Leserbrief

Radikale Schul­reformen 2006–2016

2006 nahm das Volk den Bildungsartikel unter dem Schlagwort «Harmonisierung» an, in der Meinung, damit würden nur Schulanfang und Bildungsziele angeglichen. Im gleichen Jahr begann ein kleines Projektteam von Experten für «Kompetenzorientierung» mit der Ausarbeitung der Grundlagen für den Lehrplan 21. Im selben Jahr begann die Gemeinde Uetikon am See mit der Planung des «selbstgesteuerten Lernens», damit die Schule im Dorf bleiben durfte. Alles Zufall? Honi soit qui mal y pense!
Natürlich wusste man damals noch nicht, dass «Harmonisierung» eines von drei Zielen der Wirtschaftsorganisation OECD war, um den globalen Bildungsmarkt zu «öffnen», mit der Vision, den Lehrer dereinst durch die gleichen Computerprogramme weltweit zu ersetzen. Mit dem Pisa-Schock hatte die OECD bereits eine weltweite Reformwelle in Gang gesetzt, bei der die traditionellen Bildungssysteme durch die OECD-Kompetenzorientierung ersetzt wurden, was allerdings im Pisa-Ranking zu einer Abwärtsspirale (Beispiel Finnland, Neuseeland usw.) führte, die immer weitere Reformen auslöst. Selbst heute weiss kaum jemand, dass die OECD-Kompetenzorientierung (nach Weinert) mit dem «selbstgesteuerten Lernen»  in den Grundlagen des Lehrplans 21 als die alleinige «zeitgemässe» Methode verankert wurde. Damit werden Klassenunterricht, Methodenfreiheit und Lehrer durch das selbstgesteuerte, individuelle Lernen mit Computerprogrammen abgelöst.
Zehn Jahre später: 2016 ebnet die Schweizerische Lehrerdachorganisation LCH mit ihrem Leitfaden «Externe Bildungsfinanzierung» den globalen Bildungskonzernen den Weg ins Klassenzimmer. Im Oktober 2016 kündigte die deutsche Bundesbildungsministerin Johanna Wanka den «Digitalpakt#D» an: 40 000 Schulen in Deutschland sollen in den nächsten fünf Jahren mit Computern und WLAN ausgestattet werden. Im «Gegenzug für die finanzielle Unterstützung» werden Zugeständnisse eingefordert, die einen massiven Eingriff in das Berufsbild des Lehrers und das Selbstverständnis des Unterrichtens bedeuten. Lehrerinnen und Lehrer sollen zum Beispiel für den Einsatz digitaler Medien im Unterricht ausgebildet werden. Das verkürzt auf digitale statt allgemein «Medien im Unterricht». Zugleich wird Digital- als Medientechnik im «Unterricht» verpflichtend vorgeschrieben (siehe Analogie zum Lehrplan 21), was ein direkter Eingriff in die Lehr- und Methodenfreiheit der Lehrenden ist.
2016 sind bei den Lehrplan 21«Versuchs»-schulen wie der Sek Ossingen Lehrer und Klassenunterricht abgeschafft. «Lernbegleiter» und «Lernende» sitzen meistens vor Computer und Tablet. Der isolierte digitale Monolog wirkt sich besonders verheerend auf die Sprachfächer aus. Im gleichen Jahr stürzt die Schweiz bei Pisa überall ab, 20 % der Schulabgänger sind kaum mehr vermittelbar, weil ihnen Grundkenntnisse fehlen. Zufall oder schlechtes Omen?
Die neoliberale Ökonomisierung (Privatisierung) der Bildung ist in den letzten zehn Jahren weiter fortgeschritten: Die Umsätze des globalen Bildungsmarktes sollen von 4,5 Billionen im Jahr 2012 auf 6,4 Billionen US-Dollar im 2017 gesteigert werden.

Peter Aebersold, Zürich