«Stoppen Sie die Belagerung des syrischen Volkes! Heben Sie die internationalen Sanktionen gegen Syrien auf!»

Ein humanitärer Appell der Patriarchen von Syrien an das Gewissen der internationalen Gemeinschaft und die beteiligten Länder

zf. In Anbetracht aktueller US-amerikanischer und  EU-europäischer Pläne für eine weitere Verschärfung der Sanktionen gegen Syrien dokumentieren wir einen Aufruf hoher christlicher Würdenträger in Syrien vom 23. August 2016.

Seit dem Beginn der Krise in Syrien im Jahr 2011 hat der Einfluss der wirtschaftlichen und finanziellen Sanktionen auf den Alltag der Syrer zugenommen. Die Sanktionen sind eine riesige Bürde und haben das Leiden des syrischen Volkes verschlimmert. Sie stellen einen neuen Aspekt der Syrienkrise dar und erhöhen den Druck auf Individuen, Institutionen, Unternehmen – und damit schliesslich auf die gesamte Bevölkerung.
Das Ausbleiben neuer Investitionen, das Verbot internationaler Flüge, die Reduktion der Exporte nach Syrien und die Erfassung von syrischen Unternehmen auf einer schwarzen Liste – diese wirtschaftlichen Massnahmen sollen Syrien von der internationalen Gemeinschaft isolieren. Dass die meisten westlichen Staaten ihre Botschaften in Syrien geschlossen und ihr Personal abgezogen haben, schränkt die diplomatischen Kontakte und den Austausch mit dem Ausland zusätzlich ein. Das Verbot von internationalen Banküberweisungen stellt die Bevölkerung vor finanzielle Schwierigkeiten. Es lässt die Syrer verarmen, gefährdet ihre tägliche Versorgung mit Lebensmitteln und entzieht ihnen ihre menschliche Würde.
Als Ergebnis hiervon werden Güter des täglichen Bedarfs immer teurer, weil der Werteverlust der syrischen Währung zu einer verminderten Kaufkraft führt. Das hatte schwerwiegende Folgen für die syrische Gesellschaft. Alle Bereiche des Alltags sind betroffen, und neue soziale Probleme nehmen zu.
Obwohl die Hauptziele der Sanktionen ­politischer Natur sind, treffen sie die gesamte syrische Bevölkerung. Vor allem die Armen und Arbeiter sind in ihren Möglichkeiten, ihre täglichen Bedürfnisse wie Nahrung und medizinische Versorgung zu befriedigen, stark eingeschränkt. Trotz der Standhaftigkeit des syrischen Volkes gegenüber der Krise verschlimmert sich die soziale Situation, Armut und Leid nehmen laufend zu. Als die drei in Damaskus residierenden Partriarchen, die das Leid der Syrer aller Religionen und Denominationen [Untergruppe innerhalb einer Religion] selber miterleben, erheben wir deshalb unsere Stimme. Im vorliegenden humanitären Appell fordern wir die Aufhebung der wirtschaftlichen Sanktionen, die gegen das syrische Volk verhängt wurden – ein Volk, das seinem Heimatland und der syrischen Zivilisation verpflichtet bleibt, die seit mehr als tausend Jahren existiert hat.
Vor dem Hintergrund der humanitären Grundsätze, die in der Uno-Menschenrechtserklärung und anderen internationalen Abkommen verankert sind, laden wir zu mutigen, weisen und verantwortungsvollen Entscheidungen ein, um die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Syrien aufzuheben. Dies entspricht dem Bestreben der Syrer, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Die Aufhebung der Sanktionen wird die Verbundenheit der Syrer zum Land ihrer Vorfahren stärken und mithelfen, die Harmonie unter allen Bürgern wiederherzustellen. Sie wird die Gruppen zurückbinden, die das Leid des syrischen Volks ausnutzen und nicht das Wohl des gesamten Landes im Blick haben. Sie wird zudem unsere kirchlichen und humanitären Organisationen in ihrer Arbeit unterstützen, humanitäre Hilfe, Medikamente und medizinische Ausrüstung überall dort zu verteilen, wo Hilfe nötig ist. Unser Appell steht im Einklang mit dem Wunsch einiger Länder und humanitärer Organisationen, dem syrischen Volk zu helfen, das unter der Schwere der Krise leidet. Unser Appell soll dazu beitragen, das syrische Volk von seinem Leid zu erlösen.
Wir hoffen, dass die internationale Gemeinschaft auf den humanitären Appell der Syrer reagiert: «Stoppen Sie die Belagerung des syrischen Volks! Heben Sie die internationalen Sanktionen gegen Syrien auf, und ermöglichen Sie diesem Volk ein Leben in Würde – was ein Menschenrecht für alle Völker dieser Welt ist.»

Damaskus, 23. August 2016 Johannes X., Patriarch der Griechisch-Orthodoxen Kirche,

Ignatius Aphrem II., Patriarch der Syrisch- Orthodoxen Kirche,

Gregorius III., Patriarch der Melkitischen Griechisch-Katholischen Kirche

 

Quelle: http://www.csi-int.org/fileadmin/Files/pdf/2016/Appeal_-_German_translation_-_Patriarchs_of_Syria_-_23_Aug__2016.pdf