Editorial

Kishore Mahbubani ist einer derjenigen, der unter anderem mit seinem Buch «Die Rückkehr Asiens» schon länger darauf hingewiesen hat, dass die Vorherrschaft des Westens zu Ende geht. Eine unipolare Weltordnung lässt sich auf Dauer nicht aufrechterhalten – denn, wie etwa Martin Kriele in seiner Schrift «Die demokratische Weltrevolution» festgehalten hat, lässt sich der Gedanke der grundsätzlichen Gleichwertigkeit der Menschen und seine Wirkung auf das Bewusstsein der Menschen nicht mehr aufhalten. Er entspricht schlicht der menschlichen Natur.
Dringender denn je stellt sich aber heute die Frage, ob sich der Übergang zu einer allseits akzeptierten multipolaren Weltordnung halbwegs friedlich vollziehen kann oder ob uns eine atomare Katastrophe droht – anders ausgedrückt, ob sich im Westen und konkret in den USA die Kräfte der Vernunft durchsetzen, die auch das Wohl der eigenen Bevölkerung im Blick haben, oder die Exponenten alleiniger Vorherrschaft der Indispensible Nation mit allen Mitteln, das heisst auch Atomkrieg.
Dass ein solcher nicht zu führen ist, wissen wir spätestens seit der Kuba-Krise 1962. Angesichts lautstarker Forderungen amerikanischer Neokonservativer nach absoluter Überlegenheit und nuklearer Erstschlagfähigkeit hatte der frühere US-Verteidigungsminister Robert McNamara vor ein paar Jahren (siehe Zeit-Fragen Nr. 7 vom 7.2.2005) in Erinnerung an diese Krise eindringlich vor solchen Ideen gewarnt und gesagt: «We just lucked out». Damals wollte die Regierung von der Armeeführung wissen, ob diese garantieren könne, dass bei einem Atomschlag gegen Russ­land keine Bomben auf Amerika fielen. Das konnte sie nicht – und es fielen keine Atombomben auf Russland.
Genau in diese Richtung weist auch der Artikel über die militärischen Abwehrstrategien Russlands und Chinas, denn er zeigt, dass beide nicht bereit sind, auf ihrem Territorium einen nuklearen Angriff zu dulden. Die Intention ist klar: Wer uns – auch atomar – angreifen will, wird dafür teuer bezahlen, und ein solcher Angriff hätte unvermeidlich schwerste Opfer auch in den USA zur Folge. Seit Hiroshima und Nagasaki wissen wir ja auch, was atomare Verseuchung bedeutet. Ansonsten lasse man sich von den «Bürgermeistern für den Frieden», die 1982 auf Initiative des Bürgermeisters von Hiroshima entstanden sind, daran erinnern.
Machtpolitik verfolgt bisweilen allerdings eigene, in sich vielleicht rational kalkulierte, aber damit längst nicht vernünftige Denkmuster. Elitäre Machtarroganz kommt dem Wahnsinn bisweilen sehr nahe, bei welchem das Handeln in Verkennung wesentlicher Aspekte der Realität fremd- und selbstzerstörerische Formen annehmen kann. Den USA fehlt möglicherweise die historische Erfahrung: Sie haben den Krieg bisher nie im eignen Land gehabt. Das ist in Russland ganz anders, wie Reisende in diesem Land immer wieder feststellen: Hier ist der Zweite Weltkrieg den Menschen noch sehr gegenwärtig. Die 26 Millionen Toten sind in Russland nicht vergessen, man erinnert sich der Opfer, welche die Abwehr der damaligen Invasion forderte, noch heute mit Achtung und Ernst. Und Russland macht deutlich, dass es nicht bereit ist, einen weiteren zerstörerischen Krieg auf seinem Territorium zu dulden.
Genausowenig China. Anstatt sich in belehrender, pseudomoralischer Überheblichkeit zu üben, täte der Westen besser daran, die Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, wie viele Millionen Menschen – man spricht von 400 Millionen – sich in diesem Land aus der Armut herausarbeiten konnten. Dass China daneben sicher grosse Summen für die Entwicklung seiner Rüstung und Armee ausgab, kann man bedauern, es schmälert die Leistung aber nicht und ist angesichts der geopolitischen Auseinandersetzungen um eine neue, multi­polare Weltordnung nachvollziehbar. Auch China macht keinen Hehl daraus, dass es sich keinerlei Einmischung in seine inneren Angelegenheiten gefallen lassen wird.
Allerdings hätte es auch anderes zu bieten. Etwa das Angebot der Präsidentin der Aussenpolitischen Kommission des Nationalen Volkskongresses der Volksrepublik China, Fu Ying, welches sie in Foreign Affairs publizierte: Partnerschaft und Kooperation statt Grossmachtkonflikte und Krieg. Eine, wie sie schreibt, Win-win-Situation für alle Beteiligten. Eine Stimme der Vernunft.
Inzwischen droht der Syrienkrieg zum berühmten Funken am Pulverfass zu werden. Es ist zu hoffen, dass es im Hintergrund viele Stimmen der Vernunft gibt, die im Sinne einer diplomatischen Lösung wirken. Willy Wimmers Warnungen sind Teil der Bemühungen, diese zu unterstützen und die kriegstreibende Stimmungsmache auf den Boden der Realität zurückzuholen. Es bräuchte viele davon.

Erika Vögeli