Landraub, der neue Kolonialismus

Fastenwochen

rt. Zu Recht erinnern uns über die Fastenzeit hinweg die Kirchen mit ihrer Aktion «Geld gewonnen, Land zerronnen» (Brot für alle und Fastenopfer) an die fatale Situation in der Welt.1 Neben den unsäglichen Kriegen, die, in den meisten Fällen von der «ersten» Welt ausgehend, grosse Teile der Welt verwüsten und die Bewohner im grösseren Umkreis ins Elend und in die Flucht treiben, wird auf anderen Teilen der Erde den Bewohnern das Ackerland, ihr Brot, unter der Hand weg verkauft. «Land grabbing», so heisst der Anglizismus zu dieser neuen Form des Neokolonialismus.

Fläche von der Grösse Westeuropas weggekauft

Eine Fläche, die der Grösse Westeuropas entspricht, wurde in den letzten Jahren von Staatskonzernen, Konsortien oder Pensionskassen weltweit aufgekauft. Die riesigen Flächen, meist besten Ackerlandes, werden zu Preisen verkauft, die für die Einheimischen unerschwinglich sind. Konnten sich die Menschen in diesen Gebieten bisher mehr schlecht als recht von ihrer Ackerkrume ernähren, so werden sie nun – wenn es für sie gut kommt – von einer global agierenden Gesellschaft als Angestellte für einen Hungerlohn auf den neu entstehenden gigantischen Monokulturen arbeiten. Sie werden Spritzmitteln ausgesetzt, sie sind jederzeit kündbar und, neu, müssen sie sich ihre Nahrungsmittel kaufen. Die Böden werden ausgelaugt und zerstört, die Landschaft verwüstet. Es muss rentieren.
Einheimische korrumpierte Politiker lassen ihre Mitmenschen im Stich, indem sie unter Hand das Land verkaufen oder es zulassen, dass das Land verkauft wird. Eine nicht unbedeutende Rolle spielen dabei die entsprechenden Klauseln der internationalen Freihandelsabkommen und der WTO-Verträge, die den grenzüberschreitenden Verkauf von Agrarland und -produkten ermöglichen.2

Sinnvolle Konzepte liegen vor

Aus umfangreichen Untersuchungen ist bekannt, dass eine sinnvolle und zukunftsgerichtete Landwirtschaft kleinräumig, biologisch und regional sein muss, wenn sie die Weltbevölkerung auf lange Sicht ernähren soll. Im «Weltagrarbericht» wurde dies von über 500 Experten weltweit erforscht und dokumentiert. (vgl. Wege aus der Hunger­krise. Die Erkenntnisse und Folgen des Welt­agrarberichts – Vorschläge für eine Landwirtschaft von morgen. Hrsg. Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Berlin, Dezember 2013, ISBN 978-3-00-044819-5 oder http://www.weltagrarbericht.de/)

Zurechtlegungen für Ungerechtigkeiten

Erklärungen für das Land grabbing sind schnell gefunden: Niedrige Zinsen treiben das Kapital in «bleibende» Werte, Pensionskassen versuchten ihre Gelder langfristig anzulegen, Staaten mit Engpässen in der Ernährung versuchten sich exterritoriale Anbauflächen zu sichern usw. Viele dieser Begründungen treffen zu, doch sie rechtfertigen das Verhalten nicht. Es kann nicht sein, dass der Hungertod oder die Entwurzelung ganzer Völker mit einem Zinsproblem entschuldigt wird. Die Probleme müssen gerecht gelöst werden. Dass die Schwächsten zu Opfern der Gier und des moralischen Verfalls der ersten Welt werden, ist und bleibt ein Unrecht!
Nicht nur die Betroffenen selbst fragen sich, wo die internationalen Instanzen sind, die diesem Treiben Grenzen setzen. Ist die Uno inzwischen durch den Global compact zwischen Institution und Konzernen korrumpiert? Das Problem des Land grabbings wäre ein weites Feld für einen noch einzurichtenden unabhängigen internationalen Strafgerichtshof gegen modernen Kolonialismus, Ausbeutung, Verarmung der Bewohner und Zerstörung der Biosphäre.

Kehrseite – Working poor im Westen

Aber auch die «schöne» Kehrseite der Medaille ist nicht so rosig, wie viele meinen. In den meisten Gesellschaften der «ersten» Welt hat sich in den vergangenen 30 Jahren eine 80:20-Gesellschaft etabliert. Wobei nicht die 80 % der Bevölkerung «sorgenfrei» leben, sondern nur 20 %. Viele, auch bei uns im «reichen» Westen, arbeiten als Working poor. Sie arbeiten oft an zwei Stellen und haben doch nicht genug, um ihre Familie zu ernähren. Muss das so sein?
Und die 20 % der Vermögenderen? Viele von ihnen leben in ständiger Angst, am nächsten Tag ihre gutbezahlte Arbeit und ihren sozialen Status zu verlieren. Sollten sie dann über 40 Jahre alt sein, werden sie kaum mehr eine Chance haben, eine vergleichbare Anstellung zu finden. Sie sind bereit für ihre Position vieles zu tun, vieles, was sie sonst nicht tun würden. Muss das so sein?

Zeit für Vernunft

Wie hoch muss die Schmerzgrenze liegen, bis wir unsere Welt menschlicher einrichten? Was lassen wir uns noch alles bieten, bis wir zur Vernunft kommen?
Es gibt inzwischen unterschiedliche praktikable und umsetzbare Vorschläge zur Ernährung der gesamten Weltbevölkerung. Doch zuvor müssen die einzelnen Staaten wieder zu ihren Kernaufgaben zurückfinden und ihre Bürgerinnen und Bürger vor Raub und Ausbeutung schützen. Und die Bürger als Subjekte dieses Staates sollten den Staat wieder gleichberechtigt in Abstimmungen und Wahlen ausgestalten und führen.     •

1    Ökumenische Kampagne 2017: «Geld gewonnen, Land zerronnen». In der Ökumenischen Kampagne 2017 weisen Brot für alle, Fastenopfer und andere Partner u.a. auf die negativen Folgen von Land grabbing hin.
2    «Dossier. Die Welt im Ausverkauf. Themenschwerpunkt des Magazins Perpektiven». Heft 1/2017 Hrsg. Brot für alle und Fastenopfer.