Kein Ende der Geschichte!

ISBN 978-3-7255-6694-5

von Dr. phil. René Roca, Gymnasiallehrer für Geschichte und Leiter des Forschungsinstituts direkte Demokratie

Der Lehrplan 21 (LP 21) wurde im Kanton Basel-Stadt in der gesamten Volksschule auf das Schuljahr 2015/16 eingeführt. Dazu gehören auf der Oberstufe (Sek I) auch Sammelfächer. Zukünftig gibt es anstatt Geschichte und Geographie das Sammelfach «Räume, Zeiten, Gesellschaften» (RZG) und anstatt Biologie, Physik und Chemie «Natur und Technik». Als Historiker konzentriere ich mich auf das Sammelfach RZG. Was im folgenden exemplarisch anhand des Faches Geschichte ausgeführt wird, gilt für alle Sammelfächer. Ich möchte betonen, dass ich als Gymnasiallehrer nicht nur als «Abnehmer» interessiert bin, was die Volksschule leistet, sondern dass mir die Volksschule insgesamt ein Anliegen ist. Sie legt das zentrale Fundament für unser direktdemokratisches politisches System.

Der Wert des Fächerkanons

Einleitend muss festgehalten werden, dass der Wert des traditionellen, historisch gewachsenen Fächerkanons nicht genug betont werden kann. Er ist eine Frucht unserer Wissenschaftsgeschichte. Resultat war eine Struktur des Wissens, die an Schulen, aber auch in Bibliotheken und den Universitäten sofort augenfällig wird. Das Wissen ist also kein Sammelsurium und kann unter einem beliebigen Begriff neu «zusammengestellt» werden. Ein interdisziplinäres Arbeiten ist erst möglich, wenn strukturiertes Grundlagenwissen vorhanden ist. Speziell an der Oberstufe der Volksschule ist es nötig, dass kontinuierlich historisches Wissen vermittelt wird.
Ein Faktenblatt1 des Erziehungsdepartementes Basel-Stadt behauptet im Oktober 2016 das Gegenteil. Zu den Sammelfächern wird ausgeführt: «Der fächerverbindende Ansatz von Fachbereichen soll helfen, sich inhaltlich vom Denken in Einzellektionen und Themen zu distanzieren. Die Fachdisziplinen werden damit zur interdisziplinären Kooperation verpflichtet. Die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen ist nicht in Disziplinen gegliedert […].» Allerdings zeigt die aktuellste Version des LP 21, dass innerhalb des Sammelfaches RZG die Unterteilung von Geographie und Geschichte weitgehend beibehalten wurde. Aber anstatt Chronologie und systematischem Aufbau sind lediglich Themenbereiche oder -felder aufgeführt, zum Beispiel «Schweiz in Tradition und Wandel verstehen». Im aktuellen Stoffplan RZG BS ist dieser Themenbereich allerdings gar nicht vorgesehen. Das heisst, dass konkret im Unterricht Geschichte nur noch in einzelnen Fragmenten erkennbar ist, deren Gewichtung – ausser ein paar verbindlichen Inhalten – nicht festgelegt, sondern in das Ermessen der einzelnen Lehrpersonen gelegt ist.
Es ist fatal, auf den Wert des Begriffs «Geschichte» zu verzichten, denn damit verzichtet man auf die Spezifik historischen Denkens. Wenn primär ein thematischer Zugang zu Geschichte gemacht wird, so geht das zulasten eines Bewusstseins von Chronologie und Orientierung in der Zeit. Geschichtsbewusstsein und historisches Denken bleiben auf der Strecke.

Fach Geschichte besitzt wichtige Integrationsfunktion

Auch die Schweizerische Gesellschaft für Geschichte (SGG) als Vertretung der Schweizer Fachhistorikerinnen und Fachhistoriker forderte mit verschiedenen Stellungnahmen die durchgängige Führung des Fachs Geschichte als 2-Stunden-Fach in der Oberstufe. Ansonsten würden Kenntnisse historischer Zusammenhänge zunehmend verlorengehen: «Gerade die sind aber für selbständige Urteilsbildung und für das Verständnis der politischen Strukturen der Schweiz zentral.» Weiter unterstreicht die SGG: «Der Vermittlung von historischem und politischem Wissen über die Schweiz kommt zudem eine wichtige Integrationsfunktion zu, in einer Gesellschaft, in der viele junge Menschen in die Schweiz zugewandert sind, bzw. von ihren zugewanderten Eltern keine Vermittlung dieses Wissens erwartet werden kann. Geschichte bietet das notwendige individuelle und gesellschaftliche Orientierungswissen, auf dem Integrationsprozesse aufbauen können.» Das betrifft im speziellen auch den Kanton Basel-Stadt!
Der Widerstand gegen die Abschaffung von «Geschichte» von Lehrern, Dozenten, Fachkräften (unter anderem eine Petition, die über 1000 Personen unterschrieben haben), fruchtete nichts. RZG ist nun in Basel eingeführt, verbunden mit einem Abbau der Stundenzahl von vier auf drei Lektionen. Nun hängt alles an den Lehrkräften der Sek I, die sich unendlich abmühen und einmal mehr zu Recht frustriert sind. Die letztlich Leidtragenden sind die Schülerinnen und Schüler.

Unsinn von Sammelfächern stoppen!

Im Kanton Basel-Stadt fand keine seriöse Aufarbeitung der letzten grossen Schulreform (OS, WBS usw.) statt. Der LP 21 ist nun auf allen Stufen eingeführt. Basel wird einseitig als «Pionierkanton» dargestellt, und die Probleme werden unter den Tisch gewischt. Nun läuft man ins nächste Reformdesaster. Punkto RZG gibt es gravierende Mängel: keine Lehrmittel (auch keines in Planung); die Aus- und Weiterbildung ist oft sehr praxisfern und theorielastig; die Pädagogische Hochschule (PH) bietet einzelne Module an, im Moment existiert aber keine gesonderte Ausbildung für RZG; erst im Herbst 2017 startet die erste Ausbildung an der PH; es stehen also frühestens in sechs Jahren erste PH-Abgänger für RZG zur Verfügung. Die aktuelle Lösung des ED für dieses Problem: Es dürfen zwei und/oder fachfremde Lehrkräfte RZG unterrichten. Noch ist Zeit, diesen Unsinn zu stoppen!
Der Widerstand gegen die Sammelfächer als Teil des LP 21 wird immer breiter. Der Kanton Basel-Land hat bereits mit einer Initiative, die an der Urne angenommen wurde, erreicht, dass die Einzelfächer auf der Oberstufe erhalten bleiben. In diversen weiteren Kantonen werden die Sammelfächer in Frage gestellt. Auch anderen Elementen des LP 21 wird es im Lichte der pädagogischen Praxis so gehen.    •

1    https://www.edubs.ch/unterricht/lehrplan/volksschulen/einfuehrung-lehrplan-21/faecher-und-fachbereiche/faktenblatt-geschichte-und-geografie-in-den-fachbereichen-nmg-und-rzg/at_download/file