit Gérald Andrieu von Alexandre Devecchio für «Figarovox».

(Übersetzung Zeit-Fragen)