Welche Rolle könnte Europa spielen?

rl. Noch nie war der Einfluss der US-amerikanischen Eliten in Europa so gross. Selbst der innenpolitische Machtkampf nach der Wahl des neuen Präsidenten findet seinen heftigen Niederschlag in den europäischen Medien, so als ob wir ein amerikanischer Bundesstaat seien. Es wird mit härtesten Bandagen gestritten, verleumdet und gelogen. – Wir konnten dort nicht mitwählen. – Aber wir werden weiterhin auf das engste von den politischen Entscheiden Washingtons betroffen sein.
Frei bestimmen konnten die Staaten Westeuropas ihr eigenes Schicksal schon seit 1945 kaum mehr, nur noch nachvollziehen, was jenseits des Atlantiks geplant wurde.
In den vergangenen sechs Jahrzehnten haben die westeuropäischen Gesellschaften grosse Teile ihrer kulturellen Identität zugunsten des breit propagierten, aber fragwürdigen amerikanischen Gesellschaftsmodells (American dream) aufgegeben. Doch hinter den Schlagworten Konsum, Massendemokratie oder Hollywood verbirgt sich bekanntlich eine oberflächliche Kultur, verknüpft mit einer sozialdarwinistischen Ideologie, einer menschlichen Entwurzelung und einem Raubtierkapitalismus, der die eigene Bevölkerung verarmen lässt. Die Situation in den USA selbst hat sich inzwischen derart zugespitzt, dass ein Drittel der US-Bürger von Armut bedroht ist, viele keine medizinische Betreuung mehr erhalten, Arbeitsplätze ins Ausland abwandern und der Staat in endlose Kriege verwickelt ist, die er mit der Notenpresse (auf Kosten der Bevölkerung und der Welt) finanzieren lässt.
Wo möchten sich die Staaten Europas in den nächsten Jahren wiederfinden? Welche Rolle können sie spielen? Werden sie, wie verlangt, brav ihren Wehr-Etat erhöhen, um die militärischen Abenteuer einer US-Administration und ihres «militärisch-industriellen Komplexes» zu bedienen? Welche konstruktiven Botschaften können aus der langen Geschichte der europäischen Staaten über den Atlantik gesendet werden, um Bausteine für eine bessere amerikanische Politik zu liefern?
Zu denken wäre aus der langen Geschichte der christlich-abendländischen Kultur heraus besonders an den Gemeinwohlgedanken in all seinen Ausformungen: etwa den Sozialstaatsgedanken, die soziale Marktwirtschaft, die Allmenden, den Genossenschaftsgedanken, die Einrichtungen der Daseinsvorsorge oder die Volksschulbewegungen. Ferner hat das kulturelle Erbe aus der Antike über den Humanismus und die Aufklärung wegweisende Erungenschaften für das menschliche Zusammenleben hervorgebracht, zum Beispiel die bürgerlichen Rechte oder die ausdifferenzierten demokratischen Modelle der Selbstbestimmung. Europa als Wiege der Demokratie und der Menschenrechte hat viel zu bieten. (vgl. «Manifest für Europa», veröffentlicht in Zeit-Fragen, Nr. 24, 15. September 2015 http://www.zeit-fragen.ch/de/ausgaben/2015/nr-24-15-september-2015/manifest-fuer-europa.html)    •