Leserbrief

Sind Schulreformen wie der Lehrplan 21 ethisch vertretbar?

Ich möchte der Redaktion Zeit-Fragen meinen herzlichen Dank aussprechen für die weitsichtigen und sorgfältigen Analysen zu den Schulreformen und insbesondere zum Lehrplan 21, die in den Medien in den meisten Fällen nur oberflächlich diskutiert werden. Aus der Perspektive eines Familienvaters habe ich fast täglich Einblick in die konkreten Auswirkungen der fast schon chronisch fortschreitenden Schulreformen. Gespräche mit verschiedenen Mitgliedern von Schulleitungen und Schulbehörden im Kanton Zürich und anderswo, bei denen ich konkrete Missstände thematisiert habe, endeten zum Teil gelinde gesagt in einer Sackgasse, wenn die Konzepte wie selbstentdeckendes oder altersdurchmischtes Lernen, Lernlandschaften oder andere «moderne» Lernformen zur Sprache kamen. Hier scheuten einige der Fachpersonen jeden Diskurs wie der Teufel das Weihwasser.
Als Mediziner habe ich hauptsächlich mit Patienten zu tun, des Lehrers Pendant ist der Schüler. In beiden Berufsgruppen steht somit der Mensch und seine Zukunft im Zentrum, womit sich diese Berufsgruppen und Ziele durchaus vergleichen lassen. In der Medizin entscheidet eine Behandlung das Schicksal ganz entscheidend. Nun stossen wir in der Medizin sehr häufig an unsere Grenzen und müssen dem Patienten mitteilen, dass wir seine Krankheit mit den bisher bekannten Methoden nicht heilen können. Ebenso kann es vorkommen, dass neue Therapieformen entwickelt wurden, deren Wirksamkeit nur an einer sehr beschränkten Zahl von Patienten erprobt wurde. Als Naturwissenschaftler ist man stets auf der Suche nach Neuem und Besserem. Vor diesem Hintergrund werden alljährlich viele Patienten mit bisher zum Beispiel unheilbaren Krankheiten angefragt, ob an ihnen eine neue Behandlungsmethode oder ein neues Medikament angewandt, sprich ausprobiert werden kann und darf. Die Selektionskriterien für solche Studien sind exakt definiert. Damit kein Unfug betrieben wird und der Schutz des Patienten bestmöglichst gewahrt wird, muss der Prüfarzt, welcher solche Studien durchführt, bei der jeweiligen kantonalen Ethikkomission einen Antrag stellen, ob er diese Versuche am Menschen durchführen darf. Dazu muss der Ethikkomission eine grosse Zahl an Dokumenten vorgelegt werden: Auflistung der Einschlusskriterien, Argumentation ethischer Bedenken, Informationsunterlagen für die Probanden (Patienten) und vieles mehr. Erst wenn die Ethikkommission das ganze Studienprotokoll, die Protokolle zur Einverständniserklärung der Patienten, die Patienteninformationen und so weiter geprüft hat, darf überhaupt erst mit der Suche nach geeigneten Patienten (Probanden) begonnen werden. Alle neuen Therapieformen dürfen nur in einem eng begrenzten und festgelegten Umfang und unter laufender Prüfungen durch Dritte geführt werden. Eine neue Therapieform, die aus einer solchen Studie hervorgeht, wird von der Krankenkasse erst übernommen, wenn in der Studie die Vorteile gegenüber den Nachteilen bei einer genügend grossen Anzahl von Patienten nachgewiesenermassen überwiegen und sich als besser erweisen als eine herkömmliche Therapie.
Und wie ist das eigentlich in der Pädagogik, im Schulunterricht? Haben die bisherigen Lehrformen versagt? Sind wir mit anderen Worten an einem Punkt in der Pädagogik angelangt, wo wir zwingend neue Lernformen brauchen? Falls ja, wo ist der Nachweis, dass bisherige Lernformen ungenügend sind? Zu meinem Entsetzen konnten viele der bisher von mir kontaktierten Lehrpersonen, Schulleiter und Behördenmitglieder keine Auskunft geben, ob die neuen Unterrichtsmethoden, bestehend aus altersdurchmischtem Lernen, selbstentdeckenden Lernformen, Lernlandschaften usw. nachgewiesenermassen bessere Schüler hervorbringen. Auch mit dem kompetenzorientierten Lehrplan 21 scheint es keine Studien oder Prüfverfahren zu geben, wonach die Schüler einen Gewinn davontragen. Wenn eine Methode überprüft werden soll – egal in den Naturwissenschaften oder in der Pädagogik – dann beginnt man doch zuerst mit der Analyse, warum die bisherige Methode oder das alte Verfahren schlecht ist. Meine Recherche nach einer seriösen Analyse, wonach die bisherigen Unterrichtsformen schlecht sein sollen, war bisher erfolglos. Ist so was ethisch vertretbar? In der Medizin hätte das früher oder später ein juristisches Nachspiel.
Nun mag man einwenden, dass die Anforderungen über neue Therapieformen in der Medizin deutlich höher zu gewichten sind, da das Leben des Patienten auf dem Spiel steht. Das ist im Schulunterricht nicht so? Oder etwa doch? Das Argument, dass in der Medizin der Patient weit vitaler gefährdet sein kann als in der Pädagogik der Schüler, lasse ich nur begrenzt zu. Es kommt darauf an, welche Krankheit man behandeln will. Behandle ich eine Krebserkrankung, kann die korrekte Therapiewahl über Leben und Tod innert weniger Monate entscheiden. Bei der Behandlung von Altersfalten sind die Konsequenzen wesentlich weniger dramatisch. In der Pädagogik ist der Schüler im Zentrum. In Analogie zur medizinischen Versorgung des Patienten wird der Schüler in der Schule mit einer Allgemeinbildung ausgestattet, die er nicht nur für seine spätere Berufsausübung, sondern noch weit grundlegender für seine Verantwortung als Bürger seines Landes und aktiver Teil der Gesellschaft benötigt. Wie die Schullaufbahn bei einem Kind verläuft, kann für sein ganzes Leben prägend sein – im Positiven oder im Negativen. Mit anderen Worten sind für mich das Schicksal einer guten Schulbildung mit demjenigen einer guten medizinischen Versorgung in ihrer Konsequenz vergleichbar. Zumindest würde ich aus meiner Perspektive als Wissenschafter und Familienvater nicht gewichten wollen, wer das Schicksal eines Menschen mehr in der Hand hat, der Lehrer oder der Arzt. Reformen im Bildungswesen sollten meiner Ansicht nach bezüglich Effizienz und Evidenz wie neue Therapieverfahren in der Medizin überprüft werden, ehe sie flächendeckend eingeführt werden.
In diesem Sinne sind mir die sorgfältigen Analysen und Berichte in Zeit-Fragen eine willkommene Lektüre zum Verständnis der aktuell laufenden Reformen in der Bildungslandschaft, wofür ich mich an dieser Stelle nochmals sehr bedanken möchte.

Prof. Dr. David Holzmann, Maur