«Die Identität von Sri Lanka muss neu definiert werden»

Im Verhältnis zwischen Tamilen und Singhalesen braucht es einen Versöhnungsprozess

Interview mit Professor S. J. Emmanuel, Präsident des Global Tamil Forum

Als im Rahmen der Entkolonialisierung die Briten 1948 die damalige Insel Ceylon, das heutige Sri Lanka, verliessen, hinterliessen sie das Land, ohne beiden Ethnien, der singhalesischen Mehrheit und der tamilischen Minderheit, eine gemeinsame politische Perspektive zu geben. Sie übertrugen den Singhalesen die Macht, in dem sie das britische Westminster System, das Mehrheitssystem, einführten. Diese Hinterlassenschaft war der Hauptgrund für die nachfolgenden Auseinandersetzungen zwischen beiden Volksgruppen, die vor allem von einer starken Diskriminierung der Tamilen geprägt waren. Aus anfänglich friedlichen Protesten der Tamilen gegen die Unterdrückung entwickelte sich mit der Zeit ein Bürgerkrieg, der mit grosser Härte geführt wurde. Periodische Waffenstillstandsvereinbarungen führten zu keiner Lösung des Problems, weil von seiten der Singhalesen keine Bereitschaft für eine politische Lösung gezeigt wurde. Im Mai 2009 endete der bald 30 Jahre andauernde Bürgerkrieg nach einer fürchterlichen Schlacht mit einem Sieg der singhalesischen Armee. Seit diesem Zeitpunkt gibt es Bestrebungen von seiten der USA und auch anderer Länder, das Ende des Krieges auf mögliche Kriegsverbrechen zu untersuchen. In der Herbstsession hat der Uno-Menschenrechtsrat in Genf eine Resolution verabschiedet, die hier Licht ins Dunkel bringen soll. Am Rande dieser Konferenz hat Zeit-Fragen mit Pater S. J. Emmanuel, dem Präsidenten des Global Tamil Forum, gesprochen und ihn nach seiner Einschätzung der Lage in und um Sri Lanka gefragt.

Zeit-Fragen: Vor kurzem waren die Parlamentswahlen in Sri Lanka, Rajapaxe wollte Ministerpräsident werden. Das waren bange Zeiten für die Tamilen. Wie ist die politische Lage heute?

Professor S. J. Emmanuel: Das konnte zum Glück verhindert werden. Rajapaxe ist aber als gewöhnlicher Vertreter im Parlament und mit ihm weitere 95 Parlamentarier, die diese Position vertreten. Die sogenannte Koalitionsregierung zwischen United National Party (UNP), einer westlich orientierten Partei, und Sri Lanka Freedom Party (SLFP), die sich als nationale Partei versteht, ist in einem gemeinsamen Vertrag festgehalten, und wir werden in den nächsten zwei Jahren sehen, wie sich das entwickelt. Es ist das erste Mal, dass beide Parteien zusammenarbeiten. Das kann man positiv sehen, aber innerhalb der zwei Jahre müssen sie etwas Konkretes tun.

An was denken Sie?

Es geht um das Verhältnis zwischen den Tamilen und Singhalesen. Hier braucht es einen Versöhnungsprozess. Symbolisch hat die neue Regierung bereits etwas getan. Sie hat die Politik Rajapaxes gestoppt und damit die Vertreibungen der Tamilen beendet. Auch haben sie den betroffenen Tamilen ein biss­chen Land zurückgegeben. Zudem wurde nach der Parlamentswahl ein tamilischer Parlamentarier als Oppositionsführer eingesetzt. Die Tamile National Alliance (TNA) hat 16 Vertreter im Parlament. Das ist das erste Mal seit über dreissig Jahren, dass ein tamilischer Parlamentarier Oppositionsführer ist. Der Präsident Sirisena wollte das so. Das war ein wichtiges Zeichen. Aber das ist eine schwere Aufgabe für den Oppositionsführer.

Warum?

Zum einen muss er sein Volk vertreten, zum andern hat er eine allgemeine Aufgabe. Er muss die Opposition im Parlament führen. Zum Glück ist er eine Persönlichkeit mit viel Erfahrung. Er ist 82 Jahre alt, und er wird die Aufgabe bewältigen. Ein weiteres Zeichen, dass der neue Präsident an einer Aussöhnung mit den Tamilen interessiert ist, zeigt sich darin, dass der Präsident und der Aussenminister mich gebeten haben, nach Sri Lanka zu kommen, um bei diesem Versöhnungsprozess mitzuhelfen.

Werden Sie das tun?

Ich habe die Einladung angenommen. Einige junge Leute haben sofort gesagt: Du musst gehen. Aber es wird Zeit brauchen, um zu sehen, wie sich das Land jetzt entwickelt. Dafür rede und schreibe ich weiter, um zur Versöhnung beizutragen. Wenn ich nach Sri Lanka reise, möchte ich als religiöse Person alle Christen in Richtung Versöhnung ermutigen. Ich bin der Überzeugung, dass das Ganze eine grosse Herausforderung für beide Seiten ist. Zum Beispiel die Opfer, die Betroffenen, die klagen, dass ihre Familienmitglieder noch immer nicht zu Hause sind, obwohl der Krieg schon 6 Jahre zu Ende ist, und dass das Gebiet weiterhin unter militärischer Kontrolle steht. Singhalesische Politiker haben die Aufgabe, die Stimmung im Land zu beruhigen und die Einstellung gegenüber den Tamilen zu ändern. 60, 70 Jahre lang hat die eine oder andere politische Partei auf Kosten der Geschichte der Tamilen ihre Politik betrieben.

Wie muss man das verstehen?

Die Parteien sind der Überzeugung gewesen, dass man die Tamilen unterdrücken muss, um sich vor ihnen zu schützen. UNP und SLFP ist es gelungen, die Tamilen vollständig zu besiegen, aber wir Tamilen haben all die Jahre hindurch schwer gelitten. Die UNP hat 1983 die grossen Pogrome eröffnet, und während der Regierungszeit der SLFP unter Bandaranaike entwickelte sich das alles zu einem Krieg, und die Gebiete der Tamilen wurden bombardiert. Das heisst, für uns Tamilen sind beide Parteien dafür verantwortlich.
Der Sieg 2009 über die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) wird als grundsätzlicher Sieg über die Tamilen gefeiert. Aber zum ersten Mal hat der amtierende Präsident am 4. Februar, am Nationalfeiertag, gesagt: «Wir haben den Krieg gewonnen, aber das war ein grausamer Krieg.» Das war sehr mutig von ihm.

Warum ist das mutig?

Die Singhalesen haben das als grossen Erfolg und heldenhaften Sieg mit Militärparaden gefeiert, während die Tamilen über ihre im Krieg gefallenen Angehörigen weinten. Jetzt hören sie vom neuen Präsidenten, dass der Krieg grausam war. Das bedeutet, dass die Singhalesen anfangen, darüber nachzudenken, dass nicht alles richtig war, was sich dort abgespielt hat. Damit hat er für uns Tamilen eine kleine Hoffung geweckt.

Wie verhält sich der neue Ministerpräsident?

Ranil Wickremasinghe war lange Zeit Parteiführer der UNP und hat mit Hilfe der norwegischen Regierung Friedensgespräche mit der LTTE geführt, aber die damalige Präsidentin der SLFP, Bandaranaike, hat das gestört. Ranil fällt es schwer, seinen Leuten die neue Einstellung gegenüber den Tamilen zu erklären. Bandaranaike ist dabei eine wichtige Person. Sie hat zwar keinen Sitz im Parlament, aber sie spielte bei der Wahl des neuen Präsidenten eine ganz wichtige Rolle. Sie wurde später als Leiterin des Versöhnungsausschusses ernannt.

Wie ist denn die Stimmung in der singhalesischen Bevölkerung?

Für die Singhalesen war die LTTE [Tamilische Befreiungsorganisation, die lange für einen eigenen tamilischen Staat gekämpft hat; Anm. d. Red.] der Gegner. Die Soldaten sind die Helden, sie haben den Krieg beendet, sie haben uns gerettet und uns den Frieden zurückgebracht. Sie sehen sich als eine friedliche Nation. Das ist das Bild, das die Mehrheit der Singhalesen besitzt. Aber die Wahrheit ist eine andere. Der Krieg ist zwar zu Ende, aber es gibt keinen wirklichen Frieden, und vor allem kein Verständnis. Das heisst, die Herausforderungen für die politischen Parteien sind gross, und wir Tamilen verstehen die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind.

Was können hierbei die Tamilen leisten?

Wir wollen gerne helfen, wenn es möglich ist. Wir können schreiben und die Menschen ermutigen, den Singhalesen die Wahrheit über die ganze Geschichte zu erklären. Das haben wir Tamilen in der Vergangenheit nicht getan. Wir haben nie eine Zeitung auf Singhalesisch oder auf Englisch in Colombo herausgegeben, um den Menschen in Sri Lanka zu erklären, was die Tamilen wollen. Das ist das Problem. Wir hatten nur Zeitungen für die Tamilen, aber nicht für alle in Sri Lanka. So standen wir Tamilen immer ausserhalb der gesamten Bevölkerung, und das war ein grosses Problem. Die Mehrheit in Sri Lanka denkt: Wir sind buddhistische Singhalesen, wir sind die Besitzer des Landes, und alle anderen sind Minderheiten und damit Menschen 2. Klasse. Diese Auffassung zu verändern und das Land als ein multi­ethnisches und multireligöses Land zu verstehen, wird viel Zeit und Mut brauchen. Ob die aktuelle Regierung diese Ausdauer hat, wissen wir nicht.

Aber sie haben die Hoffnung, dass sich die Lage verbessern könnte.

Die neue Regierung gibt durch die kleinen Schritte, die sie macht, Hoffnung. Aber ob sie die bisherige Haltung gegenüber den Tamilen komplett revidieren wird, die Verfassung ändern usw., das können wir jetzt noch nicht sagen, aber sie hat die ersten Schritte in diese Richtung eingeschlagen. Über diese Entwicklung schreiben jetzt einige intellektuelle Singhalesen in Colombo. Dagegen sind aber die Leute um den ehemaligen Präsidenten von Sri Lanka, Mahinda Rajapaxe. Von der Regierung aus gibt es Bemühungen, die Tamilen in den Staat zu integrieren, mit einer gemeinsamen Flagge, mit einem gemeinsamen Verständnis, dass die Tamilen auch dazugehören. Die Identität von Sri Lanka muss neu definiert werden. Die Singhalesen sagen, wir sind Sri Lankesen, aber von den Tamilen sagen sie, sie seien Tamilen. Ich habe dem Aussenminister gesagt, dass ich die nationale Flagge so nie akzeptieren könne, ohne dass die Tamilen darauf vertreten sind. Das geht nicht. Das ist ein grosser Fehler.

Von den USA gibt es im Uno-Menschenrechtsrat Bestrebungen, die Kriegsverbrechen am Ende des Bürgerkrieges aufzuarbeiten. Wie beurteilen Sie die neue Resolution?

Vor dem Ende des Krieges haben die USA mehr als 50 Länder mobilisiert, Geld und Waffen für den Krieg gegen den Terrorismus zu geben. Die USA hatten gehofft, dass Sri Lanka sich danach mit den USA verbündet. Aber der Präsident hat sich von den USA ab- und China zugewendet. Deswegen haben die USA nach dem Krieg versucht, wegen Kriegsverbrechen eine Resolution gegen die Regierung von Sri Lanka einzubringen. Aber die übrigen Staaten haben gegen die USA und die westliche Welt gestimmt und das Kriegsende als Sieg über den Terrorismus gefeiert. Die USA wurden gedemütigt. Das erste Mal wurde in diesem Gebäude hier in Genf eine Resolution, die die USA eingebracht haben, abgelehnt.

Wie haben die USA reagiert?

Sie haben erneut eine Resolution eingebracht, und diese wurde ebenfalls abgelehnt. Am Ende hatten die USA im Jahr 2014 doch noch Erfolg. Der Menschenrechtsrat beauftragte den Hochkommissar für Menschenrechte, innert eines Jahres eine Untersuchung der Kriegsverbrechen durchzuführen. Kurz vor dem Bericht des Hochkommissars kam es zu einem Regierungswechsel in Sri Lanka. Die USA erhofften sich jetzt die Möglichkeit einer Annäherung, sie haben ihre eigene Agenda. Im September 2015 kam der Bericht über die Kriegsverbrechen heraus. Die Tamilen waren damit zufrieden. Die neue Regierung hat diesen Bericht zur Kenntnis genommen. Sie haben aber den darin vorgeschlagenen «gemischten Gerichtshof» abgelehnt.

Was muss man sich unter einem gemischten Gerichtshof vorstellen?

Ein Gerichtshof, der sich aus nationalen und internationalen Richtern zusammensetzt.

Warum braucht es das, und was ist seine Aufgabe?

Die Tamilen haben kein Vertrauen in die nationalen Richter. Alle Tamilen verlangen mindestens einen internationalisierten Gerichtshof. Die neue Resolution, die von den USA und Sri Lanka gemeinsam eingebracht wurde, wurde ohne Gegenstimme im Uno-Menschenrechtsrat angenommen. Wir Tamilen haben diesen Entscheid mit einer gewissen Vorsicht angenommen. Die Regierung hat versprochen, dass sie mit dem Büro des Hochkommissariats für Menschenrechte zusammenarbeiten wird. Das ist neu. Wie sie das jetzt ihrem eigenen Volk klar machen wollen und inwieweit sie wirklich kooperieren, ist offen.

Was bedeutet das für die Regierung?

Sie steht vor der Aufgabe, ihre Verfassung anzupassen, damit dieser Gerichtshof aktiv werden kann. Unter Verdacht, Kriegsverbrechen begangen zu haben, stehen Regierungsleute und Militärs. Bisher haben sie den Sieg gefeiert, jetzt stehen sie unter Verdacht, Kriegsverbrechen begangen zu haben.

Wie beurteilen Sie diese neue Entwicklung an der Uno?

Die Uno hat sich wörtlich zweimal dafür entschuldigt, dass sie die Massaker an den Zivilisten nicht gestoppt hat. Das ist jetzt eine neue Chance. Die Uno muss jetzt wachsam bleiben und die neue Entwicklung genau beobachten. Die neuste Resolution verlangt, dass Sri Lanka in 18 Monaten einen Bericht über seine Bemühungen veröffentlicht. Damit hat die Uno eine wichtige Aufgabe übernommen. Es ist die einzige Hoffnung für die Tamilen, dass sie die Regierung weiter unter Druck setzt, hier weitere Schritte zu unternehmen. Zum ersten Mal in der Geschichte übernimmt eine Koalition von beiden Parteien diese schwere Aufgabe, um ein neues Sri Lanka zu bauen. Wir wünschen viel Mut und Ehrlichkeit. Wir Tamilen verlangen neben der Wiedergutmachung gegenüber den Betroffenen auch einen ehrlichen Versuch für eine politische Lösung. Nur danach kann der Versöhnungsprozess realisiert werden.

Professor Emmanuel, herzlichen Dank für dieses Gespräch.    •

(Interview: Thomas Kaiser)