Ein Kulturerbe der Menschheit

von Dietmar Berger*

Soll man die Genossenschaft als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit der Unesco vorschlagen? Oder lieber nicht? Und wenn ja, was soll Kulturerbe werden? Die Rechtsform – oder die Genossenschaftsbewegung…? Diese und weitere Fragen gingen mir 2013 durch den Kopf, als ich dem Vorstand der Deutschen Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft vorschlagen wollte, solch ein Projekt anzupacken.
Unesco-Weltkulturerbe wird von den meisten Menschen, auch in Deutschland, mit Denkmälern, historischen Bauten, ganzen Städten oder Stadtteilen wie beispielsweise Quedlinburg oder dem Naumburger Dom verbunden. Eine Wirtschaftsform wie die der Genossenschaft war bis dahin noch niemandem eingefallen. Die Genossenschaft quasi unter «Denkmalschutz» zu stellen? Die Genossenschaft war, ist und wird doch auch in Zukunft etwas Lebendiges, ein sich den unterschiedlichen Herausforderungen der Zeit stets anpassendes Konstrukt bleiben. Da kann man doch nicht die Glocke des «nicht Veränderbaren» darüber stülpen.
Immaterielles Kulturerbe aber ist das, was unmittelbar von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation weitervermittelt und stetig neu geschaffen und verändert wird. Das Konzept des immateriellen Erbes berücksichtigt zudem Denkansätze von Nachhaltigkeit und alternativen Wirtschaftskonzepten. Hinzu kam, dass die Bundesrepublik Deutschland das Unesco-Abkommen zum Immateriellen Kulturerbe erst im Mai 2013 ratifiziert hat.
Meinem Lebensmotto «Geht nicht, gibt es nicht» entsprechend, habe ich mit tatkräftiger Unterstützung des Oberbürgermeisters der Grossen Kreisstadt Delitzsch dem Vorstand unserer erst 1998 gegründeten Gesellschaft im Juni 2013 vorgeschlagen, die Möglichkeit und die Chancen für eine Bewerbung um den Welterbetitel in einer Ad-hoc-Arbeitsgruppe zu prüfen. Bereits im Juli 2013 haben wir zusammengesessen und uns dafür entschieden. Wir gehen diese Bewerbung an. Richtig war, dafür weitere Verbündete zu suchen.
Dies war zum einen die Deutsche Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft. Schulze-Delitzsch und Raiffeisen sind wohl die bekanntesten Genossenschaftspioniere. Sie sind es aber nicht allein; Victor Huber beispielsweise war der Vater der wohnungswirtschaftlichen Genossenschaftsbewegung, die mit über 2000 Genossenschaften einen wichtigen sozialen Beitrag in unserer Gesellschaft leistet. Die Gewinnung des Vorsitzenden der Marketinginitiative der Wohnungsgenossenschaften, Dirk Löhner aus Berlin, zur Mitarbeit an der Bewerbung war nicht nur richtig; sie war auch sehr erfolgreich. Die «Raiffeisenleute» waren sofort bereit, mitzuwirken; in Bürgermeister Josef Zolk aus Flammersfeld hatten wir einen aktiven Mitstreiter gefunden.
Unser Genossenschaftsmuseum in der Delitzscher Kreuzgasse 10 – hier wurde die erste gewerbliche Genossenschaft durch Schulze-Delitzsch am 1.12.1849 gegründet, und hier ist heute der Sitz der Gesellschaft – wurde ab September 2014 die Zentrale der Bewerbung. Ich habe heute noch Hochachtung vor dem Engagement meiner damaligen Mitarbeiter Enrico Hochmuth, Carola Loose und Claudia Ramisch.
Was war zu tun? Zuallererst musste geklärt werden, was wir konkret als «Kulturerbe» vorschlagen wollen. Ende August haben wir dazu in Dresden lange diskutiert: – die Genossenschaft als Rechtsform? – zu deutsch. Die Genossenschaftsbewegung? – zu wenig fassbar. Natürlich auch nicht Schulze-Delitzsch und Raiffeisen! Gleich gar nicht die Stadt Delitzsch.
Wir haben uns für die «Genossenschafts­idee» entschieden. Sie umfasst am besten das, was unser Anliegen war und ist. Zum Kulturerbe der Menschheit gehört eben das gleichberechtigte wirtschaftliche Miteinander zum gegenseitigen Vorteil der Beteiligten, wo das Interesse der Gemeinschaft und jedes einzelnen und nicht der Profit von ein paar wenigen das Ziel ist. Ob dies in einer eingetragenen Genossenschaft mit ihrem Förderauftrag umgesetzt wird oder in einem afrikanischen Dorf von Frauen im ganz individuellen Kleinhandwerk mit gemeinsamer Vermarktung in der nächsten Stadt auf der Basis der gemeinschaftlichen Absprache und des gegenseitigen Vertrauens geschieht, ist dabei zweitrangig.
Diese Idee hat eine Tradition schon vor den modernen Genossenschaftspionieren, sie lebt heute und weltweit in vielen Formen und Regeln, und sie passt sich eben den Entwicklungen in den Gesellschaften an. Aber immer – oder fast immer – mit dem Auftrag, das Interesse aller Mitglieder oder Beteiligten zu fördern und der maximalen Gewinn­orientierung für wenige nicht zu entsprechen. Genossenschaftsidee heisst dabei auch, dass nicht nur alle partizipieren, sondern alle Entscheidungen auf demokratischer Grundlage nach dem Kopfstimmenprinzip getroffen werden (sollten). Für mich persönlich das entscheidende Merkmal von Genossenschaften; jede Abkehr davon – und Versuche gibt es auch in Deutschland – ist eine Abkehr von der Idee. Für mich ist es eine Horrorvision, wenn die Genossenschaft irgendwann mal als verkleidete Kapitalgesellschaft daherkäme.
Der Antrag musste formuliert und mit den Beteiligten abgestimmt werden; auch die Deutsche Unesco-Kommission musste ihre Auffassung sagen dürfen; wir brauchten Fotos, wir brauchten Unterstützer. Es ist sicherlich bei solch einer Bewerbung bisher einmalig gewesen, denn wir haben etwa 500 Persönlichkeiten in der Bundesrepublik gebeten, unsere Bewerbung zu unterstützen und dafür eine Unterstützerurkunde zu unterschreiben. Etwa 220 Unterstützer konnten wir gewinnen – als Schirmherrin Prof. Dr. Rita Süssmuth, dann Bundesminister a. D. Norbert Blüm, Landtagspräsidenten, Bundes- und Landtagsabgeordnete, Landesminister, Oberbürgermeister bis hin zum heutigen Ministerpräsidenten des Freistaates Thüringen, Bodo Rammelow, und viele weitere Persönlichkeiten, die der Genossenschaftsidee verbunden sind.
Ende November 2013 haben der Bürgermeister von Flammersfeld in seiner Eigenschaft als stellvertretender Vorsitzender der Raiffeisen-Gesellschaft in Mainz und ich als Vorsitzender der Schulze-Delitzsch-Gesellschaft in Dresden den zuständigen Landesministern unseren gemeinsamen und damit länderübergreifenden Antrag übergeben. Dann war Warten angesagt. Für die Schulze-Delitzsch-Gesellschaft hatte ich veranlasst, dass keine wie auch immer geartete Lobbyarbeit begonnen wurde. Entweder der Antrag überzeugt oder eben nicht. Dass er überzeugt, davon waren wir alle nämlich überzeugt.
12. Dezember 2014, 14.00 Uhr. Ich versuchte gerade mit dem Auto durch das winterliche und vom Striezelmarkt geprägte Dresden in Richtung Autobahn zu gelangen, als in den Nachrichten vermeldet wurde, dass die deutsche Unesco-Kommission die Genossenschaftsidee auf die deutsche Liste des Immateriellen Kulturerbes gesetzt hatte und dass dieser als erster und einziger deutscher Vorschlag an die Unesco weitergeleitet würde.
Die Freude war gross – und wir waren überzeugt, dass der deutschen Antrag auch bei der Unesco Erfolg haben würde. Damit waren aber auch hohe Anforderungen der Deutschen Unesco-Kommission für den internationalen Antrag verbunden, der in Verantwortung des Auswärtigen Amtes zu stellen war: neuer, erweiterter Text, ein Film, alles in englischer Sprache, Beachtung aller Vorgaben, was Länge und Zeichen der einzelnen Abschnitte betraf und – die Anforderungen an die Beteiligten in der Deutschen Kommission, für die solch ein Antrag ja auch Neuland war und für die Genossenschaften eher eine sehr unbekannte Materie waren. Am 16. März 2015 wurden in Berlin die Anerkennungsurkunden für die deutsche Liste an 26 Bewerber von ehemals 127 übergeben. Wir wussten: Die Genossenschaftsidee ist eine weltumspannende Idee, die ganz besonders in den Schwellenländern, aber auch in den Ländern der Dritten Welt von einer Bedeutung ist, wie es heute in Deutschland und im deutschsprachigen Raum nicht mehr vorstellbar ist.
Am 30. November 2016 hat die Unesco die Genossenschaftsidee in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Wichtig ist der Erfolg dieser grossartigen Idee, nach der Millionen Menschen in der Welt wirtschaftlich zusammenarbeiten, damit der einzelne in der Gemeinschaft seine wirtschaftliche Lebensgrundlage gleichberechtigt schaffen und sichern kann – möglichst unabhängig von denen, deren einziger Lebensinhalt ist, Geld, viel Geld zu scheffeln und auf dieser Basis Einfluss in der Region, im Land oder in der Welt zu nehmen. Für uns europäische Genossenschafter und deren Organisationen sollte der Titel Ansporn sein, der genossenschaftlichen Idee in ihrer Ursprünglichkeit einen weiteren Schub zu geben.     •

*    Dietmar Berger war von April bis November 1990 Hauptgeschäftsführer des Raiffeisenverbandes Sachsen e. V., von Dezember 1990 bis April 1991 Hauptgeschäftsführer des durch Fusion entstandenen Genossenschaftsverbandes Sachsen e. V. und von Mai 1991 bis August 2003 Verbandsdirekor des Genossenschaftsverbandes (Raiffeisen/Schulze-Delitzsch) e. V. (GVS). Nachdem der Verband im September umbenannt wurde in Mitteldeutscher Genossenschaftsverband (Raiffeisen/Schulze-Delitzsch) e. V. (MGV), war er bis Mai 2012 zuerst dessen Verbandsdirektor und dann Verbandspräsident. Auch seit seinem Ruhestand bekleidet er zahlreiche öffentliche Funktionen, unter anderem ist er Stadtrat in Chemnitz.

«Genossenschaftsidee» gehört zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit

Erster deutscher Antrag auf Aufnahme in die Repräsentative Liste erfolgreich

Die Genossenschaftsidee gehört zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Dies hat das Internationale Komitee für die Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes der Unesco in Addis Abeba bekanntgegeben. Es handelt sich um den ersten Vorschlag aus Deutschland zur Aufnahme in die Repräsentative Liste. 2015 hatte die deutsche Unesco-Vertretung ihre erste internationale Nominierung mit dem genauen Titel «Idee und Praxis der Organisation von gemeinsamen Interessen in Genossenschaften» eingereicht.

Aufnahme ist eine Würdigung des Erbes von Raiffeisen und Schulze-Delitzsch

Zu der Entscheidung erklärt Josef Zolk, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft: «Wir sind hocherfreut darüber und dankbar, dass auf diese Weise die Väter der Genossenschaften in Deutschland, Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen, eine Würdigung erhalten – für die Grundlegung einer Idee, die heute mehr denn je von grosser Relevanz ist. Allein in Deutschland sind über 20 Millionen Menschen in Genossenschaften organisiert.»
Dr. Manfred Wilde vom Vorstand der Deutschen Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft meint: «Mit der Aufnahme wird gleichermassen das Erbe von Raiffeisen und Schulze-Delitzsch gewürdigt: Das Konzept eines allen Interessenten offenstehenden, überkonfessionellen Modells der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung auf Grundlage von Kooperationen.»

Raiffeisen und Schulze-Delitzsch schufen Grundlagen für Genossenschaftsidee

Die Deutsche Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft und die Deutsche Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft hatten die Nominierung der Genossenschaftsidee für die Aufnahme in die Repräsentative Liste gemeinsam vorangetrieben. Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen schufen Mitte des 19. Jahrhunderts entscheidende Grundlagen für die Genossenschaftsidee, die heute weltweit wirkt, und gründeten die ersten genossenschaftlichen Organisationen moderner Prägung in Deutschland.
Die Repräsentative Liste soll eine bessere Sichtbarkeit des immateriellen Kulturerbes gewährleisten, das Bewusstsein für seine Bedeutung stärken und den Dialog bei gleichzeitiger Achtung der kulturellen Vielfalt fördern. Sie verzeichnet vielfältige immaterielle kulturelle Ausdrucksformen aus allen Weltregionen. Dem 2006 in Kraft getretenen Unesco-Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes war Deutschland im Jahr 2013 beigetreten.

Quelle: Gemeinsame Pressemitteilung der Deutschen Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft e.V. und der Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft vom Dezember 2016