Kein Lehrplan 21 der Beliebigkeit

Man erinnert sich: Hauptsächlich damit Familien und insbesondere die betroffenen Kinder bei einem Kantonswechsel den Anschluss in der Schule besser finden können sollten, wurde vor Jahren die landesweite Vereinheitlichung des Schuljahresbeginns beschlossen. Diesem Ziel dienten auch einige Anpassungen in den kantonalen Lehrplänen, wodurch sich die jeweiligen Jahresprogramme und konkreten Lernziele weiter zeitlich gegenseitig annäherten – Beispiel Kanton Zürich: Im Fach Mathematik wurden in den neunziger Jahren die dreijährigen Stufenziele in stoffliche Jahresziele umgewandelt. Durch diese Harmonisierungsmassnahmen konnten die vielen strukturellen Unterschiede und Hürden rund um die Schule über alle Kantonsgrenzen hinweg deutlich abgebaut werden, ohne die kantonalen Bildungshoheiten zu verletzen.
Heute ist im Zusammenhang mit der geplanten Einführung des neuen Lehrplans 21 wieder viel von Harmonisierung die Rede. Ich frage mich nur, welche Harmonisierung denn nun gemeint ist. Um weitere kantonsübergreifende Erleichterungen im Schulalltag jedenfalls kann es nicht gehen: Konkrete stoffliche Lernziele fehlen gänzlich, dafür finden sich durchgehend viele hundert, oft sehr schwammig formulierte Kompetenzen in Form von «Können»-Beschreibungen. Diese sollen festhalten, welche «Kompetenzen» (nicht Fähigkeiten oder Fertigkeiten!) anzustreben sind. Was aber genau mit «Kompetenzen» gemeint ist, habe ich auch nach langen Recherchen weder gefunden noch plausibel erklärt bekommen. Somit lässt deren Interpretation einen riesigen Spielraum offen. Aber was auch immer damit gemeint ist: Es soll nun neu in sogenannten Vierjahres-Zyklen erreicht werden, kaum mehr strukturiert und schon gar nicht mehr pro Schuljahr! Da für mich als Lehrer per Gesetz immer der jeweils gültige Lehrplan verbindlich und verpflichtend war und ist, kann auch der Verweis auf die Lehrmittel nicht überzeugen, welche sich zudem immer mehr Richtung Stoffsammlung, Vorschläge und Themenangebote entwickeln, deren Auswahl und Reihenfolge für die Lehrpersonen nicht zwingend sind. Da tun mir angesichts unserer heutigen mobilen Arbeitswelt die vielen Familien jetzt schon leid, die dann in einem neuen Kanton den Anschluss in der Schule wieder finden müssen!
Nein, um das Wohl von Kindern und Eltern geht es mit dem neuen Lehrplan 21 offensichtlich nicht; bezeichnenderweise ist er denn auch keineswegs aus einem schulalltäglichen Bedürfnis an der Basis – sprich: Eltern, Schüler, Lehrerschaft – entstanden, sondern wird vornehmlich von Politikern, sogenannten Bildungsexperten und Bildungsverwaltungsbürokraten propagiert. Ob es mit der behaupteten Harmonisierung und Zwängerei von oben nicht vielmehr um etwas ganz anderes geht, nämlich darum, das schweizerische Schul- und Bildungswesen in weiteren Schritten noch EU-kompatibler zu machen, um es dereinst im geplanten Rahmen der OECD als privatisierter landesweiter Dienstleistungsbetrieb auf dem internationalen Markt verkaufen zu können – etwa so, wie es zum Beispiel mit der sogenannten Stromliberalisierung bereits weit gediehen ist? Die internationalen Abkommen in diese Richtung sind schon erschreckend weitgehend vorbereitet, die seinerzeitige Bologna-Reform zum Bildungswesen, von Frau Altbundesrätin Dreifuss über das Volk hinweg eingeführt, war dazu nur ein Anfang. Um diese verhängnisvolle weitere Entwicklung zu stoppen, kann ich nur empfehlen, in den Abstimmungen zum Lehrplan 21, welche auf Grund verschiedener Volksinitiativen in vielen Kantonen bevorstehen, eine deutliche Ablehnung des Lehrplans 21 zum Ausdruck zu bringen. Unsere künftigen Schülergenerationen werden es uns danken! Kein Lehrplan 21 der Beliebigkeit!

Kurt Scherrer, lic. phil. I, Lehrer

Radikale Schulreformen 2006–2016

2006 nahm das Volk den Bildungsartikel unter dem Schlagwort «Harmonisierung» an, in der Meinung, damit würden nur Schulanfang und Bildungsziele angeglichen. Im gleichen Jahr begann ein kleines Projektteam von Experten für «Kompetenzorientierung» mit der Ausarbeitung der Grundlagen für den Lehrplan 21. Im gleichen Jahr begann die Gemeinde Uetikon am See mit der Planung des «selbstgesteuerten Lernens», damit die Schule im Dorf bleiben durfte. Alles Zufall? Honi soit qui mal y pense!
Natürlich wusste man damals noch nicht, dass «Harmonisierung» eines von drei Zielen der Wirtschaftsorganisation OECD war, um den globalen Bildungsmarkt zu «öffnen», mit der Vision, den Lehrer dereinst durch die gleichen Computerprogramme  weltweit zu ersetzen. Mit dem Pisa-Schock hatte die OECD bereits eine weltweite Reformwelle in Gang gesetzt, bei der die traditionellen Bildungssysteme mit der OECD-Kompetenzorientierung ersetzt wurden, was allerdings im Pisa-Ranking zu einer Abwärtsspirale (Beispiel Finnland, Neuseeland usw.) führte, die immer weitere Reformen auslöst. Selbst heute weiss kaum jemand, dass die OECD-Kompetenzorientierung (nach Weinert) mit dem «selbstgesteuerten Lernen»  in den Grundlagen des Lehrplans 21 als die alleinige «zeitgemässe» Methode verankert wurde. Damit werden Klassenunterricht, Methodenfreiheit und Lehrer durch das selbstgesteuerte, individuelle Lernen mit Computerprogrammen abgelöst.
Zehn Jahre später: 2016 ebnet die Schweizerische Lehrerdachorganisation LCH mit ihrem Leitfaden «Externe Bildungsfinanzierung» den globalen Bildungskonzernen den Weg ins Klassenzimmer. Im Oktober 2016 kündigte die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka den «Digitalpakt#D» an: 40 000 Schulen in Deutschland sollen in den nächsten fünf Jahren mit Computern und WLAN ausgestattet werden. Im «Gegenzug für die finanzielle Unterstützung» werden Zugeständnisse eingefordert, die einen massiven Eingriff in das Berufsbild und das Selbstverständnis des Unterrichtens bedeuten. Lehrerinnen und Lehrer sollen zum Beispiel für den Einsatz digitaler Medien im Unterricht ausgebildet werden. Das verkürzt auf digitale statt allgemein «Medien im Unterricht». Zugleich wird Digital- als Medientechnik im «Unterricht» verpflichtend vorgeschrieben (siehe Analogie zum Lehrplan 21), was ein direkter Eingriff in die Lehr- und Methodenfreiheit der Lehrenden ist.
2016 sind bei den Lehrplan-21-«Ver-suchs»schulen wie der Sek Ossingen Lehrer und Klassenunterricht abgeschafft worden. «Lernbegleiter» und «Lernende» sitzen meistens vor  Computer und Tablet. Der isolierte digitale Monolog wirkt sich besonders verheerend auf die Sprachfächer aus. Im gleichen Jahr stürzt die Schweiz bei Pisa überall ab, 20% der Schulabgänger sind kaum mehr vermittelbar, weil ihnen Grundkenntnisse fehlen. Zufall oder schlechtes Omen?
Die neoliberale Ökonomisierung (Privatisierung) der Bildung ist in den letzten zehn Jahren weiter fortgeschritten: Die Umsätze des globalen Bildungsmarktes sollen von 4,5 Billionen im Jahr 2012 auf 6,4 Billionen US-Dollar im 2017 gesteigert werden.

Peter Aebersold, Zürich