Die Quellfassung von St. Moritz – das älteste Holzbauwerk Europas

Unvollendete Odyssee der alten Dame

von Heini Hofmann

Im Lenz des Jahres 1411 vor der Zeitrechnung, also mehr als 200 Jahre, bevor Moses mit seinem Volk aus Ägypten zog, respektive 700 Jahre vor der Gründung Roms, haben Ur-Engadiner eine Quellfassung errichtet, die heute wieder im Zentrum des Interesses steht.
Sie ist nicht nur das älteste Holzbauwerk Europas, sondern stellt einen der bedeutendsten alpinen prähistorischen Funde dar. Denn mit ihr wurde die frühestbekannte, höchstgelegene Heilquelle Europas gefasst, die später die kleine Bauernsiedlung San Murezzan zum renommierten Weltdorf St. Moritz katapultieren sollte. 

Am Anfang war das Wasser

Berühmt geworden ist das heutige Wintersport-Eldorado und Sommertourismus-Paradies im Oberengadin also dank heilendem Quellwasser. Hotellerie und Sport waren Folgeerscheinungen.
Doch weil man später nur noch auf den Sport setzte, geriet die einst weltbekannte Bädertradition in Vergessenheit. Dieses Schrittmachers ist man sich heute kaum mehr bewusst, wie selbst ein offizielles Dorfgespräch zum Thema «St. Moritz – einst und jetzt» deutlich zeigte: Der primäre Promotor Wasser wurde mit keinem Wort erwähnt.
Und dass St. Moritz ausgerechnet sein Herzstück, das gesamte Bäderareal mitsamt der berühmten Mauritius-Heilquelle, zu der früher gekrönte Häupter pilgerten, vor Jahren an einen russischen Investor abgetreten hat, dessen Name bedeckt gehalten wird, ist kaum nachvollziehbar. Denn just jetzt, da der Tourismus stagniert und dringend zusätzliche Standbeine benötigt, wäre ein modernes Revival der Medical-Wasserwellness gefragt, um damit jenen Tourismusbereich wieder zu aktivieren, mit dem man einst europaweit eine Führungsrolle innehatte, nicht vor 150 Jahren wie beim Wintersport, sondern seit fast dreieinhalbtausend Jahren! Kein anderer Kurort auf der Welt hat auch nur eine annähernd so weit zurückreichende Tradition.

Wellenberge und Wellentäler

Aber die Geschichte dieser Quelle war schon immer ein stetes Wechselbad von Licht und Schatten. Sie erlebte Blütezeiten der Heilwassernutzung und totale Vernachlässigung, aber zum Glück auch wiederholte Rettung durch Weitsichtige in letzter Minute. Zu weltweiter Bekanntheit kam sie im Mittelalter, zuerst durch Mediceer-Papst Leo X., der Prozessionen zur Quelle organisierte, und dann durch Jahrhundertarzt Paracelsus, der diesen Sauerbrunnen als den besten Europas lobte. Bereits im 17./18. Jahrhundert setzte ein grosser Kuranden-Besucherstrom ein. Im 19. Jahrhundert schliesslich erfolgte der Aufstieg von St. Moritz zum Weltkurort mit Belle-Epoque-Hotel-Boom und mondänem Kurpublikum.
Grosse Wellentäler entstanden durch die beiden Weltkriege und schliesslich dadurch, dass man ob der einseitigen Sportfavorisierung die Bädertradition vernachlässigte und die Einrichtungen veralten liess. Die weltberühmte und einzige noch aktive Mauritiusquelle fristet heute ein trauriges, weggesperrtes Kerkerdasein, und Fachleute haben schon vor über zehn Jahren auf ihren technisch bedenklichen Zustand hingewiesen. Die Paracelsusquelle ist zugeschüttet, die Surpuntquelle stillgelegt, und aktuell ist das Heilbad, der letzte aktive Zeuge der einst glanzvollen Bädertradition, gefährdet.

Geschichte als Verpflichtung

Die Odyssee der Mauritius-Quellfassung ist für die Gesamtentwicklung der Bäderthematik direkt sinnbildlich: 1853, anlässlich einer Sanierung der Mauritiusquelle, stiess man auf die von Ur-Engadinern erstellte hölzerne Originalfassung dieser höchstgelegenen Heilquelle, bestehend aus zwei ausgehöhlten Lärchenstämmen, umgeben
von zwei Holzkästen, innen Bohlen- und aussen Blockbau. Man begnügte sich mit Reinigungsarbeiten. Erst bei einer Neufassung 1907 wurde das ganze Konstrukt gehoben, das Professor J. Heierli schon damals korrekt als bronzezeitlich taxierte. Doch fortan führte diese Quellfassung ein verschupftes Dasein im Keller des Engadiner Museums.
1995 machte der Archäologische Dienst Graubünden einen ersten, 1998 einen erfolgreichen zweiten Datierungsversuch (mit Dendrochronologie und C14-Methode) mit erstaunlichem Ergebnis: 1466 vor der Zeitrechnung! Diese fast 3500 Jahre alte Quellfassung ist also ein ganz besonderes Baudenkmal, nämlich das gesamteuropäisch älteste und zugleich besterhaltene prähistorische Bauwerk aus Holz! Das verpflichtet, weshalb man entschied, diese Kostbarkeit im restaurierten Forum Paracelsus auszustellen. Denn bei der Mauritiusquelle, wo sie eigentlich hingehört, wäre sie ja wieder in einem Kellerverlies gelandet …

Von hinten aufgezäumt

Doch vorher wollte man ihr ein Facelifting angedeihen lassen. Zu diesem Zweck ging die alte Dame 2013 auf grosse Reise, von St. Moritz ins Sammlungszentrum des Schweizerischen Nationalmuseums in Affoltern am Albis, begleitet von einer jungen Dame, der Archäologin Monika Oberhänsli. Im Rahmen ihrer Masterarbeit hat sie die 117 Hölzer unter verschiedenen Aspekten unter die Lupe genommen, inklusive Erstellung eines 3D-Modells und einer erneuten exakten Altersbestimmung. Und siehe, die alte Dame – jetzt auf 1411 v. Chr. datiert – wurde um 55 Jahre jünger … Im Juni 2014 kehrte sie nach St. Moritz zurück und fand ihre vorläufige Bleibe im renovierten Forum Paracelsus.
Das ist erfreulich, aber reicht nicht für eine Revitalisierung: Während zwei historische Zeitzeugen, die einstige Paracelsus-Trinkhalle und die bronzezeitliche Mauritius-Quellfassung, nun bereits in neuem Glanz erstrahlen, harren die zwei noch aktiven Hauptprotagonisten der St. Moritzer Bädertradition, Mauritiusquelle und Heilbad, weiterhin eines Revivals. Das Kutschen-Paradepferd des St. Moritzer Bädertourismus ist also erst hinten eingeschirrt, was nicht reicht, um den Karren der Erfolgsgeschichte weiterzuziehen. Diese Chance muss erst noch gepackt werden. Denn Fakt ist, dass parallel zur demografischen Entwicklung (steigendes Durchschnittsalter) Gesundheits- und Wellnesstourismus wachsen und zudem krisensicherer sind als Ferien- und Sporttourismus.

Fehlendes Gesamtkonzept

Das aktuelle Problem der ganzen Bäderthematik erklärt sich von selbst: Ein funktionierendes Bädersystem basiert auf einer zwingend zusammengehörenden Trilogie: Quelle, Medical Wellness und Kurhotel, da die Gäste an Ort logieren wollen. Doch genau das funktioniert nicht mehr. Denn das ursprüngliche Grandhôtel des Bains (heutiges Hotel Kempinski) hat sich – für St. Moritz erfreulicherweise – zum Fünfstern-Luxushotel entwickelt, was nun aber mit dem Heilbad, obschon sie früher Siamesische Zwillinge waren, nicht mehr zusammenpasst. Irgendwie tragikomisch: Unter Tag bemühen sich Quelleningenieure um saubere Trennung von Grund- und Quellwasser, und über Tag kommen sich Champagner und Heilwasser zu nahe …
Was müsste geschehen? Die weggesperrte Mauritiusquelle sollte aus ihrem Dornröschen-Dasein wachgeküsst und – für Touristen und Einheimische – wieder zur Hauptsightseeing-Attraktion performt werden, womit dann auch die restaurierte Quellfassung am angestammten Platz ihre Odyssee beenden könnte. Berühmt geworden ist diese Quelle ja vor allem wegen dem umwerfenden Aha-Erlebnis beim Trinkgenuss direkt ab Quelle. Weil es sich um kohlensäure-übersättigtes Wasser handelt, prickelt dies beim Trinken ab Quelle viel extremer als Champagner; ab Trinkbrunnen mit langer Zuleitung jedoch verpufft dieser Effekt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Und das Heilbad, das von dieser Quelle gespiesen wird, müsste zwingend, direkt über oder an der Quelle, modernisiert und als breit abgestütztes medizinisches Kompetenzzentrum erweitert werden (Nutzung von Synergien, was heute bereits zu verzetteln droht). Sollte sich das Grand Hôtel des Bains nicht doch noch für ein Mitmachen entscheiden, müsste ein Kurhotel die notwendige Trilogie ergänzen. Durch eine sich am ursprünglichen Konzept orientierende, geschickte Gruppierung der Gebäude könnte zudem der Bäderpark an Grösse wieder gewinnen.
Bisher sind jedoch alle Bestrebungen in dieser Richtung, obschon konkrete Vorstellungen existieren und die Bevölkerung an einer Veranstaltung grosses Interesse signalisierte, an einem fehlenden Gesamtkonzept gescheitert, weil die Gemeinde auf dem Bäderareal nicht mehr das Sagen hat. Viele Ein- und Zweitheimische fragen sich daher, ob der russische Investor, der ja offenbar ein grosses Flair für St. Moritz hat, über die historischen Zusammenhänge und die sich heute bietende Chance für ein modernes Revival des einstigen «Versailles der Alpen» informiert ist. Wer weiss: Die russische Seele hat ja bekanntlich ein grosses Flair für Geschichte und Kultur.    •

Bilder aus dem Buch: Hofmann, Heini. Mythos St. Moritz. Sauerwasser – Gebirgssonne – Höhenklima. Montabella-Verlag, St. Moritz 20142

Wasser – der verkannte Engadiner Rohstoff

Wasser wird immer mehr zur Weltthematik und ist heute sogar mitentscheidend für die Erhaltung des Weltfriedens. Während andere ums «Recht auf Wasser» kämpfen müssen, hat die Natur das Engadin damit reichlich gesegnet.
Seine Schönheit verdankt das Hochtal nicht zuletzt dem flüssigen Gold in all seinen verschiedenen Aggregatzuständen, als Wasser, Schnee, Firn und Eis. Und berühmt geworden ist es dank seiner Heilquellen; sie sind es, die den Grundstein für den touristischen Höhenflug legten.
Das verpflichtet! Das Engadin als «Wasserschloss Europas» und quellwassergesegnete «Terra sana» muss sich dieser Trumpfkarten wieder bewusster werden. Zum einen, um selber daraus Nutzen zu ziehen, zugleich aber auch, um für diesen kostbaren Rohstoff der Natur aus der Position des Reichbeschenkten heraus Verantwortung zu übernehmen.