Der «Martin Luther des Konfuzianismus» – Bedeutung Kang Youweis und seiner Schüler für heutiges China

China vor Mao – früher Weckruf für das Erwachen des chinesischen Drachens

von Thomas Schaffner

«Gut 100 Tage lang waren Kang, Liang und Tan Sitong mächtiger als irgendeine andere Gruppe ähnlich gesinnter Intellektueller seit der Französischen Revolution – und das weltweit gesehen.» (Mishra, S. 184) Dieser Satz aus dem preisgekrönten Werk «Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens» des indischen Autors Pankaj Mishra lässt wohl die Mehrheit der westlichen Leser mit grossen Fragezeichen zurück. Während die Französische Revolution jedem Schulabgänger in Grundzügen bekannt sein dürfte, fragt sich sicher auch der belesene Zeitgenosse, um welche 100 Tage es sich hier handle, wie Kang und Liang wohl mit vollem Namen heissen und was ihre welthistorische Bedeutung ausmacht. Mishras Bemühen, uns Westlern den Blick auf die ganze Welt zu öffnen, sei unterstützt mit folgendem Artikel, der die Entwicklung Chinas anhand seiner Top­intellektuellen vor der Mao-Ära nachzeichnet. Wenn auch hier wieder für den Westen beschämende Fakten präsentiert werden, liegt das nicht an einer Spitze Mishras gegen den Westen, im Gegenteil. Demütigungen, die der Westen Menschen in Asien und anderswo zugefügt hat, sind dort nicht vergessen. Gut, sich der Sachverhalte bewusst zu werden, denn nur so kann ein adäquater Dialog in Richtung mehr Frieden auf dieser Welt gelingen.
Dem eiligen Leser sei das Eingangsrätsel schon enthüllt: Liang Qichao (1873–1929) war ein in der klassisch-chinesischen, also konfuzianischen Bildungstradition stehender Intellektueller, der bis in die 1920er Jahre an allen wichtigen Ereignissen in China beteiligt war. Sein Lehrer Kang Youwei (1858–1927) galt seinen Schülern als Martin Luther des Konfuzianismus. Beide setzten sich mit allen Kräften dafür ein, China aus der seit 1800 eingetretenen Rückständigkeit in die Moderne zu führen, einer Rückständigkeit, deren Ursachen sie selber als durchaus auch selbstverschuldet sahen. Kang Youwei schlug eine Neuauslegung der Schriften von Konfuzius vor, dahingehend, dass politische Reformen wie allgemeine Wahlen und Frauenemanzipation, aber auch Massenmobilisierung und Massenbildung schon in den neokonfuzianischen Schriften zu belegen seien. Der Konfuzianismus solle auch Staatsreligion werden. So bekehrte Kang viele Gelehrten-Beamte zu den Idealen des Westens, indem er diese als Teile der Tradition Konfuzius’ darstellte. Liang Qichao sah, dass dem Westen nur Paroli geboten werden konnte, wenn ein gebildetes Bürgertum und die Ideen der Volkssouveränität und der Nation Raum griffen. Die hundert Tage datieren aus dem Jahre 1898, als die Kaiserinwitwe ihrem Sohn, dem 23jährigen Guangxu, die volle Regierungsgewalt übertrug: Er bat Kang und Liang um Mithilfe. Gemeinsam lösten sie ein wahres Feuerwerk von Reformen aus, welches dann aber nach 100 Tagen in einem Blutbad an einigen Beteiligten endete – der Lehrer und sein Schüler konnten fliehen, der Kaiser wurde unter Hausarrest gestellt – eine einmalige Gelegenheit der Weltgeschichte war vertan. Nach fast einem Jahrhundert der Wirren, des Krieges und des millionenfachen Sterbens knüpft das heutige China in vielem wieder an Ideen und Leistungen der Intellektuellen des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts an – Grund genug, sich die damaligen Abläufe vor Augen zu führen.

China, die aufsteigende Supermacht des 21. Jahrhunderts, war bis um 1800 zusammen mit Indien die grösste Volkswirtschaft der Welt und eine selbstbewusste, sich selbst genügende Macht, eben das Reich der Mitte, die Mitte der Welt. Die zweihundert Jahre des chinesischen Niedergangs und der Dominanz des Westens sind nach Kishore Mahbubani «a historical aberration», eine historische Verirrung, ein historischer Irrweg, der nun zu Ende sei. Das moderne China und die KPCh streichen zwar Mao noch nicht ganz aus ihrer Geschichte, noch immer gilt Deng Xiaopings Zahlenspiel, zu 70% habe Mao richtig gehandelt, zu 30% falsch, ein Verhältnis – das wohl in den nächsten Jahren justiert werden dürfte. Darüber hinaus sucht man jedoch Anknüpfungspunkte in der eigenen Geschichte, Grundwerte, die die chinesische Geschichte über Jahrhunderte geprägt haben und auch heute noch Richtschnur für die Zukunft sein können. Fündig wurde die KP unter anderem im Konfuzianismus und Neokonfuzianismus. Deswegen mag es interessant sein, sich den Grundlagen und ihren Erneuerern zu widmen, die nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1912 eine Verquickung des Bewährten aus chinesisch-konfuzianischer und westlicher Tradition anstrebten. Unser Gewährsmann Pankaj Mishra verweist in diesem Zusammenhang auf zwei Intellektuelle, die im Westen kaum bekannt sind, übertönt durch die Taten eines Sun Yat-sens, Tschiang Kai Scheks und Mao Zedongs: Kang Youwei, der von seinen Schülern als Martin Luther des Konfuzianismus verehrt wurde, und seinen berühmten Schüler Liang Qichao.

 «Vor dreitausend Jahren lebten die Europäer wie die wilden Tiere …»

Liang Qichao, in der klassisch-chinesischen, also konfuzianischen Bildungstradition stehend und bis in die 1920er Jahre an allen wichtigen Ereignissen in China beteiligt, sah den Grund für die Rückständigkeit seines Landes in der China eigenen Selbstüberschätzung: Man hielt sich selbst für die Welt und alle anderen für Barbaren. Liang und sein Lehrer Kang Youwei waren beide schockiert, als sie in den 80er beziehungsweise 90er Jahren des 19. Jahrhunderts selber das erste Mal etwas über den Westen lasen beziehungsweise Hongkong besuchten und sich eingestehen mussten, dass es da noch andere Hochkulturen gab.
Kang setzte sich für Reformen Chinas ein, welches er als so degeneriert wie die Türkei empfand, nur wurden der Sultan und sein Volk nie so gedemütigt wie sein chinesisches Pendant. Die 70 Jahre der Demütigung Chinas seit den 1830er Jahren trafen die Chinesen um so härter, als sie auf eine 4000 Jahre alte Geschichte zurückblicken konnten – oder in den Worten von Liang Qichao aus dem Jahre 1902: «Die Zivilisation unseres Landes ist die älteste der Erde. Vor dreitausend Jahren lebten die Europäer wie die wilden Tiere auf den Feldern, während unsere Zivilisation mit ihren typischen Merkmalen bereits einen Stand erreicht hatte, der ihrem Mittelalter entspricht.» (zit. nach Mishra, S. 168)
Der Konfuzianismus hatte seit dem 6. Jahrhundert vor Christus ein einigendes Band um China gelegt und verfügte über eine Ausstrahlungskraft, welcher selbst Eroberer wie die Mongolen und später die Mandschus erlagen, in dem Sinne, dass sie als Fremde sich sinisierten, dass heisst, die chinesische Kultur übernahmen – ein unerhörter Vorgang in der Weltgeschichte, dass der Sieger sich von der Kultur des Besiegten besiegen lässt, vor allem auch, wenn man als Kontrapunkt an den «Siegeszug des US-way-of-life» seit dem Zweiten Weltkrieg denkt …

«Westlicher Handel schwächt China hundertmal mehr als westliche Soldaten»

Doch zurück ins 19. Jahrhundert nach Asien. Mishra betont, dass die Chinesen im 19. Jahrhundert sehr schnell aus ihren Niederlagen gegen die Briten in den Opium-Kriegen und gegen Frankreich um Vietnam gelernt hätten und eine Industrie westlichen Musters aufbauten, auch für Rüstungsgüter. Aber wie bei der osmanischen Türkei und Ägypten drängten die Briten auf Freihandel, womit der Schutz für die junge Industrie wegfiel. China war in einer halbkolonialen Situation, in der, so Liang Qichao 1896, «der westliche Handel China hundertmal mehr schwächt als westliche Soldaten». (zit. nach Mishra, S. 171)
Und so wurde China, insbesondere auch nach der vernichtenden Niederlage gegen Japan 1895, wie eine Melone unter den imperialistischen Mächten aufgeteilt, während die USA 1900 eine Politik der «Offenen Tür» verkündeten, wonach die Profite des China aufgezwungenen Freihandels an die Ausländer gingen, die Kosten aber an die Chinesen. Binnen eines Jahrhunderts war China damit von einem Land, welches eine positive Handelsbilanz aufwies, zu einem hoch verschuldeten abgesunken.

Kang startet Bildungsoffensive für das chinesische Volk

Die Demütigungen, die China erlitt, hatten Kang zu einem revolutionären Schritt veranlasst: Er verfasste mit den Examenskandidaten, also der künftigen Führungselite des Landes, eine Petition an den jungen Kaiser Guangxu, den demütigenden Friedensvertrag mit Japan abzulehnen und eine eigentliche Revolution von oben einzuleiten im Stile der osmanischen Tanzimat-Reformen. Damit hatte Kang zwar keinen Erfolg, aber die erste Massenbewegung in der Geschichte Chinas initiiert! Kang startete nun eine Bildungsoffensive, nicht nur für die Oberschicht, sondern auch für das chinesische «Volk», ein Ausdruck, der hier zum ersten Mal verwendet wurde. Schulen und Leihbüchereien wurden gegründet, um das Volk zur politischen Teilnahme zu befähigen. Liang verfertigte Abschriften der Petition, wurde Sekretär des Bildungsvereins in Peking und gründete Zeitungen, die weit herum gelesen wurden. So wurde er der einflussreichste Journalist Chinas. Der Ausbau des Bildungswesens und der Industrialisierung waren seine zentralen Anliegen. 100 Jahre nach Indien und 20 Jahre nach der arabischen Welt war nun auch in China ein öffentlicher Raum für Debatten und Diskussionen entstanden. Liang erkannte, dass dem Westen nur Paroli geboten werden konnte, wenn ein gebildetes Bürgertum und die Ideen der Volkssouveränität und der Nation Raum griffen. Bei seiner Argumentation, die natürlich auch schon gefährlich nahe an die Abschaffung des monarchischen Systems ging, stützte sich Liang auf die chinesische Tradition: «Menzius sagt, das Volk muss in Ehren gehalten und die Angelegenheiten des Volkes dürfen nicht vernachlässigt werden. Die Regierungen der heutigen westlichen Staaten kommen diesem Grundsatz sehr nahe, aber China ist leider von den Lehren des Menzius abgeschnitten». (zit. nach Mishra, S. 177)

Yan Fu vergleicht westliche und chinesische Tradition

Auch für Liangs Lehrer Kang, der sich als klassischer weiser konfuzianischer Gelehrter verstand, war klar: Der Konfuzianismus musste neu erfunden werden, um gerettet zu werden. Das heisst, einige der westlichen Tugenden mussten übernommen werden. Eine Gegenüberstellung der westlichen und chinesischen Tradition hatte der Übersetzer und Schriftsteller Yan Fu 1895 wie folgt formuliert: «China schätzt die Drei‑ (Familien)-Bande am höchsten, während im Westen die Gleichheit den Vorrang geniesst. In China bevorzugt man Verwandte, im Westen solche, die würdig sind. China regiert das Reich auf der Grundlage des Respekts vor den Eltern, der Westen auf der Grundlage von Unparteilichkeit. China schätzt den Herrscher, der Westen dagegen das Volk. China preist den einen Weg, während der Westen die Vielfalt vorzieht […]. In der Erziehung setzt China auf breite Bildung, der Westen auf menschliche Stärke.» (zit. nach Mishra, S. 179f) Mehr als hundert Jahre später formulierte es Kishore Mahbubani wie folgt: Asien nehme heute wieder seinen natürlichen Platz in der Hierarchie der Gesellschaften und Kulturen ein. Und warum? Weil die Asiaten die sieben westlichen Säulen der Weisheit entdeckt hätten! Jedes Land, welches die sieben Säulen einführe, könne ebenfalls aufsteigen! Mahbubani zählt dazu die Freie Marktwirtschaft, Naturwissenschaft und Technik, Meritokratie, Pragmatismus, Friedenskultur, Rechtsstaat und last but not least Bildung. (vgl. Mahbubani, S. 62–113)
Kang, der für seine folgenden Aktivitäten von Liang als Martin Luther des Konfuzianismus bezeichnet wurde, schlug eine Neuauslegung der Schriften von Konfuzius vor, dahingehend, dass politische Reformen wie allgemeine Wahlen und Frauenemanzipation, aber auch Massenmobilisierung und Massenbildung schon in den neokonfuzianischen Schriften zu belegen seien. Der Konfuzianismus solle auch Staatsreligion werden. So bekehrte Kang viele Gelehrten-Beamte zu den Idealen des Westens, indem er diese als Teile der Tradition Konfuzius’ darstellte.

Die Reformen der 100 Tage unter Kaiser Guangxu

Viele der chinesischen Intellektuellen, die den Westen aus eigener Anschauung kannten, wurden überzeugte Sozialdarwinisten, weil sie glaubten, nur so das Überleben der «gelben Rasse» im Kampf gegen die weisse sichern zu können; andere, wie zum Beispiel Kangs Schüler Tan Sitong, schlugen die Errichtung einer Republik vor und moralisch vorbildliches Handeln, ähnlich wie Gandhi.
Als dann 1898 die Kaiserinwitwe dem 23jährigen Guangxu die volle Regierungsgewalt übertrug, schlug die Stunde der Reformer um Kang und Liang: Sie wurden vom jungen Kaiser um Mithilfe gebeten und entfachten mit Guangxu zusammen ein Feuerwerk von Reformen während 100 Tagen. Mishra: «Gut 100 Tage lang waren Kang, Liang und Tan Sitong mächtiger als irgendeine andere Gruppe ähnlich gesinnter Intellektueller seit der Französischen Revolution – und das weltweit gesehen.» (Mishra, S. 184) Doch die Reformen erfolgten zu schnell und weckten Widerstand bei den alten Eliten, die die Kaiserin zu einem Putsch gewinnen konnten. Die meisten Reformen wurden widerrufen, die Berater zum Tode verurteilt. Kang und Liang konnten entkommen, Tan stellte sich seinen Häschern mit der in China jahrzehntelang erinnerten Aussage, China werde sich erst dann erneuern, wenn Männer bereit seien, dafür zu sterben. Er und sechs weitere Reformer wurden öffentlich enthauptet. Mishra: «So endete Chinas Chance, eine Form der Modernisierung von oben einzuleiten, die man auch in der Türkei und in Ägypten versucht hatte. Die Revolution war nun so unausweichlich wie in anderen Ländern Asiens.» (Mishra, S. 185)

Liang wie al-Afghani: Entlarvung westlicher Herrschaftsmethoden

Liang scharte nun in Japan exilierte Chinesen um sich und gründete mit finanzieller Hilfe von bereits dort ansässigen Landsleuten Zeitschriften, Schulen und Bildungsgesellschaften. Er las Hobbes, Spinoza, Rousseau und die griechischen Philosophen, schrieb biographische Studien über Cromwell, Cavour und Mazzini. Er berichtete über den philippinischen Widerstand gegen die USA und den Konflikt zwischen Buren und Briten in Südafrika. Den Wettlauf um Bodenschätze und Territorien verfolgte er aufmerksam. Er war in regem Austausch mit revolutionären Denkern aus ganz Asien. Ähnlich wie al-Afghani beschrieb er die Methoden der westlichen Mächte zur Unterwerfung anderer Länder. Methoden, «bei denen man zum Beispiel ein Land drängt, sich immer stärker zu verschulden (Ägypten), das Staatsgebiet des Landes aufteilt (Polen), interne Spaltungen ausnutzt (Indien) oder einfach Gegner durch überlegene militärische Macht überwältigt (die Philippinen und Transvaal)». (Mishra, S. 195) Mit diesen Ausführungen nahm Liang Lenins Diktum, der Imperialismus sei das letzte Stadium des Kapitalismus, mit anderen Worten und ohne den marxistischen Hintergrund vorweg.

China ist 1908 bereit für die Moderne

Der Unmut eines Volkes, welches noch um 1800 einen höheren Lebensstandard als Europa aufwies, entlud sich dann in einem spontanen, von einer schamanistischen Geheimgesellschaft von Verfechtern von traditionellen Kampfsportarten, den sogenannten «Boxern», angeführten Volksaufstand. Der Kampf richtete sich anfänglich gegen ­Sachen, dann gegen Personen aus dem Westen und führte zum bekannten Wüten des Expeditionskorps der Westmächte und Japans.
Die Kaiserinwitwe floh und schob nun doch einige Reformen an, so dass China bei ihrem Tod 1908 vorbereitet war, einen modernen Staat zu errichten. Die auf einer Tradition von 1000 Jahren beruhenden Prüfungen für den Staatsdienst waren abgeschafft worden, es gab nun moderne Schulen mit westlichem Lehrplan. Im fernen Indien wurde dieser Aufbruch vom Philosophen und Politiker Aurobindo Ghose (1872–1950) gewürdigt. Es war ein Aufbruch wie die Mejii-Revolution in Japan. Einer der ersten Studenten der neuen Schule hiess Mao Zedong, der hier, so in einem Gespräch mit dem US-Schriftsteller Edgar Snow, das Ausmass der Erniedrigung Chinas sah und Änderung schwor.

Liang für Republik, Kang für moralische Weltgemeinschaft von Brüdern

Liang hatte diese jüngste und bisher gröss­te Demütigung Chinas von Hawaii aus verfolgt und war nun entschlossen, dass nur von einer Republik und einem starken Nationalstaat das Heil des bisher über eine sklavische Mentalität verfügenden chinesischen Volkes kommen könne.
Ganz antiwestlicher Sozialdarwinist erklärte er: «Wenn eine Rasse den Anforderungen der Zeit nicht gewachsen ist, kann sie nicht überleben.» (zit. nach Mishra, S. 204)
Sein Lehrer Kang hingegen überwarf sich in der Frage Monarchie oder Republik mit Sun Yat-sen und ging nach Indien, wo er eine internationalistische Sozialutopie einer moralischen Weltgemeinschaft von Brüdern entwarf, in der alle rassischen, ethnischen und sprachlichen Unterschiede überwunden sein sollten – eine Vision, die von Mao Zedong in Teilen aufgegriffen worden sei, so Mishra, ohne den Gedanken an der Stelle zu vertiefen und genauer zu begründen.

Liang 1903 in den USA: Empfang beim Präsidenten und tiefer Schock

1903 machte Liang eine ausgiebige Reise durch die USA – dies wurde zum Wendepunkt in seiner intellektuellen Laufbahn. Die USA hatten den Kontinent durchdrungen und definierten nun als «new frontier», so der spätere Präsident Woodrow Wilson, die Philippinen. Und weiter Wilson: Man habe Hunger auf neue Märkte, «zu denen die Diplomatie und, wenn es sein muss, die Gewalt den Weg erschliessen müssen». (zit. nach Mishra, S. 210) Die verschlossenen Türen der Nationen müssten aufgesprengt werden, dem Handel habe die Flagge zu folgen. Auch das Interesse an China war riesig, gefordert wurde eine Politik der «offenen Tür», eben solcher Türen, die man notfalls auch aufzusprengen gewillt war. So erhielt Liang bei seiner Reise grosse Aufmerksamkeit, er wurde gar vom Präsidenten Theodore Roosevelt, Aussenminister John Hay, aber auch vom Bankier J. P. Morgan empfangen. Liang war geschockt von der sozialen Ungleichheit in den USA und der Macht der Unternehmerinteressen. Sehr genau konstatierte er einen zunehmenden Zentralismus und Zustimmung zum Imperialismus. Demokratie, so sein Fazit, müsse über einen langen Zeitraum von unten nach oben aufgebaut werden, durch Revolutionen lasse sie sich nicht herbeiführen – eine Einsicht, die aus den Erfahrungen der schweizerischen Eidgenossenschaft und ihrer Geschichte nur bestätigt werden kann.

Reale US-Demokratie lässt Liang an Demokratie generell zweifeln

Anhand der Abläufe um den Panama-Kanal sah Liang hellsichtig voraus, was für eine geballte Macht sich in den USA aufbaute und dass diese Macht sich des Planeten bemächtigen, zuvor sich aber auf China stürzen werde. Die zum Teil miterlebten Menschenrechtsverletzungen den Afroamerikanern und den chinesischen Einwanderern gegenüber liessen Liang an der Demokratie zweifeln. Es gelang ihm aber nicht, die Chinesen in den USA für die Sache der chinesischen Nation zu gewinnen. Sie gäben Clanstrukturen den Vorzug und brächten Banden hervor statt Parteien. So sei keine Nation zu schaffen, hielt er fest. Und dies gelte auch für China selber. Deswegen, so sein Fazit: «Das chinesische Volk muss für den Augenblick eine autokratische Gesellschaft akzeptieren, es kann keine Freiheit geniessen.» Erst in 50 Jahren könne man den Chinesen Rousseau zu lesen geben, jetzt würde Demokratie in China im Chaos enden. Mejii-Japan war für Liang der Beweis: Eine moderne Nation konnte auch mit einem autokratischen Staat aufgebaut werden. Dies sahen viele in Asien so, insbesondere auch, als sich westliche Staaten dem Protektionismus zuwandten und dem für sie ungünstiger werdenden Freihandel in egoistischer Manier den Rücken kehrten. Der Etatismus eines Bismarck-Deutschlands wurde nun zum Vorbild, die aufgeklärte Despotie der Weg zum Fortschritt und Garant des Überlebens zum Beispiel gegen die USA, welcher Liang ein wirklich demokratisches Wesen nicht zugestehen mochte. So war Liang auch klar gegen Sun Yat-sens republikanische Revolution, die nur zu Chaos und letztlich zu einer neuen Tyrannei führen müsse.

Liang 1903 wie KPCh heute: Starker Staat lenkt Wirtschaft und fördert sozialen Ausgleich

Leider schien ihm das gewaltige Chaos nach dem Sturz der chinesischen Herrscherdynastie der Mandschus Recht zu geben. Liang hätte, wie interessanterweise die Erben Maos auch, einen starken Staat befürwortet, der Kapitalisten ermuntert und schützt, damit sie im Wettbewerb mit der Aussenwelt bestehen können. Eine industrielle Produktion auf der Grundlage kapitalistischer Methoden, gelenkt von einem starken Staat: Nur so könne China bestehen. Dazu kam aber auch eine starke soziale Komponente: Der Staat sollte die Privatwirtschaft regulieren, um eine zu starke Öffnung der sozialen Schere zu verhindern. Ein Programm, hundert Jahre alt, welches heute in China mehr oder minder Anwendung findet. Die Frage, was wäre gewesen, wenn … ist zwar heute in der Geschichtswissenschaft durchaus anerkannt, bringt aber nur bedingt weiter. Dennoch: So wie in Russland die Februarrevolution eine Republik hätte begründen und der Bevölkerung 70 Jahre Leid hätten erspart werden können – wären nicht die Bolschewisten mit einem Putsch im Oktober/November dreingefahren, mit den bekannten Konsequenzen wie kommunistische Planwirtschaft, Stalinismus, Gulag usw. – , so hätte das Konzept von Liang 60–70 Millionen chinesische Todesopfer vermeiden können, so die Zahlen der Parteihistoriker der KP Chinas heute zum Blutzoll der chinesischen Revolutionsgeschichte.

Liang – ein Deng Xiao Ping vor seiner Zeit?

Deng Xiao Pings Pragmatismus, seine berühmte Katzenmetapher – «es kommt nicht darauf an, ob eine Katze schwarz oder weiss ist, wenn sie Mäuse fängt, ist sie eine gute Katze» –, wäre dies nicht schon 1911 möglich gewesen? Es war leider nicht so, und die blutigen Irrwege blieben den Menschen nicht erspart. Und auch heute, so betont etwa Kishore Mahbubani, sei der Weg zu Freiheit und Demokratie je nach Land verschieden. Der Westen solle sich hüten, seinen Weg anderen aufzudrängen, das könne auch zu schnell gehen, siehe Beispiel Russland nach der Wende. China gehe da einen langsameren Weg, und das gewähre Stabilität und Frieden. (vgl. Mahbubani, S. 149ff.) Liang würde Mahbubani wohl zustimmen, sowohl in seiner Kritik des Westens als auch im langsamen Herausarbeiten aus der Despotie. Auch wenn das Konzept des aufgeklärten Absolutismus uns Europäern längst überwunden und überholt erscheint: Soll Asien heute Chaos und Anarchie riskieren, nur der reinen Lehre willen? Nein, so Mahbubani sinngemäss in seinem Buch.

1912: Liang Justizminister, später Finanzberater: Schuldenfalle schnappt zu

Nach der Revolution von 1911 liess sich Liang dann 1912 für das Amt des Justizministers gewinnen, später wurde er Finanzberater des Präsidenten Yuan Shikai, dem Nachfolger von Sun Yat-sens. Und wie so oft lag auch nun die Macht wieder bei den Soldaten, Yuan war nicht der aufgeklärte Despot, auch führte er den Konfuzianismus, mit Unterstützung von Kang, als Stütze seiner Herrschaft wieder ein, den die Republikaner für untauglich erklärt hatten. Was nun folgte, ist nach Mishra sattsam bekannt, aus Ägypten, Iran und der Türkei: Yuan geriet in die Schuldenfalle und -spirale und musste schliesslich Eisenbahn­lizenzen und Schürfrechte an die ausländischen Gläubiger verkaufen. Auch Japan gebärdete sich nun zunehmend imperialistisch und liess die panasiatischen Intellektuellen aus Japan ausweisen oder verbot deren Zeitungen.
1915 musste Yuan 21 Forderungen ­Japans akzeptieren, da er auch bei seinem asiatischen Nachbarn in der Schuldenfalle sass. Als Yuan sich zum Kaiser ausrufen lassen wollte, wurde er gestürzt. Nach seinem Tod 1916 zerfiel China, wie es Liang befürchtet hatte, in zahllose Territorien, die von Warlords beherrscht wurden. Etwa so wie Afghanistan vor den Taliban, so der Vergleich von Mishra.

Minister Liang für Kriegsunterstützung der Alliierten …

Die Macht in China leitete sich nun nicht mehr aus dem Konfuzianismus ab, sondern aus den Gewehrläufen, wie Mao 1927 schrieb. Diese Zeit des Chaos wird in China bis heute als Rechtfertigung für autoritäres Regieren benutzt, so Mishra, und er würde darin durchaus Zustimmung von seiten Mahbubanis erhalten, der davor warnt, anderen Ländern mit je eigenem Geschichtsverlauf westliche Modelle vorschnell überstülpen zu wollen.
Liang wurde in der Folge Minister der Regierung in Peking und setzte sich für den Kriegseintritt Chinas auf der Seite der Alliierten ein: Nur so könnten die «ungleichen Verträge» aufgelöst werden und auch Japan zurückgedrängt werden, so sein Kalkül. Er entsandte auch Arbeiter und Studenten nach Frankreich, darunter Kommunistenführer der ersten Generation wie Deng Xiao Ping und Zhou Enlai.
Die grausam fehlgeschlagene Revolution von 1911 hatte eines gezeigt: Das alte China galt als diskreditiert, reihum war man sich einig, dass nun etwas ganz Neues entstehen müsste. Die Meinungen gingen auseinander: Während die einen eine Kopie der USA anstrebten, waren andere wie Mao überzeugt, dass aus dem Untergang des alten Universums ein neues Universum entstehen müsse, worauf man sich nur freuen könne.
Gefragt war nun eine Revolution in den Köpfen, und die konkretisierte sich 1919 in der «Bewegung des vierten Mai».

… doch Missachtung durch Westen treibt China in den Kommunismus

Chinas Scheitern an den Pariser Friedenskonferenzen war im Mai 1919 besiegelt – und löste intern wütende Studentenproteste aus, die «Bewegung des vierten Mai». Der US-Präsident wurde als Lügner beschimpft, Chinesen mit projapanischer Gesinnung, war sie auch nur gemutmasst, wurden tätlich angegriffen, so auch der Botschafter Chinas in Japan, der sich zu der Zeit in Peking aufhielt.
Die Vierter-Mai-Bewegung stand für eine neue Generation Chinesen, die westlich ausgebildet worden waren und viel stärker das Volk repräsentierten als noch die Gelehrten um Kang und Liang.
Zu den Werkstudenten und Arbeitern, die zur Unterstützung der Alliierten als Arbeitskräfte nach Europa, insbesondere Frankreich, gefahren waren, gehörte auch Deng Xiao Ping. Auch ihn politisierte und radikalisierte die grobe Behandlung durch die Europäer. Anders als die Letztgenannten verhielten sich die Bolschewiki, die auf die ungleichen Verträge mit China verzichteten und sich als einziger wirklicher Bündnispartner gegen die imperialistischen Mächte anboten. Und effektiv: 1921 schon wurde unter Mithilfe Moskaus in Schanghai die Kommunistische Partei Chinas gegründet. An der Radikalisierung in China waren die Westmächte auf Grund ihrer Arroganz nicht unbeteiligt. So hielt Nehru fest: «Das Gespenst des Kommunismus» sei durch die Diskreditierung von seiten Präsident Wilsons über Asien gebracht worden. Und wie Ho Chi Minh kam auch Mao zur Überzeugung, dass China nur souverän werden könne durch den Kommunismus. In Berlin, dem Sitz der Kommunistischen Internationale (Komintern), sammelten sich Tausende von Gegnern des Kolonialismus aus aller Welt. Schon 1920 hatte die Komintern geholfen, die KP Indonesiens zu gründen, die wiederum 1921 Vertreter nach Schanghai schickte. Nebst Berlin war Moskau der Fluchtpunkt der Revolutionäre aus ganz Asien, so auch Ho Chi Minhs.

Paris 1919: Die Westmächte halten an Rassenvorurteilen fest – Asien ist empört

ts. Ist «ein Mensch aus Zentralafrika gleich erschaffen mit einem Europäer»? (zit. nach Mishra, S. 246) Nein, er glaube nicht. Wer äusserte diesen heute in der Schweiz wohl dem Antirassismusparagraphen unterstellten Satz? Und wann, wo und in welchem Kontext?
Man schrieb das Jahr 1919. Schauplatz Paris. Der Erste Weltkrieg war zu Ende, die Siegermächte rangen um eine Neuordnung der Welt. Es sollte eine Organisation aus der Taufe gehoben werden, welche die Völker künftig an den Verhandlungs­tisch bringen sollte, statt dass Konflikte wieder mit Waffen ausgetragen würden. Dieser Völkerbund brauchte klare Satzungen. Da stellte ein nicht­europäisches Land den Antrag, die Gleichberechtigung aller Nationen, mithin also die Gleichheit aller «Rassen», wie es damals hiess, in die Satzung des Völkerbundes aufzunehmen. Das Land war Japan. Ihr Delegierter Makino stützte sich bei dem Begehren auf den US-amerikanischen Grundsatz, wonach «alle Menschen gleich erschaffen» sind. Die eingangs zitierte offen rassistische Antwort, dem sei nicht so, stammt von einem Mann, der auf Grund einer anderen Aussage seinen Platz in den Geschichtsbüchern erobert hat: Es war Lord Balfour, nota bene jener Lord Balfour, der 1917 in seiner berühmten Balfour-Declaration dem jüdischen Volk «a homestead», eine Heimstätte, in Aussicht gestellt hatte, als Zuflucht für durch Rassenhass verfolgte und gedemütigte Menschen jüdischen Glaubens.
Dieses üble Beispiel westlicher Arroganz und doppelter Standards, die asiatischen Menschen als «minderrassig» zu bezeichnen und sie auch so zu behandeln, was von jenen auch nicht so schnell vergessen werden dürfte, führt Pankaj Mishra als eines unter vielen in seinem Buch auf. Doch es war nicht nur Lord Balfour, der diese Gesinnung zur Schau trug, auch der damalige US-Präsident Wilson, der in Asien als Hoffnungsträger galt, reihte sich mit Äusserungen und Handlungen in die Reihe weisser Vorurteilsträger beziehungsweise offenen Rassisten ein. Mishra: «Am Ende stellte Makino die Frage der Rassengleichheit zur Abstimmung – und gewann. Aber in einem Akt, den japanische Nationalisten für Jahrzehnte nicht vergessen sollten, bestimmte Präsident Wilson, dass die Mehrheitsentscheidung keine Geltung besässe, weil einige bedeutsame Opponenten dagegen gestimmt hätten.» (Mishra, S. 246) Während die Siegermächte sich mit rassistischem Gespött über die nichteuropäischen Konferenzteilnehmer ausliessen, zeigte die Behandlung des Antrags von Japan eine Politik der doppelten Standards der Westmächte. Ein Ablauf, der den heutigen Leser zwar zu Recht empören mag, der einen aber durchaus auch an die heutige Uno mit ihrem Sicherheitsrat und den fünf ständigen Mitgliedern mit ihrem Veto-Recht denken lässt, welches weltweit kritisiert wird – sehr prominent von Kishore Mahbubani, der ja 2011 selbst diesem Gremium beisass als Vertreter Singapurs, aber auch von Neutralen wie der Schweiz, die hier Reformen anmahnen.

Konfuzianische Grundwerte und chinesische Erfolgsgeschichte

ts. Die konfuzianischen Grundwerte «ren», «yi», «xiao» und «zhong», in etwa «Mitmenschlichkeit», «Tugendhaftigkeit», «kindliche Pietät» und «Treue», waren in China Richtschnur des richtigen Handelns, auch in der Politik. Das System der Meritokratie, der Beförderung der «Besten und Wägsten» ohne Rücksicht auf ihre Herkunft, nur gestützt auf ihre Leistung, war mit Bestandteil der chinesischen Erfolgsgeschichte, die sich laut Kishore Mahbubani auch im heutigen China der Herrschaft der KP erfolgreich auswirkt. Eine Beobachtung, die auch vom ehemaligen deutschen Botschafter in China Konrad Seitz in seinem hervorragenden Buch «China. Eine Weltmacht kehrt zurück» aus profunder westlicher Sicht bestätigt wird. Weiter gehen die «Chinese-American» Amy Chua und ihr Gatte, der «Jewish-American» Jed Rubenfeld, die in ihrem nicht unumstrittenen Buch «Alle Menschen sind gleich. Erfolgreiche nicht. Die verblüffenden kulturellen Ursachen von Erfolg» das Gefühl der Chinesen, allen anderen überlegen zu sein, aufgreifen – dort allerdings in Kombination mit der in den USA als ethnische Minderheit erfahrenen Unsicherheit und der daraus resultierenden starken Impulskontrolle und dem Ehrgeiz: «Denen zeigen wir es!» Daraus konstruieren Chua und Rubenfeld ihre Theorie des «Dreierpack», welches heute dazu beitrage, dass die chinesischen Amerikaner mit weiteren Minoritäten wie den Jewish Americans und anderen zu den erfolgreichsten Gruppen in den USA gehörten, was Erfolg und Reichtum betreffe. Eine Theorie, die kritisch hinterfragt werden muss: Sicher bleibt die Tatsache unbestritten, dass das chinesische Selbstbild als überlegenes Volk geschichtswirksam war, sowohl was den Absturz im 19. Jahrhundert als auch dessen Wiederaufstieg heute betrifft. Dennoch ist gerade aus Schweizer Sicht das Konzept Amy Chuas und Jed Rubenfelds mit einigen Fragezeichen zu versehen. Ihr Konzept des «Dreierpack» gesteht zwar ein, dass es nur Erfolg und Reichtum messe, dennoch scheint es das personale Menschen- und Geschichtsbild zu vernachlässigen, wenn nicht gar zu negieren, ebenso das Genossenschaftsprinzip, welches die Würde des Menschen in den Mittelpunkt stellt und die drei «Selbst», die Selbstverantwortung, die Selbsthilfe und die Selbstverwaltung als Grundlage auch für staatliches Zusammenleben in Gleichwertigkeit und demokratischer Gesinnung versteht, insbesondere in der direktdemokratischen Ausgestaltung.

«Menzius sagt, das Volk muss in Ehren gehalten und die Angelegenheiten des Volkes dürfen nicht vernachlässigt werden. Die Regierungen der heutigen westlichen Staaten kommen diesem Grundsatz sehr nahe, aber China ist leider von den Lehren des Menzius abgeschnitten». (zit. nach Mishra, S. 177)

Fackel der europäischen Zivilisation entfacht Brände …

Ganz anders entwickelte sich Liang weiter. Nach 1919 bereiste er Europa und wandte sich voller Abscheu vom Sozialdarwinismus ab, denn dieser habe zur Anbetung des Geldes und der Macht, zum Aufstieg von Militarismus und Imperialismus geführt, und wie der indische Literaturnobelpreisträger von 1913, Rabindranath Tagore, war er der Meinung, dass «die Fackel der europäischen Zivilisation vielleicht gar kein Licht bringen, sondern Brände entfachen sollte.» (Tagore, zit. nach Mishra, S. 258) Einer der Hauptgründe für den Ersten Weltkrieg sei der Sozialdarwinismus gewesen, so Liang. Weil die Europäer dies erkannt hätten, seien sie nun auf der Suche nach einer neuen Ethik, und dies erkläre die Begeisterung zum Beispiel für Lao Tse. Er selber fand zurück zu Menzius und Konfuzius mit ihrer Betonung einer sittlichen Ordnung. In diesen alten Lehren liege Weisheit; das konfuzianische Ideal des «ren», das Harmonie und Kompromiss lehre, sei dem westlichen Konkurrenzdenken weit überlegen: «Das materielle Leben ist nur ein Mittel zu Erhaltung des geistigen Lebens; man sollte es nie an die Stelle dessen setzen, dem es eigentlich dient.» (zit. nach Mishra, S. 261) Die Europäer sähen das Leben lediglich als materiellen Prozess. Die östliche Gelehrsamkeit gehe vom Geist aus, die westliche dagegen von der Materie. Politisch hiess dies, dass die liberale Demokratie des Westens in Asien an Renommée verlor. So der alte Mentor Liangs, Yan Fu: «Mit zunehmendem Alter […] gelangte ich zu der Auffassung, dass der westliche Fortschritt in den letzten 300 Jahren nur zu Egoismus, Gemetzel, Verderbnis und Schamlosigkeit geführt hat.» (zit. nach Mishra, S. 262)

«Westliche Zivilisation nichts anderes als die Herrschaft der Macht» – Und das Schweizer Modell?

Auch ein Sun Yat-sen sprach sich nun gegen den Materialismus und den Wirtschaftsimperialismus des Westens aus und griff auf die «traditionellen Tugenden» zurück: «Loyalität und kindliche Frömmigkeit, dann Menschlichkeit und Liebe, Treue und Pflicht, Harmonie und Frieden». (zit. nach Mishra, S. 263) Und weiter: Die westliche «Zivilisation, auf die Gesellschaft angewendet, bedeutet Kult der Gewalt, mit Flugzeugen, Bomben und Kanonen als deren herausragenden Merkmalen. […] Deshalb ist die westliche Zivilisation nichts anderes als die Herrschaft der Macht.» (zit. nach Mishra, S. 263)
Aussagen, denen man gerade als Schweizer Bürger zwar zustimmen kann, aber mit einer gewissen Differenzierung: Die Kritik der zitierten Denker aus Asien beziehen sich auf die zentralistischen Machtgebilde des Westens, wo der einzelne Bürger einer Dauer­propaganda der Eliten ausgesetzt und die soziale Frage nicht gelöst war und nur deshalb deren aggressive Aussenpolitik Unterstützung fand. Hätte man die Bürger nicht manipuliert, so hätte die überwältigende Mehrheit sich für ein friedliches Zusammenleben ausgesprochen – denn schliesslich waren es die eigenen Söhne, Brüder, Ehegatten, die auf dem «Feld der Ehre» zu verbluten hatten, für die Arroganz und Gier der Macht- und Geldeliten. Was die Schweiz betrifft, sah man sich als Bewohner eines Kleinstaates, der föderalistisch, auf genossenschaftlichem Fundament von unten nach oben aufgebaut war und um Einhaltung der Staatsmaxime der immerwährenden bewaffneten Neutralität rang, ähnlichen Pressionen wie die Länder Asiens ausgesetzt: So befand man sich in allen europäischen Kriegen der letzten zweihundert Jahre immer mitten im Kriegsgetümmel und hatte wohl oder übel Konzessionen zu machen, da man ansonsten wirtschaftlich stranguliert worden wäre, wie Daniele Ganser in seinem Buch «Europa im Erdölrausch» nachweist.

Schweiz kann Brückenfunktion zwischen Asien und dem Westen erfüllen

Es war immer der Versuch der Willensnation Schweiz, darauf hinzuwirken, Konflikte friedlich beizulegen, Mass zu halten und dies auch den Nachbarn nahezulegen. Denn jeder Krieg legte nur den Keim für den nächsten, die Revanche. Dieses Prinzip des Faustrechts, der Blutrache, hatte die Eidgenossenschaft schon früh überwunden. Warum sollte dies nicht auch international möglich sein? Mit der Gründung des IKRK und der Guten Dienste der Schweizer Diplomatie versuchte man diesem Prinzip des friedlichen Zusammenlebens weltweit Nachachtung zu verschaffen.
Insofern könnte die Schweiz auch hier eine Brückenfunktion zwischen Asien und dem Westen erfüllen, wenn es darum geht, immaterielle Werte über die Gier nach Geld und Macht zu stellen. Es wäre für Pankaj Mishra sicher gewinnbringend, unter diesem Aspekt das Schweizer Modell, zum Beispiel auf der Grundlage der Habilitationsschrift von Dr. René Roca, näher zu studieren und in die Ost-West-Auseinandersetzung mit einzubeziehen.
Wie vielfältig die Berührungspunkte zwischen dem Schweizer Modell und östlicher Weltanschauung sein könnten, wird in den weiteren Ausführungen Mishras augenfällig, wenn er Sun Yat-sens Grundmerkmale der östlichen Zivilisation zitiert: «Wohlwollen, Gerechtigkeit und Sittlichkeit.» (zit. nach Mishra, S. 263) Und weiter: «Diese Zivilisation sorgt dafür, dass die Menschen sie achten, nicht fürchten. Solch eine Zivilisation ist – in der Sprache der Alten – die Herrschaft des Rechten oder der Königsweg. Man kann daher sagen, die orientalische Zivilisation ist eine Zivilisation der Herrschaft des Rechten. Seit der Entstehung der materialistischen europäischen Zivilisation und des Kults der Macht befindet sich die Moral der Welt im Niedergang. Selbst in Asien ist die Moral in manchen Ländern entartet.» (zit. nach Mishra, S. 263) Mag hier auch ein Bürger eines westlichen Zentralstaates den einen oder anderen Einwand haben, so zeigt das Zitat doch überdeutlich, wie stark der Verdruss am Westen, wie abgrundtief die Enttäuschung ob der Ideologie der doppelten Standards des Westens in Asien war – und ist, so Kishore Mahbubani. Mit dieser Arroganz, Heuchelei und Gier wollte man nichts mehr zu tun haben – was also anderes, als sich auf die alten Meister zu berufen und eine Modernisierung eigener Färbung suchen?
Einer, der hier eine zentrale Rolle spielte, war Rabrindranath Tagore, der von Liang Qichao und anderen 1924 zu einer Vortragsreise durch China eingeladen wurde. Sein Wirken wird in einem vierten und letzten Teil dieser Artikelserie darzustellen sein.     •

Literatur:
Pankaj Mishra. Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens. Frankfurt a. M. 2013. ISBN 978-3-10-048838-1
Kishore Mahbubani: Die Rückkehr Asiens – das Ende der westlichen Dominanz. Berlin 2008.
ISBN 978-354907351-3. Insbesondere Kapitel 3: Warum Asien jetzt aufsteigt, S. 62–113
Kishore Mahbubani. Can Asians think? Singapur 1998. ISBN 978-981-261968-6
Konrad Seitz. China. Eine Weltmacht kehrt zurück. München 2000. ISBN 978-3-442-15376-3
Insbesondere Teil 1: Die vollendete Zivilisation – China bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, S. 13–82
Amy Chua, Jed Rubenfeld. Alle Menschen sind gleich. Erfolgreiche nicht. Die verblüffenden kulturellen Ursachen von Erfolg. Frankfurt/New York 2014. ISBN 978-3-593-50117-8. S.279, Fussnote 27
Daniele Ganser: Europa im Erdölrausch. Die Folgen einer gefährlichen Abhängigkeit. Zürich 2012.
ISBN 978-3-280-05474-1
René Roca. Wenn die Volkssouveränität wirklich eine Wahrheit werden soll … Die schweizerische direkte Demokratie in Theorie und Praxis – Das Beispiel
des Kantons Luzern. Schriften zur Demokratie­forschung, Band 6. Herausgegeben durch das Zentrum für Demokratie Aarau. Zürich 2012.
ISBN 978-3-7255-6694-5

Liang Qichao selber fand zurück zu Menzius und Konfuzius mit ihrer Betonung einer sittlichen Ordnung. In diesen alten Lehren liege Weisheit; das konfuzianische Ideal des «ren», das Harmonie und Kompromiss lehre, sei dem westlichen Konkurrenzdenken weit überlegen: «Das materielle Leben ist nur ein Mittel zu Erhaltung des geistigen Lebens; man sollte es nie an die Stelle dessen setzen, dem es eigentlich dient.» (zit. nach Mishra, S. 261)

«Mit zunehmendem Alter […] gelangte ich zu der Auffassung, dass der westliche Fortschritt in den letzten 300 Jahren nur zu Egoismus, Gemetzel, Verderbnis und Schamlosigkeit geführt hat.» (zit. nach Mishra, S. 262)