«Licht, Luft, Freiheit» – 125 Jahre Künstlerkolonie Ahrenshoop

von Alfried Nehring*

Licht, Luft, Freiheit – mit diesen Signalworten feiert das Kunstmuseum von Ahrenshoop in dieser Saison mit einer grossen Jubiläumsausstellung die Gründung der «Künstlerkolonie Ahrenshoop» vor 125 Jahren. Junge Malerinnen und Maler folgten 1892 dem Beispiel ihres Kollegen Paul Müller-Kaempff, der in Berlin seine Ausbildung bei den Landschaftsmalern Hans Gude und Eugen Bracht abgeschlossen hatte, sich in dem kleinen Fischerdorf an der Ostseeküste anzusiedeln. Zu den Gründungsmitgliedern gehörte auch die damals bereits sehr bekannte Malerin Elisabeth von Eicken. Malschulen für Damen, die an den Akademien damals noch keinen Zugang hatten, bescherten der Künstlerkolonie von Beginn an grossen Zulauf und waren für die Gründerväter Paul Müller-Kaempff und Friedrich Wachenhusen Anliegen und Broterwerb gleichermassen.

Paul Müller-Kaempff. Weiter Blick über das Dorf Ahrenshoop mit Ziegenhirten und Fischern, 1890.
(Bild zvg)

Das ungewöhnliche Licht zwischen Meer und Bodden zog die Maler ebenso an, wie die klare Luft, der Salzgeruch der Ostsee und die Frische des urwaldartigen Waldes, der sich noch heute als «Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft» vom östlichen Ortsausgang Ahrenshoops bis zur Insel Rügen erstreckt. Fernab vom reglementierten und hierarchischen Kunstbetrieb der Hauptstadt, von der Hektik, der Enge und der Naturzerstörung, die durch die ungezügelte Industrialisierung immer mehr um sich griff, nahmen sie sich die Freiheit, die Naturwahrheit in einer noch unzerstörten, unzivilisierten Landschaft zum wichtigsten Massstab ihrer Malerei zu machen. Sie kolonisierten das kleine Dorf und seine malerische Umgebung durch ihre Kunst.
Paul Müller-Kaempff hat in seinen Lebenserinnerungen mit einfachen Worten festgehalten, was ihn damals an Ahrenshoop faszinierte und wie eine eher zufällige Studienreise für ihn eine Lebensentscheidung zeitigte: «Im Spätsommer 1889 hielt ich mich mit meinem Kollegen, dem Tiermaler Oskar Frenzel, in Wustrow auf dem Fischlande auf, um Studien zu malen. Gelegentlich einer Wanderung am hohen Ufer lag plötz­lich, als wir die letzte Anhöhe erreicht hatten, zu unseren Füssen ein Dorf: Ahrenshoop. Kein Mensch war zu sehen, die altersgrauen Rohrdächer, die grauen Weiden und grauen Dünen gaben dem ganzen Bilde einen Zug tiefsten Ernstes und vollkommener Unbe­rührtheit. Nirgends ein öder Nützlichkeitbau mit Pappdach, nichts, was den Gesamteindruck störte, die Dorfstrasse sehr breit und sandig, kein Drahtzaun, keine Reklametafel. Hinter dem Dorfe auf dem Schifferberge blickte der Kirchhof mit weissen und schwarzen Holzgittern und Kreuzen herüber, überwuchert von goldgelb blühendem Habichts­kraute. Dünen, Wald und See, in der Ferne die dunkle Linie des Darss. Die Dünen gekrönt von uralten Weissdornbäumen, Stechplamen und wilden Rosen. Das war ein Studienplatz, wie ich mir immer gewünscht hatte.» Aus diesen Eindrücken formt sich die Idee für eines seiner berühm­testen Gemälde «Alter Schifferfriedhof in den Dünen» von 1893.

Paul Müller-Kaempff. Alter Schifferfriedhof in den Dünen, 1893. (Bild zvg)

Das Gemälde ist als Dauerleihgabe der Kunsthalle zu Kiel in dem durch bürgerschaftliches Engagement entstandenen neuen Kunstmuseum von Ahrenshoop für die Besucher und Touristen immer präsent. Es gehört zu 11 Werken aus der Zeit der Künstlerkolonie, für die die Gemeinde Ahrenshoop aus Anlass des Gründungsjubiläums an den ehemaligen Motiven der Maler einen Kunstpfad mit wetterbeständigen grossformatigen Reproduktionen errichtet hat.
Ahrenshoop hat als Künstlerort den Vorteil, dass seine Landschaften auch für nachfolgende Generationen und Künstler von europäischem Rang ein Anziehungpunkt waren. Im Juni 1911 reisten die russischen Maler Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlenski als Sommergäste nach Prerow, unweit von Ahrenshoop an der Ostsee gelegen. Letzterer erlebt hier einen Umbruch in seinem Schaffen. Er schreibt: «Ich malte dort in sehr starken, glühenden Farben, absolut nicht naturalistisch und stofflich. Dies war eine Wendung in meiner Kunst.» Marianne von Werefkin verarbeitete ihre Eindrücke in dem farbstarken expressionistischen Gemälde «Steilküste von Ahrenshoop», das sich heute im Museum der modernen Kunst von Ascona befindet.
Im Ausstellungsreigen zum Jubiläum der Künstlerkolonie zeigt das Kunstmuseum Ahrenshoop eine weitere Ausstellung, die dem künstlerischen Dialog zwischen Tradition und Moderne gewidmet ist. Es erscheint zunächst als eine ungewöhnliche Idee, Bilder der heute in Berlin lebenden japanischen Malerin Leiko Ikemura mit Gemälden des Farbmagiers Emil Nolde zu konfrontieren. Die Doppelpräsentation ist Teil des Projekts «Nolde im Norden», das zum 150. Geburtstag des Malers gemeinsam mit der Nolde-Stiftung in deren Stammhaus Seebüll Sonderausstellungen in neun weiteren norddeutschen Museen vereint.

Leiko Ikemura. Genesis – Hl. Ursula, 2016. (Bild zvg)

Auch wenn sich Nolde und Ikemura nie begegnet sind und ihre Lebenswege und Arbeitsbedingungen unterschiedlicher kaum sein können, kann der Museumsgast in den von der Kuratorin Dr. Katrin Arrieta ausgewählten Bildern durchaus inspirierende Analogien entdecken. Für beide sind ihre an reale Landschaften gebundenen Naturerfahrungen eine entscheidende Quelle ihrer Kunst. Damit stehen sie durchaus auch in der Tradition der Landschaftsmalerei, wie sie in den Künstlerkolonien des 19. Jahrhunderts entstand.
Emil Nolde, 1867 in dem von ihm so geliebten Land zwischen den Meeren, in Schleswig-Holstein geboren, ist nur 6 Jahre jünger als Paul Müller-Kaempff und steht doch für eine völlig neue Künstlergeneration. Als gelernter Holzbildhauer für die Möbelfabrikation wird er 1893 Fachlehrer für Zeichnen und Modellieren am Industrie- und Gewerbemuseum in St. Gallen. Seine «Bergpostkarten» von Gebirgsgipfeln als Sagengestalten verkaufen sich so gut, dass er beschliesst, freier Maler zu werden.
Mehr als hundert Jahre später verarbeitet Leiko Ikemura ihre Eindrücke von einem Studienaufenthalt in Graubünden in der Tradition der japanischen Tuschemalerei zu einem Zyklus märchenhafter Gebirgslandschaften, besonders grossformatig und eindrucksvoll das Bild «Genesis – Hl. Ursula» aus dem Jahr 2016, Tempora auf Leinwand.
Nach ihrem Studium in Spanien, Aufenthalten in Zürich und München schafft Leiko Ikemura in Köln den künstlerischen Durchbruch. 1987 erhält sie eine erste grossangelegte Personalausstellung im Museum für Gegenwartskunst in Basel, das heute mehr als 100 Arbeiten Ikemuras besitzt.
Emil Nolde wird von der Künstlergruppe Brücke 1907 auf Grund seiner expressiven Farbgestaltung zu ihrem Sprecher erwählt. Grosse Ausstellungserfolge führen auch zu seiner Mitgliedschaft in der Berliner Secession, aus der er aber nach einer Auseinandersetzung mit Max Liebermann ausgeschlossen wird. Das Leben in der Grossstadt und die hauptstädtische Kunstszene befriedigen ihn nicht. Schliesslich findet er in seinem nach eigenen Entwürfen entstandenen Wohnsitz in Seebüll die für seine Arbeit ersehnte Abgeschiedenheit und Inspiration. Hier entstehen seine weltberühmten Stilleben, in denen «Blumenschicksale» zu farbensprühenden sinnlichen Kunsterlebnissen reifen. Auch zwischen den Blumenbildern von Ikemura und Nolde entsteht in der Ausstellung im Kunstmuseum Ahrenshoop ein künstlerischer Dialog.

In den 125 Jahren, die seit der Gründung der Künstlerkolonie vergangen sind, hat sich auch Ahrenshoop stark verändert. Die Maler haben damals eine Dynamik in Gang gesetzt, die aus dem entlegenen Fischerdorf einen Sehnsuchtsort für Touristen gemacht hat. Dennoch ist die Ortsstruktur aus der Zeit der Künstlerkolonie noch erkennbar, die sie umgebene Landschaft ist weitgehend naturbelassen. Im Darsswald, in den Dünen an der Ostsee und auf den Wiesen am Bodden spürt man noch den Genius loci von einst. Auch die Architektur des neuen Kunstmuseums in Ahrenshoop ist Ausdruck dieser Verbindung von Tradition und Moderne. Die Berliner Architekten-Gruppe Staab hat das Ensemble eines ortstypischen Bauernhofes mit Reetdach in eine moderne Kubatur gebracht und mit Baubronze überzogen.Durch das Jubiläumsjahr mit seinen vielgestaltigen kulturellen Angeboten hat Ahrenshoop seinen guten Namen als Künstlerort weiter gefestigt und an Ausstrahlung gewonnen. Die hier skizzierte Verbindungen zur Schweiz sollen dafür ein kleines Beispiel sein.    •

* Der Autor lebt in Ahrenshoop, war erfolgreicher Film- und Fernsehproduzent und ist jetzt Autor von Kunstbüchern. Seine Biografie des russischen Impressionisten Isaak Lewitan haben wir in unserer Ausgabe vom 9. Mai vorgestellt. http://www.zeit-fragen.ch/de/ausgaben/2017/nr-11-9-mai-2017/abendglocken-an-der-wolga.html

Marianne von Werefkin. Steilküste von Ahrenshoop, 1911. (Bild zvg)
Kunstmuseum Ahrenshoop. Verbindung von
Tradition und Moderne. (Bild zvg)