Sprache ist mehr als nur kommunizieren

von Dr. Eliane Perret, Sonderpädagogin und Psychologin

In der Diskussion um den frühen Fremdsprachenunterricht geht oft eine wichtige Thematik verloren: Wie steht es eigentlich um die Deutschkenntnisse? Sind unsere Jugendlichen gerüstet für den Eintritt ins Berufsleben und für ihre Rechte und Pflichten als Bürger und Bürgerinnen der Schweiz? Einem Land, das ihnen durch die direkte Demokratie sehr viel Mitsprachemöglichkeiten gibt?

Des Lesens und Schreibens nicht mächtig

Im Jahre 2003 beteiligte sich die Schweiz unter Führung des Bundesamts für Statistik (BFS) an einer internationalen Studie der Europäischen Organisation für Bildung und Entwicklung (OECD).1 Erhoben wurden in diesem Rahmen die Grundkompetenzen in den Bereichen Lesen und Alltagsmathematik.2 An der Studie nahmen 5200 Personen zwischen 16 und 65 Jahren teil. Man staunte, als 2006 die Ergebnisse der Studie bekannt wurden: Hochgerechnet konnte man davon ausgehen, dass in der Schweiz etwa 800 000 Erwachsene zwischen 16 und 65 Jahren grosse Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben und einfache Texte nicht verstehen und/oder nicht schreiben können. Fast die Hälfte davon ist in der Schweiz geboren und hat hier die obligatorische Schulzeit absolviert. 71 % geben die jeweilige Landessprache als Hauptsprache an. Zusätzlich wurde in der ALL-Studie erhoben, dass etwa 8 Prozent (also rund 430 000 Schweizer Einwohner) grosse Probleme damit haben, einfache Rechenaufgaben zu lösen.3 Was das für das Schicksal jedes einzelnen Betroffenen bedeutet, kann sich ausmalen, wer überlegt, welche Rolle diese Fähigkeiten in seinem eigenen Lebensalltag spielen.4 Zusätzlich stellt sich die Frage, was das für unsere Volkswirtschaft bedeutet.5

Das duale Berufsbildungssystem wird ausgehöhlt

Besonders deutlich wird das Problem mangelnder Sprachkenntnisse bei der Lehrlingsausbildung, in den weiterführenden Schulen und an den Universitäten und Hochschulen.6 Lehrmeister beklagen selten, dass ihre Lehrlinge zu wenig Englisch können, sondern dass es ihnen nebst einer oft problematischen Einstellung zur Arbeit an grundlegenden Kenntnissen in Deutsch und Mathematik mangle. Das ist um so bedeutungsvoller, als rund 60 Prozent aller Berufe weder eine zweite Landessprache noch Englisch verlangen7, mündliche und schriftliche Deutschkenntnisse hingegen zum Berufsalltag der meisten Berufe gehören und Voraussetzungen für Weiterbildungen sind. Bereits heute werden je nach Branche bis zu 30 Prozent aller Lehrverhältnisse vorzeitig beendet.8 Das bedeutet im Klartext, dass unser duales Berufssystem allmählich ausgehöhlt wird – ausser wir tun etwas dagegen. Dringend zu prüfen wäre, inwieweit die permanenten Schulreformen der letzten Jahrzehnte den Schwerpunkt im Deutschunterricht zu wenig auf gründliches Erlernen von Grammatik und Rechtschreibung gelegt haben. Diese misslichen Zustände werden sich mit dem Lehrplan 21 nicht verbessern, sondern im Gegenteil noch verfestigen.9

Zuerst Klarheit schaffen

Seit einiger Zeit ist ein Fremdsprachenstreit im Gange, der in den Medien viel Raum einnimmt. Es geht um die Frage, wann welche Fremdsprache gelernt werden soll. Der Bundesrat droht sogar, mittels Bundesentscheid zwei Fremdsprachen in der Primarschule durchzusetzen und damit die kantonale Bildungshoheit zu brechen. Als erstes müsste jedoch Klarheit geschaffen werden, warum so viele Jugendliche ihre Schulzeit ohne ausreichende Deutschkenntnisse beenden und damit nicht nur schlechte Karten für die Berufsausbildung, sondern auch schlechte Voraussetzungen für den Fremdsprachenerwerb haben. Mindestens das müssten die Resultate der erwähnten Studie bewirken. Zu klären wäre ebenso, warum man immer häufiger bei kleinen Kindern sogenannte Sprachentwicklungsverzögerungen feststellt und sie bereits in jungen Jahren sprachtherapeutische Unterstützung brauchen. Die Ursachen für diese mangelnde sprachliche Verwurzelung sorgsam zu suchen, wäre also eine erste Voraussetzung für eine echte Verbesserung dieser Situation. Antworten findet man in den vielen Forschungsresultaten zum Spracherwerb und der Bedeutung der Muttersprache.

Die Muttersprache – der Schlüssel zur Bildung

Verschiedene Untersuchungen haben in den letzten Jahren gezeigt, dass eine solide Basis in der Muttersprache (= Erstsprache oder L1)10 grundlegend für den Erwerb weiterer Sprachen ist. Wer in seiner Muttersprache fit ist und einen differenzierten Wortschatz hat, ist besser dran, denn in der Schule werden Inhalte meist sprachlich vermittelt und Aufgabenstellungen in Worten formuliert. Um den Anforderungen gerecht zu werden, braucht es Sicherheit in der Sprache.
Die Muttersprache ist niemandem in die Wiege gelegt, bereits im frühen Alter können Eltern jedoch entscheidend dazu beitragen, ob ein Kind der Sprache mächtig wird. So spielt es für die Sprachentwicklung eine wichtige Rolle, ob ein Kind eine sichere Bindung zu seinen Beziehungspersonen hat.11 In den letzten Jahren wurde in verschiedenen Studien untersucht, weshalb die einen Kinder bereits in jungen Jahren wesentlich mehr Wörter kennen als andere. Eine vielzitierte amerikanische Studie aus dem Jahr 1995 kam zum Schluss, dass Kinder aus wohlhabenden und bildungsnahen Familien mit drei Jahren bereits 30 Millionen Wörter mehr gehört hatten als ihre Altersgenossen aus ärmeren Familien. Die einen Kinder beherrschten bereits 1100 Wörter, die anderen 525.12 Entscheidend ist hier wohl nicht die Schichtzugehörigkeit, es geht auch nicht darum, die Kinder mit möglichst vielen Wörtern einzudecken oder sie zu diesem Zweck gar vor den Fernseher zu setzen. Sprache wird in der Beziehung, im sozialen Miteinander gelernt. Wichtig ist, ob in einer Familie mit Freude, genügend und differenziert miteinander gesprochen wird. Denn so lernen die Kinder nicht nur Grammatik, sondern sie lernen auch zu denken.13

Spracherwerb – eine imposante Leistung

Um die Eindrücklichkeit und Komplexität dieses Lernvorgangs zu zeigen, seien hier die wichtigsten Stationen kurz dargestellt.14 Ein kleines Kind lernt seine Sprache nicht einfach, indem es seine Umgebung nachahmt, sondern der Spracherwerb ist ein komplexer kontinuierlicher Prozess. Bereits in den ersten Lebensmonaten erhält es über das Hören der Sprache der Mutter (und des Vaters) grundlegende Informationen über den Aufbau seiner Muttersprache. So erfasst es in einem unbewussten Lernprozess ohne gezielte Anleitung die Strukturen der Sprache. Im ersten Lebensjahr erwirbt sich ein Kind viele Voraussetzungen für den Wortschatzerwerb, z. B. die Fähigkeit, Regelmässigkeiten aus den gehörten Lauten herauszufiltern und in seinem Sprachgedächtnis abzuspeichern, mit den Sprechwerkzeugen mögliche Laute auszuprobieren und Beziehungen zwischen Wörtern und der Gegenstandswelt aufzubauen. Das ist um so erstaunlicher, als es zu vergleichbaren Aufgaben in anderen Bereichen des Denkens in diesem Alter noch nicht in der Lage ist.
Wenn es um seinen ersten Geburtstag herum seine ersten Worte sagt – meist ist es «Mama», «Papa» oder auch «nein» – stösst es auf viel Freude bei seiner Umgebung. Es vergrössert nun langsam seinen Mitteilungs- und Verstehenswortschatz (= produktiver und rezeptiver Wortschatz). Wenn es etwa 50 Wörter spricht, setzt im dritten Lebensjahr ein richtiggehender Wortschatzspurt ein. Das Kind lernt täglich mehrere Wörter zu sprechen und erweitert seinen Wortschatz um bis zu zehn Wörter pro Tag. Mit drei Jahren verfügt es über einen Mitteilungswortschatz von 800 bis 1000 Wörtern. Im vierten Lebensjahr steht die weitere Entwicklung der Grammatik im Vordergrund. Mit etwa vier Jahren haben die Kinder die meisten sprachlichen Komponenten erworben, die sie brauchen. Auch wenn sie dann zwischen vier und fünf Jahren ohne Punkt und Komma reden können und die Satzmuster ihrer Muttersprache prinzipiell beherrschen, ist damit die Sprachentwicklung noch nicht abgeschlossen. Vollzog sich dieser Vorgang bis anhin unbewusst, setzt nun zunehmend ein bewusster Lernprozess ein. Die Sprache wird in allen Facetten differenzierter und reichhaltiger. Mit 16 Jahren sollte ein junger Mensch über einen Grundwortschatz von ungefähr 60 000 Wörtern verfügen. Das ist eine imposante Leistung und bedeutet zum Beispiel, täglich um die neun Wörter dazuzulernen!

Sprache – eine Brücke zum Mitmenschen

Der Spracherwerb ist jedoch nicht einfach eine intellektuelle Leistung, sondern ganz entscheidend an die Beziehung zu den Mitmenschen geknüpft. Unsere Sprache verbindet uns mit unseren Mitmenschen. Wir können sprachlich unsere Gedanken, Gefühle und Absichten ausdrücken und anderen mitteilen. Für die Lebensqualität und das Lebensgefühl eines Menschen ist es wichtig, dass er sich der Sprache mächtig fühlt und sich ihrer bedienen kann. Sprache und Sprachfähigkeit sind darum wichtig für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen und hängen von vielen seelischen Aspekten ab. Deshalb hat sich die von einem personalen Menschenbild ausgehende Psychologie schon früh mit diesen Fragen beschäftigt. In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts wies beispielsweise der Wiener Psychologe Alfred Adler auf die Bedeutung der Sprache als dialogische Verbindung der Menschen zueinander hin: «Die Entwicklung der Sprache des Menschen […] setzt diesen Kontakt zwischen Mensch und Mensch voraus. Sie ist aus diesem innigen Band entstanden und mehr noch, sie ist auch ein neues Band zur Verbindung des Einzelnen mit den anderen.»15 Ohne sprachliche Umwelt ist es für ein Kind nicht möglich, eine Sprache zu lernen (auch wenn es die notwendigen biologischen Voraussetzungen mitbringt). Es braucht seine Mitmenschen. Die erste «Gesprächspartnerin» eines Kindes ist in den meisten Fällen die Mutter. Sie nimmt den Dialog mit dem Kind auf und hält ihn vorerst alleine aufrecht. Sie baut eine Brücke zum Kind und schafft mit dem Kind eine erste gemeinsame Erfahrungswelt. Dazu braucht sie Einfühlungsvermögen und Intuition, damit sie sein Verhalten interpretieren und darauf reagieren kann. Der Säugling lernt auf diese Weise, mit der Zeit selber Konzepte und Regeln zu entwickeln und damit die Basis für seinen Sprach­erwerb zu schaffen. Es geht für die Mutter nicht in erster Linie darum, dem Kind die Sprache beizubringen, sondern die positive gefühlsmässige Beziehung zum Kind macht das gegenseitige Verstehen möglich. Das Kind lernt eine erste Abgrenzung sozialer Rollen vorzunehmen, z. B. weil der Vater anders zum Kind spricht als die Mutter. Mit der Sprache beginnt sich das Kind auch zunehmend in seiner Kultur zu verwurzeln und sich mit ihr zu identifizieren. Erst etwa im dritten und vierten Lebensjahr nimmt die Mutter die Rolle einer «Sprachlehrenden» ein. Ohne es direkt zu korrigieren, wiederholt sie z. B. die Sätze des Kindes in korrekter Form. Dadurch gibt sie ihm die Möglichkeit, die bereits vorhandenen Satzmuster in richtige zu transformieren. Es ist der zwischenmenschliche Bezug, der den Spracherwerb möglich macht, der niemals durch Medien ersetzt werden kann.

Die Muttersprache – gefühlsmässige Heimat

Die Muttersprache ist für den Spracherwerb und die Persönlichkeitsentwicklung wichtig. Sie ist mehr als einfach eine Sprache, denn sie ist eingebunden in die Beziehung zu einem oder mehreren Menschen, die dem Kind eine gefühlsmässige Heimat geben sollte. Die Muttersprache in ihren ganzen Feinheiten zu beherrschen, bedeutet deshalb mehr, als sie einfach in ihrer kommunikativen Funktion wahrzunehmen. Sie ist Teil der Persönlichkeitsgeschichte des Sprechenden. Die Muttersprache bedarf einer besonderen Pflege und sollte von jedem Menschen möglichst gut und differenziert beherrscht werden. Sie muss im Bildungsprozess von Kindern eine hervorragende Bedeutung haben. Für viele Kinder in unseren Schulen ist jedoch nicht Deutsch ihre Muttersprache. Wir haben heute viele Kinder, die zu Hause eine andere Sprache sprechen. Gerne geht vergessen, wie vielsprachig die Schweizer Schulen sind – immer mehr verschiedene Kulturen und Nationen treffen in den Klassenzimmern zusammen. In der obligatorischen Schule (Vorschule bis Sekundarstufe I) lag der Anteil ausländischer Kinder laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) im Schuljahr 2012/2013 bei 24,4 Prozent. Die Zahl der Schüler ohne Schweizer Pass nimmt stetig zu, zehn Jahre zuvor waren es noch 21,7 Prozent.16 Das ist nur ein Durchschnittswert, vielerorts haben wir Schulklassen, die mindestens zur Hälfte oder fast ausschliesslich aus fremdsprachigen Kindern bestehen. Dazu gehören auch diejenigen Kinder, die zwar mittlerweile einen Schweizer Pass haben, aber deren Muttersprache nicht Deutsch ist.
Mit anderen Worten: Gesprochenes und geschriebenes Deutsch muss in der Schule eine zentrale Rolle haben und mit entsprechenden Lektionenzahlen dotiert sein.

Sich in Kultur und Sprache verwurzeln

Im Zusammenhang mit dem frühen Fremdsprachenunterricht wird immer wieder darauf hingewiesen, wie leicht Kinder neue Sprachen lernen. Das betrifft aber nur kleine Kinder, in deren Familien zwei verschiedene Sprachen gesprochen werden oder die eine andere Familiensprache als Deutsch haben. Aber auch hier gelten Regeln. Die zu erwerbende Sprache muss an bestimmte Personen gebunden sein und diese muss ihre Sprache konsequent anwenden. Das braucht sehr viel Konsequenz; nur dann hat ein Kind wirklich die Chance, zwei Sprachen zu lernen, ohne sie zu mischen und letztlich in keiner Sprache zu Hause zu sein.17
Nicht vergessen werden darf, dass in der Schweiz von vielen Kindern als erstes ihre heimische Mundart gelernt wird. Die Dialekte sind ein wesentliches Merkmal der schweizerischen Kultur und in ihren regionalen Varianten eindrucksvoll. Hochdeutsch unterscheidet sich von der Mundart in Wortschatz, Satzbau und in der Grammatik. Sie zu sprechen ist in der Schweiz – im Unterschied zu anderen deutschsprachigen Ländern – kein Zeichen mangelnder Bildung oder eines tiefen sozioökonomischen Status’. Die Mundart führt die Schweizer Kinder mit ihren zahlreichen ausländischen Kameraden zusammen und hilft ihnen, sich in unserem Lande und in unserer Kultur heimisch zu fühlen und zu integrieren. In verschiedenen Volksabstimmungen wurde daran festgehalten, dass Mundart die vorwiegende Unterrichtssprache im Kindergarten bleiben und Hochdeutsch nicht zur Unterrichtssprache werden soll.

Die Muttersprache als Fundament für den Fremdsprachenerwerb

Auch für einen erfolgreichen Fremdsprachenunterricht wären fundierte Kenntnisse in der Muttersprache wichtig – das zeigen zahlreiche Studien. Der Linguistikprofessor und Schriftsteller Mario Andreotti schrieb kürzlich dazu: «Wer in der Muttersprache argumentieren, einen Text verstehen oder einen Aufsatz strukturieren kann, überträgt diesen Vorteil auf die Fremdsprache.»18 Er bezog sich dabei auf die Polemik gegen die Studie von Prof. Simone Pfenninger, die nachwies, dass das vielzitierte Schlagwort «Je früher desto besser!» nur dann zutreffend sei, wenn ein Kind in ein neues Land komme oder es von den Eltern zweisprachig erzogen werde und dass der Spracherwerb im natürlichen Umfeld nicht mit dem in der Schule zu vergleichen sei. Entsprechend relativierte ihre von Lehrmittelverlagen unabhängige Studie den Erfolg frühen Fremdsprachenunterrichts deutlich. Bedauernswerterweise werden Pfenningers Studienergebnisse bis jetzt von den zuständigen Stellen unterdrückt.19 Leider ist es nicht das erste Mal in der Sprachendiskussion, dass mahnende Stimmen belächelt oder die Ergebnisse ihrer Forschungen schlicht ignoriert werden. Bereits 1997 setzten der damalige Zürcher Bildungsdirektor Ernst Buschor und seine Lobby den Beginn des Englischunterrichts überraschend auf die zweite Primarklasse fest. Der Entscheid fiel nach einem Tagungsbesuch Buschors in den USA!20 Er warf damit im Kanton Zürich die bereits aufgegleiste Planung des Fremdsprachenunterrichts über den Haufen und verhinderte ein gemeinsames Vorgehen der Kantone. Der nachfolgende Schulversuch mit Frühenglisch zeigte dürftige Ergebnisse. Verschiedene unabhängige Studien verwiesen auf die falschen Annahmen bezüglich des frühen Sprachenlernens im Rahmen der Schule.21 Dennoch wurden Frühenglisch und Frühfranzösisch mit riesigem finanziellem Aufwand flächendeckend eingeführt. Dieses Vorgehen vernachlässigt die wichtige Bedeutung der Muttersprache als Fundament beim Erlernen einer Fremdsprache.

Politische Folgen – direkte Demokratie und Muttersprache

Die Schweiz hat mit ihrer direkten Demokratie ein politisches System, das vielerorts bewundert wird, weil die Bürgerinnen und Bürger viel Mitsprache haben. Das erfordert allerdings von ihnen einiges. So gilt es, sich in die teilweise komplexen Abstimmungsvorlagen bei Sachgeschäften einzulesen und Argumente und Gegenargumente gegeneinander abzuwägen. Das erfordert differenzierte Sprachkenntnisse, die weit über anwender­orientierte Sprachkenntnisse hinausgehen (wie sie zum Beispiel in den Pisa-Tests gefordert sind). Es gilt auch, die heute leider verbreiteten Worthülsen von Lobbyisten auf ihren Gehalt hin zu untersuchen und sprachliche Manipulationsversuche und Propagandatechniken zu durchschauen. Die Verwurzelung in der eigenen Sprache – der Muttersprache – ist in diesem Meinungsbildungsprozess entscheidend und macht es möglich, sich eine eigene fundierte Meinung zu bilden und auf dem Stimmzettel kundzutun. Zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, welches Gewicht die deutsche Sprache in unserer Volksschulen haben soll.    •

1    International Adult Literacy and Lifeskills Survey (ALL)
2    Lesen von zusammenhängenden Texten, Lesen von schematischen Darstellungen, allgemeine Rechenkompetenzen und Problemlösekompetenz
3    Im Rahmen der ALL-Studie (International Adult Literacy and Lifeskills Survey) haben in der Schweiz im Jahre 2003 und 2006 zwei Erhebungen stattgefunden. Die Publikationen der Resultate für die Schweiz wurden vom Bundesamt für Statistik herausgegeben und sind auf dem dafür eingerichteten Portal abrufbar.
 www.lesenlireleggere.ch/bfs_seite.cfm, abgerufen am 20.10.2016
4    vgl. Fuhrer, Kilian. Der Falschschreiber. Mein Umgang mit dem Buchstabensalat. 2011. ISBN 978-3-033-02742-8
5    vgl. Büro für Arbeits- und sozialpolitische Studien BASS AG (Hrsg). Volkswirtschaftliche Kosten der Leseschwäche in der Schweiz. Eine Auswertung der Daten des Adult Literacy & Life Skills Survey (ALL). Bern 2007. www.buerobass.ch/pdf/2007/leseschwaeche_zusammenfassung_d.pdf, abgerufen 20.10.2016
6    vgl. ETH beklagt tiefes Schulniveau. In: 20 Minuten vom 29.7.2012. www.20min.ch/schweiz/news/story/22971787, abgerufen am 23.10.2016
7    vgl. Donzé, René. Das sind die schwierigsten Berufslehren der Schweiz. In: NZZ am Sonntag vom 5.4.2015. www. schuleschweiz.blogspot.ch/2015/04/berufslehren-im-vergleich.html, abgerufen am 23.10.2016
8    ders.
9    vgl. «Keine taugliche Vorbereitung auf die Berufslehre mit dem Lehrplan 21». Flugblatt der Interessengemeinschaft «Eine Schule für unsere Kinder». www.eineschulefuerunserekinder.ch/data/documents/150707-Flyer2-mw-LP21-Berufsbildung_Flyer.pdf, abgerufen am 20.10.2016
10    Im folgenden wird der Begriff «Muttersprache» verwendet, weil er den Beziehungsaspekt mit einschliesst. Selbstverständlich sind damit ausser der Mutter auch andere frühe Bezugspersonen eingeschlossen.
11    vgl. Korntheuer, P.; Lissmann, I. & Lohaus, A. (2010). Bindungssicherheit und die Entwicklung von Sprache und Kognition. In: Psychologie in Erziehung und Unterricht, 57, 1, 1–20
12    vgl. Hart, B.; Risley, T.R. «The Early Catastrophe: The 30 Million Word Gap by Age 3.» Spring 2003. www.isites.harvard.edu/fs/docs/icb.topic1317532.files/09-10/Hart-Risley-2003.pdf, abgerufen am 20.10.1016
13    vgl. Streeck, Nina. Reden ist Gold. In: NZZ am Sonntag vom 19.4.2015
14    Die folgenden Ausführungen stützen sich hauptsächlich auf:     
    Geissmann, Hilda. Welche Bedeutung hat der frühe Wortschatz für den Spracherwerb? In: SAL-Bulletin. Nr.140, Juni 2011, S. 19ff.
    Schneider, Wolfgang; Ulman, Lindenberger (Hrsg.) Entwicklungspsychologie. Weinheim-Basel 2012. ISBN 978-3-621-27768-6
15    Adler, Alfred. Wozu leben wir? (1931). Frankfurt am Main 1976, S. 42
16    Widmer, Michèle. Wo es die meisten fremdsprachigen Schüler gibt. In: «Tages-Anzeiger» vom
26. Mai 2015. www.blog.tagesanzeiger.ch/datenblog/index.php/6789/wo-es-die-meisten-fremdsprachigen-schueler-gibt, abgerufen am 30.10 2016
17    Schweizerische Hochschule für Logopädie. Mein Kind lernt mehr als eine Sprache. Kindlicher Sprach­erwerb. (Flyer) www.shlr.ch/media/downloads_sal/broschüre%20mehrsprachig%202012%20web.pdf, abgerufen am 30.10.2016
18    Andreotti, Mario. Frühenglisch ein schulischer Leerlauf. In: St. Galler Tagblatt vom 21.9.2016
19    vgl. Burri, Anja. Wenn Forschungsresultate den Politikern missfallen. In: NZZ am Sonntag vom 18.9.2016
20    vgl. Liebe, Gisela. Wie kam das Frühenglisch in die Schweiz? In: Zeit-Fragen vom 16.8.2016
21    Bei Prof. Dr. Otto Stern von der Pädagogischen Hochschule Zürich war von der Zürcher Bildungsdirektion ein Gutachten in Auftrag gegeben worden, mit dem kritischen Einwänden gegen die Einführung von Frühenglisch fundierte Argumente entgegengewirkt werden sollte. Das Gutachten von Prof. Stern wurde von anderen Fachkollegen als Insider-Gutachten «durch die öffentliche Hand für die öffentliche Hand» in Frage gestellt. Prof. Dr. Rudolf Wachter, vergleichender Sprachwissenschafter an der Universität Basel, verfasste ein Gegengutachten, in dem er die Argumente Sterns widerlegte.