«Die Leuenhofer» – Ein herzerwärmendes Jugendbuch der Zürcher Autorin Ida Bindschedler

von Dr. iur. Marianne Wüthrich

Der «Leuenhof» in Ida Bindschedlers Jugendroman ist ein ehemaliges Kloster ausserhalb des Städtchens Heimstetten. Dort ist die Schulstube von Herrn Schwarzbeck, der seinen 37 Fünft- und Sechstklässlern das Rüstzeug mitgibt, das sie für ihr weiteres Leben brauchen: eine solide Grundlage schulischer Kenntnisse und Fertigkeiten, eine zutiefst menschliche Gemütsbildung und eine ethisch-moralische Anleitung für die Aufgaben, die das Leben bereits im Jugendalter stellt. Das gemeinsame Anpacken dieser Aufgaben in einer stabilen Vertrauensbeziehung zu ihrem Lehrer ermöglicht den Kindern ein Hineinwachsen in die Gemeinschaft ihrer Klasse und ihres Dorfes als Mitmenschen und spätere verantwortungsvolle Bürger.
Ein Schuljahr der Leuenhofer ist der Inhalt dieses feinfühligen und berührenden Jugendromans, ein Jahr im Wechsel der Jahreszeiten, mit seinen Freuden in Schule und Freizeit, aber auch mit vielen Prüfsteinen, die das Leben setzt und welche die Jugendlichen mit Hilfe ihres Lehrers und ihrer Eltern bewältigen. Wer «Die Turnachkinder» kennt, erinnert sich daran, dass auch der Humor bei Ida Bindschedler nicht zu kurz kommt.
Ein herrliches Buch, nicht nur als Klassenlektüre oder zum Vorlesen für Jugendliche, sondern auch eine pädagogische Kostbarkeit zum Auftanken für Eltern und Erzieher.
Übrigens: Die 68er und ihre Nachfolger, die gegen «Prügelpädagogik» und «Anhäufung von Wissen durch den Trichter» angetreten sind und auf dieser fragwürdigen Grundlage unserer Jugend ihre unsäglichen Schulreformen beschert haben, werden von diesem Büchlein Lügen gestraft – es ist nämlich beinahe 100 Jahre alt. Selbstverständlich ist damit nicht gemeint, dass unsere Schulen wieder in diese Zeit zurückversetzt werden sollten, denn vieles hat sich auch positiv entwickelt.

Unterricht und Lebensbewältigung

Die Konfrontation mit ernsten Problemen gehörte für die Kinder um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert viel selbstverständlicher zu ihrem Leben als für die Mehrzahl heutiger Jugendlicher, die in einer unrealistischen Vorstellung von der Welt aufwachsen und dann später oft vom rauhen Wind der Realität unvorbereitet erwischt werden. So beschreibt das Kapitel «Das Hochwasser» die Gefahren, die der tagelange Regen für das Dorf bringt: Die Bewohner befürchten, dass die Illig den Damm durchbrechen könnte, so dass ganze Quartiere überschwemmt und die Brücke eingerissen würden. Lehrer Schwarzbeck geht ganz natürlich auf das ein, was das ganze Dorf beschäftigt, und verbindet es mit seinem Unterricht:
«In der Schule erzählten die Kinder, die vom unteren Städtchen kamen, in der Riedau fingen die Leute an auszuziehen; im Keller vom Schuhmacher Burnlich stehe schon das Wasser.
Weil Herr Schwarzbeck merkte, dass die Gedanken seiner Buben und Mädchen alle nur bei dem steigenden Wasser waren, so fasste er sie an diesem Zipfel. Er sprach mit ihnen von den starken Sommerregen und von der Illig und wo sie herkam und wo sie hinging und was sie früher schon für Schaden angerichtet. Und die Kinder durften auch sagen, was sie wussten, und dann gab es einen Aufsatz über das Gesprochene.» (Seite 24)

Am Nachmittag merkt der Lehrer, dass seine Schüler den Ernst der Lage noch nicht ganz zu erfassen vermögen. Sie freuen sich daran, dass ein Mitschüler im überschwemmten Keller der Grossmutter in der Waschgelte herumrudern konnte.
«Dann aber brachte Herr Schwarzbeck die Kinder doch dazu, den Ernst und den Schrecken einer wirklichen Überschwemmung zu begreifen. Er erzählte ihnen von der tapferen Johanna Sebus, die ihre Mutter aus dem Wasser errettete und dann noch einmal durch das brausende, furchtbare Wasser watete, um auch die Nachbarin mit ihren drei kleinen Kindern zu holen. Und dann schlug Herr Schwarzbeck sein Buch auf und las das Gedicht, in dem Goethe diese Heldentat geschildert hat. […] Wie das schaurig klang:
‹Der Damm zerreisst, das Feld erbraust,
Die Fluten wühlen, die Fläche saust.›
Und dann, wie Johannas Mutter voll Angst frägt: ‹Verwegen ins Tiefe willst Du hinein?›
Und Johanna entschlossen antwortet: ‹Sie sollen und müssen gerettet sein!›
Wie furchtbar aber ging die Ballade von Goethe weiter.
[Johanna Sebus konnte die Familie nicht mehr retten und ertrank mit ihr zusammen.]
Wie traurig war das und zugleich wie prachtvoll; so mutig, so heldenhaft möchte man auch einmal sein!»
Ein eindrückliches Beispiel, wie ein Lehrer seine Klasse in ihrem Mitgefühl und ihrer Anteilnahme unterstützt – zu wecken braucht er ihre Anteilnahme nicht, da ist schon viel vorhanden! – und damit zur Festigung ihrer Gemütsbildung beiträgt.
In der anschliessenden Zeichenstunde fragen die Schüler eifrig, ob sie nicht Johanna Sebus und das Haus der ertrunkenen Familie zeichnen könnten. Aber auch da leitet der Lehrer an – nicht zu grossen Entwürfen, sondern zur Auseinandersetzung mit der Realität des eigenen Alltags: «‹Wär’s nicht doch schade für das schöne Gedicht und die grosse Sache, wenn ihr mit eurer kleinen Kunst daran ginget?› erwiderte Herr Schwarzbeck. ‹Versucht die Brücke von Ferlikon zu zeichnen. Die Brücke von Ferlikon kennt ihr doch alle? – Nun stellt ihr ein paar Wagen darauf.› – ‹Ja, und unten das Wasser›, riefen die Buben und Mädchen. ‹Oder wie das Wasser schon über die Brücke läuft! Mit dem blauen Farbstift das Wasser. Nein, natürlich mit einem graubraunen!› Mit Eifer ging es an die Darstellung der beschwerten Ferlikonerbrücke. […] Herr Schwarzbeck ging durch die Bänke und half hier und dort. Aber die meisten Blätter fand er gut. Fast hätte es den Kindern leid getan, als es vier Uhr schlug.»
(Seite 25–26)

Mitverantwortung der Schüler für ihr gemeinsames Lernen

Heute wäre das in vielen Primarschulklassen kaum vorstellbar: Lehrer Schwarzbeck muss wegen einer schulischen Angelegenheit weg und kommt erst um zehn Uhr wieder. Er ermahnt die beiden Klassen, sich ruhig zu verhalten und in ihren Rechenaufgaben weiterzufahren. In jeder Klasse ist einer der Schüler «Wochenaufseher» und hält Ordnung. In der sechsten Klasse wird ruhig gerechnet. Als einige Fünftklässlerinnen längere Zeit die Ruhe stören, springt der ältere Wochenaufseher dem jüngeren bei und ist ihm behilflich, damit alle ruhig arbeiten können.
Neue Unruhe entsteht, als ein junger Mann zu Besuch kommt, der auf Herrn Schwarzbecks Rückkehr warten will. Die Kinder halten ihn für einen Vertretungslehrer, und die reiferen Sechstklässler bemühen sich, ihn mit dem Ablauf ihrer Rechenstunden bekannt zu machen. In der fünften Klasse, die ohne Anleitung gelassen wird, entsteht wieder einige Unruhe. Der Besucher greift nicht ein, so dass einige der Grossen ihm beispringen, denn sie fühlen sich weiter verantwortlich für das Geschehen in der Klasse. Obwohl der vermeintliche Lehrer die Führung nicht übernimmt, sondern die Sache eher leicht und lustig nimmt, bleiben die Kinder höflich und anständig:
«‹Man muss ihnen eine Aufgabe geben›, sagte Ernst Hutter, als der fremde Lehrer an ihm vorbeikam. Er hatte sich überlegt, ob er so dreinreden dürfe. Aber wenn die fünfte Klasse nichts zu tun hatte, so ging ja der Lärm wieder an. ‹Bei Herrn Schwarzbeck müssen sie manchmal Schönschreiben, wenn wir rechnen.› ‹Schönschreiben? Gut, also schreibt schön!› sagte der fremde Lehrer leichthin zu der fünften Klasse.
Martin Imbach holte die Hefte aus dem Schranke, und die Kinder machten sie rasch auf und nahmen ihre Federhalter. Eigentlich waren sie ja gewöhnt zu arbeiten und sahen ein, dass man eine schöne lange Vormittags­stunde nicht mit Dummheiten zubringen durfte.» (Seite 60)

Bei Herrn Schwarzbecks Rückkehr stellt sich heraus, dass der Besucher gar kein Lehrer, sondern ein ehemaliger Schüler ist, der damals ein rechter Schlingel war und nicht viel fürs Rechnen und Schreiben übrig hatte, dafür aber bei Herrn Schwarzbeck die Liebe zur Musik erfahren hat und vorbeigekommen ist, weil er in der benachbarten Stadt in einem Konzert als Violinsolist gespielt hat.
«‹Haben Sie noch ihre alte Violine, Herr Schwarzbeck? Erinnern Sie sich, wie ich glücklich war, als Sie mir die ersten Griffe drauf zeigten› – Herr Schwarzbeck nahm seine Violine aus dem Schrank: ‹Jawohl weiss ich’s noch.› Dann kam ihm ein Gedanke: ‹Wenn Sie uns etwa vorspielten, Hans – › […] Herr Mössmer nahm die Violine und stimmte die Saiten. Dann begann er zu spielen. […]
Wie war es nur möglich, dass man so spielen konnte! Mit ein paar breiten Strichen über die Saiten, die wie lauter Jubel schallten, schloss der junge Herr. Die Kinder atmeten auf und sahen benommen und ehrfurchtsvoll nach ihm hin. Er kam ihnen nun vollständig verändert vor, und sie begriffen nicht, wie sie so keck hatten sein können vorher.
Herr Schwarzbeck aber, der in der Fenster­ecke zugehört hatte, fasste den jungen Mann an beiden Händen: ‹Das war schön!› sagte er, und seine Stimme klang bewegt, ‹wunderschön! Was für Töne haben Sie aus meiner armen Geige herausgeholt!›
‹Kinder›, wandte er sich an seine Schüler, ‹ihr versteht das noch nicht so recht; aber ihr habt einen Künstler gehört. […] Später, wenn man seinen Namen nennt, könnt ihr stolz darauf sein, dass er euch da, in unserer alten Schulstube, vorgespielt hat.›
‹Und vor allem, dass er euch im Dreisatz unterrichtete und im Schönschreiben –›, fügte der junge Musiker hinzu und blinzelte wieder sehr lustig zu den Kindern hinüber.
‹Ja, alles kann man nicht mit dem gleichen Geschick betreiben›, erwiderte Herr Schwarzbeck lachend. ‹Wer so meisterhaft den Bogen führt, dem verzeiht man einen verkehrt angesetzten Dreisatz und ein etwas mangelhaftes grosses T – aber nur dem, versteht ihr›, wandte er sich an seine Buben und Mädchen. ‹Euch ist so etwas vorläufig nicht erlaubt.›» (Seite 63–64)

Freude an den kleinen Dingen und Zufriedenheit

Bei der Lektüre der «Leuenhofer» wird der Leser daran erinnert, dass die Kinder in früheren Zeiten viel bescheidener und genügsamer aufwuchsen als heute und trotzdem – oder gerade deswegen! – viel zufriedener waren und echtes Vergnügen an den kleinen Freuden des Lebens zu empfinden vermochten.
Bei den Leuenhofern gibt es keine Langeweile: Sie ziehen mit grossem Interesse Seidenraupen auf, sorgen für deren Futter und erleben unter Herrn Schwarzbecks Anleitung und mit seinen Informationen, wie die Raupen sich verpuppen und schliesslich zu Schmetterlingen werden. (Seite 66–67) Sie geniessen ihren Schulausflug von Anfang an ausgiebig – da kommt keines zu spät, sondern alle stehen viel zu früh auf dem Bahnhof. Sie freuen sich an der Natur auf ihrer Wanderung, zum Beispiel als sie an einem Wasserfall vorbeikommen: «Es war prachtvoll, dem weissen Gischt in seinem Sturze zuzusehen, bis er unten zerfloss. Dann kam ein neuer und wieder einer, unaufhörlich; wie wilde weisse Schleier, die dichter wurden und sich wieder lösten. Zu denken, dass das den ganzen Tag so fortstürzte und die Nacht und all die Jahre her, ohne Ende! – Dann aber versuchte man über die Steinblöcke des Bachbettes dem schönen Naturwunder so nah als möglich zu kommen und den Sprühregen, der in allen Regenbogenfarben funkelte, einzuatmen und – hui! wie das lustig war, sich von dem Gischt bespritzen zu lassen, immer noch einmal und noch einmal, bis man troff.» (Seite 82–83)
Die Kinder freuen sich an den Pflanzen und Tieren im Wald, sie jubeln über die weite Sicht vom Aussichtsturm. In der Burgruine spielen sie Ritter und Edelfrauen, dann geraten sie in Entzücken über die Speck- und Zwetschgenkuchen, die ihnen im Wirtshaus zum Zvieri aufgetischt werden (Seite 82–85).Ein besonderes Fest ist es für die Leuenhofer, als sie im Herbst von ihren Mitschülern Eva und Martin zur Birnenlese eingeladen werden. Dort helfen sie, die Mostbirnen aufzulesen und zu den Wagen zu tragen und dürfen dann ihre Rucksäcke und Körbchen mit Speisebirnen füllen. (Seite 106–107)
Selbstverständlich leben wir heute in einer anderen Zeit und können das Rad nicht zurückdrehen. Aber ein wenig Rückbesinnung auf eine Zeit, in der Markenkleider und Videogames kein Thema waren, sondern in der ein Korb voller Züri-Tirggel (Honigkuchen mit eingestanzten Bildern) ein Hurrageschrei hervorrief, schadet ab und zu nichts.
Und der Lehrer lebt mit der Freude der Kinder mit, zum Beispiel wenn es zum ersten Mal im Jahr schneit: «Und dann kam schon mitten im Dezember, so wie sich’s für einen rechten Heimstetter Winter gehörte, der erste Schnee. Herr Schwarzbeck war gerade daran, von Berchtold von Zähringen zu erzählen, dem Städtegründer, während die sechste Klasse Noten schrieb. Da ging eine Bewegung durch die Reihen. ‹Es schneit! es schneit!› hörte man flüstern. […] Alles drehte den Kopf nach dem Fenster. Wahrhaftig, es schneite. Langsam schwebten die weissen, leichten Flocken hernieder. Die Leuenhofer drückten die geballten Hände an die Brust; das hiess: Wie fein! Wie fein! Und sie schauten Herrn Schwarzbeck an, ob man wohl hinausgucken, und wenn man weit vom Fenster sass, gar ein wenig sich aufrecken dürfe. Herr Schwarzbeck schüttelte zuerst den Kopf: ‹Gewiss schneit es in der Pause auch noch!› Aber dann lächelte er und erinnerte sich daran, wie er als Bub halt auch vor Vergnügen ganz ausser sich gekommen war, wenn’s zum ersten Mal geschneit hatte. ‹Nun, so schaut halt drei Minuten zu›, sagte er und schaute mit hinaus den Flocken zu, die jetzt dichter und dichter fielen und liess seine kleinen Leute ihre Ah! und Oh! herausjubeln. Dann aber nahmen sie ihren Herzog Berchtold und den Umriss von Europa tapfer wieder auf.» (Seite 161)

Werteerziehung

Besonders eindrücklich sind die vielen Begebenheiten im Leben der Kinder, die Ida Bindschedler zum Anlass nimmt aufzuzeigen, wie ein Lehrer seinen Schülern Anleitung und Unterstützung für menschenwürdige und mitmenschliche Lösungen geben kann. Ob es um Situationen mit Mitschülern oder mit anderen Menschen geht – die Kinder wenden sich an Herrn Schwarzbeck um Rat, oder er nimmt von sich aus Stellung. Auf Grund der engen Vertrauensbeziehung zwischen Lehrer und Schülern gelingt es ihm, die vielen positiven Ansätze in den Persönlichkeiten der Jugendlichen anzusprechen und zu stärken. Die Kinder greifen seine Hinweise auf und gestalten in herrlichen Gesprächen in der Pause oder nach dem Unterricht gemeinsam die Bewältigung ihrer mitmenschlichen Lebensaufgaben. Den Ton geben bei den Leuenhofern meist diejenigen Schüler an, die am reifsten und charakterlich bereits erstaunlich gefestigt sind. Nach einiger Diskussion schliessen sich die anderen Kinder an. So entwickelt sich eine Wertegemeinschaft, die in den Gemütern jedes einzelnen Kindes prägende Spuren für sein Leben hinterlassen wird.
Im Kapitel «Das neue Kind» leitet Herr Schwarzbeck seine Schüler an, wie sie ein elternloses und nirgends beheimatetes Zirkuskind in ihre Gemeinschaft aufnehmen und einführen können. Gleich bei der Begrüssung macht der Lehrer es vor: Als Nuschka abwehrend auf seine ausgestreckte Hand reagiert, meint er freundlich: «‹Ja, ja, zurechtfinden und angewöhnen muss das Kind sich […]. Es hat schon viel Trauriges erlebt. Aber wir wollen schon sehen, dass wir gut Freund zusammen werden.›» (Seite 148) Dann plaziert er sie neben seine «vernünftigste Fünftklässlerin». In der Pause ruft der Lehrer einige der Sechstklässlerinnen zu sich und sagt ihnen, sie sollen sich Nuschka annehmen und freundlich mit ihr sein. Aber Nuschka stellt die Geduld ihrer neuen Mitschülerinnen recht auf die Probe: Sie schaut sie böse an und schneidet Grimassen, als sie versuchen, mit ihr in ein freundschaftliches Gespräch zu kommen. Auf eine Einladung zum Mitspielen in der Pause sagt sie: «Nein, ist ein dummes Spiel». Auf die Klagen seiner Schülerinnen, wie schwierig es sei, nett zu sein mit Nuschka, geht der Lehrer nicht ein: «Nur nicht gleich nachlassen; nur den guten Willen und die Geduld nicht verlieren», mahnt er. (Seite 152)
Im Rechnen und in der Sprache ist Nuschka weit hinter den anderen Fünftklässlern zurück, weil sie nie kontinuierlich an einem Ort zur Schule gegangen ist. Die Kinder entsetzen sich über ihre fehlerhafte Rechtschreibung und über ihren Stand im Rechnen: «Mit elf Jahren das Einmaleins noch nicht können!» (Kleine Randbemerkung: Was die Elfjährigen vor 100 Jahren lernen konnten – und zwar offenbar alle! – wäre auch für jedes einzelne Kind heute möglich, wenn es einen richtig aufgebauten Unterricht erhielte.)
In der Pause machen sich ein paar Buben lustig über Nuschkas mangelhafte Schulkenntnisse, diese kratzt und beisst die Spötter. Der Lehrer schreitet ein und gibt den Kompass für beide Seiten: «Herr Schwarzbeck war recht böse, als er erfuhr, was vorgegangen war. Er zankte die Buben und Mädchen: ‹Fein ist das nicht, alle gegen eins zu stehen und sich lustig zu machen. Wenn Nuschka so viele Jahre wie ihr regelmässig in die Schule gegangen wäre, so würde sie wohl rechnen und schreiben können wie ihr!› Dann trat er aber auch zu Nuschka und sagte ihr, dass sie nie wieder kratzen und beissen dürfe. Ein elfjähriges Mädchen! Das sei nirgends in der Welt Sitte, weder in Wien, noch in Prag, Budapest oder Temesvàr!›» (Seite 154)
Aber er traut dem Kind auch zu, dass es unter richtiger Anleitung und mit gutem Willen den schulischen Anschluss finden wird, und nimmt dem Schulpräsidenten – dem Herrn Pfarrer – gegenüber entsprechend Stellung: «‹Ich bringe sie schon nach›, sagte Herr Schwarzbeck zum Herrn Pfarrer, während die beiden Herren beratend vor dem Pfarrhaus auf- und abgingen. ‹Ich brächte sie mit einigen Hilfsstunden leicht nach, wenn sie nur erst sich bei uns im Leuenhof eingewöhnt hat und Lust zum Lernen und zur Schule bekommt.›» (Seite 155) Aber Nuschka bleibt einige Wochen lang abwehrend und unwillig. Bis die Kinder sie eines Tages beim Seiltanzen und Jonglieren entdecken und den Lehrer dazu holen. Alle sind sehr beeindruckt vom hohen Niveau ihrer Kunststücke, sie klatschen und rufen «‹Bravo!›» Und der Lehrer bestärkt diesen neuen positiven Eindruck:
«‹Ja, ihr dürft eurer Kameradin wohl Beifall spenden›, sagte Herr Schwarzbeck. ‹Was für schwierige Dinge hat sie da ausgeführt! Und jetzt habe ich auch gar keine Angst mehr, dass Nuschka nicht bald eine ganz wackere Fünftklässlerin werde. Welche Ausdauer, welchen Eifer hat sie angewendet, um all das zu lernen. Hundertmal sind die Bälle und das Messer auf den Boden gefallen, und hundertmal hat sie von neuem anfangen müssen. Und die Schritte auf dem Seil! Was braucht das für einen Mut! Wie muss man sich da zusammennehmen! Die Zähne aufeinander beissen und denken, ich will und ich will! Da ist doch die schwerste Rechnungsaufgabe nur ein Kinderspiel dagegen. Und ich weiss doch Leute, die gleich immer sagen: Herr Schwarzbeck, ich komme gar nicht draus! Herr Schwarzbeck, ich weiss gar nicht, wie man das macht!›» (Seite 159) Nuschka schaut daraufhin ganz glücklich drein, und als der Lehrer ihr die Hand hinstreckt und sagt: «Nun probieren wir es zusammen, Nuschka. Willst du?», geht sie gerne darauf ein.
«Von diesem Tag an war Nuschka ein anderes Kind; nicht zwar, dass ihre Buchstaben nun stramm wie die Soldaten dastanden, und mit dem Einmaleins ging’s noch eine Weile gar nicht so sicher wie mit den bunten Bällen. Aber Nuschka hatte guten Willen.» (Seite 160)
Diese Einstellung des Lehrers und der Schulbehörden, dass es ihre Aufgabe ist – und dass es auch möglich ist – jedes Kind mitzunehmen, gehört einigen sogenannten heutigen «pädagogischen Experten» ins Stammbuch geschrieben: Unsere Jugend sich selbst und ihren «Kompetenzen» zu überlassen und dann einzuteilen in eine 20:80-Gesellschaft – das kann es doch wohl nicht sein!
Ein anderes Beispiel, wie der Erzieher seine Schüler an ihre Mitmenschen heranführen kann, ist ihre Begegnung mit den betagten Bewohnern des Spitals (heute wäre das etwa ein Altersheim). Herr Schwarzbeck erfährt, dass einige Kinder die alten Leute auslachen. Er weist sie zurecht und fordert sie auf, ihnen Blumen zu bringen und Freundschaft mit ihnen zu schliessen. Über jeden Schritt dazu freut sich der Lehrer und leitet die Mädchen weiter an. Und wirklich, zwischen den Kindern und den Spitalbewohnern entsteht nach ersten Anfangsschwierigkeiten allmählich eine Freundschaft. Bei ihren Besuchen im Spital helfen die Mädchen, die Maschen im Strickzeug aufzunehmen, sie lesen Geschichten vor und sagen Gedichte auf. Einige der Bewohner, denen das Schreiben Mühe macht, lassen sich von den Kindern beim Schreiben ihrer Briefe helfen. Die Buben zeigen erst dann Interesse, als sie erfahren, dass einer der Bewohner von seinen Erlebnissen mit Indianern und Büffeln zu erzählen weiss. Wie die Leuenhofer hören, dass die Spitalbewohner zum Katharinentag zwar ein gutes Abendessen bekommen werden, dass aber ein weiteres Festtagsprogramm fehlt, stellen sie ganz aus eigenem Antrieb ein Programm auf die Beine: Vom Reigentanz über Chorgesang bis zur Theateraufführung. Der Lehrer hat seine Freude am Wirken seiner Schüler: «Herr Schwarzbeck versprach zu kommen und den Ton und Takt anzugeben, ganz unauffällig. ‹Wollen Sie lieber, dass wir Ihnen sagen, wie wir alles machen, oder möchten Sie eine Überraschung?› ‹Natürlich eine Überraschung!› sagte Herr Schwarzbeck lustig. ‹Ich bin ganz ungeheuer gespannt auf eure Künste!›»
Aber auch der Schulvorstand, einige Eltern und andere Dorfbewohner finden sich ein, und – zum besonderen Stolz der Fünft- und Sechstklässler – eine Anzahl Sekundarschüler, die sich zuerst ein wenig von oben herab geben, aber am Schluss ihre Anerkennung äussern: «‹Das habt ihr fein gemacht. Man muss es sagen.›»
Nach der gelungenen Vorstellung, für die sie von allen Seiten begeisterte Anerkennung erhalten, schnuppern die Kinder den Gänsebraten und verabschieden sich: «Also: ‹Gut Nacht!› So verabschiedeten sie sich von den alten Leuten. ‹Gut Nacht! Und guten Appetit!› Sie hoben ihre kleinen Nasen: ‹Fein riecht’s!› Zu Hause gab es vielleicht nur eine gebrannte Mehlsuppe oder ein Griessmus. Aber es schmeckte auch gut. Heute besonders gut. War das fein gewesen! Alles so gut geraten; und der Ruhm! Und die Spitalleute, wie hatten die eine Freude gehabt!» (Seite 141)

Wie werde ich ein Bürger?

In der Adventszeit erzählt der Lehrer der Klasse die Weihnachtsgeschichte und sagte, «wie die Menschen an Weihnachten aufs neue wieder daran denken sollten, Gottes Willen zu erfüllen und Freude und Friede zu schaffen, wie und wo sie nur könnten, jeder wie und wo er könne.» (Seite 168)
Auf dem Heimweg greifen einige Mädchen diesen Gedanken auf und sprechen darüber, wie sie wohl ihrer Mitschülerin Anneli helfen könnten. Annelis Vater war im Frühling gestorben, und die Mutter musste in Münsterau eine Stelle als Köchin annehmen. Die drei Kinder leben nun bei der Grossmutter in Heimstetten; haben die Mutter seit da nie gesehen. (Obwohl Münsterau wohl nicht allzu weit entfernt lag, konnten damals die Menschen nicht so rasch übers Wochenende nach Hause fahren: Zum einen arbeiteten sie auch am Wochenende, zum anderen konnten sich die meisten die Fahrkosten nicht leisten.) Anneli hat grosses Heimweh nach ihrer Mutter. Eine Mitschülerin: «‹Immer, wenn ich mich so ganz schrecklich freuen will auf Weihnachten, so fällt mir das Anneli ein.›» (Seite 169)
Während sie beraten, was sie unternehmen könnten, ruft einer der Buben:
«‹Man müsste eine Massenpetition einreichen –›, […] ‹Eine – was?› Die Mädchen wandten sich zurück. ‹Eine Massenpetition›, wiederholte Walter Kienast. ‹Das ist, wenn man etwas durchdrücken will. Dann sammelt man viele Unterschriften und dann gibt die Regierung nach.›
‹Die Regierung –!› sagten die Mädchen und lachten. ‹Oder also Frau Breitenstein [die Arbeitgeberin von Annelis Mutter]. Probiert es halt!› ‹Ja, ja, wir probieren es!› riefen die Mädchen begeistert. ‹Wir schicken eine Massenpe – Wie heisst es, Walter –? Wie macht man es? Unterschriften – das ist, wenn man seinen Namen hinschreibt. Auf was, Walter?› riefen sie durcheinander. ‹Es muss ein Brief sein, in dem alles steht vom Anneli Hertig und warum es nötig sei, dass seine Mutter heimkomme. Der Brief muss ein wenig lang sein, damit Frau Breitenstein merkt, dass es euch ernst ist –›» (Seite 169/170)

Damit die Petition möglichst viele Unterschriften trägt, fordern die Mädchen die Buben auf, sich daran zu beteiligen. Diese willigen ein.
Für die Organisation der Petition wählen die Kinder einen Ausschuss mit je zwei Buben und Mädchen pro Klasse, der noch am selben Abend seine erste Sitzung abhält und beschliesst, am nächsten Abend den Brief gemeinsam zu verfassen. Einer der guten Schüler wird zum Schreiber ernannt, die Schülerin mit der schönsten Schrift soll die Reinschrift schreiben. Die Angelegenheit ist streng geheim. «Nur Herrn Schwarzbeck wurde es erzählt. ‹So, so›, lächelte er und sagte weiter nicht viel. Er liess seine Buben und Mädchen gerne machen, wenn er sah, dass sie sich selbst zu helfen wussten. Am Abend allerdings wären sie froh gewesen, ihren Herrn Schwarzbeck da zu haben. ‹Den Anfang – wenn man jetzt nur einen Anfang wüsste›, seufzten die Achte und nagten an ihren Fingern, während der Schreiber schon zum dritten Mal den schon sehr spitzigen Bleistift spitzte.›» (Seite 171)
Trotz langer Diskussionen über den Inhalt des Briefes wird der Entwurf am gleichen Abend fertig. Am nächsten Abend schon kommt Hedwig mit der schön verzierten Reinschrift zur Ausschuss-Sitzung, und vor der Tür warten alle anderen Leuenhofer geduldig, bis sie an der Reihe sind, um ihre Unterschrift unter strenger Aufsicht des Ausschusses unter den Brief zu setzen.
Auch hier könnten heutige Jugendliche einiges lernen: Da gab es kein Zaudern. Jeden Abend wurde zügig an der Sache gearbeitet, bis sie fertig war.
Der Brief hat Erfolg, und die Leuenhofer erhalten einen herzlichen Antwortbrief der Wirtin, bei der Annelis Mutter arbeitet. Darin steht unter anderem: «‹Liebe Buben und Mädchen! – Viel Zeit zum Schreiben habe ich nicht. Aber ich muss Euch doch sagen, dass Euer Brief mir eine rechte Freude gemacht hat. Es ist schön, dass Ihr an das Anneli gedacht habt und möchtet, dass es auch vergnügt ist an Weihnachten. Also die Frau Hertig schicke ich Euch. Fast würde es mich anmachen, mitzukommen und Euch zu besuchen in Eurem Leuenhof.›»
Am Weihnachtsabend holt ein Empfangskomitee Annelis Mutter vom Bahnhof ab und die ganze Klasse freut sich über Annelis grosse Freude: «Die Kinder gingen auseinander, der eigenen Weihnachtsfreude entgegen; sie war hinter der vom Anneli ein Weilchen fast verdeckt gewesen.» (Seite 184)
So wurden vor 100 Jahren Schweizer Kinder zu Bürgern, die als Erwachsene bereit und fähig sein würden, ihre Verantwortung in der Familie, im Beruf, in ihrer Gemeinde und im Staat zu übernehmen.
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Heute können wir aus dem reichhaltigen Schatz schöpfen, den uns Ida Bindschedler zusammen mit vielen anderen Schrifstellern und Pädagogen aus früheren Generationen, hinterlassen hat.
Nutzen wir dieses schöne Werk als Rat­geber, um unsere Jugend ins Leben einzuführen. •

Die Zürcher Jugendschriftstellerin Ida Bindschedler ist ganzen Generationen als Autorin der «Turnachkinder» bekannt. Sie lebte von 1854–1919, war Primarlehrerin im Kanton Zürich und schrieb in reiferen Jahren die beiden Bücher «Die Turnachkinder im Sommer» und «Die Turnachkinder im Winter», in denen sie von ihren Kindheitserlebnissen in Zürich erzählt. Während die «Turnachkinder» bis heute immer wieder neu aufgelegt werden, geriet das dritte Jugendbuch der Autorin, «Die Leuenhofer», das in ihrem Todesjahr 1919 erschienen ist, leider in Vergessenheit. Gerade mit diesem Werk beweist Ida Bindschedler, was für eine hervorragende Pädagogin sie – und wahrscheinlich noch viele andere Lehrer der damaligen Zeit – gewesen sind.
    Der Hamburger Verlag tredition GmbH stellt in jüngster Zeit Tausende von vergriffenen Büchern wieder zur Verfügung. Die Originalwerke werden eingescannt und digitalisiert, aber auch in Buchform herausgegeben. Durch das Einscannen entstehen Fehler in der Rechtschreibung, die in den «Leuenhofern» nicht ganz ausgemerzt wurden, sondern da und dort stehenblieben – eine gute Gelegenheit, sie mit den jugendlichen Lesern zusammen aufzuspüren und die Lektüre mit Sprachschulung zu verbinden.
Ida Bindschedler: Die Leuenhofer, Verlag Trediton Classics, ISBN-10: 3-8424-0357-7