Genossenschaften – mehr als eine Rechtsform, mehr als reines Kulturerbe

von Dr. Eva-Maria Föllmer-Müller

Mit der Aufnahme der Genossenschaftsidee in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit bei der Jahrestagung der Unesco im Dezember 2016 in Addis Abeba (Zeit-Fragen berichtete) wurde ein Prozess erfolgreich abgeschlossen, der im Jahr 2013 begonnen hatte. Damals hat die Deutsche Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft (Sitz: Delitzsch, Sachsen) gemeinsam mit der Deutschen Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft (Sitz: Hachenburg, Nordrhein-Westfalen) die Nominierung der Genossenschaftsidee eingereicht. Die sächsische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Dr. Eva-Maria Stange, würdigt in ihrem Schreiben vom Dezember 2014 an die Initianten, die Vorstandsvorsitzenden der beiden Gesellschaften, Werner Böhnke und Dietmar Berger, unter anderem mit folgenden Worten: «Ich gratuliere Ihnen, die Sie gemeinsam in einem westdeutschen und einem ostdeutschen Bundesland Ihren alle Länder verbindenden Antrag erfolgreich eingereicht haben, welcher von den Grundwerten Solidarität, Solidität und Nachhaltigkeit getragen ist. Als sächsische Kultusministerin empfinde ich Freude und auch Stolz, dass ein Nominierungsvorschlag an die Unesco für die Liste des Immateriellen Kulturerbes gemeldet wird, an dem sächsische Initiatoren einen grossen Anteil haben.» Bereits seit 2014 ist die Idee der Genossenschaften im deutschen Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes eingetragen [s. Kasten]. 2015 hatte dann die deutsche Unesco-Vertretung ihre erste internationale Nominierung mit dem Titel: «Idee und Praxis der Organisation von gemeinsamen Interessen in Genossenschaften» eingereicht.
Mit der nun erfolgten internationalen Anerkennung der Genossenschaftsidee als Unesco-Kulturerbe der Menschheit wird das Erbe von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch gewürdigt: Sie schufen Mitte des 19. Jahrhunderts entscheidende Grundlagen für die Genossenschaftsidee und gründeten die ersten genossenschaftlichen Organisationen moderner Prägung in Deutschland. Mit der Aufnahme verbunden sind Schutz und Pflege der Genossenschaftsidee.
Heute haben die rund 7500 Genossenschaften in Deutschland über 21 Millionen Mitglieder. Die Schweiz zählt über 12 000, Frankreich über 20 000 und Italien über 70 000  Genossenschaften. Die Uno hatte 2012 bereits das «Jahr der Genossenschaften» ausgerufen und damit die Genossenschaften mit ihren weltweit 800 Millionen Mitgliedern in über 100 Ländern gewürdigt. Genossenschaften tun etwas gegen die Armut, schaffen Arbeitsplätze und fördern die soziale Integration. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zum sozialen Frieden.

Die Schweiz gratuliert

Die schweizerische IG Genossenschaftsunternehmen (IGG) gratuliert zur Aufnahme der Genossenschaften in die Repräsentative Liste der Unesco. «Genossenschaften setzen sich auf der ganzen Welt und in verschiedensten Bereichen zum Nutzen ihrer Mitglieder ein», sagt der Präsident der IGG, Werner Beyer. «In der Schweiz sind Genossenschaften – ähnlich wie in Deutschland – seit Jahrhunderten stark verankert. Traditionelle Formen stellen die Alp- oder Käsereigenossenschaften dar […]. Das Vertrauen, welches die Schweizer Bevölkerung den Genossenschaftsunternehmen dabei entgegenbringt, ist – gerade im Vergleich zu börsenkodierten Aktiengesellschaften – sehr hoch. Lediglich Unternehmen, die als Familien-AG organisiert sind, geniessen ein noch höheres Vertrauen.» (Medienmitteilung IGG, 2.12.2016)
Auch die Wohnbaugenossenschaften Schweiz (Dachverband der gemeinnützigen Wohnbauträger) begrüssten die Anerkennung durch die Unesco: «Mit der Anerkennung der Genossenschaften als kultureller Wert wird nicht nur die Bedeutung der Genossenschaft als wirtschaftliches Modell, sondern auch die gesellschaftliche Leistung von Genossenschaften gewürdigt», sagt Direktor Urs Hauser.

Auch in der Schweiz

Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch haben die Genossenschafts­idee nicht erfunden. Für die schweizerische politische Kultur war und ist das genossenschaftliche Prinzip grundlegend (Eidgenossenschaft). Der Schweizer Historiker René Roca schreibt hierzu: «Das eigentliche Genossenschaftsprinzip wird wohl so alt wie die Menschheit sein, nur fehlen dafür die schriftlichen Quellen.» In einem Artikel in Zeit-Fragen Nr. 10 vom 5.3.2012 beschreibt er die historische Entwicklung von Genossenschaften seit der Spätantike und dem frühen Mittelalter: «Für den geographischen Raum der heutigen Schweiz schufen die Allmenden im Mittelalter ein wichtiges Fundament gemeinschaftlichen Wirkens und sorgten mit ihren Regeln für Ordnung und Sicherheit. Neben den Allmenden, über die in der Regel alle Agrardörfer bis ins 18. Jahrhundert verfügten, entstanden besondere Genossenschaftsformen, die bestimmten Zwecken dienten.» Hierzu gehörten die Alpgenossenschaften, die Wuhrgenossenschaften und die Bewässerungsgenossenschaften.
Genossenschaften bildeten für die Entwicklung des schweizerischen Bundesstaates mit seinem Aufbau von unten nach oben ein zentrales Fundament. «Die Genossenschaften hatten für die spätere bundesstaatliche Entwicklung der Schweiz eine grosse politische Bedeutung. Sie entwickelten eine gemeinschaftsbildende Kraft, ohne die eine Willensnation Schweiz nicht hätte entstehen können.» (René Roca, a.a.O.)

Genossenschaften in der Schweiz heute

Eine Studie der IG Genossenschaft zur Wahrnehmung von Genossenschaften in der Schweiz vom Mai 2016 kommt zum Ergebnis, dass das Paradigma vom ungebremsten Wirtschaftswachstum heute überholt ist. Für die Mehrheit der Befragten gilt Wirtschaftswachstum heute nicht mehr als erstrebenswertes Ziel. 58 % der Befragten sind der Meinung, dass es genüge, das heutige Niveau beizubehalten.
Über 70 % der Schweizer Bevölkerung sind Kunden von Genossenschaften, und fast die Hälfte ist Mitglied in mindestens einer Genossenschaft. Als wichtige Eigenschaften und grossen Vorteil von Genossenschaften sehen Schweizer die langfristige Verlässlichkeit, verantwortliches gesellschaftliches Handeln und die regionale Verwurzelung. «Der wichtigste Grund für die Bevorzugung von Genossenschaften liegt denn auch in deren Werten und Einstellungen. […] Genossenschaften geniessen ein sehr hohes Vertrauen in der Bevölkerung mit einem Durchschnittswert, der nur wenig nach den erstplatzierten Familienunternehmen liegt.» (gfs.bern. Kurzbericht IG Genossenschaft 2016, S. 45)
Eine aktuelle Umfrage der Kommunikationsberatung Brunswick unter 2039 Personen hat zudem ergeben, dass auch kleine, lokale Banken immer beliebter werden. So bevorzugen 55 % der Menschen in Deutschland kleine, lokale Kreditinstitute gegenüber Gross- und Auslandsbanken. In den USA sind es 65 %, in Frankreich 56 % und in Grossbritannien 47 %, in allen Ländern mit steigender Tendenz. Mehr als die Hälfte der Befragten wünschen sich Banken, die keine Gewinnmaximierung anstreben.    •

Die Genossenschaftsidee

Auszug aus dem deutschen Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes

Die Genossenschaftsidee ist ein allen Interessenten offenstehendes, überkonfessionelles Modell der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung auf Grundlage von Kooperationen. Die Väter der Genossenschaftsidee, Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen, gründeten Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten genossenschaftlichen Organisationen moderner Prägung in Deutschland. Aufbauend auf ethischen Werten wie Solidarität, Ehrlichkeit und Verantwortung konstruierten sie den grundlegenden rechtlichen Rahmen für die Genossenschaftsidee: eine Vereinigung mit nicht geschlossener Mitgliederzahl und gemeinschaftlichem Geschäftsbetrieb, die individuelles Engagement und Selbstbewusstsein stärkt und soziale, kulturelle und ökonomische Partizipation ermöglicht. In der Satzung einer Genossenschaft wird der jeweilige Förderzweck festgeschrieben, der sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Interessen dienen kann. Mitglieder werden durch den Erwerb von Genossenschaftsanteilen zu Miteigentümern. Ihre, von der Zahl der erworbenen Anteile unabhängige Stimme sichert ihnen Mitbestimmung und die Möglichkeit der aktiven Mitgestaltung zu.
Die Genossenschaftsidee wurde schnell von weiteren Akteuren aufgegriffen, erfasste bald grosse gesellschaftliche Kreise und fand ihre Anwendung in verschiedensten Lebensbereichen wie Arbeit, Finanzen, Ernährung oder Wohnen. […]
Durch die Kulturform der Genossenschaften kommt bürgerschaftliches Engagement im sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich jenseits von privaten und staatlichen Wirtschaftsformen zum Ausdruck. Die Genossenschaftsidee erweist sich als sehr dynamisch und einflussreich und eröffnet weniger privilegierten Bevölkerungsschichten neue Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe. Sie greift grundlegende Prinzipien des kulturellen Selbstverständnisses menschlicher Gemeinschaft auf und überträgt sie in die ökonomische Praxis. Die Genossenschaftsidee trägt zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen bei und wird durch kreative Veränderungen immer wieder an moderne Gegebenheiten angepasst.

Quelle: Deutsche Unesco-Kommission. Bundesweites Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes, Genossenschaftsidee, Aufnahmejahr 2014