«Der Mensch darf nie aufhören, Mensch zu sein» (A. Schweitzer)

Was hat uns Albert Schweitzer in der heutigen Welt zu sagen?

von Sigrid Schiller

Dank der Verleihung des diesjährigen Medizinnobelpreises an die Chinesin Tu, den Iren Campbell und den Japaner Omura rückt das Leid von Millionen von Menschen in Afrika, Südostasien und Südamerika wieder in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Die drei Preisträger erforschten und entwickelten wirksame Medikamente gegen die Krankheiten Malaria, Flussblindheit und die sogenannte Elephantiasis. Dank ihres Einsatzes kann jedes Jahr das Leben von etwa 100 000 Malaria-Patienten gerettet werden und wird in naher Zukunft die Flussblindheit (Onchozerkose) und die Elephantiasis (lymphatische Filariose), die zu schrecklichen Entstellungen führt, ausgerottet sein. Beide Erkrankungen werden durch Würmer hervorgerufen.
Albert Schweitzer, dessen Todestag sich am 12. Oktober zum 50. Mal jährte, wäre über diese medizinischen Erfolge, die vor allem die Not der Armen in Afrika, Südostasien und Südamerika lindert, hoch erfreut. Als junger Mann ging Schweitzer 1913 nach Gabun, um dort den Menschen als Arzt hilfreich zur Seite zu stehen.
Jeder Mensch, der einmal ernsthaft erkrankt war, kann ermessen, was ein Arzt für einen Kranken bedeutet. Nicht nur von seinen medizinischen Kenntnissen hängt die Genesung ab, nein, ein Arzt muss sich als Mitmensch, als Mitfühlender auch mit all seiner seelischen Kraft der Gesundung des Erkrankten widmen. Das Leid des Patienten muss auch sein Leid sein.
Albert Schweitzer (1875–1965) war ein Arzt, der sich mit Leib und Seele seiner hippokratischen Aufgabe hingab. Er arbeitete nicht nur als praktischer Arzt, sondern entwickelte auch grundlegende ethische Überlegungen. Sein Postulat «Ehrfurcht vor dem Leben» drückt alles aus, was als Grundlage für ein würdiges Miteinander erforderlich ist.
Seine Ausführungen sind Balsam für unsere geschundenen Seelen angesichts unzähliger bewaffneter Konflikte und Millionen Flüchtender auf der Welt. Es lohnt sich, nicht nur seinen Lebensweg kennenzulernen, sondern auch seine umfassenden Ausführungen zu grundlegenden ethischen Fragen aus der Vergessenheit hervorzuholen und wieder nutzbar zu machen für die heutige Welt.
Dieses Anliegen verfolgt die Akademie für ethische Bildung in Brunsbüttel, die Hans Stellmacher dort seit 2002 mit grossem persönlichen Einsatz im Rahmen des Kultur- und Tagungszentrums Elbeforum aufgebaut hat. Eigene schwere gesundheitliche Probleme veranlassten ihn, Gutes zu tun. Ziel dieser Bildungseinrichtung soll es sein, jungen Menschen das Wirken von Albert Schweitzer näherzubringen und somit humanistische Haltungen zu bewahren beziehungsweise zu fördern. In einem separaten Raum des Elbeforums sind wichtige Stationen aus Albert Schweitzers Leben, seine Haltung zu moralischen Fragen, auch seine Forderungen an die Politiker auf grossen Wandtafeln dokumentiert. Diese Bildungseinrichtung wird auch von der Goethe-Gesellschaft in Weimar e. V. und vom Weimarer Schillerverein e. V. unterstützt.
Dazu findet sich im Elbeforum eine umfangreiche Sammlung von verschiedenen Medien, vorwiegend über Albert Schweitzer. Angefangen bei hervorragenden Bildbänden, die Einblick in seine Tätigkeit gewähren, über Originalaufnahmen von Vorträgen, die Schweitzer vor unterschiedlichem Publikum gehalten hat, bis hin zu Filmdokumentationen über sein Wirken in Lambarene. Auch sein religiöses und musikalisches Wirken ist in verschiedenen Medien dokumentiert.
Einige Materialien enthalten direkt Handreichungen für Pädagogen. Man kann nur jedem Lehrer empfehlen, sich auf die Homepage www.elbeforum.de zu begeben und das passende Material für die jeweilige Altersstufe herauszusuchen. Das Team von Frank Dehning, stellvertretender Leiter des Kultur- und Tagungszentrums, sendet die gewünschten Materialien als Leihgabe zu.
Ich selbst nutzte dieses Angebot mehrfach mit Erfolg in mehreren 4. Klassen. Im Rahmen des Religionsunterrichts erwies sich das Thema Albert Schweitzer als sehr ergiebig. Albert Schweitzer beschreibt in verschiedenen Dokumenten ausführlich, dass ihm eine mitmenschliche Haltung nicht in die Wiege gelegt wurde, sondern dass sich sein Gewissen im Laufe der ersten Lebensjahrzehnte formte. Schweitzers Werdegang ist so anschaulich, dass auch Grundschüler seine Gefühle und Gedanken verstehen und ihm emotional folgen können. «Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.»
Im vertrauensvollen ruhigen Gespräch mit den Schülern kann man als Lehrer ihren Blick für den Mitmenschen öffnen: «Mein Mitschüler hat ja ganz ähnliche Bedürfnisse wie ich. Er fühlt wie ich.» Mit Hilfe der Materialsammlung in Brunsbüttel kann der Lehrer/Pädagoge die Schüler zielgerichtet zum Mitfühlen anleiten, zum Beispiel mit einem Vortrag, den Albert Schweitzer vor Grundschülern hielt. Hierin erzählt er den jungen Zuhörern eindrucksvoll von einer Mutter mit ihrem Kind. Das Kind hatte schwerste Verbrennungen durch offenes Feuer. Die Mutter musste zwei Tage mit einem kleinen Boot fahren, um zum Spital zu gelangen, während das Kind vor Schmerzen nicht einmal mehr weinen konnte.
Die Schüler überlegen sich ernsthaft, wie komfortabel sie heute medizinisch versorgt sind, und erfahren, dass das bis heute für unzählige Menschen auf der Welt nicht der Fall ist. Durch vom Lehrer angeleitete Gespräche, die von einer wohlwollenden Stimmung den Schülern gegenüber getragen sein müssen, wächst in ihnen der Wunsch, anderen Kindern auch diese gute Behandlung zukommen zu lassen.
Auch Jugendliche suchen nach tragfähigen Antworten auf die heutige Weltsituation. Sie können sich mit Schweitzers Schriften, Vorträgen und seinen Appellen an die Menschheit, zum Beispiel vom 23.4.1957, von Radio Oslo in alle Welt ausgestrahlt, auseinandersetzen. Vor dem Hintergrund des sich zuspitzenden Ost-West-Konflikts trat Schweitzer unmiss­verständlich für eine friedliche Lösung von Konflikten ein! Völkerentzweiende Fragen könnten nicht mehr durch Kriege entschieden werden. Eine Gesinnungsänderung sei jedoch nicht mit Massnahmen oder auf organisatorischem Wege herbeizuführen.
Nur die intensive ethische Erziehung aller Altersgruppen und aller Gesellschaftsschichten sowie geeignete Vorbilder könnten einer Ethik der Verantwortung und der Mitmenschlichkeit Geltung verschaffen. Jeder Mensch müsse bei sich selbst anfangen und mit Gleichgesinnten in die Öffentlichkeit hineinwirken.
Damit steht Schweitzer in der europäischen Tradition der Aufklärung, die den Menschen als vernunftbegabtes Wesen sieht. Der Mensch ist fähig, zwischen schädigendem und das Leben förderndem Verhalten zu unterscheiden und sich dank seiner Vernunft und seiner Natur für die Mitmenschlichkeit zu entscheiden.    •