Familie in der DDR

mb. Als ich vor etwa zehn Jahren erstmals in die neuen Bundesländer reiste, wurde ich mir jäh meiner tief verwurzelten Vorurteile bewusst – auch und insbesondere in bezug auf Familie. Ich lernte verschiedene Familien sehr privat kennen, fast alle mit drei bis fünf Kindern. Mir fiel auf, wie lebendig das Familienleben war. Eltern kümmerten sich liebevoll um ihre Kinder, sie waren ihnen das Nächste und das Wichtigste. Und zwar unabhängig von ihrer politischen Anschauung. Egal, ob die Eltern den Sozialismus eher verteidigten oder ablehnten, egal auch, ob beide, Vater und Mutter, arbeiteten: Familie zuerst. Zu Hause wurde gekocht, gemeinsam gegessen, für die Schule geschaut, Feste wie Geburtstage, Weihnachten und Ostern gefeiert. Auch wenn es Konflikte oder Meinungsverschiedenheiten gab, wandten sich Teenager nie von ihren Eltern und Geschwistern ab, wie ich das in den 68er Jahren in Westdeutschland erlebte. Familienzusammenhalt war fassbar und wurde spürbar gern und selbstverständlich gelebt. Die Jungen hatten einfach nicht die Anschauung unserer westdeutschen Jugendgeneration der 68er Zeit: Dass Eltern grundsätzlich spiessig sind, ein Hindernis für die Freiheit und Entfaltung der Persönlichkeit und dass sie sowieso keinen «Durchblick» haben. «Trau keinem über 30!» – unter dem Motto hatte sich im Westen ein grosser Teil einer ganzen Generation von den Eltern abgewandt oder gegen sie gestellt. Familienfeste waren zu meiner Jugendzeit verpönt, am Heiligen Abend ging ich als junges Mädchen aus Protest gegen das Kleinbürgertum in eine Kneipe. Bei Lebensproblemen in Beruf, Freundschaft oder Liebe hätten wir uns nie mit den Eltern beraten, Diskussionen über politische oder gesellschaftliche Fragen – sicher nicht mit den Eltern oder wenn doch, dann nur im grundsätzlichen Gegensatz. Wir wussten als Junge alles besser, auch wenn wir keine Ahnung hatten. Erfahrungen der Eltern ernst nehmen? Fehlanzeige.
Als ich nun die Familien in der ehemaligen DDR kennenlernte, hatte ich mich zwar schon intellektuell und emotional mit meinen verfehlten Jugendanschauungen über die Bedeutung der Familie auseinandergesetzt, wurde mir aber unmittelbar meines vorurteilsbeladenen DDR-Bildes bewusst. Denn ich war nicht nur ein Kind der 68er Anschauungen, sondern auch des Kalten Krieges: Nach diesem Bild werden «im Osten» grundsätzlich alle Kinder von frühester Kindheit an in Krippen gesteckt und im Kollektiv streng ideologisch erzogen. Die Eltern sind im Produktionsprozess und im Aufbau des Sozialismus eingespannt. Freude und Menschlichkeit, persönliche Freiheit und Alltäglichkeit kommen in meinem Bild gar nicht vor. Alles ist ernst, dunkel, trist und freudlos. Alle Menschen sind entweder Stasi-Spitzel oder Opfer. Alle denken den ganzen Tag immer nur daran, dass sie in einer Diktatur leben und ausreisen wollen, aber nicht dürfen. Ich habe nie daran gedacht, dass alle Menschen zuerst ein Privatleben haben. Dass ihnen Familie und Freundschaft wichtig sind und die Grundlage des Lebens ausmachen.
Sting brachte in den 80er Jahren einen Song gegen das Wettrüsten, in dem es heisst:

We share the same biology
Regardless of ideology
What might save us, me, and you
Is if the Russians love their children too

Wir teilen die gleiche Biologie
Unabhängig von Ideologie
Was uns, mich und dich, retten kann,
Ist, wenn die Russen ihre Kinder auch lieben.

Mit diesem Song drückte er die Hoffnung aus, dass die Menschheit sich in Frieden finden könnte, wenn sie ihre Natur anerkennt. Und Sting sprach überhaupt einmal von einer gemeinsamen menschlichen Natur. Ich weiss noch, dass dieser Song damals etwas in mir angerührt hatte.
Dreissig Jahre später wurde mir durch die Erlebnisse im Osten unseres Landes bewusst, dass familiäre Bindung eine Konstante in der menschlichen Natur unabhängig von Ideologie ist und dass es zu einem glücklicheren und erfüllteren Leben führt, wenn man das Leben entsprechend einrichtet.    •