Öffentliche Bildung als private Geldquelle

von Carl Bossard

Privatschulen in der Schweiz ­boomen. Gleichzeitig drängen private ICT-Firmen und internationale Technologiekonzerne in die öffentliche Bildung. Und die Rolle der Politik? Ein kritischer Zwischenruf.

Wie Pilze schiessen sie aus dem Boden, die privaten Schulen, fast im Monatstakt.1 Rund 5 Prozent der Schüler in der Schweiz gehen in eine Privatschule. Allein der Kanton Zürich zählt 165 solcher Institutionen; seit 2010 bedeutet das einen Zuwachs von etwa 20 Prozent. Viele Eltern misstrauen den öffentlichen Schulen und suchen eine Alternative. Sie greifen zum Teil tief in die Taschen. Gutverdienende Eltern können sich das eher leisten und ihre Kinder gesondert beschulen lassen.

Viele Gründe – problematische Entwicklung

Private Schulen gab es schon immer. Erinnert sei an die nicht-profitorientierten konfessionellen Klosterschulen mit Matura und Lehrerinnenbildung, die Evangelischen Lehrerseminare Unterstrass Zürich und Schiers oder das Freie katholische Lehrerseminar St. Michael Zug, dazu an reformpädagogisch orientierte Schulen in der Nachfolge von Maria Montessori und Célestin Freinet, Paul Geheeb und Rudolf Steiner. Sie entstanden aus religiösen Motiven oder erzieherischen Idealen. In vielen Bereichen leisteten diese Institutionen pädagogische Pionierarbeit und waren wichtige Wegbereiter für Reformen in den staatlichen Schulen.
Private Schulen haben darum ihren unverzichtbaren Wert. Sie müssen aber allen zugänglich sein und möglichst hohe Chancengleichheit anstreben. Die Schranke darf nicht im Portefeuille liegen; das widerspricht diesem Grundsatz. Doch der Drang in die private Alternative ist spürbar.
Die Abkehr von der Volksschule hat viele Gründe: zu heterogene Klassen, zu grosser Druck durch die vielen Fächer, fehlendes Lern- und Leistungsniveau, lascher Unterrichtsstil oder mangelndes Vertrauen in die Lehrperson. Die Eltern schauen heute genauer hin. Ihre Ansprüche steigen. Oft muss es das Gymnasium sein. Allenfalls halt ein privates.

Die soziale Kohärenzkraft der Schule erodiert

Ein bevorzugtes Terrain für gewinnorientierte neue Privatschulen ist der Schwyzer Bezirk Höfe am oberen Zürichsee. Die Obersee Bilingual School oder die Swiss International School sind nur zwei Beispiele. Der Kanton bewilligt ihnen Privilegien, die er den eigenen Mittelschulen verwehrt, so z. B. das Führen des Langzeitgymnasiums. Gegen 25 Prozent der Oberstufenschüler haben hier den öffentlichen Schulen bereits den Rücken gekehrt. Sie bevorzugen private Anbieter.
Margrit Stamm, emeritierte Professorin der Universität Freiburg und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Bern, spricht von einem neuen, gefährlichen Parallelsystem: Wenn diese Tendenz zunimmt und nicht mehr Potential und Leistungsstärke über die Bildung eines Kindes entschieden, sondern das Portemonnaie, führe dies zu einer wachsenden Segregation. «Die Chancengerechtigkeit sinkt, und die öffentlichen Schulen geraten ins Hintertreffen.»2

Heterogenität ist nicht beliebig steigerbar

Damit spricht die Bildungswissenschaftlerin die Kohäsionskraft der Schule an und ihre Funktion als soziales Bindeglied: Kinder aus allen gesellschaftlichen Schichten lernen sich mindestens in der Primarschule kennen. Dieser gesellschaftliche Kitt ist für ein Land wie die Schweiz bedeutsam – vielleicht ebenso grundlegend wie Frühfranzösisch in der Primarschule.
Darum muss die Bildungspolitik alles daransetzen, «entgegenkommende Verhältnisse» zu schaffen, wie es der Soziologe Jürgen Habermas fordert. Heterogenität ist nicht beliebig steigerbar. Der «Aufstand der (Basler) Lehrer» und der offene Brief von mehreren hundert Berner Pädagogen sind Alarmzeichen.3 Ebenso die jüngsten Pisa-Ergebnisse. Oder das Faktum, dass für KV-Stellen in Banken und Versicherungen, in der Chemie und Verwaltung «zwei Drittel der Bewerber ausscheiden, da sie die Qualifikationen nicht erfüllen».4 Solche Tatsachen schaden dem Ruf der öffentlichen Schulen und begünstigen den Exodus.

Google & Co. drängen in die Klassenzimmer

Der Auszug aus den staatlichen Schulzimmern ist das eine Phänomen, der Einzug privater Anbieter in die Bildung aber die eigentliche und auslösende Problematik. «[…] Globale Technologiekonzerne wie Google wittern das grosse Geschäft mit der Digitalisierung», schrieb die NZZ am Sonntag vor kurzem.5 Gar von «Googlifizierung» der Bildung spricht die «Süddeutsche Zeitung».6
Mit der Digitalisierung lässt sich Geld verdienen. Sehr viel sogar. Analysten der Bank Julius Bär schätzen, dass 2017 im globalen Bildungsmarkt bis zu 7,8 Billionen (= 7800 Milliarden) Dollar umgesetzt werden. Dazu die NZZ am Sonntag: «Eine weltumspannende, gewinnorientierte Bildungsindustrie breitet sich aus.» Sie macht auch vor der Schweiz nicht halt.

Die Digitaltechniken dominieren den Alltag

Wir alle wissen: Der Computer, das Internet, die Sozialen Medien lassen sich nicht mehr wegdenken. Die Digitaltechniken sind in nahezu alle Lebensbereiche vorgedrungen; sie bestimmen unseren Alltag. Ohne Wenn und Aber. Ein Zurück gibt es nicht.
Das digitale Panoptikum von Internet, Smartphone und Google Glass bestimmt auch die Lebenswelt der Jugendlichen – und verändert das Unterrichten. Der Schul- und Lernalltag digitalisiert sich.

Bildung mit industriellem Charakter

Die öffentliche Schule steht vor einem grossen Umbruch. Die multinationalen Konzerne machen Druck. Die Digitalisierung wird vorangetrieben. 2012 waren noch die kollektiven Massive Open Online Courses MOOC der neueste Wurf der digitalen Bildung; die «New York Times» rief «Das Jahr des Mooc» aus. Das ist bereits passé. En vogue ist momentan der virtuelle Tutor. Er beschult die jungen Menschen persönlich – und zwar von Kindsbeinen an über die gesamte Bildungsvita.
Das geht so: Ein Schüler erhält täglich den auf ihn zugeschnittenen Lehrplan; ein Rechenzentrum erstellt ihn über Nacht. Die Lernsoftware ermittelt für jeden Studenten die optimalen Fächer und überwacht seine Arbeitsschritte. Algorithmen analysieren seine Lernfortschritte und übermitteln ihm Feedbacks, erkennen seine Fehler, zeigen Lösungswege und berechnen die nächsten Lernaufgaben. Dazu gehören auch die voraussichtlichen Abschlussnoten.

Auch «personalisiertes» Lernen braucht ein Vis-à-Vis

Diese Arbeit am Display oder Touchscreen, gesteuert per Algorithmus bei gleichzeitig automatisierter Kontrolle, nennt sich «personalisiertes» Lernen. Ein Euphemismus! Die im Schulalltag verpönte Instruktion wird in der digitalen Variante veredelt. Eine Rückkehr zum Frontalunterricht in anderer Form, allerdings nicht im sozialen Kollektiv, sondern in didaktischer Einzelhaft. Jeder schaut für sich allein, begleitet von einer Software. Wen der virtuelle Tutor so erzieht, dem wird es allerdings an nichts fehlen. Ausser am Glück der Erkenntnis. Sie bleibt ihm wohl fremd.7
Der heutige Unterricht kommt nicht ohne moderne Medien aus – das steht ausser Zweifel. Das Lernen darf jedoch nicht allein von der Digitaltechnik determiniert sein. Ohne ein interessiertes und engagiertes Gegenüber geht es nicht. Auch für digitale Technik und neue Medien gilt eben der didaktische Primat: Der Mensch ist und bleibt des Menschen Lehrer. Darauf weisen alle empirischen Befunde hin. «Die verstärkte Nutzung digitaler Medien führt […] nicht per se zu besseren Schülerleistungen. Vielmehr kommt es auf die Lehrperson an», resümierte die grosse Telekom-Studie von 2015.8 Und sie bleibt mit ihrer Erkenntnis nicht allein.

Die gegenhaltende Kraft der Praxis

Jede Einsicht von Bedeutung will gedanklich erarbeitet sein. Das erspart uns keine Maschine. Die vital präsente Lehrerin, der fachlich überzeugende Dozent behalten darum ihren Platz im Unterrichtsraum. Die Effektwerte entspringen ihrem Unterricht und aus dem persönlichen Lehrer-Schüler-Kontakt. Das zeigen die Resultate der umfangreichen John-Hattie-Studie ebenso wie die Forschungsergebnisse der Neurobiologen Gerhard Roth und Joachim Bauer. Und aus der eigenen Schulzeit wissen wir es alle.
Gesunder Menschenverstand kann manchmal nicht schaden. Wenn Ideen und Innovationen beginnen, sich in Ideologien und exklusiven Kommerz zu verwandeln, sollten Pragmatiker und Empiriker gegensteuern. Das gilt für den gesellschaftspolitisch problematischen frühen Drang in die Privatschulen, das gilt ganz besonders für die aktuelle und von Internetkonzernen forcierte einseitige Digitalisierung unserer Schulen.    •

1    Jeitziner, Denise. Die Besserwisser, in: SonntagsZeitung, 19.3.2017, S. 53f.
2    Müller, Robert. Ein Kampf um reiche Kinder im Steuerparadies, in: WOZ, 5.3.2015
3    Pastega, Najda. Das Leiden der Lehrer, in: SonntagsZeitung, 26.3.2017, S. 2f.; Jones, Naomi. Lehrer wollen nicht mehr alleine unterrichten, in: Der Bund, 16.3.2017; Aschwanden, Marius. Über 800 Berner Lehrer fordern Unterricht im Team, in: Berner Zeitung, 18.3.2017
4    Franziska Pfister, Mangel an KV-Lehrlingen nimmt zu, in: NZZ am Sonntag, 16.6.2017, S. 29
5    Burri, Anja. Privatfirmen drängen in die öffentliche Bildung, in: NZZ am Sonntag, 11.6.2017, S. 1, 18f.
6    Hulverscheidt, Claus. Digitalisierung an Schulen – Google drängt in die Klassenzimmer, in: Süddeutsche Zeitung, 16.6.2017
7    Thiel, Thomas. Digitales Lernen. Entmündigung als Bildungsziel, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.7.2016
8    Bos, Wilfried. Institut für Schulentwicklung IFS der TU Dortmund, in: Schule digital. Der Länder­indikator, 2015, S. 8

Quelle: Journal 21 vom 20.6.2017