Die Kinder sind hilflos ausgeliefert

Ambivalenz und Scheinheiligkeit der Politik im Umgang mit Kriminalität an Kindern

von Manfred Paulus, Kriminalhauptkommisar a.D., Deutschland*

Ich würde gern in aller Kürze Ihre Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Thema, auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe lenken, gemeinsam einzustehen für Selbstbestimmung, Recht und Frieden. Es gibt eine Gruppe von Menschen, die kann das selbst nicht, das sind unsere Kinder. Unsere Kinder können nicht selbst über sich bestimmen, sie können sich ihre Rechte selbst weder erhalten noch erkämpfen, und ob Frieden herrscht im Kinderzimmer, das entscheiden häufig auch andere. Ich würde einfach wünschen, dass Sie bei Ihren Bemühungen gemeinsam einzustehen, bei Ihrem Denken und Handeln auch diese Gruppierung mit einbeziehen.

Kinder als Opfer – einige Zahlen

Wir haben in Deutschland die Kinderrechte nicht in der Verfassung, der Rechtsstaat Bundesrepublik erwähnt die Kinder in seiner Verfassung nicht. Wir stützen uns in diesem Bereich auf die UN-Kinderrechtskonvention, wir haben natürlich die Menschenrechte in unserer Verfassung verankert. Kinder sind ja auch Menschen, also die Menschenrechte gelten für Kinder, Kinder wollen ja nicht erst Menschen werden.
Um das Problem, das ich da sehe, zu verdeutlichen, möchte ich mit Ihnen einen Blick auf die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2015 werfen. Ich habe Ihnen ein paar Zahlen mitgebracht, die zum Nachdenken anregen könnten: Im Jahr 2015 wurden in Deutschland 130 Kinder Opfer von Tötungsdelikten sowie 52 Mal Opfer von Tötungsversuchen; dies waren Morde, Totschlagsdelikte und fahrlässige Tötungen. Im gleichen Jahr kam es in Deutschland zu 3900 Fällen körperlicher Misshandlungen, die angezeigt wurden. Es gab wöchentlich 270 Delikte des sexuellen Missbrauchs an Kindern, täglich wurden 38 angezeigt. Es gab 68 Fälle des Menschenhandels mit Kindern zum Zweck der sexuellen Ausbeutung mit insgesamt 77 Opfern, und es wurden im Jahr 2015 von der Kriminalpolizei in Deutschland insgesamt 6560 kinderpornografische Seiten sichergestellt.

«Im Dunkelfeld liegt das Wesentliche»

Im gleichen Jahr, meine Damen und Herren, kamen 85 000 sogenannte unbegleitete Kinder nach Westeuropa. Anfang 2016 waren in Deutschland beim Bundeskriminalamt 4749 Kinder vermisst (inzwischen sind 10 000 Kinder vermisst). Das sind einfach Zustände, die kannten wir in Deutschland seit Kriegsende nicht mehr, die hat die Bundesrepublik Deutschland bisher nie gekannt: 4749 vermisste Kinder. Diese Kinder waren registriert, dabei wollen wir gar nicht an das Dunkelfeld denken, an die, die eingereist sind und die man gar nicht registriert hat. Bei all diesen Zahlen ist noch ein grosses Dunkelfeld vorhanden. Überhaupt, all diese Zahlen entstammen einem verschwindend kleinen Hellfeld, dem ein gigantisches Dunkelfeld gegenübersteht. Ich glaube, meine Kollegen in Deutschland sind mit mir darin einig. Wir kennen sicher nicht alle Tötungsdelikte, die an Kindern begangen wurden, und wir wissen schon gar nicht von allen körperlichen Misshandlungen, das ist nur ein Bruchteil, der von den Behörden bekannt wurde. Im Dunkelfeld liegt das Wesentliche. Kriminalisten in Deutschland gehen beim sexuellen Missbrauch an Kindern davon aus, dass wir ein Dunkelfeld von 1:30 etwa haben. Das heisst, von 30 Verbrechen oder Vergehen sexuell motivierter Art an Kindern wird bei den Behörden nur eines davon bekannt. Wir haben es also mit riesigen Dunkelfeldern zu tun, die wir auch anhaltend in Kauf nehmen. Wenn wir das dann hochrechnen 1:30, dann haben wir täglich nicht 38 Verbrechen an Kindern, sondern schon über tausend jeden Tag.
Der Menschenhandel mit Kindern besteht weitgehend aus einem Dunkelfeld, und was 6560 Seiten Kinderpornografie angeht, meine Damen und Herren, das können Sie guten Gewissens verhundertfachen. Es ist ein verschwindend kleiner Teil, der überhaupt entdeckt wird.

Ambivalenz und Scheinheiligkeit der Politik im Umgang mit Kriminalität an Kindern

Lassen Sie mich an dieser Stelle ein paar Worte zur Kinderpornografie sagen. Allgemein herrscht die Meinung vor, dass Kinderpornografie eben sexuelle Handlungen mit Kindern ist. Ich kenne diesen Markt und ich darf Ihnen sagen, das sieht ganz anders aus. Das heisst Folter, das heisst Qualen, das heisst schreckliche Vorgänge, die hier gezeigt werden, bis hin zu Tötungsdelikten. Das ist Kinderpornografie. Das ist Gefahr. Das sind die teuren Produkte auf unseren Märkten.
5000 vermisste Kinder, allein, nicht registriert. Nach dem Krieg hatten wir wenigstens noch einen Suchdienst des Roten Kreuzes für solche Fälle. Sie können davon ausgehen, dass es heute nicht weniger Vermisste sind, und die chaotischen Zustände halten mit Sicherheit an. Was aber sagen wir, was sagt die Politik in Deutschland? Kinder sind unser Allerwichtigstes, Kinder sind unser Allerliebstes, Kinder sind das Kostbarste, das Wertvollste, was ich da immer so höre, was wir haben. Kinder sind Zukunft, auch unsere Zukunft. Und jetzt vergleichen Sie mit diesen Zahlen und mit diesen gigantischen Dunkelfeldern. Da erkenne ich eine ganz gehörige Portion Ambivalenz und Scheinheiligkeit im Umgang mit dieser Kriminalität an Kindern. Und Kinder können sich dagegen nicht wehren. Das ist unsere Pflicht, die Pflicht der Erwachsenen.
Ich habe manchmal den Eindruck, wir haben dieses Dunkelfeld in diesen Bereichen gar nicht so ungern. Dieses Dunkelfeld erlaubt es uns, weiterhin von Rechtsstaatlichkeit und von einer heilen Kinderwelt zu träumen. In anderen Bereichen unvorstellbar, dass man über Jahrzehnte hinweg solche Dunkelfelder hinnimmt oder gar pflegt; denken Sie nur an Eigentumsdelikte, an Raubstraftaten, Bankraub oder anderes Ähnliches. Ich habe erst vor kurzem eine Aussage aus politischem Mund gehört, die mich eigentlich sehr erfreut hat, das ist nämlich alles andere als üblich. Johannes Wilhelm Rörig, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, der für diese Delikte zuständig ist, hat gesagt, sexueller Missbrauch von Kindern ist heute ein Grundrisiko einer Kindheit in Deutschland. So traurig, so beschämend diese Feststellung nach meinen Erkenntnissen ist, und ich habe Jahrzehnte in diesem Bereich zu tun gehabt, ist sie nichts anderes als richtig. Wenn das ein Hinweis auf den Zustand einer Gesellschaft ist, wie sie mit ihren Kindern umgeht, dann ist es um die unsere sehr, sehr schlecht bestellt.

Vermisste Kinder werden zu Tätern oder Opfern oder beides

Dieser Umgang mit Kindern wird Folgen haben. Das verspreche ich Ihnen. Ich weiss das aus eigener Erfahrung. Kinder, die Gewalt, egal welcher Art, als geeignetes Mittel zur Konfliktlösung oder zur Durchsetzung von Zielen, von Wünschen kennenlernen, werden später selbst Gewalt anwenden. Hier sehe ich die Risiken, dass sie selbst sexuelle Gewalt anwenden bis hin zu IS und Ähnlichem, also bis hin zu Terrorismus. Darum haben sie es auch nicht so schwer zu rekrutieren. Aber das ist Zukunft. Wenn wir nochmals zurückkommen auf 5000 momentan vermisste Kinder, was wird aus diesen Kindern? Sie werden, das verspreche ich Ihnen, entweder zu Tätern oder zu Opfern oder gar beides. Das ist vorprogrammiert. Das geht in diese Richtung, und zwar zu Täter und Opfer in jeglicher Hinsicht.

Die brutalsten Opfer der Kinderpornografie sind entwurzelte Kinder

Ich greife hier nur ein Beispiel aus diesem scheusslichen Bereich Kinderpornografie heraus. Es muss uns allen klar sein, was hier geschieht, das sind reale Taten. Das ist nichts anderes als die Aufzeichnung von Verbrechen an Kindern bis zum heutigen Tage. Irgendwann kommt die Zeit, wo man so etwas mit technischen Mitteln herstellen kann und dann ist nicht mehr zu unterscheiden, ob es eine reale Tat ist oder nicht. Aber heute müssen wir davon ausgehen, dass jedes einzelne Produkt eine reale Tat ist, die aufgezeichnet wird. Das ist übrigens auch primärer Ermittlungsauftrag. In diesem Bereich Kinderpornografie, bei den brutalsten Produkten sind immer Kinder gefragt, die entwurzelt sind. Das haben wir Weihnachten 2004 beim Tsunami gesehen. Die Aufräumarbeiten waren noch längst nicht abgeschlossen, schon kam die sogenannte Pädo-Szene ins Land und fiel über die Waisenkinder her, die diese Naturkatastrophe hinterlassen hatte. 2010 in Haiti genau dasselbe. Da fehlen heute noch eine ganze Menge Kinder, die in die ganze Welt hinaus entführt wurden. In Nepal zu Beginn 2015 dasselbe Phänomen, da entstanden plötzlich Waisenhäuser en masse nach diesen Erschütterungen, und erst später hat man festgestellt, dass diese genau da entstanden, wo auch die Kinder-Sex-Touristen zu Hause sind. Und so manche dieser Waisenhäuser waren nichts anderes als Kinderpuffs, und jetzt erinnere ich Sie: Ich gehe nochmal zurück zu den vermissten Flüchtlingskindern. Bisher wurde die brutalste Kinderpornografie, so vermutet man auf Grund der Kinder, die betroffen sind, und anderer Umstände, in der Sowjetunion, in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion vorwiegend hergestellt. Warum? Es gibt in diesen Städten, nicht nur in Moskau und in St. Petersburg, Millionen sogenannter Strassenkinder, nach denen kein Hahn kräht, wenn sie verschwinden. Genau solche Kinder sind hier gefragt, und da werden sie zu Opfern, das verspreche ich Ihnen.

Traurige Bilanz für Deutschland

Diese Szene hat längst erkannt, die Kinder sind bei uns im Land, sie sind hilflos, sie sind ausgeliefert. Natürlich sind das nicht alle. Manche machen sich vielleicht auf die Suche nach Verwandten. Aber trotzdem, der Zustand provoziert geradezu, dass hier Viktimisierungsprozesse, dass hier Opfer und auch Täter gemacht werden. Eine traurige Bilanz für Deutschland, aber ich bin der Meinung, wir müssen sie offen ansprechen, wir müssen auch dagegen ankämpfen. Zu meinen Anfangsworten zurück: Kinder können das selbst nicht, da stehen wir alle, wir Erwachsenen, in der Pflicht. Vielen Dank.    •

Manfred Paulus (Bild zvg)

Manfred Paulus, Erster Kriminalhauptkommissar a.D., war bis zu seinem Ruhestand 25 Jahre lang Leiter des Dezernats zur Bekämpfung von Sexualdelikten und für Rotlichtkriminalität bei der Kripo Ulm zuständig. Er hat langjährige Erfahrungen im Bereich des Frauen- und Kinderhandels und der Pädokriminalität. Unter anderem war er international in Thailand, Weissrussland und Südost­europa tätig. Manfred Paulus ist Lehrbeauftragter und Referent zu diesen Themen und ausgewiesener Kenner der Szene.
Als er sich 2003 in den Ruhestand verabschiedete, beendete er zwar seinen Dienst bei der Kriminalpolizei; sein Einsatz gegen Frauenhandel, Prostitution und organisierte Kriminalität bleibt ungebrochen. Regelmässig leistet er Präventionsarbeit zum Beispiel in Weissruss­land oder der Republik Moldau. Im Mai dieses Jahres reiste er nach Rumänien, um dort an Schulen in Temeswar und Arad die Schüler aufzuklären: Paulus erklärt den Jugendlichen die Tricks der Zuhälter, Schleuser und Menschenhändler, um sie für die Gefahren zu sensibilisieren.
Manfred Paulus ist Fachbuchautor zahlreicher Publikationen im Bereich Kriminalprävention, darunter «Kinderfreunde – Kindermörder» (2002) und «Grünkram – die Kindersex-Mafia in Deutschland» (1998), beide gemeinsam mit Adolf Gallwitz, «Menschenhandel» (2014). 2016 erschien «Im Schatten des Rotlichts – Verbrechen hinter glitzernden Fassaden».