Gender – Theorie oder Umerziehungsprogramm?

von Gerlinde Höschter, Graz*

Darf man für die Emanzipation der Frau und die Anerkennung homosexueller Lebensformen sein und trotzdem gegen die Gender-Ideologie argumentieren?

Die Macht des Tabus

Kritik an der Gender-Thematik gilt in vielen Kreisen als Tabu, weil sich niemand dem Diskriminierungsvorwurf aussetzen möchte. Auf diese Weise verstummen auch wohlmeinende Menschen, die gar nichts gegen Gleichberechtigung haben, sondern nur gegen die Bevormundung durch Sprachregelungen oder die sanfte Repression der Political correctness. Doch zur Lösung der politischen und ethischen Probleme der Geschlechterfrage bräuchte es die Gender-Theorie nicht: Der Anspruch politischer Emanzipation folgt zwingend aus dem Konzept «Bürger», und ethische Zurückweisung von Diskriminierung ist aus dem Konzept «Mensch» zu gewinnen. Die Unterstellung, dass diese Konzepte jeweils schon Diskriminierungen enthielten, zeugt nur von der Unbildung der Genderistinnen, die sich offensichtlich mit politischer Theorie und Anthropologie nur insoweit beschäftigen wollen, wie es nötig ist, um billige Feindbilder zu erzeugen.

Wenn aber der Genderismus keinen politischen und ethischen Mehrwert hat, wozu dient er dann? Liefert er neue Erkenntnisse oder enthält er ein politisches Umerziehungsprogramm?

Was kennzeichnet die Gender-Ideologie?

Kern dieser Ideologie ist die Annahme, dass sowohl das biologische Geschlecht wie auch die gesellschaftliche Geschlechterrolle ein Produkt sozialer Konstruktionen sei. Der klassischen Konstellation von Mann und Frau, – sei es in hetero- oder homosexueller Orientierung –, wird auf diese Weise eine schier unendliche Diversität von Geschlechtern hinzugefügt. Facebook unterscheidet 58 Geschlechter, die Genderistinnen behaupten, dass die Zahl in die Tausende gehe. Die angeführten Formen sind jedoch in systematischer Hinsicht völlig uneinheitlich, weil einmal anatomische Befunde, ein anderes Mal Rollen aus den homosexuellen Subkulturen oder auch bevorzugte Sexualpraktiken zur Diskriminierung herangezogen werden. Sicher ist es hilfreich, dass der Fokus auch auf Uneindeutigkeiten gelegt wird, da es Menschen gibt, denen die Zuordnung zum Mann-Frau-Schema zur Last wird. Von diesen Beispielen ausgehend aber die Existenz des Männlichen und Weiblichen generell zu bestreiten und als blossen Effekt einer repressiven Gesellschaft darzustellen, bedeutet allerdings, das Kind mit dem Bade auszuschütten.

In einem Schlüsseltext von Judith Butler «Vom Unbehagen der Geschlechter» wird offenkundig, dass es weniger um Theorie geht, also nicht um das Erkennen dessen, was der Fall ist, als vielmehr um eine Machtstrategie zur Veränderung von Wirklichkeit. Ziel sei es nach Butler, «die naturalisierten und verdinglichten Begriffe der Geschlechtsidentität, die männliche Hegemonie und die heterosexistische Macht stützen, zu subvertieren und zu verschieben». (S. 59) Genderismus ist also ein als Theorie getarntes politisches Subversionsprogramm oder schlichter: eine Ideologie.

Menschenversuche mit Skalpell, Hormonen und Abrichtung

Beflügelt wurde die These der sozialen Konstruktion des Geschlechts durch die Menschenversuche des amerikanischen Mediziners John Money.1. Dieser hatte den jungen Bruce Reimer (geb. 1965), dessen Penis bei der Beschneidung irreparabel zerstört worden war, zum Objekt einer chirurgischen, hormonellen und psychologischen Geschlechtsumgestaltung gemacht: Aus Bruce sollte Brenda werden. In seinen Publikationen und öffentlichen Auftritten propagierte er den angeblichen Erfolg seiner «Therapie» und nährte damit die Vorstellung der beliebigen Programmierbarkeit des Geschlechtes. Alice Schwarzer berief sich beispielsweise auf seine Experimente, als Beweis dafür, dass Geschlecht nicht gegeben, sondern gemacht sei. Erst sehr viel später wurde das tragische Schicksal des Jungen bekannt, der sich – obwohl die OP im Alter von 22 Monaten erfolgte – von Beginn an dagegen gewehrt hat, das Mädchen zu werden, das Money und die Eltern produzieren wollten.2 Schliesslich erkämpfte er sich den Namen David und eine männliche Identität zurück. Gleichwohl wirkte das Experiment traumatisierend, und er nahm sich 2004 das Leben. Moneys Ruf als Sexualwissenschaftler und die Vorstellung einer sozialen Konstruktion und Umkonstruierbarkeit des Geschlechts blieben von dieser Tragödie unbelastet.

Kritik der Ideologie

Der Genderismus muss sich die Frage gefallen lassen, ob er zugunsten seiner – noch näher zu beleuchtenden – politischen Ziele nicht schlicht Realitäten ignoriert:

Das Faktum einer historischen und kulturellen Vielfalt von Geschlechterrollen wird als radikal kontingente Konstruktion missdeutet. Zutreffender wäre es, hier von Interpretationen zu sprechen, in denen einerseits die Unverfügbarkeit des schicksalhaften Geschlechtes und andererseits die menschliche Freiheit im Umgang mit diesem sichtbar wird. Jede Interpretation bleibt aber demjenigen verpflichtet, was sie interpretiert. Wir existieren als Geschlecht und deuten das Geschlecht in sozialen Kontexten.

Das Geschlecht wird also nicht mittels Sprache geschaffen, sondern nur in dieser ausgelegt. Der Genderismus unterliegt einem naiven oder strategischen Logozentrismus, weshalb er auch so von der Kontrolle der Sprache und der Sprecher besessen ist. Die Wirklichkeit des Sprechers ist allerdings mehr und anders als die ersprochene Wirklichkeit. Analog dazu gibt es eine Differenz zwischen dem bloss gedachten Geschlecht und dem denkenden, geschlechtlichen Menschen. Beides wird im Genderismus auf naive Weise gleichgesetzt, was zu einer Entfremdung vom eigenen Körper und seiner Gegebenheit führt.

Politische Wirkungen

Ideologien haben zwei geborene Feinde: Die Logik und das Realitätsprinzip. Das Beispiel David Reimers und die angeführten Widersprüche sollten ausreichen, die Lücken des Ansatzes aufzuweisen und ihn in die Mottenkiste wissenschaftlicher Skurrilitäten zu stopfen. Das Gegenteil passiert: Gender-Mainstreaming trägt dieses haltlose Konzept in alle Sphären gesellschaftlichen Lebens und geht mit dem neoliberalen Wirtschaftsmodell eine fatale Allianz ein. Beide haben ein Interesse an der Entwurzelung und Vereinzelung des Menschen. Familienpolitik in diesem Lichte ist Familienzerschlagungspolitik: Emanzipation wird mit Erwerbstätigkeit gleichgesetzt, die Hospitalisierung und Institutionalisierung von Kindheit soll die Work-life-balance ausgleichen. Durch Frühsexualisierung und Gender-Reeducation in den Einrichtungen wird die Erziehungshoheit der Eltern in Frage gestellt und Kinder mit Sachverhalten konfrontiert, deren Darbietung und Relevanz ihrem Entwicklungsstand nicht entsprechen. Es ist absurd, wenn 15jährige Schüler im Unterricht einen «Puff für alle» planen sollen.3 

Familie im Fadenkreuz

Ein wesentlicher Angriffspunkt scheint die Familie zu sein. Anthropologisch handelt es sich dabei um eine Gemeinschaft, die durch erotische Liebe zwischen Mann und Frau und verwandtschaftliche Bindungen zwischen den Generationen gekennzeichnet ist. Sie ist mehr als eine blosse biologische Reproduktionsstätte, sie ist eine überzeitliche Sinnfigur des menschlichen Lebens in Leid und Leidenschaft. Individuen gibt es nur, weil es Familien gibt. Familiarität ist deshalb – auch für Homo- und Transsexuelle – eine unaufkündbare Seinsweise: Selbst wenn ich – aus guten Gründen – mit meinen Eltern breche, bleibt mein Dasein durch das Schicksal der Kindschaft bestimmt. Das Geschlecht verweist auf eine tiefe Beziehungsdimension: Es zeigt auf das Gegenüber und verspricht Ergänzung, es zeugt die Nachkommen und entspricht der Zukunft. Die Tausende Sozialgeschlechter atomisieren die verwandtschaftliche Gemeinschaft der Menschen in irrlichternde Genderpartikel ohne Herkunft, ohne Ankunft, ohne Zukunft. Die Gendersoziologie kennt die Familie nur noch als Sozialaggregat, als temporäre Verklumpung von Ichlingen, die aneinander Funktionen erfüllen, Funktionen, die jederzeit durch andere Funktionsträger übernommen werden könnten. Damit verliert die Familie aber jegliche Widerstandskraft gegen den Zugriff von politischen und ökonomischen Interessen und die Menschen verlieren einen geschützten Raum -privater Verwurzelung.                                         •

*  Pseudomym. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.

1  Perthes et al. (Hg.): Menschenversuche. Frankfurt 2008. S. 162ff.

2 Zastrow, Volker. «Gender Mainstreaming» In: «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vom 7.9.2006

3 Weber, Chr.: «Was Sie noch nie über Sex wissen wollten». In: «Süddeutsche Zeitung» vom 24.4.2014