Zeit-Chefredakteur übt Selbstkritik

mb. Zeit-Chefredakteur Giovanni Lorenzo übt Selbst- und Medienkritik: Die einhellige Pro-Flüchtlinge-Stimmung habe den Medien nachhaltig geschadet. «Das haben uns die Leute übel genommen.» Auch sich selbst nimmt er nicht aus: «In der Frühphase haben wir einen Titel gemacht, der die gebotene Zurückhaltung nicht hat erkennen lassen. Die Zeile war ‹Willkommen!›, und der Leitartikel hat das noch verstärkt – meine eigenen Worte waren damals ‹Jeder Flüchtling ist eine Bereicherung für unser Land›.» Vorsichtig kritisiert Lorenzo das Selbstverständnis der Medienmacher als Erzieher der Nation, wenn er sagt: «Ich glaube, dass wir eine ganze Weile zu sehr dazu tendiert haben, uns zu Mitgestaltern der Flüchtlingskrise zu machen und uns nicht auf die Rolle der Beobachtung konzentriert haben.» (www.meedia.de vom 11.7.2016)

Bevormundung mit erzieherischem Anspruch

Lorenzo wird mit seinem Eingeständnis versuchen, verlorene  Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung zurückzugewinnen. Dass viele sich von den etablierten Medien abwenden,  zeigt – neben schwindenden Abo-Zahlen – auch eine wissenschaftliche Untersuchung, die Kim Otto und Andreas Köhler vom Institut Wirtschaftsjournalismus der Universität Würzburg durchgeführt haben. Danach vertrauen der Presse nur noch 51 % der deutschen Bundesbürger, das sind 4 % weniger als im Vorjahr. In der Altersgruppe der 25–34jährigen misstrauen sogar 62,4 % den Medien, egal ob Presse, Rundfunk oder Fernsehen. Der erste grosse Vertrauensbruch sei in der Folge der Berichterstattung zur Ukraine-Krise erfolgt, so Otto und Köhler. Die Berichterstattung zur Flüchtlingskrise würden viele Bürger als «Bevormundung mit erzieherischem Anspruch» werten.

Freie Presse – unentbehrlich für die Demokratie

Deutschland war auf seine freie Presse und sein freies Wort einmal stolz – zu Recht. Für Deutschland wie für viele andere europäische Staaten ist die Presse-, Rede- und Meinungsfreiheit unentbehrliche Grundlage der Demokratie überhaupt. Deshalb ist die Abwendung der Bürger von den Medien ein Menetekel, das nicht übersehen werden darf.