Erziehung bewusst gestalten und die Kinder stärken

von Dieter Sprock 

«Kinder wachsen und strecken sich, bis sie die Klinke erreichen und die Türe alleine öffnen können.» (Bild Evelyn Richter5)

Wenn wir uns die Frage stellen, wie wir unsere Kinder stärken können, so heisst das, die Frage nach der Erziehung zu stellen. Dabei gehe ich davon aus, dass Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen; sie sind bereit, ihr Herzblut zu geben. Ich habe schon Väter erlebt, die nach Gesprächen mit ihren bereits erwachsenen Kindern bitter geweint haben, weil sie den Eindruck hatten, sie hätten in der Erziehung alles falsch gemacht.

Dass Eltern ihre Kinder lieben und ihnen ein gutes Leben wünschen, entspricht der sozialen Natur des Menschen.

Natürlich gibt es auch tragische Fälle von Verwahrlosung und schwerster Verwahrlosung, häufig verbunden mit Alkohol- und Drogenkonsum oder neuerdings auch mit Eltern, die sich in der künstlichen Welt des Internets verlieren und darüber ihre Kinder «vergessen».

Daneben hat sich auch eine Art «Wohlstandsverwahrlosung» entwickelt, bei der teure Betreuungs- und Förderangebote den Platz der Familie einnehmen. Doch weder ehrgeizige Förderprogramme noch materielle Verwöhnung vermögen den liebevollen menschlichen Rückhalt der Familie zu ersetzen, den Kinder brauchen, um zu lebenstüchtigen Erwachsenen mit Sinn für die Erfordernisse des gesellschaftlichen Zusammenlebens heranzuwachsen.

Der gute Wille alleine genügt oft nicht

Im Alltag zeigt sich nun, dass der gute Wille alleine oft nicht genügt, denn im realen Leben steht jeder, der mit Kindern zu tun hat, immer wieder vor Herausforderungen, zu deren Bewältigung ausser dem guten Willen auch ein gewisses Mass an psychologischer Menschenkenntnis erforderlich ist. Diese kann helfen, dass Eltern sich und ihre Kinder besser verstehen, und gewisse, oft für beide ungünstige Entwicklungen zu verhindern oder bereits bestehende Verstrickungen aufzulösen.

Dazu ein kleines Beispiel: Ein Vater bekommt zufällig mit, wie ich seinem elfjährigem Sohn ein Kompliment für die fehlerfrei gelösten Rechnungen mache. Die Klasse hatte am Tag zuvor einige Aufgaben miteinander durchgerechnet, aber nur er hatte gemerkt, dass sich ein Fehler eingeschlichen hatte, und alle Ergebnisse richtig aufgeschrieben. Als ich wohlwollend hinzufüge: «Du hättest es uns ruhig sagen können», schaltet sich der Vater ein und sagt verärgert: «Siehst du, vorhin haben wir noch darüber gesprochen, dass man miteinander reden soll.»

Da haben wir die ganze Problematik der Erziehung vor uns: Auf der einen Seite den Vater, der mit seinem Sohn nicht zufrieden ist und sich ärgert, weil er seinen Vorstellungen nicht entspricht, und auf der anderen einen überaus nervösen Buben, der getrieben ist und überall der Beste sein muss, der aber den hohen Anforderungen des Vaters nie genügen kann.

Ich bin sicher, der Vater hätte die Bemerkung nicht gemacht, wenn ihm bewusst gewesen wäre, dass sein Ärger eigentlich wenig mit seinem Sohn, sondern mehr mit seinen eigenen unbewussten Ansprüchen an sich selbst zu tun hat. – Er wollte seinem Sohn bestimmt nicht schaden.

Alfred Adler und die Individualpsychologie

Die Entdeckungen von Siegmund Freud und Alfred Adler haben das Fundament zum Verständnis des menschlichen Seelenlebens gelegt und dem Erziehungsgedanken entscheidende Impulse gegeben. Heute, nach mehr als hundert Jahren tiefenpsychologischer Forschung rund um den Erdball, wissen wir zweifelsfrei, dass die Weichen für die spätere Ausgestaltung von Charakter, Intelligenz und Lebensführung in den ersten Lebensjahren gestellt werden. Dabei sollte nicht verschwiegen werden, dass wir das Wissen um die Bedeutung der Kindheitserlebnisse und insbesondere der Erziehung vor allem den Befunden von Alfred Adler und seiner Individualpsychologie zu verdanken haben.

Der Wiener Arzt und Psychologe Alfred Adler (1870 –1937) war unter den Pionieren der Tiefenpsychologie zweifellos derjenige, welcher der Erziehung und den Folgen von Erziehungsfehlern die grösste Aufmerksamkeit schenkte. Nachdem er bereits als junger Arzt erkannt hatte, dass die körperlichen Erkrankungen seiner Patienten häufig seelische Ursachen hatten, die sich oft bis in die frühe Kindheit zurückverfolgen liessen, erweiterte er seine ärztliche Tätigkeit um die Erforschung und Behandlung seelischer Erkrankungen und sein Engagement in der Lehrerausbildung und der Erziehungsberatung. Ohne Verbesserung der Erziehung, war seine Überzeugung, gibt es keine wirksame Prophylaxe und darüber hinaus auch keine kulturelle Entwicklung. Adler ging sogar so weit, den Wert einer Psychologie an ihrem Nutzen für die Kindererziehung zu messen.1

In Abgrenzung zur Psychoanalyse Siegmund Freuds nannte Adler seine Lehre Individualpsychologie, womit er die «Unteilbarkeit» und «Einzigartigkeit» des Individuums betonen wollte. Zugleich verband er damit die Forderung, jeden Menschen als unwiederholbar und einmalig zu verstehen und zu schätzen. Im Zentrum steht das Gemeinschaftsgefühl.

Für Adler war der Mensch ein freies Wesen, das hauptsächlich durch seine Kultur bestimmt wird und nicht durch Triebe und Instinkte. Er bekämpfte die Festlegung des Menschen durch den Glauben an eine schicksalhafte Determiniertheit menschlichen Lebens.

Adler lenkte die Aufmerksamkeit auf den finalen Charakter menschlichen Handelns und fügte damit der Betrachtung menschlicher Lebensäusserungen einen Aspekt hinzu, den es auch in der Kindererziehung zu beachten gilt; Denken, Fühlen, Wollen und Handeln sind auf ein Ziel gerichtet. «Wohin rollst du Äpfelchen?»

In der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg gründete Adler mit seinen Mitarbeitern und Schülern in Wien zahlreiche Erziehungsberatungsstellen, die von Eltern, Lehrern und Interessierten rege genutzt wurden. Adler selbst hielt in ganz Europa zahllose Vorträge, bis die aufkommende ideologische und politische Diktatur die Verbreitung seines freiheitlichen Gedankengutes nicht mehr duldete. Seine Schüler wurden von den autoritären Machthabern verfolgt und muss-ten fliehen. Adler setzte seine Arbeit zwar in den angelsächsischen Ländern fort, doch haben Diktatur, Krieg und die nachfolgenden politischen und kulturellen Entwicklungen verhindert, dass psychologische Menschenkenntnis Allgemeingut wurde, ein Mangel, unter dem die Erziehung und die Kultur des Zusammenlebens bis heute leiden.2

Kinder handeln eigenständig und zielgerichtet

Alles Leben drängt zum Licht. Auch Kindern ist der Drang, sich zu entwickeln, eingeboren. Wir müssen ihnen nicht sagen, dass sie laufen sollen. Sie wachsen und strecken sich, bis sie die Klinke erreichen und die Türe alleine öffnen können.

Kinder sind eigenständige Individuen, ausgestattet mit einer eigenen Befindlichkeit, die sowohl körperlich als auch seelisch bedingt ist. Sie sind lange auf die Fürsorge der Eltern angewiesen und entwickeln erst in der Auseinandersetzung mit ihren Lebensumständen ihren eigenen unverwechselbaren «Lebensstil», ihre ganz persönliche Art, auf die Herausforderungen des Lebens zu reagieren.

Kinder – und nicht nur Kinder – handeln aus eigenem Antrieb, sie haben ihren eigenen Willen und verfolgen ihre eigenen Ziele. Menschliches Verhalten ist zielgerichtet, auch wenn sich das Ziel nicht immer so offen präsentiert, wie in dem folgenden kleinen Beispiel: Zu Beginn einer zweiwöchigen Vertretung in einer vierten Primarklasse fällt am ersten Morgen ein Junge durch seine grosse Nervosität besonders auf, so dass ich ihn einige Male anspreche. Als ich die Schüler um zwölf Uhr vor der Mittagspause an der Türe einzeln verabschiede und ihm seinen Namen sagen kann, strahlt er mich an und sagt: «Gälled Sie, min Name kännet Sie.» Er hatte sein Ziel erreicht und war im weiteren Verlauf des Vikariats kaum mehr auffällig.

Die Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit folgt keiner zwingenden Kausalität: Ein Kind, das überbehütet und kleingehalten wird und dem die Eltern ständig zu wenig zutrauen, kann sowohl passiv und antriebslos werden, wenn es sich der Überbehütung unterzieht, aber auch oppositionell oder hyperaktiv, wenn es sich dagegen auflehnt; jedes Kind verarbeitet die äusseren Einflüsse auf seine ganz persönliche subjektive Weise.

Unsichere Eltern neigen nun aber dazu, sich für die Stimmung ihres Kindes verantwortlich zu fühlen und bei sich nach Fehlern zu suchen, wenn es nicht zufrieden ist. Sie sind ständig bemüht, ihr Kind bei Laune zu halten, was zumeist nur dazu führt, dass dieses zunächst sie und später alle Welt für seine schlechte Laune verantwortlich macht.

Statt verwöhnen, …

Wenn Eltern ihre Kinder stärken wollen, sollten sie vermeiden, sie zu verwöhnen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das ist kein Appell für weniger Liebe und mehr Distanz. Ohne Liebe und Geborgenheit kann ein Kind kein Vertrauen entwickeln, weder zu sich noch zu den anderen Menschen. Die Psychologen und Bindungsforscher Karin und Klaus Grossmann sprechen von «psychischer Sicherheit», die aus «menschlicher Zuneigung» entsteht,3 und Alfred Adler, der zeitlebens vor den Folgen der Verwöhnung warnte, sah im Mangel an Liebe den Grund für viele menschliche Verfehlungen.

Bei der Verwöhnung geht es nicht um ein Zuviel an Liebe, sondern um Haltungen, welche die Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit einschränken und sie in eine falsche Richtung lenken.

Zu den verwöhnenden Haltungen gehören alle Formen von Überbehütung, wie dauernde Überbesorgnis und Zweifel, ständige Warnung vor Gefahren, Unterforderung, wenig Zutrauen in die Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes; ebenso die Bereitschaft, dem Kind Aufgaben abzunehmen, die es selber bewältigen kann, keine Anstrengung zu erwarten und ihm alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen; aber auch unangemessene Bewunderung und überschwengliches Lob oder die Überhäufung mit Geschenken, Spielsachen und auch mit übertriebenen Zärtlichkeiten und Versprechen; und nicht zuletzt das Fehlen klarer Grenzen und die Tendenz, dem Kind alle Wünsche zu erfüllen und sich erpressen zu lassen.

«Verwöhnung», schreibt Jürg Frick in seinem Buch «Die Droge Verwöhnung» «heisst letztlich die Logik des menschlichen Zusammenlebens ausser Kraft setzen. […] Verwöhnte Kinder und Jugendliche übergehen glatt die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen. Sie kennen nur ein ‹Ich will›, ‹jetzt›, ‹sofort›. Warten ist ihnen fremd.»4

… die Kinder stärken

Erziehung hat die Aufgabe, Kinder zur aktiven Bewältigung ihres Lebens zu befähigen und sie so mit den Mitmenschen zu verbinden, dass sie bereit und fähig werden, in Kooperation mit ihnen einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Es ist wichtig, sie angemessen zu fördern und zu fordern. Kinder müssen lernen, sich mit Anforderungen auseinanderzusetzen und sich ihnen zu stellen. Das erfordert Mut und Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Es stärkt Kinder, wenn sie schon früh Verantwortung für kleine Aufgaben übernehmen können. Altersgemässe Anforderungen bieten Gelegenheit, die eigenen Fertigkeiten zu trainieren, und mit jeder erfolgreichen Anstrengung wachsen die Kraft und die Zuversicht.

Kleine Ermutigungen wie: «Du hast schon viel gelernt», «Das wird dir gelingen», «Versuch es noch einmal» und andere aufmunternde Worte können Kinder unterstützen, wenn sich der Erfolg nicht so leicht einstellen will und die Ausdauer zu erlahmen droht. Es sind Zeichen der Aufmerksamkeit, die jedes Kind braucht. Doch Vorsicht, ermutigen heisst nicht übernehmen!

Kinder brauchen von Anfang an verbindliche Regeln und Grenzen, und zwar nicht nur, um sie vor Gefahren zu schützen. Regeln, Grenzen und eine klare Werthaltung der Eltern geben ihnen Orientierung und fördern die Persönlichkeitsentwicklung. Sie verhelfen Kindern zu einer realistischen Einstellung zum Leben.

Eltern, die ihre Kinder stärken wollen, sollten ihnen diese wichtige Erfahrung nicht vorenthalten.          •

1  Liebling, Friedrich. Die Bedeutung Alfred Adlers für die moderne Psychologie. In: Friedrich Liebling. Aufsätze, Zürich 1982, S. 13f.
2  Bottome, Phyllis. Alfred Adler aus der Nähe porträtiert, London 1939, deutsch Berlin 2013. Das Buch ist geeignet, um Alfred Adler und die Individualpsychologie kennenzulernen.
3  Grossmann, Karin und Klaus E. Bindung – das Gefüge psychischer Sicherheit, Stuttgart 20146, S. 19
4  Frick, Jürg. Die Droge Verwöhnung, Bern 20053, S. 27
5 Schmidt, Hans-Dieter und Richter, Evelyn. Entwicklungswunder Mensch. Berlin 19812, S. 37