«Aleppo und Mosul, zwei belagerte Städte»

von Renaud Girard, französischer Kriegsberichterstatter, spezialisiert in geopolitischen Fragen, Frankreich

Welches sind die Ähnlichkeiten und die Unterschiede zwischen diesen zwei Belagerungen? Wie versuchen die wichtigen regionalen und internationalen Akteure ihre strategischen Interessen weiterzuverfolgen?
Im Orient wird die militärische Aktualität bestimmt durch die gleichzeitige Belagerung von zwei grossen Städten, Aleppo in Syrien und Mosul im Irak. Die Regierungen von Damaskus und Bagdad sind seit einigen Jahren, im Rahmen der sogenannten «schiitischen Achse», die von Teheran nach Beirut reicht, alliiert. Beide versuchen, mit militärischen Mitteln ihre zweitgrössten Städte zurückzuerobern, die in die Hände von sunnitischen Rebellenmilizen gefallen sind. Beide belagern heute den östlichen Teil dieser Metropolen. Wo sind die Ähnlichkeiten und die Unterschiede zwischen diesen zwei Belagerungen? Wie versuchen die wichtigen regionalen und internationalen Akteure ihre strategischen Interessen zu festigen?
Bei ihrer Wiedereroberung der östlichen Quartiere von Aleppo (seit Juli 2012 in Händen der Rebellion) hat die baathistisch-syrische Armee mehrere Alliierte: die russische Flugwaffe, die libanesische Hizbullah, die «internationalen» schiitischen Brigaden (darunter auch die afghanischen Hazara), unterstützt durch Offiziere der Spezialkräfte der al-Qods-Division der iranischen Pasdarans, die kurdischen Peschmergas der laizistischen Bewegung der krypto-kommunistischen Partei der Demokratischen Union PYD (diejenigen, die dem Islamischen Staat erfolgreich Widerstand leisteten bei der Belagerung von Kobané von September 2014 bis Januar 2015).
Bei der Wiedereroberung der östlichen Quartiere von Mosul werden die irakischen Spezialkräfte der Bagdader Regierung unterstützt durch die Luftschläge der westlichen Jagdbomber, die patriotischen schiitischen Milizen und die kurdischen Peschmergas der autonomen Regierung von Erbil (welche die Nordfront kontrollieren, ohne einen späteren Zugang zur Stadt zu verlangen). In Aleppo ist es die al-Nusra-Front (Filiale von al-Kaida), welche die Speerspitze der Rebellenmilizen bildet, die aus mehreren zumeist islamistischen Gruppierungen besteht. Was passiert im Innern dieser belagerten Städte? Wir verfügen über keine Informationen aus erster Hand, denn es ist viel zu gefährlich für westliche Reporter, dorthin zu gehen. In Mosul riskieren sie, geköpft zu werden; in Aleppo riskieren sie, entführt zu werden und nur gegen Lösegeldzahlungen wieder freizukommen.
Ein ziemlich seltsames Phänomen zeigt sich beim Kampf um Aleppo: Seit 2013 haben die westlichen Medien nicht mehr genügend Vertrauen in die syrische Rebellion, um Reporter dorthin zu senden. Trotzdem glauben und verbreiten sie ohne jegliche Filterung die von den Rebellen verbreiteten Informationen, die natürlich grosses Interesse daran haben, sich als Unschuldslämmer darzustellen und ihre Gegner anzuschwärzen. Diese Schwarzweissmalerei besteht bereits seit fünf Jahren und hat sich nie geändert: In Aleppo hat man es mit einem «Tyrannen» (Bachar al-Assad) zu tun, der, sozusagen zum Vergnügen, sein Volk massakriert. Selbstverständlich ist die Belagerung von Aleppo grausam, und man schätzt für die zwei vergangenen Wochen die Zahl der zivilen Opfer auf 300. Dieses Schwarzweissbild wird jedoch keineswegs auf die irakische Armee angewandt, die auch versucht, die Kontrolle über Mosul wiederzuerlangen. Dort sind nämlich die Angreifer die Guten und die Rebellen die Bösen. Die Zahlen der zivilen Opfer sind ähnlich: Man schätzt sie in Mosul seit Beginn der Kämpfe auf 600. Damit ist keinesfalls in Frage gestellt, dass die fanatisierten IS-Kämpfer die «Super-Bösen» sind. Denn auf Grund ihrer Taktik der systematischen Verwendung von Fahrzeugen bei Selbstmordattentaten – was in etwa dem Abschuss von Boden-Boden-Raketen gleichkommt – haben die IS-Generäle Hunderte von Jugendlichen in den Tod geschickt, nachdem sie diese einer Gehirnwäsche unterzogen hatten.
In der Belagerung von Aleppo hat sich die westliche Presse auf die Seite der Widerstandskämpfer gestellt; in Mosul hingegen auf die Seite der Angreifer. Aber dies ist nicht mehr so entscheidend, denn der Einfluss der internationalen Leitmedien auf die geopolitische Situation hat stark an Bedeutung verloren: Heute ist ihr Einfluss auf die grossen strategischen Entscheidungen nicht mehr gleich gross wie zu Zeiten der Kriege auf dem Balkan, im Irak oder in Libyen.
Wenn Aleppo und Mosul gefallen sein werden, welche werden dann die grossen strategischen Sieger sein? An erster Stelle wird sich Iran befinden und an zweiter Russland. Die westlichen Strategen haben die Entschlossenheit dieser zwei östlichen Kräfte massiv unterschätzt. Teheran hat die schiitische Achse verstärkt, während Moskau seinen Zugang zum Mittelmeer gefestigt hat. An dritter Stelle befinden sich die Kurden, die nach anfänglichen Rückschlägen auf allen Fronten siegreich sind. Die USA sind nicht nur Verlierer, da sie den zu ihrem neuen Hauptfeind erklärten IS bekämpfen konnten. Die grossen Verlierer werden die Türken sein, deren neo-ottomanische Politik zerbrochen ist, sowie die Europäer, die die Last der Flüchtlinge weitgehend alleine zu tragen haben.
Am Prager Nato-Gipfel vom November 2002 hat Präsident Chirac versucht, Präsident Bush davon abzuhalten, den Irak zu überfallen. Er hatte ihm zugeraunt: «George, so schaffst Du eine schiitische Achse im Mittleren Osten: Wo ist denn da Dein strategisches Interesse?» Er bekam keine Antwort …    •

Quelle: «Le Figaro» vom 6.12.2016

(Übersetzung Zeit-Fragen)