Recht auf Rückkehr dem Volk der Sahraouis gewähren

Eindrücke einer Reise in die Flüchtlingslager der Sahraouis

von Dr. phil. Henriette Hanke Güttinger, Historikerin und Psychologin

Im Oktober treffe ich bei Freunden in Asturien per Zufall José Louis, der sich mit Herzblut bei den Amigos Saharaui engagiert und öfter in den Flüchtlingslagern weilt. Er berichtet, dass traditionellerweise sechs- bis achttausend Kinder aus den Flüchtlingslagern die heissen Sommermonate in spanischen Familien verbringen, um dann wieder aufgefüttert und frisch eingekleidet zu ihren Eltern zurückzukehren. Die Krise von 2008 habe leider zu einem Einbruch geführt, nicht aus Mangel an Solidarität, aber aus Mangel an finanziellen Mitteln.Im Flugzeug von Algier nach Tindouf kommen wir eine Woche später mit einer jungen Sahraouie­-Frau ins Gespräch, die als schwerkrankes Kind von einer italienischen Familie aufgenommen wurde und dort Kindheit und Jugend verbrachte. Heute arbeitet sie in Italien. Sie ist aber eine Sahraouie geblieben und besucht ihre Familie in den Lagern so oft sie kann.Diese gelebte Solidarität mit den Sahraouis, wie sie in vielen Projekten aus unterschiedlichsten Ländern in den Lagern zum Ausdruck kommt, hat mich tief beeindruckt; so auch die Arbeit des Schweizerischen Unterstützungskomitees für die Sahraouis SUKS. Solidarität gibt den Rückhalt, der in schwierigen Situationen lebensnotwendig ist. Und die Situation der Sahraouis ist eine schwierige: Die internationale Gemeinschaft beugt sich machtpolitischen Interessen und entzieht sich damit ihrer Pflicht, das vereinbarte Referendum über die Zukunft der Westsahara durchzuführen. Das macht die Solidarität aus den Zivilgesellschaften um so notwendiger. Die Herzlichkeit und freundschaftliche Verbundenheit, die bei Begegnungen zwischen Elisabeth Bäschlin, Präsidentin des SUKS und den Verantwortlichen in den Lagern da war, zeigt, wie sehr diese Solidarität geschätzt wird.Bewegend waren der Ernst, die Entschiedenheit und die Ausdauer, mit denen die Sahraouis ihre Aufgaben in den Lagern wahrnehmen. Nach einem Studium in Algerien, Kuba, Libyen, Syrien oder Spanien sind sie in die Lager zurückgekehrt, um ihr Wissen für die Bevölkerung und für die Vorbereitung der Rückkehr in die Westsahara nutzbar zu machen.

So auch der Agronom Taleb Brahim, der uns einen der Familiengärten zu Beginn der Vegetationszeit zeigt, wo man bereits die ersten Keimblätter der Rüebli, Randen, Zucchetti oder Gurken sieht, sorgsam bewässert aus dünnen Plastikschläuchen, die tröpfchenweise Wasser abgeben und damit für gutes Gedeihen sorgen. Von Dezember bis Juni kann jeweils geerntet werden, danach legt die glühende Sommerhitze alles lahm. Ursprünglich Nomaden, haben die Sahraouis keinerlei Erfahrung beim Anbau von Nahrungsmitteln. Gärten sind für sie Neuland, erklärt uns Taleb. Doch dadurch hätten sie die Möglichkeit, von Anbeginn an zu lernen, biologisch anzubauen, ohne die Fehler der Europäer mit Chemie und Kunstdünger machen zu müssen. Einen Familiengarten anzulegen, bedeutet auch, dass die Familie bereit sein muss, einen Teil des Wassers, das ihnen zugeteilt wird, für den Garten zur Verfügung zu stellen. Als erstes muss die Familie den künftigen Garten mit einer zwei Meter hohen Mauer aus selbstgefertigten Bausteinen einfassen, um ihn vor Ziegen und Sandstürmen zu schützen.

Viele Sahraouis sind in den Lagern geboren. Jeder erhält die gleiche Ration von den internationalen Organisationen. In den Anfängen der Flüchtlingslager waren alle sehr tatkräftig. Mit der Zeit hat sich dann eine Abhängigkeit verbunden mit Untätigkeit eingestellt. Das müsse sich wieder ändern, betont Taleb. Man müsse den Kindern zeigen, dass die Zukunft in ihrer Hand liegt. Man müsse sie in dieser Mentalität erziehen: «Wir müssen schauen, wie wir unsere Bedürfnisse selber befriedigen können.» Mit grosser Entschiedenheit und innerer Entschlossenheit betont er: «Eines Tages kehren wir zurück. Dort haben wir nichts und müssen alles aus eigener Hand erschaffen. Landwirtschaft und Gärten sind dabei wichtig.»In einem weiteren Garten blüht üppigstes Basilikum. Taleb hält in seinen Händen voller Stolz Humus, den er mit Hilfe von Kompost angereichert hat. Er ist weich und sandig. Auch hier wird organisch angebaut, was zu einer grossen Anzahl von Mikroorganismen führt, die für eine gute Bodenqualität sorgen. Neben Feigenbäumen hat es auch Moringa­Bäume. Sie wachsen schnell und ihre Blätter sind essbar und sehr vitaminreich, eine willkommene Nahrungsmittelergänzung.

Wo immer wir einen Besuch machen, sei es in der Krankenpflegeschule, im Regionalspital, in den Schulen oder im Zentrum der Trinkwasseraufbereitung, treffen wir auf eindrückliche Persönlichkeiten. Sie haben nicht aufgegeben. Ihr Wille zur Rückkehr in die Heimat und die Vorbereitung dazu sind ungebrochen – trotz widrigster Umstände und dem Wortbruch der internationalen Gemeinschaft. So der Direktor des Regionalspitals, der in Algerien Pharmazie studiert hat. Er zeigt uns die spärliche Zentralapotheke für die gesamte Wilaya1, für 40 000 Menschen: Es fehlt an vielen Medikamenten, vor allem auch für Kinder, die oft an Bronchitis, Husten und Ohrenproblemen leiden. Im Sprechzimmer des Spezialarztes für Endokrinologie, der in Kuba und Spanien studieren konnte und seit 25 Jahren im Regionalspital tätig ist, erfahren wir, dass Kröpfe sehr verbreitet sind, denn im Trinkwasser hat es kein Jod. Auch Diabetes kommt häufig vor, vor allem der Typus 2, bedingt durch die einseitige Ernährung und den Mangel an Bewegung. Ebenso engagiert ist der Kinderarzt, der noch in der spanischen Kolonie Sahara und später in Kuba studiert und sich in Frankreich und Italien spezialisiert hat. Er arbeitet eigentlich im Gesundheitsministerium, praktiziert aber gleichzeitig regelmässig in allen Regionalspitälern. Nur am Freitag hat er frei. Stolz führt er uns ein Ultraschallgerät vor. Das Spital verfügt zurzeit über 50 Betten. Er erklärt uns, dass die besondere Sorge schwangeren Frauen und den Kindern gelte. Zwischen dem 1. und 5. Jahr werde das Gewicht präventiv überprüft. Für die Schulkinder bis 14 Jahre gebe es regelmässige Gesundheitschecks. Zudem sei für jede Schule eine Krankenschwester zuständig. Geimpft werde gegen Hepathitis B, Polio, Tetanus, Keuchhusten, Diphterie, Röteln und Masern, jedoch nicht gegen Meningitis und Rotaviren. Zwar würden UNHCR und WEP (Welternährungsprogramm) eine Zusatznahrung für Kleinkinder und schwangere Frauen abgeben. Aber der Qualitäts- und Quantitätsmangel der Ernährung wirke sich auf die Gesundheit aus: Mit einer ausgewogenen und genügenden Ernährung würde es viele Erkrankungen gar nicht geben.

Später sitzen wir im grossen Kreis mit der Dichterin Khadra Mint Laameiri. Ungebrochen trägt sie mit grosser Ausdruckskraft, Energie und innerer Beteiligung einige Gedichte vor. Unsere sahraouischen Fahrer und Begleiter und Begleiterinnen sind tief bewegt, in ihren Augen stehen Tränen. Khadra ist eine grosse Dichterin und wird von den Sahraouis, die Dichtung lieben, hochgeschätzt. Sie begann erst nach der Vertreibung von 1975 zu dichten. Ihre Gedichte sind in Rhythmus und Reim in striktem arabischen Versmass gehalten und nicht niedergeschrieben, sie rezitiert sie alle auswendig. Sie sind gelebte Geschichte: «Ihr seid als Kolonisatoren zu uns gekommen. Andere waren aber vor euch da, und ihr habt keine Rechte hier.» In einem anderen Gedicht beschreibt sie, wie sie, die bereits etwas ältere Frau, mit jungen Soldaten in der Armee gekämpft hat. Die sahraouischen Soldaten waren sehr jung und haben gekämpft wie die Löwen – ohne Angst vor dem Tod. In diesem Gedicht kommt ein grosser Stolz auf die jungen Sahraouis zum Ausdruck.Trotz aller Widrigkeiten sind diese ungebrochene Würde, die sahraouische Identität und der Wille zur Rückkehr in die ursprüngliche Heimat in allen Generationen heute noch da. Man liest es auch eingeschrieben in grossen arabischen Schriftzügen auf einer grossen Sanddüne im Hintergrund der Krankenpflegeschule: «Entweder die Rückkehr oder der Tod.» Es ist dieses Recht auf Rückkehr, das dem Volk der Sahraouis endlich gewährt werden muss.    •

1    Die Flüchtlingslager bestehen aus vier Wilayas (Provinzen).

Quelle: Saharainfo Nr. 133, Dezember 2014. Herausgeber: SUKS / Schweizerisches

Unterstützungskomitee für die Sahraouis, Postfach 8205, 3001 Bern, suks(at)arso.org, www.suks.ch

Der Konflikt um die Westsahara

hhg. Die Westsahara war lange spanisches Kolonialgebiet mit reichen Phosphatvorkommen und ergiebigen Fischgründen vor der langen Küste. 1960 beschloss die Generalversammlung der Uno im Zuge der Entkolonisierung die Resolution 1540, welche «allen Völkern das Recht auf Selbstbestimmung» zusprach. 1966 forderte die Uno Spanien auf, ein Referendum über die Unabhängigkeit der Westsahara abzuhalten. Auch der Internationale Gerichtshof in Den Haag stellte das Recht der Sahraouis auf Unabhängigkeit fest. 1975 schloss Spanien jedoch mit Marokko und Mauretanien ein Abkommen. Während sich Spanien aus der Westsahara zurückzog, besetzten Marokko und Mauretanien das Gebiet gegen den bewaffneten Widerstand der Sahraouis. Ein Teil der Bevölkerung verblieb in der Westsahara und ein Teil flüchtete in die algerische Sahara, wo die Sahraouis seither in Flüchtlingslagern in der Nähe von Tindouf leben.
Bis heute ist das Recht der Sahraouis auf Selbstbestimmung nicht verwirklicht – eine Aufgabe, die für die Weltgemeinschaft ansteht.

Zu Gast in einer sahraouischen Familie

hhg. Als Gäste schlafen wir im schönsten Zimmer des Hauses. Vier kleine Fenster ohne Glas mit Gitterdraht und Holzläden. Eine resedagrüne Säule im Durchgang, unten und oben hellviolett; eine ungewohnte Farbzusammenstellung, die aber für das Auge angenehm ist. Links und rechts der Säule ein Tüllvorhang, tagsüber mit einem Band gerafft, so dass der Durchgang frei ist. Drei Querbalken tragen das Wellblechdach. Farbige Polster an den Wänden, auf denen man bequem sitzen und nachts gut schlafen kann, der Boden bedeckt mit farbigen Teppichen. Ich erwache, weil ein kleines Kind leise nach seiner Mutter ruft. Ein Blick auf die Uhr zeigt kurz vor Sieben. Draussen ist es noch nicht wirklich hell.
Unsere Gastgeberin, ihre Schwester und die kleinen Kinder kommen aus dem anliegenden Schlafraum und bereiten für uns das Zmorge vor. Schon bald sitzen wir auf dem Polster vor dem niedrigen Tisch, trinken Kaffee und essen Baguette. Selem, die Hausfrau, sitzt vor ihrem Tablett und bereitet den Tee zu; eine Zeremonie, die gut mehr als eine Stunde dauern kann. Dreimal wird der Tee, der zuerst in der Kanne gewaschen wird, aufgegossen und dann jeweils von weit oben in die kleinen Gläser gegossen wird, bis sich genügend Schaum gebildet hat. Dann wird die erste Runde Gläser herumgereicht und der Tee, der etwa drei Finger hoch steht, getrunken. Nach der dritten Runde werden die Gläser in einem kleinen Kübel gespült, mit dem Tuch getrocknet, das runde Tablett mitgespült und getrocknet und das Ganze mit dem Tuch bedeckt. Höfliche Gäste erheben sich erst, wenn diese Zeremonie beendet ist. «Der erste Tee ist bitter wie das Leben, der zweite süss wie die Liebe und der dritte sanft wie der Tod», meint Selem lächelnd.
Unterdessen haben sich die beiden Schwestern, die in der Nachbarschaft wohnen, in ihren bunten Melhfas im Schneidersitz dazugesellt. Dabei ist auch ein sechsmonatiger Bub, der sich bereits wacker hochzieht, um auf den eigenen Beinen stehen zu können. Der Säugling ist munter, schaut den Besucher freundlich an. Die drei Schwestern kümmern sich ruhig und liebevoll um ihn. Erst als eine der drei Schwestern ihm die Brust reicht, ist für uns klar, wer eigentlich die Mutter ist. Irene, meine Reisegefährtin, spricht zum Glück sehr gut Spanisch, und so wird angeregt gefragt, geantwortet und geplaudert. Ja, ja, es gebe sehr viel Arbeit hier mit den kleinen Kindern, mit dem Kochen. Auch die etwas älteren Kinder sind dabei, etwas scheu, aber doch sehr interessiert. Mit viel Geduld erzieht Selem ihren 3jährigen Hama. Sie verfügt über das, was heute in Eu­ropa vielen Müttern fehlt: eine liebevolle bestimmte Anleitung. Sie hat ihn gern, setzt ihm aber entschieden Grenzen. Als er sich vom Tischchen ein Biskuit nehmen will, legt sie dieses sehr bestimmt zur Seite – und Hama nimmt sie ernst.